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  <title-info>
   <genre>prose_contemporary</genre>
   <genre>prose_history</genre>
   <author>
    <first-name>John</first-name>
    <middle-name>Dos</middle-name>
    <last-name>Passos</last-name>
   </author>
   <book-title>Orient-Express</book-title>
   <annotation>
    <p>1921 reiste der später weltberühmte Autor John Dos Passos durch den Orient – schon damals eine hochexplosive Gegend – und hielt seine Eindrücke in einem Tagebuch fest. Diese abenteuerliche Reise führte den damals 25-Jährigen von der Türkei über Georgien, Armenien, den Iran und den Irak bis nach Syrien. Sein packender Bericht liest sich wie eine Mischung aus Abenteuerroman und der hellsichtigen Analyse eines dramatischen Umbruchs, der bis heute fortwirkt. Geschrieben in knapper Präzision, mit ansteckender Neugier und Beobachtungsgabe, ist das Werk, mit dem Dos Passos dabei war, zu einem der wichtigsten Schriftsteller der amerikanischen Moderne zu werden, jetzt erstmals auf Deutsch zu entdecken.</p>
   </annotation>
   <date></date>
   <coverpage>
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   <lang>de</lang>
   <src-lang>en</src-lang>
   <translator>
    <first-name>Matthias</first-name>
    <last-name>Fienbork</last-name>
   </translator>
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   <author>
    <nickname>wp</nickname>
   </author>
   <program-used>calibre 2.17.0, FictionBook Editor Release 2.6.6</program-used>
   <date value="2015-02-15">11.2.2015</date>
   <id>4a0415a8-2716-408a-87e8-0184c890426d</id>
   <version>1.0</version>
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  <publish-info>
   <book-name>Orient-Express</book-name>
   <publisher>Nagel &amp; Kimche</publisher>
   <year>2013</year>
   <isbn>978-3-312-00562-8</isbn>
  </publish-info>
  <custom-info info-type="">John Dos Passos während seiner Wüstenreise 1921/22. John Dos Passos Papers, 1865–1999, Accession Nr. 5950, Box 130, Folder ‹Desert Journey›, Special Collections, University of Virginia Library, Charlottesville, VA.
Nagel &amp; Kimche E-Book
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Stefan Weidner
© 1927 by John Dos Passos, renewed © 1955 by John Dos Passos

Titel der Originalausgabe: Orient Express

Das Buch erschien erstmals 1927 bei Harper &amp; Brothers, New York und London.

Vorlage der vorliegenden Ausgabe: John Dos Passos,

Travel Books and Other Writings 1916–1941,

The Library of America, New York 2003, S. 125–267

© 2013 Nagel &amp; Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann

Karte: © Peter Palm, Berlin

ISBN 978-3-312-00562-8

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg
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  <title>
   <p>John Dos Passos</p>
   <p>ORIENT-EXPRESS</p>
  </title>
  <section>
   <title>
    <p>I</p>
    <p>NACH OSTEN</p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Pico</p>
    </title>
    <p><emphasis>Hoity-toity</emphasis></p>
    <p><emphasis>Cha de noite</emphasis></p>
    <p><emphasis>Sea’s still high</emphasis></p>
    <p><emphasis>An’ sky’s all doity</emphasis></p>
    <p>sangen sie, hielten sich dabei am Bartresen fest und bekämpften die Seekrankheit mit Madeira. Die anderen Passagiere saßen, grün im Gesicht, auf der Bank gegenüber. Jedes lange Rollen der <emphasis>Mormugão </emphasis>endete mit einer ruckartigen Bewegung und einem bedenklichen Rattern aus der Richtung des Maschinenraums. Draußen brüllte der Wind, Gischt flog, und immer tiefer versank das Schiff in den Wellentälern. Drinnen wurde der Madeira in der dunkelbraunen Flasche immer weniger, und immer lauter sangen die ostwärts fahrenden Amerikaner in die schiefen erbsgrünen Gesichter der aufgereiht dasitzenden Passagiere</p>
    <p><emphasis>Sea’s still high</emphasis></p>
    <p><emphasis>An’ sky’s all doity.</emphasis></p>
    <p>Später fahren wir bei leichtem Seegang, hinter uns ein feuchter Westwind. Der ganze Madeira ist ausgetrunken. Himmel und Meer verschwimmen zu einem endlos weiten Dunstschleier, distelsilbern im verborgenen Mondlicht. In diesem Schleier bläst der feuchtnasige Wind den Frühling ostwärts, der als Regen auf Lissabon, San Vicente und Madrid fällt, in Marseille und Rom an die Fenster trommelt, auf überwucherten Friedhöfen in Stambul das Unkraut antreibt. Hin und wieder bricht der Dunstschleier auf, und ein winziger runder Mond zeigt sich inmitten wirbelnder Wolkenfetzen, die bauchige Klumpen und lange dünne Streifen bilden, hell und zerknittert wie Silberpapier.</p>
    <p>Zitternd gräbt sich der Bug in jeden neu daherkommenden Berg. Eine Bö verbirgt den Mond, spritzt mir nervös Regen auf den Kopf und eilt weiter, hinterlässt Streifen von klarem Mondlicht im Osten, wo die Inseln sind. Dann sind wir wieder eingehüllt in distelfarbenem Dunst. Zusammengerollt schlafe ich im V des Bugs ein.</p>
    <p>Als ich die Augen öffne, hat sich der Wind gelegt. Nur ein paar Wolkenfetzen treiben in Richtung Osten. Die See liegt hell und quecksilberschwer unter dem stillen Mond. Kein Laut kommt über das Wasser, dafür ein immer stärker werdender Geruch, der mir in einem Schwall orientalisch warmer Luft entgegenschlägt, ein Geruch von Rosen und sonnengetrocknetem Dung, unangenehm wie Stinkkohl, darüber Hyazinthen, die Schärfe von Moschus und die kühle Lieblichkeit von Veilchen. Stunden später sahen wir im Osten, wolkenumhüllt, den dunklen Kegel des Pico<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Gare Maritime</p>
    </title>
    <p>In Ostende legt die Fähre vor einem wuchtigen schwarzen Hotel an. Die Passagiere nach Mitteleuropa und dem Orient treten, nachdem sie die Pass- und Zollkontrolle passiert haben, durch die hohe, tragisch schwarze Tür in einen großen Speisesaal, in dem einige spärliche runde Tische stehen. Sie setzen sich an die Tische, der Klang von Unterhaltungen in mehreren Sprachen dringt bis an die hohe Kassettendecke und hinaus in die Dunkelheit des regengepeitschten Hafens. Rasch wird bestellt und gegessen, gelegentlich ein unruhiger Blick zur Uhr. Sobald die Leute fertig sind, nehmen sie in den verschiedenen Zügen ihre Plätze ein, die sie zuvor mit Gepäckstücken belegt haben. Die Züge sind fast leer, die hohen Hotelfenster mit dunkelgrauen Läden sind verschlossen, die weiten Flächen des Hafens sind leer. Ein Schaffner mit goldener Litze an der Mütze geht auf dem Bahnsteig auf und ab und streicht sich bisweilen über seinen rostfarbenen Schnurrbart.</p>
    <p>Am anderen Ende des Bahnsteigs, neben einem Automaten, ist ein Thermometer, laut roter Aufschrift von einem Monsieur Guépratte konstruiert, das die Kälte in Celsius, Fahrenheit und Réaumur anzeigt und außerdem kleine informative Hinweise liefert, wie etwa den, dass 60° die durchschnittliche Temperatur in Pondichéry ist, 35° die angenehmste für ein gewöhnliches Bad, Seidenraupen sich bei 25° am wohlsten fühlen und auch Krankenzimmer.</p>
    <p>Es ist noch nicht Abfahrtszeit. Der amerikanische Orientreisende geht zurück durch das Schicksalsportal in das leere Restaurant, wo in arktischer Stille ein Kellner verloren an einem Tisch steht und wie ein Pinguin von einem Bein auf das andere tritt. Dort setzt er sich hin, bestellt einen Cognac-Soda und sagt sich mit leidenschaftlicher Melancholie, dass 60° die Durchschnittstemperatur in Pondichéry ist. Wenn es in Pondichéry sechzig Grad im Schatten sind, wie kalt muss es dann sein, damit in Nischni Nowgorod Wodka gefriert? Michel Strogoff<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a>, sag es mir.En voiture, messieurs, mesdames ... Der amerikanische Orientreisende springt auf, wirft Geld für seinen Cognac auf den Tisch, läuft durch die hohe Tür hinaus auf den nassen Bahnsteig, klettert in den Zug, der sich langsam in Bewegung gesetzt hat.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Luna</p>
    </title>
    <p>Abendessen allein neben einem rosagelben Lampenschirm (categoria de lusso), draußen vor dem Fenster die kolorierte Ansichtskarte von San Giorgio Maggiore. Venedig, das Coney Island aller Coney Islands, das Midway der Geschichte, protzige Kulisse für gaffende Touristen, und überall der Geruch von Gezeitenwasser, verrottenden Pfählen, Tümpeln, ein kräftiger Körpergeruch unter dem Lippenstift und dem Parfüm und dem Puder, ein Geruch, traurig amourös wie Kastanienblüten, wie Datura, wie welke Kohlköpfe. Frauen, die auf dem Kai vorbeigehen, tragen das Haar hochgesteckt wie die Prostituierten auf den Bildern von Carpaccio und lange schwarze Seidenschals, deren Fransen noch länger sind als die der Schals der Sevillanerinnen. Ihre Haut ist von frischer gelber Farbe, sie haben ebenmäßige elfenbeinfarbene Nasen. Ein gelegentlich aufflackernder Blitz hinter der Kuppel und dem spitzen Turm von San Giorgio verrät, dass alles bloß inszeniert ist, das Wasser ein genialer Effekt, die Leute auf dem Kai ein Opernchor, ergänzt um ein paar Statisten, der Mond ein kleiner Scheinwerfer.</p>
    <p>Ich laufe rasch aus dem Restaurant, um das Schauspiel nicht zu verpassen, eile unter Bäumen entlang, über bucklige Brücken, durch Gassen, sehe durch Kneipentüren Menschen an langen geölten Tischen sitzen und trinken. Rothaarige Mädchen hinter dem Tresen, betrunkene Männer, die vor einem Bordell am Wasser Gitarre spielen, der durchdringende Geruch von Wein und Knoblauch. Überall Gondeln mit singenden Spaghettitenören. Auf der Piazza spielt eine Kapelle <emphasis>Wilhelm Tell</emphasis>, so gut es eben geht, auf dem Canal Grande <emphasis>Santa Lucia, </emphasis>emporgetragen von einem Sopran über dem Gebrumm von fetten Bässen. Der Elektriker hat den Mond ausgeknipst. In dem sternübersäten schwarzen Diorama kann ich den Großen und Kleinen Bären erkennen. Das Glucksen in den Kanälen wäre so prachtvoll imitiert wie die Nilszene in <emphasis>Aida</emphasis>, wenn der unerträgliche Geruch des Wassers nicht wäre, der glitschige Stufen hinaufkriecht, der Geruch von Fauligkeit und vollgelaufenen Kähnen, den kühlen Händen der Adria, die einem an die Gurgel will.</p>
    <p>Das Florian; Kellner mit breiter Hemdbrust, eiskrembunte Sonnenschirme, Frauen in leichten Sommerkleidern, weiße Stoffe, unter einem grauen Himmel, den jemand ganz oben auf dem Campanile plötzlich mit flatternden grünen, rosa, gelben Papieren gefüllt hat, die schließlich neben den Tischen landen, Reklame für Lulli’s Toilettenartikel. Junge Männer stolzieren zu viert oder fünft durch die Menge, singen <emphasis>Giovanezza, giovanezza</emphasis>. Irgendwo hinter den prächtigen Fassaden, in verborgenen Gassen, um die Touristen nicht zu verschrecken, werden Kämpfe ausgetragen. Etwas liegt in der Luft, weshalb man sich unwohl fühlt inmitten des Geplappers im Florian. An jeder Mauer stehen die Lettern VV LENIN oder M LENIN. Im schwindenden Licht eines gelben Sonnenuntergangs schlendere ich ziellos über das marmorne Pflaster. Ein Boot mit ockerfarbenem Segel, das in der Mitte einen großen dunkelroten Flicken hat, gleitet langsam auf dem narzissengelben Wasser dahin, ein schwarzer Kahn mit vier Männern, die in mühelosem Gleichklang rudern, entfernt sich in Richtung Lido. Unter einem Bogengang hinter mir schauen ein paar Leute auf eine Parole, dicke runde Buchstaben in schwarzer Kreide:</p>
    <p>DIESE BANDE MUSS STERBEN</p>
    <p>«Ah ja», sagt der schnurrbärtige Herr mit Strohhut zu den anderen. «Das bedeutet: Tod den Socialisti.»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Express</p>
    </title>
    <p>Dreimal täglich im schaukelnden Speisewagen. Erst durch das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dann durch Bulgarien und ein Eckchen Griechenland. Da ist die Dame aus Wellesley, die für den <emphasis>Atlantic Monthly</emphasis> schreibt; ein eiförmiger Armenier aus New York, der im Kloster San Lazzaro in Venedig zur Schule ging, in Asolo Malerei studiert hat, Priester, Pfarrer und Balkanküche hasst und wehmütig von Tiffany’s und dem alten Martin’s Restaurant auf der Achtundzwanzigsten Straße erzählt; ein zweiter Armenier, dessen Mutter, Vater und drei Schwestern in Trapezunt vor seinen Augen von den Türken in kleine Stücke zerhackt wurden; außerdem ein großgewachsener stahlgrauer Standard-Oil-Mann, sehr groß mit einem kleinen Bäuchlein von der Form eines halben Fußballs. Er sagt, er kann Leute auf den ersten Blick beurteilen, und den ganzen Tag sitzt er da und schreibt für seine Lieblingsnichte Knittelverse über seine Reisen. Dann gibt es noch einen Mann mit einer Uhr mit vielen Stempeln, der wie ein Auktionator von der Vierzehnten Straße aussieht, sowie zwei hagere Kolonialengländerinnen. Das alles vor einem immer neuen Hintergrund von blassen Balkanmenschen mit mächtigen Nasen und dunklen Ringen unter den Augen.</p>
    <p>Zwischen den Mahlzeiten sitze ich in der Abgeschiedenheit meines kleinen grünen Abteils voller Knöpfe und Stangen aus Nickel und lese Diehl<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a>, der todlangweilig ist, gelegentlich unterbrochen von Passkontrolleuren, Zollbeamten, Detektiven, Geheimpolizisten oder dem Schaffner, einem älteren Belgier, der wie eine Lokomotive keucht, unendlich erschöpft vom zu vielen Unterwegssein, zu vielen gezählten Telegraphenstangen, zu viel Asche auf grünen Polstersitzen. Bei Zwischenstopps vertrete ich mir mit einem energischen Franzosen auf dem Bahnsteig die Beine, wir rauchen die ortsüblichen Zigaretten; er erzählt kenntnisreich über Bukarest, über die Liebe, über Attentate, Dreiecksgeschichten und Diplomatie. Er weiß alles, und seine Kragen und Manschetten sind stets blütenrein. Sein Lieblingsspruch lautet: Aller dans le luxe ... Il faut toujours aller dans le luxe.</p>
    <p>Mit jedem Tag werden die Berge karger und steiniger, der Zug wird immer langsamer, und die Stationsvorsteher haben immer längere Schnauzbärte und immer ungepflegtere Uniformen, bis wir schließlich zwischen einem hellgrünen Meer und gelben sonnenverbrannten Landzungen dahinfahren. Plötzlich sind wir zwischen senffarbenem alten Gemäuer gefangen, das Gleis verläuft zwischen Müllbergen und Zypressen. Der Zug bewegt sich kaum noch, er hält fast unmerklich, als stünde er auf einem Abstellgleis. Sind wir ...? Nein. Doch. Das muss es sein ... Konstantinopel.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>II</p>
    <p>STAMBUL</p>
    <p>JULI 1921</p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Pera Palace</p>
    </title>
    <p>Unter meinem Fenster eine staubige, zerfurchte Straße, hier und da ein einzelner Pflasterstein, über den unablässig Fuhrwerke rumpeln und ruckeln, hinauf in Richtung Pera, hinunter zur alten Brücke, den ganzen Tag, von früh bis spät. Dahinter hohe Häuser, noch dichter gedrängt als in New York, auf einem flachen Dach ein barfüßiges Mädchen beim Wäscheaufhängen, und jenseits von roten Kacheln die staubigen Zypressen eines Friedhofs, Schiffsmasten und das Goldene Horn, stahlfarben, Schiffe liegen dort vor Anker. Und vor dem bewölkten Himmel Stambul, Kuppeln, braunschwarze Häuser, helle Minarette, die wie Elfenbeinstifte auf einem Cribbage-Brett überall herumstehen. Weiter oben, wo die Straße einen Bogen um den Friedhof von Petits Champs macht – wieder staubige Zypressen, schiefe Grabsteine mit eingraviertem Turban –, wird Abfall von Karren abgeladen, Asche, Lumpen, Altpapier, Sachen, die in der Sonne glitzern. Und im nächsten Moment kommen Frauen mit Säcken auf dem Rücken herbeigelaufen, einander beiseitedrängend durchstöbern sie den Abfall mit mageren Händen. Krächzende, klagende Stimmen dringen von dort herüber, vermischt mit den Rufen der Gemüsehändler und dem endlos lärmenden Treiben in den engen Gassen.</p>
    <p>Da-damm, da-damm, da-damm, eine riesige Trommel und der ergreifende Gesang eines Dudelsacks. Zwei große Männer mit buntem Turban um den Fes kommen mit einem Affen aus einer Gasse. Das dumpfe Klagelied ist der genaue Ausdruck seines teilnahmslosen unregelmäßigen Gangs. Die Straßenhändler halten inne. Die Bettler, die im Schatten einer Mauer hocken, springen hoch. Die Lumpensammlerinnen richten sich auf und schirmen die Augen ab, um gegen die Sonne etwas zu sehen. Befrackte Kellner beugen sich aus den Hotelfenstern. Zwei Männer, die auf einer Art Tisch mit Griffen ein Grammophon mit weiß emailliertem Trichter tragen, nutzen die Gelegenheit, setzen das Ding ab und lassen es eine erstaunliche Melodie spielen wie ein tropfender Wasserhahn. Die Männer mit dem Affen schlagen verächtlich ihre Trommel und entfernen sich.</p>
    <p>Im roten Plüschfoyer des Pera Palace herrscht große Aufregung. Ein Mann im Gehrock mit einer schwarzen Pelzmütze auf dem Kopf wird hinausgetragen. Auf dem roten Plüschsessel ist Blut, auf dem Mosaikfußboden ist Blut. Der Hoteldirektor läuft mit schweißbedeckter Stirn hin und her. Den Fußboden kann man sauberwischen, der Sessel ist ruiniert. Französische, griechische und italienische Gendarmen<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a> marschieren umher, reden miteinander, jeder in seiner Sprache. «Der arme Kerl ist tot, Sir», sagt der britische Militärpolizist zu dem Oberst, der nicht weiß, ob er seinen Cocktail austrinken soll oder nicht. Aserbeidschan. Aserbeidschan. Er war der aserbeidschanische Gesandte. Ein Armenier, ein Mann mit Bart, stand in der Tür und schoss auf ihn. Ein Mann mit Brille und glattem Kinn, ein bolschewistischer Spion, trat direkt vor ihn hin und schoss. Der Kellner, der die Drinks serviert, ist verzweifelt. Alle sind gegangen, ohne bezahlt zu haben.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Jardin de Taksim</p>
    </title>
    <p>Ein Tisch unter einem gestreiften Sonnenschirm am Rand der Terrasse des Restaurants im Taksim Park (Entrée 5 Piastres, libre aux militaires). Eine russische Kapelle spielt eine Dardanella. Auf dem Hang weiter unten ein Zaun aus flachgehämmerten Standard-Oil-Tonnen um eine Lehmhütte, neben der ein Esel grast. Zwei Männer hocken friedlich am Eingangstor und schauen über ein paar protzige Villen, wie Villen in Nizza, und einen Gasometer mit frischgemalten roten Streifen hinaus auf den Bosporus und die asiatischen Höhenzüge. Es ist fast dunkel. Der Bosporus erstrahlt um die grauen Schlachtschiffe, die vor Anker liegen. Zwischen den braunen Hügeln im Vordergrund und den blauen Hügeln in der Ferne steigt eine dicke Rauchsäule auf. Man denkt an brennende Dörfer, aber das ist zu weit nördlich, und in dieser Jahreszeit werden auf dem Land die Hügel abgebrannt, um Banditen auszuräuchern. Das Orchester legt eine kurze Pause ein. Von der gelben Kaserne linker Hand kommt ein Leierkastenlied und eine tremolierende Singstimme.</p>
    <p>Dann erhebt sich aus Asien ein riesiger blutroter Mond.</p>
    <p>Und sobald Kaviar und Pilaw und Schwertfisch vom Schwarzen Meer gegessen sind, hinuntergespült mit Nectar-Bier aus der hiesigen Brauerei eines unsagbar reichen Herrn namens Bomonti, beginnt auf der Bühne inmitten der Bäume die Show. Internationales Cabaret. Zunächst eine Russin, die die schüchterne Anmut, mit der sie einen Bauerntanz darbietet und dabei ein grünes Taschentuch schwenkt, gewiss an einer renommierten Moskauer Ballettschule gelernt hat. Sodann zwei überaus zähe junge Engländerinnen in Socken und Trägerrock, vielleicht ehemalige Ballettratten der Folies Bergères. Eine von ihnen summt gelangweilt und eigentümlich abgehackt, während sie die Beine hochwerfen und all jene Schritte machen, die seinerzeit, als Königin Victoria ein junges Mädchen war, die Landpfarrer im Gaiety schockierten. Dann erscheinen die griechischen Akrobaten, eine komische Russin, die nur von ihren Landsleuten verstanden wird, eine Französin in Schwarz mit Opernarmen und Konservatoriumsmanier, die mehrmals zu lautem Applaus die Wahnsinnsarie aus <emphasis>Lucia</emphasis> singt, eine jämmerliche Frau in rosa Tüll, die den Moment Musicale mit jener albernen Gestik tanzt, die Tanzlehrerinnen in der amerikanischen Provinz empfehlen, und so weiter und so fort.</p>
    <p>Währenddessen schlendern die Leute unter den Robinien umher, man lacht und trinkt, man plaudert und flirtet. Drei Mädchen, Arm in Arm, schießen in einen Seitenpfad, gefolgt von drei italienischen Seeleuten, sonnengebräunten kräftigen Burschen in weißer Uniform. Eine Gruppe griechischer Offiziere ist sehr ausgelassen. Ihre Armee hat Eskischehir erobert. Die Kemalisten sind im Begriff, Izmit zu räumen. Tino ist also doch ein großer König. Ihnen gegenüber zwei ältere Türken in Gehrock und weißer Weste, die seelenruhig an ihren Wasserpfeifen ziehen. Weiter hinten sieben Matrosen an einem runden Tisch, die sich lärmend betrinken. Am Tor steht ein italienischer Gendarm, in kompletter Uniform importiert, von den Knöpfen an den Rockschößen bis hin zu dem glänzenden Dreispitz, und ein britischer Militärpolizist, an dessen Ärmel die Buchstaben A. P. C. (für Allied Police Commission) prangen.</p>
    <p>Warum wollen Sie Türkisch lernen?, fragt mich eine junge Griechin mit erstauntem Gesichtsausdruck. Sie müssen zu den Griechen halten, Sie sollten kein Türkisch lernen.</p>
    <p>Plötzlich muss ich an die gelben Tische und Stühle unter der großen Platane neben der Bayezid-Moschee drüben in Stambul denken, an die Tauben und die alten Männer mit Bärten so weiß wie ihre weißen Turbane, ernst nickend in endloser Diskussion, und daran, wie der uralte Bettler, gelb wie zerschlissener Damast, knorrig wie ein absterbender Pflaumenbaum, mich um Feuer von meiner Zigarette bat und dann lächelnd auf das Glas Wasser neben meinem Kaffeetässchen zeigte und wie er sich, nachdem ich ihm das Wasser gereicht hatte, tief herunterbeugen musste, um zu trinken, sein Rücken war ganz krumm. Und an die majestätische Geste, mit der er das Glas wieder hinstellte und sich mit einem Gruß seiner knochig gerippten Hand bedankte. Diese Handbewegung erinnerte an ein schlankes Minarett und den Ruf des Muezzins und die gleichmütigen Augen der alten Türken in weißen Westen, die im Jardin de Taksim so ruhig neben den ausgelassenen Griechen saßen. Es gibt Gründe, Türkisch zu lernen.</p>
    <p>Und wenn man vom internationalen Cabaret genug gesehen hat, von Russinnen, die ein paar Groschen für das harte Brot des Exils verdienen, von levantinischen Tänzerinnen und gestrandeten europäischen Sängerinnen, dann geht man auf der Grand Rue de Pera nach Hause. Am Straßenrand noch mehr russische Emigranten, Soldaten in abgetragener Uniform, die einst zur Wrangel-Armee<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a> gehörten und nun auf kleinen Bauchläden, die sie an einer Schlaufe um den Hals tragen, alles nur Denkbare feilbieten – Papierblumen und Puppen, Schnürsenkel und Hampelmänner und kleine bunte Silhouetten von Moscheen und Zypressen unter Glas und runde und quadratische und rettungsringförmige Plätzchen. Es sind Männer jeden Alters und Standes, die meisten mit weißer nordischer Haut und blondem, kurzgeschorenem Haar, alle mit einem hungrigen Zug um die Wangenknochen und einem verschleierten Schmerz in den Augen. Durch die geöffneten Fenster der Restaurants kann man blasse Mädchen mit straff gebundenem Kopftuch sehen. An den Armen von zwei dicken Armeniern kommen zwei stark geschminkte Damen, beide in rosa volantbesetztem Kleid, zu den Klängen eines mechanischen Klaviers aus einer Gasse.</p>
    <p>An einer Laterne steht ein einbeiniger russischer Soldat, große rote Hände vor das Gesicht geschlagen, und schluchzt laut.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Massaker</p>
    </title>
    <p>Der rote Plüschsalon des Hotels Pera Palace. Der Erzbischof, ein großer Mann in wehendem Schwarz mit einem schönen kastanienbraunen Wuschelbart und stechenden Augen, stößt einen heftigen griechischen Wortschwall aus. Seine Zuhörer sind eine Griechin in elegantem rosa Satinkleid, ein amerikanischer Marineoffizier, ein Journalist und diverse Figuren im Gehrock. Auf der anderen Seite des Raums werden zwei britischen Majoren Highballs mit klingelnden Eiswürfeln serviert. Der Erzbischof hebt eine schmale byzantinische Hand und bestellt Kaffee. Dann wechselt er ins Französische über, ein wenig lispelnd bei seinen langen, ausgewogenen Sätzen, die von den Wörtern <emphasis>horreur, atrocité, œuvre humanitaire, civilisation mondiale </emphasis>beherrscht werden. Die Türken in Samsun, die Kemalisten, die vor einigen Wochen die Männer orthodoxen Glaubens abtransportierten, haben inzwischen bekanntgegeben, dass auch die Frauen und Kinder abtransportiert werden sollen. Drei Tage Frist. Das bedeutet natürlich ... «Massaker», sagt jemand sofort.</p>
    <p>Die vollen Lippen des Erzbischofs berühren den Rand seiner winzigen Kaffeetasse. Er trinkt schnell und penibel. Hinter dem roten Plüsch das Bild dunkler Menschenmassen, die sich über eine sonnengedörrte Landschaft schleppen. «Die Frauen sind weinend und klagend durch die Straßen von Samsun gezogen», sagt der Offizier. «Die Nachricht muss verbreitet werden», fährt der Erzbischof fort, «die Welt muss von der Barbarei der Türken erfahren. Amerika muss davon erfahren. Ein Telegramm muss an den Präsidenten der Vereinigten Staaten geschickt werden.» Wieder sieht man hinter roten Plüschsalons und den gedrechselten Formulierungen offizieller Telegramme die nächtlichen Straßen unter dem schrecklichen blutorangeroten Mond Asiens, zusammengedrängte Frauen in Staubwolken, die Kinder, denen der Wind in die dunklen, aufmerksamen Augen sticht, und in der Ferne auf den sonnenverbrannten Anhöhen sind Reiter zu hören.</p>
    <p>In einem Sessel am Fenster schaut ein Türke mit ergrauten Brauen und Augen, weich und braun wie der Bart des Erzbischofs, ungerührt ins Weite. Die ovalen bernsteinfarbenen Perlen seiner Gebetskette gleiten durch seine unergründlich langsamen weißen Finger.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Das Attentat</p>
    </title>
    <p>Auszüge eines Briefes, veröffentlicht in der Spalte «Tribune Libre» der <emphasis>Presse du Soir</emphasis>, die allabendlich in Pera erscheint, zwei Seiten in französischer und vier in russischer Sprache:</p>
    <p>Am achtzehnten Juni wurde mein Mann Bekhboud Djevanchir Khan ermordet.</p>
    <p>Ich, die Unterzeichnete, seine Ehefrau, gebürtige Russin, vertraue auf Ihre Freundlichkeit, einige Fakten zu veröffentlichen, die den falschen Gerüchten, welche den Namen meines verstorbenen Mannes beflecken, ein Ende bereiten werden.</p>
    <p>Ich bin nie von meinem Mann getrennt gewesen, und Gott hat mich zum Zeugen all der Schrecken der vergangenen Jahre gemacht.</p>
    <p>März 1918. Das Wrack der russischen Armee schleppt sich zurück von der türkischen Front. In Baku liegt die Macht in den Händen von Armeniern, die sich auf die Seite der Bolschewisten geschlagen haben. Auf Befehl von unbekannter Seite kommt es zu einem geplanten, organisierten Massaker an der muslimischen Bevölkerung.</p>
    <p>Nie werde ich diese schrecklichen Tage vergessen. Mein Mann wurde gesucht. Sein Name stand auf der Liste. Wie durch ein Wunder konnte er entkommen. Wir flohen aus der Stadt und konnten uns unter unvorstellbaren Entbehrungen nach Elisabethpol durchschlagen.</p>
    <p>Monate vergingen. Andere kamen an die Macht, und mein Mann wurde zum Innenminister der ersten aserbeidschanischen Regierung ernannt. Türkische Abteilungen rücken auf Baku vor, und noch ehe sie die Stadt erreichen, kommt es zu den blutigen September-Ereignissen. Das war die schreckliche Antwort der Muslime auf das März-Massaker.</p>
    <p>Mein Mann begibt sich sofort nach Baku, um diesen Unruhen ein Ende zu bereiten, doch bei seinem Eintreffen hat sich die Woge des nationalen Hasses gelegt. Der nationale Hass ist Klassenhass gewichen. Die Bolschewiki streben nach der Macht, und die Bevölkerung, erschöpft von nationalen und religiösen Konflikten, sieht in den Roten eine neutrale Kraft.</p>
    <p>Anfang 1920 sind die Bolschewiki an der Macht, und sie gehen dazu über, mit den Vertretern der nationalen Parteien alte Rechnungen zu begleichen. Wir werden aus unserem Haus gejagt, alles wird uns weggenommen. Mein Mann wird von der Sonderkommission verhaftet und zum Tode verurteilt. Doch angesichts der Verhältnisse in Baku und dank seines großen Einflusses müssen die Sowjets ihn freilassen. Trotz wiederholter Bemühungen wird ihm die Ausreise verweigert, denn sie wissen, dass er Bergbauingenieur und einer der besten Spezialisten in der Erdölbranche ist. Das Schicksal will es, dass ihm ein Posten im Kommissariat für auswärtige Angelegenheiten angeboten wird, was die Chance einer Entsendung ins Ausland bietet.</p>
    <p>Mein Mann willigt ein. Und bald darauf reisen wir nach Konstantinopel. Hier erwartete ihn der Tod. Ein Attentäter beendete das Leben meines Mannes, dessen einziges Verbrechen es war, vor allem sein Volk und sein Land zu lieben, dem er sein Studium, seine Arbeit und überhaupt sein ganzes Leben gewidmet hatte.</p>
    <p>Zwei Worte noch zu den Gerüchten, dass mein Mann seine Genossen von der «Moussavat»-Partei<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a> verraten hat und deswegen zum Tod verurteilt wurde. Für all jene, die den Verstorbenen auch nur flüchtig kannten, sind diese Gerüchte so absurd, dass ich mir die Mühe erspare, ihnen entgegenzutreten. Die glorreiche Erinnerung, die all seine Freunde an den Verstorbenen haben, wird durch solches Gerede nicht beschädigt werden können.</p>
    <p>Ich bin, mit ergebenen Grüßen, etc.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>5. Der Halbmond</p>
    </title>
    <p>Im Innenhof der Bayezid-Moschee werden Bernsteinperlen verkauft, und die Schreiber und öffentlichen Notare haben ihre Tische und Stühle. Wohltäter haben Geld für die Fütterung der Tauben gestiftet, die zwischen den gefleckten Platanen herumfliegen und auf dem Rand des marmornen Waschbeckens sitzen und trinken und den Schnabel aufrichten, so dass bei jedem Schluck ihre Kehle schimmert. Eines grellen Mittags stand ich an einer kühlen Granitsäule und beobachtete einen Beduinen im weißen Burnus, der einem Schreiber einen Brief diktierte mit den Gesten eines Kaisers, der ein Edikt für eine eroberte Stadt formuliert, als ich einen unablässigen Menschenstrom durch das hohe Portal der Moschee gehen sah. In meiner Neugier wagte ich mich etwas näher heran, worauf ein junger Mann, der eine grüne Seidentroddel an seinem bernsteinfarbenen Gebetskranz hin und her schwenkte, mich hereinwinkte. Ein alter Mann schob mir dienstfertig große Pantoffeln über die Schuhe, und dann trat ich über die hohe Schwelle. Der weite, von einem roten Teppich bedeckte Boden unter der Kuppel und die seitlichen Podien waren voller Männer, Bettler und Lastträger und Handwerker mit Lederschürzen und kleine Jungen mit viel zu großem Fes auf dem runden Kopf und stattliche Herren in Gehrock und weißer Weste mit dekorativer Uhrenkette und theologische Studenten mit ordentlich gebundenem weißen Baumwollturban und würdevollem Bart, sie alle saßen dicht gedrängt, die Schuhe neben sich. Ein heller Sonnenstrahl fiel durch die perlschimmernde Kuppel direkt auf das bronzefarbene Gesicht und den Bart des Mullahs, der aus dem Koran las, und tauchte die Seidenbehänge der Kanzel in ein intensiv leuchtendes Magenta. Der Prediger las mit hölzerner Stakkatostimme und mit leichten rhythmischen Bewegungen, und am Ende eines jeden Verses brummte die Menge ein leises Amin.</p>
    <p>«Es geht um den Fall von Adrianopel, in jedem Jahr an diesem Tag», flüsterte mir der junge Mann mit der grünen Troddel an seinem Gebetskranz auf Französisch ins Ohr. «Viele dieser Männer kommen aus Adrianopel, sie sind vor den Griechen geflohen ... Sie erinnern sich.»</p>
    <p>Der Koranleser stieg nun schwerfällig hinunter, vorbei an dem magentafarbenen Seidenbehang, und ein größerer Mann mit vollen Lippen und dunklen, geröteten Wangen unter hohlen Augen nahm seinen Platz ein.</p>
    <p>«Er wird nun für die Armee in Anatolien beten.»</p>
    <p>In aufrechter Haltung, den Blick direkt in das Sonnenlicht gerichtet, die Hände in Barthöhe, sprach der neue Mullah ein Gebet voller harter Konsonanten und kühn aufsteigender Satzmelodien. Seine Stimme war wie Pauken und Trompeten. Und in der ganzen Moschee, unter der bläulichen Kuppel schauten die Männer über die Innenfläche ihrer erhobenen Hände auf die magentafarben leuchtende Seide und den Prediger, der in dem gelben Sonnenstrahl betete, und das gemurmelte Amin bei jeder Pause wurde lauter und lauter, wurde heftig und atemlos, bis die Glaslämpchen an den großen flachen Leuchtern über den Turbanen und Fesen klingelten, stieg in die Höhe und erschütterte die riesige Kuppel, so wie die Kuppeln der Kirchen vom Ruf der Heerscharen des Islam erschüttert wurden, als die Stadt Konstantins erobert und der letzte Konstantin in seinen purpurfarbenen Stiefeln getötet wurde.</p>
    <p>Am Ausgang erhielt jedermann ein Kärtchen mit einer Darstellung der großen Moschee von Adrianopel und ein Papiertütchen mit Kerzen.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>6. Ouzo</p>
    </title>
    <p>Die runden Blättchen des Basilikumtopfs auf dem Tisch des Cafés verströmen einen zarten Duft. Auf einem von rotem Boi eingerahmten Podium produzieren Musiker, summend und zupfend, endlos auf- und absteigende Arabesken in Moll. Es gibt eine Art Laute, eine Zither, eine Violine und eine Sängerin. In der Mitte steht ein Hocker mit Kaffeetassen und einer Flasche Ouzo. Die Zither spielt ein ergrauter Mann mit Hakennase und Brille, der manchmal den Kopf zurückwirft und mit weit geöffnetem Mund eine gregorianische Melodie jodelt, die die anderen aufgreifen und mühsam in das Klanggewebe einfädeln. An den vollbesetzten Tischen unter der Robinie, wo am Nachmittag Schatten ist, sitzen sie mit Nargilés oder Zigaretten oder deutschen Pfeifen oder amerikanischen Zigarren, trinken Anisschnaps und Bier und Kaffee und sogar Wodka. Es riecht nach Tabak und Holzkohle und Anis von dem Pastis und Ouzo und nach gegrilltem Fleisch von den Schisch-Kebab-Spießen, dazu das Durcheinander vieler verfeindeter Sprachen und die Schritte auf der Straße unterhalb der Terrasse.</p>
    <p>Stütze das Kinn auf die Hände und schaue hinunter auf das rissige und staubige Stückchen Gehweg zwischen den nackten Füßen der Jungen, die an der Mauer stehen und Gebäck und Pistazien und fliegenübersäte Bonbons verkaufen, und die Droschken, deren Fahrer, meist Russen in geflickten Uniformen, in den langen Nachmittagsstunden dasitzen und schlafen und plaudern und auf Kundschaft warten ... Jenseits davon Schuhe, Füße, Beine, verschränkte Arme, schwingende Arme, gebeugte Schultern, muskulöse Rücken unter dünner Baumwolle, braune, schweißbedeckte Oberkörper, Schals, schwarze Schleier, Yaschmaks<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a>, Gesichter. Das ganze Leben spiegelt sich im Gesichtsausdruck. Ein Junge, die Haut von der Farbe eines Tonkrugs, Augen und Lippen eines trunkenen Bacchus, geht lässig vorbei, auf dem Kopf ein Tablett mit geröstetem gelben Mais. Ein Mädchen trippelt wie ein Mäuschen, das gesenkte Gesicht weiß wie eine Fresie hinter dünnem schwarzen Schleier. Ein weißbärtiger Mann in blauem Gewand, die Augen rotgerändert und trüb wie Mondsteine, wird von einem kleinen braunen Knaben geführt. Zwei Hammals, ein jeder stark genug, ein Klavier ganz allein zu tragen, mit ausgeprägt stumpfen Gesichtszügen und dem schwarzen Bart assyrischer Bogenschützen. Drei Russen, blond und breitbrüstig, etwa gleich groß, straffsitzende weiße Leinenbluse unter dem Gürtel, blaue Augen, alles an ihnen wirkt frischgewaschen, das Haar gescheitelt und angeklatscht, wie sonntäglich gekleidete Kinder. Ein dicklicher griechischer Geschäftsmann im Strandanzug. Engländer, krebsrot und steif. Aggressive, kantige Marineoffiziere, die mit larvenartigen Bettelkindern spielen. Bleichgesichtige Levantiner mit schmalen Augen und Hakennasen. Armenier mit missmutigem Mund und großen goldbraunen Augen. In der hellen Sonne und den jähen Schatten verschwimmen die Gesichter der Passanten. Gesichter glatt und gelb wie Melonen, stählern wie Äxte. Gesichter wie Kürbisse, wie Totenköpfe und Halloweenlaternen und Kokosnüsse und sprießende Kartoffeln. In dem brutal gleißenden Licht verschwimmen braune Gesichter unter einem Fes, gelbe Gesichter unter Strohhüten, blasse nordische Gesichter unter Khakimützen zu einem Gesicht, die Brauen mürrisch und zusammengezogen, die Augen leidensschwarz, straffe Haut über den Wangenknochen, hungrige Linien um die Mundwinkel, die Lippen unruhig, neidisch, wütend, sinnlich. Das Gesicht eines Mannes, der noch nicht ganz verhungert ist.</p>
    <p>Diese Gesichter sind die Noten, die auf den vibrierenden Saiten dieses Gewirrs enttäuschter Existenzen namens Pera gezupft werden. So viele Fäden führen aus diesem Labyrinth heraus. Wenn man nur zurückgehen könnte in die steil ansteigenden, schmutzigen Straßen, vorbei an den überhängenden schwarzen Holzhäusern, von denen dickbeinige Frauen mit kajalgeschminkten Augen hinabschauen zu den Trägern, die unter ihrer schweren Last die ausgetretenen Stufen hinaufwanken und dermaßen schwitzen, dass ihnen das Rot ihres Fes in Streifen über die hageren und unrasierten Wangen läuft; durch plötzlich platanengesäumte Gassen, die gelegentlich einen Blick freigeben auf unglaublich weites blaues Meer oder erdfarbene Hügelketten zwischen schiefen und fein gearbeiteten türkischen Grabsteinen, die hinausführen zu den weglosen Schutthaufen abgebrannter Orte, zu einer eingestürzten Kuppel mit einem bröckelnden Minarett, zu Ruinen oder verfallenen Zisternen, in denen Gelegenheitsdiebe und Obdachlose hausen; oder hinunter durch die Straßen von Galata mit ihren Obstständen und den Griechinnen, die auffordernd in der Tür stehen, und den Matrosenkneipen, in denen mechanische Klaviere klimpern oder eine Blaskapelle spielt und das Tanzen der engumschlungenen Paare an die Wellenbewegung des Meeres erinnert; oder durch die kühlen Basare von Stambul, wo im Halbdunkel unter dem azurblauen Gewölbe persische und griechische und jüdische und armenische Händler bedruckte Stoffe und Manchesterware ausbreiten, die ein einzelner stauberfüllter Sonnenstrahl in ein flammendes Farbmeer verwandelt; oder zu den Palastruinen am Bosporus, in denen Flüchtlinge von irgendwoher in lähmendem und beengtem Elend hausen; oder in die prachtvollen, protzig eingerichteten Wohnungen an der Grande Rue de Pera, in denen griechische Millionäre und syrische Kriegsgewinnler unablässig Gesellschaften geben. Oder zu den Höfen und Durchgängen, in denen die Russen schlafen, zusammengekauert wie Schafe im Schneesturm. Eines Tages könnte man irgendwo vielleicht den Kern finden, den Schlüssel, um diese komplizierte Arabeske lesen zu können, die gedankenlos auf einen Grund von schierem Schmerz hingeschrieben wurde.</p>
    <p>An diesem Nachmittag kann ich nur dasitzen und opalweißen Ouzo mit Wasser trinken, ermattet von dem eigentümlich schönen monotonen Klagen des türkischen Orchesters. Vom Schwarzen Meer her ist ein kühler Nordwind aufgekommen, der Staub und Papierschnipsel über den Taksim-Platz wirbelt.</p>
    <p>Vorbei an den wartenden Droschken, die er ebenso ignoriert wie die roten Trambahnen und die siegreichen Wickelgamaschen der griechischen Offiziere, den Kopf mit der bestickten Kappe gegen den Wind geneigt, die mandelförmigen Augen wegen des Staubs zu schwarzen Schlitzen verengt, mit kleinen Schritten in schwarzen bestickten Pantoffeln, in einem fließenden roten Seidengewand, dessen Ärmel im Wind flattern, geht ein Mandarin aus China.</p>
    <p>Cathay!</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>7. Konstantin und die Klassiker</p>
    </title>
    <p>Der kleine Monsieur Moscoupoulos warf die Patschhände in die Luft.</p>
    <p>«Aber die Türken haben nicht die griechischen Klassiker studiert. Sie sind ungebildet. Nicht einmal die Abgeordneten wissen etwas von Aristophanes oder Homer oder Demosthenes. Et sans connaître les classiques grecs on ne peut être ni politicien, ni orateur, ni diplomate<emphasis>.</emphasis> Die Türkei gibt es nicht. Ich versichere Ihnen, Monsieur, es ist eine einzige Räuberbande. Und diese Stadt», wir sahen aus dem Fenster des Pera Palace auf ein vorbeifahrendes Automobil der Alliierten, «Sie kennen ja die Legende. Ein Konstantin hat sie gebaut, ein Konstantin hat sie verloren, ein Konstantin wird sie wiedererlangen ...»</p>
    <p>In dem dichtem Dach aus Weinblättern und ineinanderverflochtenen Stämmen hängen grüne Reben. Ein Café vor einem der Tore in der großen Theodosianischen Mauer. Die Landstraße senkt sich hinunter zu einem niedrigen Durchlass, der viel zu klein scheint für die schweren staubaufwirbelnden Fuhrwerke, die dort hindurchrattern. Rechts und links graue eckige Türme, oben abgebröckelt. In beiden Richtungen eine endlose graue Mauer, gelegentlich gesprenkelt mit dem Grün eines Feigenbaums und grauen eckigen Türmen. Im Osten ein Stückchen des aquamarinblau leuchtenden Marmara-Meers, im Westen kahle erdbraune Hügel. Im purpurnen Schatten der Weinlaube blanke Holztische und Stühle, auf jedem Tisch ein Topf mit Rosmarin oder Basilikum oder Thymian oder eine blühende Geranie. In einer Ecke diskutiert eine Gruppe alter Männer mit würdevollen Gesten und ruhigen, klangvollen Stimmen über irgendetwas. Ihre weißen Turbane bewegen sich kaum. Hin und wieder blitzt es weiß auf, wenn ein nickender Kopf einen Sonnenstrahl trifft, eine schmale und braune Hand wird an den grauen Bart gehoben. Drei junge Männer neben mir mit neuem leuchtend roten Fes erzählen Witze. Ein alter Herr mit aufgedunsenem roten Gesicht, in Gehrock mit der üblichen weißen Weste, hört zu, schaut mit blitzenden Augen über seine Nargilé, wirft hin und wieder den Kopf zurück und lacht laut. Ein gelber schlanker Mann mit grünen Hauspantoffeln neben ihm starrt mit großen gelbbraunen Augen ins Leere, in der Hand eine lange bernsteinfarbene Zigarettenspitze, die golden leuchtet, wenn die Sonne darauf fällt.</p>
    <p>Sans connaître les classiques on ne peut être ni diplomate, ni politicien, ni orateur ... Aber man kann im Schatten sitzen, wo die Weinblätter im kühlen Wind rascheln, man kann die Tage durch die Finger gleiten lassen, glatt und wohlgeformt wie die Bernsteinperlen der Gebetsketten, mit denen die eine oder andere Hand fortwährend spielt.</p>
    <p>Aus dem Tor kommt ein Stabsfahrzeug mit alliierten Offizieren, funkelnde Goldlitzen, schwirrende Stimmen. Knatternd und schnaufend müht es sich im ersten Gang die holprige Straße hinauf und verschwindet in einer Staubwolke.</p>
    <p>Eine blökende Schafherde taucht aus dem Staub auf, gefolgt von zwei Schäfern, die rufen und Steine werfen und mit ihren Stöcken schlagen, bis die Schafe durch das schmale Tor drängen wie Wasser durch die Öffnung in einem Trog.</p>
    <p>Sans connaître les classiques ... Ein Trupp interalliierter Polizisten ist erschienen, die prüfende Blicke über die Gesichter der Türken werfen. Zwei italienische Gendarmen mit glänzendem Dreispitz und Knöpfen auf den Rockschößen, stiernackige britische Militärpolizisten, französische Flics mit dem bei Pariser Karikaturisten so beliebten Schnurrbart. Alle sind rotgesichtig und verschwitzt, auf den gewienerten Stiefeln liegt Staub. Nachdem sie die Leute im Café lange genug gemustert haben, machen sie kehrt und fahren durch das Tor in Richtung Stadt. Unter den Weinranken hat sie niemand bemerkt. Die alten Männer sprechen weiter und streichen sich mit langsamer Bewegung den Bart. In den Schalen ihrer Nargilés ist gelegentlich ein leises rotes Glühen, wenn der Raucher tief einzieht. Über den grauen Türmen und der Mauer kreisen Milane mit schwarzen geschwungenen Flügeln und Hakenschnabel am porzellanblauen Himmel.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>8. Alexander</p>
    </title>
    <p>Unterwegs nach Therapia<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a> wurde uns die Stelle gezeigt, wo zwei Tage zuvor ein französischer Lastwagen mit einer Regimentskapelle in die Schlucht gestürzt war. «Ah, monsieur, nous avons vécu des journées atroces», sagte die hochgewachsene Griechin neben mir und rollte gefährlich mit den schwarzen Augen. In der nächsten Kurve machte unser Wagen eine furchtbare Schlingerbewegung, um einem alten Mann mit Maultier auszuweichen. «Vier von ihnen waren auf der Stelle tot. Sie sollen ohnehin sternhagelvoll gewesen sein. Der Lastwagen und die Leichen wurden nicht gefunden ... le Bosphore, vous comprenez.» Sie lächelte affektiert mit ihren großen Lippen, deren Rot sich auf den sorgfältig geschminkten Amorbogen beschränkte.</p>
    <p>In Therapia saßen wir auf der Terrasse, vor uns der grüne bewegte Bosporus, und sahen Engländern in weißem Flanell beim Tennis zu. Ein heißer stickiger Nachmittag. Heuschrecken schwirrten wie verrückt in den staubigen Zypressen. Männer im Gehrock saßen flüsternd an kleinen Tischen. Monsieur Deinos, der eine Schiffsverbindung von Konstantinopel nach New York einrichten will, saß im lavendelgrauen Leinenanzug zwischen den beiden hochgewachsenen Damen mit unruhigen Augen und affektiert gespitztem Mündchen ... «Griechenland», hob er an, «wird seinen historischen Auftrag erfüllen ...»</p>
    <p>Ich schlenderte zur Bar. Ein britischer Major mit Vollmondgesicht mixte Alexanders. Ein Mann im Gehrock versuchte, mit dem Mund Oliven aufzufangen, die ein Mitarbeiter einer amerikanischen Hilfsorganisation in die Luft warf. Alle sprachen Englisch, näselndes Oxford-Englisch, Chicagoerisch, Ostküstenamerikanisch, Englisch und Amerikanisch, wie es von Griechen, Armeniern, Franzosen, Italienern gesprochen wird. Nur die nüchterneren Leute in der Ecke sprachen Französisch.</p>
    <p>«Der Geheimdienst hat schon wieder eine bolschewistische Verschwörung aufgedeckt ... jawoll. Haben alle Roten eingesammelt und sie in einem morschen Kahn auf dem Schwarzen Meer ausgesetzt.» – «Haben nichts Besseres verdient. Undankbares Pack, diese Russen ... Erst evakuieren wir sie aus Odessa und Sebastopol, und dann wollen sie hier Revolution machen. Anführer war eine Frau ... Haben sie in einem Zimmer im Tokatlian erwischt. Als die A.P.C. an der Tür klopfte, hat sie sich ausgezogen und ins Bett gelegt. Dachte, es sind Gentlemen, die nicht mit Gewalt einbrechen. Nun ja, sie haben ihr einfach eine Decke übergeworfen und sie mitgenommen, wie sie war.»</p>
    <p>«Also, ich war der letzte weiße Mann, der aus Sebastopol rausgekommen ist ... Bin in der Landmaschinenbranche.»</p>
    <p>«Gestern Nacht haben türkische Banditen sechs Griechen aus dem Dorf dort drüben entführt ...»</p>
    <p>«Habt ihr von dem jungen Stafford gehört, der mit einer Rotkreuzschwester auf der Straße am See spazieren ging und von Banditen angehalten wurde? Das Mädchen haben sie nicht angerührt, aber ihn haben sie bis auf die Haut ausgezogen ... Auf Bitten des Mädchens haben sie ihm anstandshalber die Unterhose zurückgegeben.»</p>
    <p>«Und der General sagte: ‹Es ist nicht hell genug, in jedem Fenster soll ein Leuchter stehen.› Alle haben darauf hingewiesen, dass die Spitzenvorhänge Feuer fangen können, aber der General hatte schon reichlich Schampus getrunken und rief dauernd nach seinen Leuchtern. Also haben sie ihm seine Leuchter gebracht, und die Vorhänge haben tatsächlich Feuer gefangen, und nun hat der Sultan einen Palast weniger ... War ein grandioser Anblick.»</p>
    <p>«Was ich euch jetzt erzähle, ist äußerst vertraulich. Der Mann, um den es geht, sein Name beginnt mit einem Z ... Ihr kennt doch den Vickers-Mann ... Fragt mich irgendwann nach Vickers und den Straßen in Izmit. Offenbar ist er gar kein Jude, sondern Grieche aus Konstantinopel. In Pera kannte ihn jeder, hatte ein kleines Tuchgeschäft oder so. Eines Tages verschwand er mit dem Inhalt eines Tresors und taucht zwei Jahre später in Lyon als steinreicher Seidenhändler und Wohltäter der französischen Republik auf und solche Sachen.»</p>
    <p>«Nein, der Bursche war Oberst in der Wrangel-Armee. Sie hatten nichts zu essen, und eines Tages stellte er fest, dass seine Frau und Tochter sich für Geld, na, ihr wisst schon, hat beide erschossen und die Fliege gemacht. Gestern Abend entdeckte irgendein kleiner Köhler seine Leiche in den Hügeln ...»</p>
    <p>«Jawoll, ich war der letzte Weiße, der aus Sebastopol rauskam. Merkwürdige Dinge sieht man im Schwarzen Meer ... Bin in der Landmaschinenbranche. Als ich das letzte Mal in Batum war, habe ich mehr als sechshundert Frauen schwimmen sehen, nicht ein Fitzelchen Stoff am Leib, alle im Evaskostüm.»</p>
    <p>«Na, Herr Major, noch einen Alexander? Das Zeug ist mild und tut wirklich gut.»</p>
    <p>«Kemal<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a>! Der ist erledigt ... Von wegen. Man erzählt sich ja die dollsten Dinge von ihm. Wie die türkische Armee bei Eskischehir in der Erde versank und hinter den griechischen Linien wieder zum Vorschein kam. Das ist das Zeug, mit dem man hier im Orient ein Held wird.»</p>
    <p>«Angeblich rücken drei Divisionen der Roten durch Armenien vor, und er soll ihnen für ihre Hilfe Konstantinopel versprochen hat.»</p>
    <p>«Sollen sie’s doch versuchen.»</p>
    <p>«Irgendwann werden sie die Stadt schon kriegen.»</p>
    <p>«Unsinn, die Griechen werden sie erobern.» – «Die Briten.» – «Die Franzosen.» – «Die Bulgaren ...» – «Der Völkerbund.» – «Die Türken.» – «Mein Vorschlag ist, die Stadt wird neutralisiert und der Schweiz übergeben. Das ist die einzige Lösung.»</p>
    <p>Draußen auf der Terrasse aßen Monsieur Deinos und die beiden hochgewachsenen Griechinnen mit Amorbogenmündchen Pistazien und tranken Ouzo im amethystfarbenen Dämmerlicht. «Griechenland», fuhr Monsieur Deinos fort, «war schon immer das Bollwerk der Zivilisation gegen die Barbaren. Inspiriert von Marathon und Salamis und, wie ich hoffe, mit Hilfe und Wohlwollen der Amerikaner wird Griechenland wieder seine historische Mission erfüllen ...»</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>III</p>
    <p>TRAPEZUNT</p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Nachmittagsschläfchen</p>
    </title>
    <p>Zwischen Inebolu und Samsun. Liege auf dem leeren Bootsdeck des italienischen Dampfers <emphasis>Aventino</emphasis>, einem klapprigen, vormals österreichischen Schiff, auf dieser Fahrt leer bis auf ein paar hundert russische Soldaten, repatriierte Gefangene, die im vorderen Laderaum zusammengepfercht sind. Ich liege auf dem Bauch. Die Nachmittagssonne sticht durch das Hemd auf meinen Rücken, den ich mir bei dem Badeausflug auf Prinkipo verbrannt habe. Zwischen Deck und Rettungsboot sehe ich schläfrig eine weite Wasserfläche, graugrün wie eine Taubenbrust, und dahinter die khakifarbenen Berge von Kleinasien, in enormen Falten ansteigend bis zu weißen Wolken, die in schiefergrauem Dunst dahintreiben. Der Wind fährt mir durchs Haar und flüstert mir ins Ohr. Das Deck unter mir zittert warm vom Stampfen der Maschinen. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur den schläfrigen, unerklärlichen Sog der Bewegung über die rollenden Wellen in Richtung Sonnenaufgang. Kein Opium ist so süß wie der sorglose Schlaf auf einem Schiffsdeck an einem sonnigen Sommernachmittag, wenn man nicht weiß, wann man wo ankommen wird, wenn man Ost und West vergessen hat und seinen Namen und seine Adresse und wie viel Geld man in der Tasche hat.</p>
    <p>Und dann, wieder wach, sehe ich den schimmernden blauen Himmel, denke an Stambul und die interalliierten Polizisten und die Wanzen im Pera Palace und die langen Schlangen von zerlumpten Leuten, die auf Visa warten, und die blauen Augen der Russen, himmelblau in müden, teigigen Gesichtern; Russen, die an jeder Ecke stehen und Zeitungen und Puppen, Zigaretten, Zuckergebäck, Postkarten, Papierblumen, Hampelmänner und Schmuck verkaufen; und die langnasigen Armenier, die in den Innenhöfen baufälliger Paläste auf Matten sitzen, und die Türken aus Mazedonien, die in Stambul ruhig unter Bäumen um die Moscheen sitzen, und die griechischen Flüchtlinge und die jüdischen Flüchtlinge und die verkohlten Straßen abgebrannter Basare; und eines Nachts der einbeinige Mann, der in seine knotigen Hände schluchzt.</p>
    <p>Ich stand auf, benommen von Schlaf und Sonne. Möwen kreisten um das Schiff. Hier war die Luft frei von Elend und Flüchtlingen und Armeen und Polizisten und Passkontrolleuren. Die russischen Soldaten im vorderen Laderaum sahen fröhlich aus. Es war, als schaute man in eine Grube voller Bärenjungen. In ihrem beengten Quartier spielten sie und rangen miteinander, große, tolpatschige flachsblonde Männer in schmutzigen Kosakenhemden mit einem Gürtel um die Taille. Sie werfen sich mit massigen Pranken zu Boden, helfen einander auf und lachen, als seien sie unverwundbar, küssen sich und gehen dann wieder aufeinander los. Sie sind rastlos wie Kinder, die nach der Schule nicht hinausdürfen.</p>
    <p>In einer Ecke hocken ein paar Tataren beieinander, breitgesichtige Männer mit schwarzen Augenschlitzen im Gesicht. Ernst und bewegungslos sitzen sie da und schauen über das helle Wasser, spielen Karten oder schneiden ihr Brot, um die Scheiben in der Sonne zu trocknen.</p>
    <p>Der Kapitän, ein hochgewachsener Mann mit weißem Walrossbart, ist mit ernster Miene zu mir gekommen, blickt hinunter in den Laderaum und schnalzt mit der Zunge. «Sie stinken, diese Russen. Sie haben keine Offiziere. Was nützt es, sie zurückzuschicken und noch mehr Bolschewiken zu machen. I Alleati son’ pazzi ... tutti. Die Alliierten sind verrückt, alle. Gibt es nicht schon genug Bolschewiken?»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Angora</p>
    </title>
    <p>Es war eine Überraschung, auf der Bank neben der Kajütstreppe sechs uniformierte türkische Militärärzte vorzufinden. Als wir in Konstantinopel ablegten, war nichts von ihnen zu sehen gewesen. Sie waren besorgt wegen des griechischen Kreuzers <emphasis>Chilkis</emphasis>, der Fischerboote versenkte und Küstendörfer beschoss. Sie hatten das entschlossene Gesicht von Männern, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie begegneten mir mit alberner und eiskalter Höflichkeit.</p>
    <p>«Ihr Europäer seid alle Heuchler. Wenn türkische Soldaten über die Stränge schlagen und ein paar Armenier töten, die Spione und Verräter sind, rollt ihr mit den Augen und sprecht von Massaker, aber wenn Griechen schutzlose Dörfer niederbrennen und arme Fischer ermorden, dann bringt das die Demokratie auf der Welt voran.»</p>
    <p>«Ich bin kein Europäer, sondern Amerikaner.»</p>
    <p>«Wir haben Ihrem Mister Villson geglaubt ... Wir wollen einfach in Ruhe gelassen werden und unser Land in Frieden neu aufbauen. Wenn ihr an die Rechte kleiner Nationen glaubt, warum habt ihr dann zugelassen, dass die Briten die Griechen auf uns hetzen? Ihr glaubt, der Türke ist ein alter kranker Mann, der immerfort Nargilé raucht. Vielleicht sind wir alte und kranke Männer, aber ursprünglich sind wir Nomaden. Wir sind nüchtern, und wir können kämpfen. Notfalls werden wir wieder Nomaden. Wenn die Alliierten uns aus Konstantinopel vertreiben, na schön. Das ist eine heruntergekommene Stadt voller Elend. Wir werden Angora zu unserer Hauptstadt machen. Wir sind keine Städter. Unser Leben spielt sich auf den Feldern und den Ebenen ab. Wenn man uns aus Angora vertreibt, werden wir zurückkehren in die weiten Ebenen Zentralasiens, wo wir herkommen. Sagen Sie das Ihren Hochkommissaren und Ihrem Mister Villson. Sie waren in Stambul. Haben Sie dort Türken gesehen? Nur alte Leute, Bettler, Armenier und Juden, Gesindel. Die Türken sind alle in Angora bei Mustafa Kemal.»</p>
    <p>«Reisen Sie nach Angora?»</p>
    <p>Sie nickten ernst. «Wir reisen nach Angora.»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Unerklärliche Treppen</p>
    </title>
    <p>Wir liegen in der Bucht von Trapezunt vor Anker. Ich laufe auf dem Oberdeck hin und her. Die Behörden wollen niemanden an Land lassen, weil die <emphasis>Chilkis</emphasis> heute Morgen die Stadt beschossen hat. Es geht das Gerücht, dass an den verbliebenen Griechen und Armeniern Vergeltung geübt wird, also laufe ich das Oberdeck krumm und schief und schaue hinüber zur Stadt, bis mir die Augen fast aus dem Kopf fallen.</p>
    <p>Eine rosa und weiße Stadt, auf Bögen gebaut, terrassenförmig angelegt zwischen Zypressen, Kuppeln und Minaretten und verwitterten Türmen vor einem perlmuttfarbenen Himmel, der sich über der Schulter eines massigen, steil abfallenden Bergs erhebt. Weiter hinten mattrote Felsen, durchzogen von unerklärlichen weißen Treppen, die vom Meer im Zickzack hinaufführen und in der Felswand plötzlich enden.</p>
    <p>Über das grasgrüne Wasser nähern sich schwarze Barkassen, um die Fracht an Land zu bringen.</p>
    <p>Trapezunt, eine der Städte meiner Kindheitsgeographie, ein Ort von Schwertern und Nachtigallen und einer Königstochter in einem Garten, wo Rubine und Diamanten an den Bäumen wachsen und nicht Blüten, eine einsame, unerlöste Prinzessin, hell und kalt und schlank wie ein Eiszapfen, bewacht von goldenen Löwen und Maschinenrittern und einem Regen aus geschmolzenem Blei und Donner und Rauch von griechischem Feuer.</p>
    <p>Und was tut sich in diesem Trapezunt unter der weißen Maske von Mauern und Kuppeln? Aus keinem der Häuser steigt Rauch auf, kein Laut kommt über das Wasser. Ich laufe das Oberdeck krumm und schief und wundere mich über die weißen Treppen, die vom Meer im Zickzack aufsteigen und in der Felswand plötzlich enden.</p>
    <p>Bei Sonnenuntergang lichteten wir den Anker und fuhren weiter, die Küste entlang nach Osten, hinein in das Dunkel.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>IV</p>
    <p>ROTER KAUKASUS</p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Die Dämmerung der Dinge</p>
    </title>
    <p>Hinter einer zersprungenen, mit Papierstreifen zusammengehaltenen Schaufensterscheibe sitzen die Dinge in einsamer Konklave. In der Mitte steht ein hängebauchiger Samowar, leicht zerbeult, die Pfeife oben schräg, die Griffe verstaubt. Darunter, auf mottenzerfressenem schwarzen Samt zwei silberne georgische Schwertscheiden, markant ziselierte Silberbecher, eine zersprungene, schimmelfleckige Karaffe, einige Uhren, zwei Schweizer Modelle in angelaufenem Sprungdeckelgehäuse, eine ziemlich neue Ingersoll mit Leuchtziffern, ein paar dicke alte Repetieruhren, zwei Dresdner Porzellanleuchter, etwas Spitze, ein Stapel billiger Seifenstücke, Garnspulen, Stecknadelschachteln. Im hinteren Teil des Ladens beugt sich ein gelbgesichtiger alter Mann über einen Tresen, auf dem Ballen von bedrucktem Kattun liegen. An der Wand stehen ein mit Perlmutt eingelegter türkischer Schemel, ein Mahagonifrisiertisch ohne Spiegel und ein paar gusseiserne Waschständer. Die Falten des Mannes haben sich in einer tiefen Furche zwischen den Brauen versammelt. Seine Augen haben das leise Knurren eines Hundes, der beim Wühlen im Abfall gestört wird. Er schaut durch schmale Pupillen hinaus auf die sonnenhelle, dreckige Straße, wo hagere Männer mit aufgestütztem Kopf am schiefen Rinnstein sitzen und gelegentlich eine von klapperdürren Gäulen gezogene Droschke vorbeikommt und Soldaten in Hauseingängen lungern.</p>
    <p>Der alte Mann ist der letzte Hüter der Dinge. Diese Gegenstände, persönlichen Effekte, Habseligkeiten, Objekte, die Ziel und Lohn des Lebens waren, Inhalt allen Strebens, ersehnt und erarbeitet von allen Generationen, haben hier, hingeworfen und vernachlässigt, ihren Sinn verloren. Die Menschen, die sich hungrig auf dem schiefen Kopfsteinpflaster dahinschleppen, schauen nie in das Schaufenster der Spekulanten, bleiben nie stehen, um neidisch die Objekte zu betrachten, die ihnen vielleicht einmal gehörten. Sie haben sie wohl vergessen.</p>
    <p>Nur gelegentlich betritt ein Ausländer, dessen Schiff im Hafen liegt, den Laden des Alten, lässt sich dieses oder jenes zeigen, kauft Schmuck, um ihn in Europa weiterzuverkaufen, oder fährt in einem Hinterzimmer hinter verschlossener Tür über Pelze oder Teppiche, die nur nach endlosem Gefeilsche und einem kleinen Bakschisch außer Landes geschmuggelt werden können. An dem Abend, bevor wir Batum erreichten, sprach das ganze Schiff darüber, was es dort alles gäbe, spottbillig, pour un rien, per piccolo prezzo. Die Leute rieben sich die Hände und zählten ihr Geld, wie Angler vor Beginn der Forellensaison ihre Gerätschaften überprüfen.</p>
    <p>Wenn man durch die baumgesäumten Straßen von Batum schlendert und dabei in die Häuser schaut, sieht man meist hohe leere Räume, manchmal ein Bett oder einen Tisch, Kochutensilien, ein Moskitonetz oder einen Spitzenvorhang vor einem geöffneten Fenster. All die hübschen Dinge, all die polierten und flauschigen und mit Troddeln versehenen Gegenstände, die das Dasein schmückten, sind verschwunden. Vielleicht ist das meiste während des Krieges dahingegangen, unter den schweren Rädern so vieler Armeen von Invasoren und Besatzern, der Russen, der Deutschen, der Briten, der Türken, der georgischen Sozialdemokraten und zuletzt der Roten Armee. Nach Jahren ständiger Unsicherheit, in denen sie die geschätzten Gegenstände immer wieder ängstlich vor Plünderern und Dieben versteckten, scheint Apathie über die Leute gekommen zu sein. Sie liegen den ganzen Tag am Kieselstrand vor der Stadt, haben sich ihrer ärmlichen Sachen entledigt, braten in der Sonne, steigen ab und zu in die weiten grünen Wogen, die das Schwarze Meer heranträgt, oder sitzen plaudernd in Grüppchen unter den Palmen des eigentümlich verwahrlosten Elysiums der Hafenpromenade. Mit dem Hunger ist eine Sorglosigkeit gekommen, die wahrscheinlich angenehmer ist, als man denkt, etwas in der Art des köstlichen Schlafs, der Erfrierende überkommt.</p>
    <p>Und die armseligen Überbleibsel dessen, was weiterhin Zivilisation genannt wird, liegen in verstaubten Haufen in den Schaufenstern von Trödelläden. Brauchbares und Unbrauchbares, Qualitätvolles und Minderwertiges, und eines nach dem anderen verschwindet in Richtung Westen gegen Dollar und Lire und englische Pfund und türkische Pfund, gehortet in den Schränken, mit denen die Händler, Männer mit den Augen erschrockener Hunde auf dem Müll, die Wiederkehr ihres Herrn erwarten.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Der Ritter vom Pantherfell</p>
    </title>
    <p>Am Himmel ist ein helles Stückchen Mond. Ein aufgepumpter roter Sonnenball am Horizont eines Meers, das wie eine Taubenbrust grün und hellviolett schimmert. Palmwedel und breite Platanenblätter vor einem sich verdunkelnden Zenit. Auf dem staubigen Feld vor der Kaserne stehen georgische Soldaten lässig im Kreis. Sie tragen zerschlissene graue Uniformen, manche mit runden Pelzmützen, manche mit den spitzen Filzhelmen der Roten Armee. Viele sind barfuß. Sie verströmen einen Geruch von Schweiß und Hoffnungslosigkeit und Unterernährung. Ein auf dem Boden hockender Mann fängt an, auf einer kleinen Trommel, die er zwischen den Schenkeln hält, mit den Handflächen einen schnellen Rhythmus zu schlagen. Die anderen klatschen dazu, bis ein anderer eine leise Melodie anstimmt. Nach ein paar Strophen hält er inne, und ein junger blonder Bursche mit einer sauberen weißen Pelzmütze auf dem Hinterkopf beginnt zu tanzen. Die anderen klatschen weiter und singen Tra-la-la, tra-la-la in sentimentaler Begleitung. Der Tanz ist elegant, gockelhafte Schritte und rasche Jagdgesten, in denen etwas von der formvollendeten, ein wenig übertriebenen Romantik orientalischer Ritterlichkeit anklingt. Man kann sich silberne Schwerter und glitzernde Täschchen und prächtige Seidengürtel mit verzierten Schnallen vorstellen. Vielleicht ist es eine Erinnerung, die die Augen der rhythmisch klatschenden Männer glänzen lässt, eine Erinnerung an edle Pferde und ziselierte langläufige Gewehre und Trinksprüche zu endlosen Weingelagen und an andere erregende nächtliche Gesänge über die Heldentaten des Ritters vom Pantherfell<a l:href="#n_10" type="note">[10]</a>.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Proletkult</p>
    </title>
    <p>An den Wänden einige schlichte Bilder in Schwarz und Weiß, ein Mann mit Hacke, ein Mann mit Schaufel, ein Mann mit Gewehr. Die Schatten sind so übertrieben, dass sie wie Lebkuchenmänner aussehen. Der Künstler hatte bestimmt noch nicht viele Figuren in seinem Leben gemalt. Das Theater ist ein langer Wellblechschuppen, früher ein Tingeltangel, die Zuschauer meist Arbeiter und Soldaten in weißen Hemden mit geöffnetem Kragen, die Frauen in weißen Musselinkleidern. Die Kinder, aber auch viele Männer, sind barfuß, und kaum eine Frau trägt Strümpfe. Sobald der Vorhang hochgeht, verstummen alle. Niemand will ein Wort von dem Bühnengeschehen verpassen. Es ist ein albernes Stück, eine rührselige Schnulze über ein blindes Mädchen und einen guten Bruder und einen bösen Bruder und einen üblen Grafen und eine dauernd in Ohnmacht fallende Gräfin, aber die jungen Schauspieler – keiner von ihnen hat vor dem Einmarsch der Roten Armee in Batum vor drei Monaten jemals auf der Bühne gestanden – spielen so überzeugend, dass einen die lautstarken Reaktionen des Publikums während der entscheidenden Momente des Messerkampfs zwischen dem schwachen guten Bruder und dem bösen und energischen älteren Bruder, der sich das blinde Mädchen gegen ihren Willen geschnappt hat, nicht unbeteiligt lassen. Und als schließlich alles Unrecht wiedergutgemacht ist und der Vorhang zum Happy End fällt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Leute, die hinausströmen in den ärmlichen Biergarten vor dem Theater, irgendwie entschädigt wurden für die Trostlosigkeit ihrer Wohnstube oder Kaserne, in die sie heimkehren werden. In der Energie und Entschlossenheit, mit der die beiden Protagonisten kämpften, war vielleicht ein Atom einer Ungezügeltheit, eines furchterregenden Rituals, das in den Hoffnungen und im Leben der Leute die ruinierte Dynastie der Dinge ersetzen könnte.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Bienen</p>
    </title>
    <p>Der Sekretär des Kommissariats für Volksbildung, das seit kurzem in Batum existiert, war ein schwarzhaariger Mann, Hakennase, hohläugig, Dreitagebart. Die Augen waren vor Hunger und Überarbeitung gerötet und hatten einen eigentümlich intensiven Ausdruck. Vor ihm lag ein Stapel Papiere, auf denen er gelegentlich etwas rasch notierte, als hätte er keine Zeit. Er sprach mühsam Französisch, grub jedes einzelne Wort aus längst vergessenen Erinnerungsschichten. Er sprach über das neue Bildungssystem, das die Bolschewiken in der neuen Republik Adscharien einführen wollen, deren Hauptstadt Batum ist. Er erklärte, dass bereits in mehreren Dörfern Sommerlager für Kinder begonnen hätten, dass alle erforderlichen Vorbereitungen unternommen würden, damit Ende September die Grund- und Oberschulen den Unterrichtsbetrieb aufnehmen können.</p>
    <p>«Der Unterricht muss immer einen konkreten Bezug haben.» Er breitete die Hände aus, kantige, schwielige, schmerzende Hände, und schloss sie wieder mit einer Geste, als wollte er eine unsichere Realität festhalten. Auch die Wörter, die er verwendete, waren konkret, aus dem Boden gegraben. «Arbeit, von Anfang an ... Im Sommer auf den Feldern, die Kinder müssen im Garten arbeiten, Kaninchen, Bienen, Hühner züchten, lernen, wie man Rinder versorgt. Sie müssen in die Wälder gehen und alles über Bäume lernen. Alles sollen sie durch konkrete Anschauung lernen. Und im Winter werden sie ihre jeweilige Muttersprache lernen sowie Esperanto ... Es wird hier Schulen für Armenier, Griechen, Muslime, Georgier, Russen geben ... und Grundkenntnisse in Gesellschaftswissenschaften, Mathematik, Handarbeit, Kochen. In unserer Republik soll sich jedermann selbst versorgen können. Das wird der Grundschulunterricht sein. Sie sehen also, keine Theorie, alles Praxis. Die Sekundarstufe wird spezialisierter sein, Vorbereitung auf den Beruf. Und wer die Oberschule absolviert hat, kann auf die Universität gehen, um dort die Dinge zu studieren, für er sich entschieden hat. Sie sehen also, wer es zu etwas bringen will, muss sich in der Arbeit beweisen, nicht in Theorien oder Prüfungen. Aber auch in Musik und Sport und Schauspiel wird es Unterricht geben. Die Künste müssen offen sein für jeden, der auf diesem Gebiet tätig sein will. Doch am wichtigsten ist die Natur. Die Schüler müssen stets draußen sein auf den Feldern und in den Wäldern, in den Gärten, wo Bienen sind ... Unsere ganze Hoffnung sind die Kinder ... in den Gärten, wo Bienen sind.»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>5. Der Wanzenexpress</p>
    </title>
    <p>«Das gibt’s doch nicht», hatte der baumlange Schwede gesagt, als er und ich und ein besonders übel aussehender Levantiner mit Zwirbelbart in Batum nicht an Land gelassen wurden. «Das gibt’s doch nicht», hatte er gesagt und auf den verwahrlosten Hafen gezeigt und auf die langen Dächer der grauen und schwarzen Stadt, inmitten dichter grüner Bäume, und auf die blauen und purpurroten Berge in der Ferne und die Rotgardisten, die am Kai herumlungerten, und auf das Hafenamt mit dem aufgemalten Hammer und Sichel der Sowjetrepublik. Zuletzt sah ich ihn an der Gangway, der Stehkragen schnitt ihm in das fleischige Kinn, er schüttelte den Kopf und murmelte immer wieder: «Das gibt’s doch nicht.»</p>
    <p>An ihn musste ich denken, als ich, zusammen mit einem arroganten Dolmetscher und einem fröhlichen Mann vom N.E.R.<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a>, dessen größte Sorge eine Typhusepidemie war, vor dem Schnellzug nach Tiflis stand, in der Hand einen Haufen Papiere, Dokumente in georgischer und russischer Sprache, Transportanweisungen, Schlafwagenbilletts, ein Passierschein der Tscheka und einer vom Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Adscharien. Der Zug bestand aus einer Lokomotive, drei großen unlackierten Schlafwagen und einem äußerst klapprigen Dienstwagen. Ein Waggon war für Zivilbeamte vorbehalten, einer für das Militär und einer für die Allgemeinheit. Bislang war alles sehr seriös gewesen, aber das Problem war, dass der Zug schon vor der Einfahrt von mehr als siebentausend Personen erstürmt worden war, Soldaten in weißen Kitteln, Bäuerinnen mit Bündeln, Männern mit enormen Schnauzbärten und Pelzmützen, Spekulanten mit ihren Waren und ehrlichen Proletariern mit Brotlaiben, so dass Massen von Menschen schwitzend und lachend und schiebend und drängelnd die Waggons unter sich begruben wie Fliegen ein Stück Würfelzucker. Die Dächer waren bis auf den letzten Zentimeter besetzt, Leute hingen in Trauben an den Türen, saßen auf dem Kohlentender, auf der Lokomotive. Aus jedem Fenster hingen Beine von Hineinkletternden. Wer schon an Bord war, verbarrikadierte sich in seinem Abteil und versuchte, die Nachdrängenden mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit wieder aus dem Fenster zu bugsieren. Derweil lief der amerikanische Orientreisende schweißgebadet mit seinem Koffer den Bahnsteig auf und ab, um ein winziges Plätzchen für sich zu finden. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an den Chef zu wenden. Der Chef leistete Hilfe, indem er ihn am Hosenboden packte und mitsamt Koffer durch das Fenster in ein Abteil voll riesengroßer Männer in riesengroßen Stiefeln hievte, sechs der sieben Soldaten, die auf seinem Platz saßen, wurden hinausgeworfen, alle setzten sich wieder, gruben ihre Fremdsprachenkenntnisse aus und warteten seelenruhig und schwitzend auf die Abfahrt des Zuges.</p>
    <p>Schließlich, nach immer neuen Gerüchten, dass wir an diesem Tag nicht mehr abfahren würden, dass die Strecke zerstört sei, dass eine grüne Armee Tiflis eingenommen habe, dass der Bahnverkehr wegen Cholera eingestellt worden sei, ging es los, ohne dass ein Abfahrtssignal zu hören gewesen wäre. Der Zug wand sich langsam durch den üppigen jade- und smaragdgrünen Dschungel der Schwarzmeerküste, den hohen Bergen im Nordosten entgegen, die im Abendlicht unvorstellbare Pfauenfarben annahmen. Im Abteil wurde Schwarzbrot gegessen, und ich versuchte, auf Französisch und Deutsch eine Art Gespräch zu führen. Jemand klagte über den Mangel an Industriegütern, Farbe und Damenstrümpfen und Medikamenten und Autoersatzteilen und Seife und Bügeleisen und Zahnbürsten. Ein anderer sagte, dass diese Dinge nicht notwendig seien: die Berge werden uns Wolle liefern, die Felder Lebensmittel, die Wälder werden uns Häuser liefern; soll jedermann sein eigenes Brot backen und seine Kleidung selbst spinnen und sich sein eigenes Haus bauen: auf diese Weise werden wir zufrieden und unabhängig von der Welt sein. Wenn sie nur nicht so viel Wert auf die Industrialisierung legen würden. Aber in Moskau glauben sie, wenn wir nur genügend ausländische Maschinen haben, wird das die Revolution retten. Wir sollten aber Selbstversorger sein wie die Bienen.</p>
    <p>Seltsam, wie oft sie einem mit Bienen kommen. Die Ordnung und Süße eines Bienenstocks müssen sie sehr beeindruckend finden. In Tiflis sprachen die Leute immer wieder mit liebevoller Nostalgie von Bienen, als wäre deren kühle Nervosität ein Tonikum inmitten des blutgetränkten Chaos von Bürgerkrieg und Revolution.</p>
    <p>Inzwischen war es Nacht. Der Zug zuckelte durch eine Berglandschaft, unter einem Himmel, der übersät war mit Sternen wie eine Wiese mit Gänseblümchen. Im überfüllten Abteil, wo die Leute ihre Stiefel ausgezogen hatten und einer an des anderen Schulter schlief, waren Heerscharen von Wanzen aus den blanken Sitzen und Kojen gekrochen und marschierten in Dreier- und Viererkolonnen, diszipliniert und zielstrebig. Ich hatte schon eine Zeitung ausgebreitet und Insektenpulver in die Ecke der oberen Koje gestreut, in der ich eingezwängt zwischen anderen Schläfern lag. Die Wanzen fanden das Pulver ebenso stimulierend wie Schnupftabak, aber das Zeug juckte in der Nase und brannte in den Augen und schnürte mir fast die Luft ab, bis mir nichts anderes übrigblieb, als in das Gepäcknetz zu klettern, das in den überdimensionierten russischen Zügen zum Glück sehr groß und robust ist. Dort hing ich, nur von den akrobatischeren Wanzen angeknabbert, und während sich mir die Stange in den Rücken bohrte und das Insektenpulver jeden Atemzug vergiftete, redete ich mir ein, dass dieses Unterwegssein genau das Richtige für mich sei. Über mir hörte ich die Leute auf dem Waggondach.</p>
    <p>Gegen Mitternacht hielt der Zug lange in einem Bahnhof. Es gab Tee aus bottichgroßen Samowaren, deren Feuer das einzige Licht war. Man konnte ahnen, dass unten im Tal ein Fluss war, ein Geruch von trockenen Mauern und menschlichem Unrat stieg von dort auf. Mächtige runde Bergschultern erhoben sich bis zu den Sternen. Belebt von dem heißen Tee krochen wir alle wieder in unsere Löcher, an den Türen bildeten sich wieder Menschentrauben, und dann fuhr der Zug weiter. Diesmal fiel ich in tiefen Schlaf, hörte die Bewegungen der Leute über mir, hörte das sonore Rumpeln der Breitspurräder und eine Ziehharmonika in einem anderen Waggon, die hin und wieder ein zerrissenes Lied anstimmte.</p>
    <p>Am Morgen sehen wir einen silbernen Fluss, der sich tief unter uns in einem breiten Tal zwischen löwenfarbenen Bergen dahinschlängelt. Der Zug wirft einen eigentümlichen Schatten im Morgenlicht, alle Kanten und Ränder überdeckt von wackelnden, schlenkernden Figuren von Soldaten; auf den Dächern die Schatten von alten Frauen mit Körben, von stehenden und sich streckenden Männern, von Kindern mit viel zu großen Mützen auf dem Kopf. Einmal passieren wir einen langen Zug der zweiten Panzerdivision der Roten Armee – eine frischgestrichene Lokomotive, dann endlose Güterwaggons, blonde junge Soldaten in den Türen. Die meisten sehen nicht älter als achtzehn aus. Sie sind barfuß und tragen helle Hosen und Hemden aus Leinen. Fröhlich und entspannt hocken sie auf den Dächern und Trittbrettern von Güterwaggons und Schlafwagen und baumeln mit den Beinen. Man kann nicht erkennen, wer die Offiziere sind. Aus dem großen Salonwagen, geschmückt mit Zeichen und Plakaten, der so aussieht, als wäre es früher ein Speisewagen gewesen, beugen sich die Jungs und winken uns zu. Dann kommen offene Transportwagen mit Gerät, dann eine lange Reihe von Panzern, gefleckt und gestreift in Eidechsengrün. «Ein Geschenk der Engländer», sagt mein Nachbar. «Die Engländer haben sie Denikin<a l:href="#n_12" type="note">[12]</a> geschenkt, und wir haben sie von Denikin.»</p>
    <p>Unser Zug, die Fenster voller rußgeschwärzter Gesichter und die Sitzplätze voll Ungeziefer, nimmt Fahrt auf und geht in eine Kurve. Der Anblick der grünen Panzer hat die Stimmung verbessert. Mein Nachbar, der früher Bankier in Batum war und hofft, seine Tätigkeit wieder ausüben zu können, ruft leidenschaftlich: «Diese ganzen Wörter, Bolschewik, Sozialist, Menschewik haben keine Bedeutung mehr ... Ob es uns bewusst ist oder nicht, wir sind nur noch Russen.»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>6. Die Helfer</p>
    </title>
    <p>Mitarbeiter des N.E.R. müssen sich schriftlich verpflichten, keinen fermentierten oder destillierten Alkohol zu trinken. Mehrere N.E.R.ler sind in einem Privatauto nach Tiflis gefahren, um herauszufinden, ob eher ein Hungernder Kommunist wird oder jemand mit vollem Bauch. In Tiflis sterben täglich zwanzig Personen an Cholera, vierzig an Typhus, nicht mitgerechnet diejenigen, die an Orten sterben, wo sie niemand findet. Im N.E.R.-Büro schlafen wir alle auf Feldbetten und gurgeln mit Listerin, um Infektionen vorzubeugen und den Wodkageruch loszuwerden. Im Büro wimmelt es von elenden Baronen und Gräfinnen, die dem alten Regime hinterhertrauern und selbst die aufrichtigsten Helfer beeinflussen. Was kann ein Amerikaner schon gegen einen Aristokraten haben, noch dazu einen notleidenden Aristokraten im Exil? Wer weiß, vielleicht ist es ja die Fürstin Anastasia in Verkleidung. Die russische Regierung versteht das alles, sagt aber klugerweise, dass ein lebendes weißes Kind besser ist als ein totes rotes Kind. Die Entscheidung, welche Schafe leben dürfen und welche Ziegen sterben müssen, überlässt sie also den Helfern.</p>
    <p>Doch das eigentliche Interesse der Helfer gilt den Dingen. Auf den ersten Blick gibt es in Tiflis gar keine Dinge. Keine Auslagen in den Schaufenstern, die Häuser leer wie Beduinenzelte, doch in Richtung N.E.R. fließt ein unablässiger Strom von Diamanten, Smaragden, Rubinen, silberverzierten Dolchen, georgischen und anatolischen Teppichen, Teppichen aus Persien und Turkestan, Uhren, Filigranarbeiten, silbernen Handtaschen, Pelzen, Bernstein, den Mustafa-Sirdar-Papieren, Fotoapparaten, Füllfederhaltern. Mein Gott, wie günstig! Für einen Koffer voll Rubel kann man sich für sein ganzes Leben eindecken. Die Leute daheim werden große Augen machen, wenn ich erzähle, was die Brilliantbrosche gekostet hat, die ich meiner Frau mitgebracht habe.</p>
    <p>Und die graugesichtigen Leute, die diese Dinge herbeitragen, alte Männer und Frauen, die Angst haben vor der Tscheka, vor Banditen, vor der Cholera, vor ihren Schatten, Trümmer einer zerstörten Welt, die, um etwas zu essen zu haben, Dinge verkaufen, die bis 1917 die Grundlage ihrer Existenz gewesen waren; arrogante junge Männer, die sich auf die Seite des Siegers geschlagen haben und gut dabei wegkommen; Berufsspekulanten, meistens, aber nicht immer, Griechen, Armenier oder Juden, Männer mit scharfen Augen und Hakennasen, in schäbige Mäntel gekleidet, den Rücken krumm vor Respekt und Höflichkeit, die sich die Hände rieben, die nie einen Geldschein weggaben, wie wertlos die Währung auch sein mochte, Männer, die große Banken gründen werden, Philanthropen und die Gründer internationaler Familien. So billig, so billig!</p>
    <p>Und der Stolz und die Tugendhaftigkeit der N.E.R.ler, die sich durch ihre Unterschrift verpflichtet haben, keinen Alkohol zu trinken, die unter Einsatz des eigenen Lebens der notleidenden Menschheit helfen, die sich der Ansteckungsgefahr von Bolschewismus, Kommunismus, freier Liebe, verstaatlichten Frauen, Anarchie und weiß Gott was aussetzen – ihr tugendhafter Stolz auf den Dollar, König der Wechselkurse, mit dem sie sich über die Dinge beugen: Teppiche, aus den Moscheen gestohlen, Lampen aus den Kirchen, Perlen vom Hals einer abgeschlachteten Großherzogin, der Pelzmantel einer armen alten Frau, die hungrig in ihrer dürftigen Stube sitzt und durch eine Ritze im Fensterladen hinausschaut auf diese furchtbare Welt der Jungen, eine Welt, rauh und leidenschaftlich und grob, die sie nie verstehen wird, eine alte Frau, die durch den Fensterladen blickt mit den Augen einer Katze, die von einem Automobil überfahren wurde.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>7. Die Drahtseilbahn</p>
    </title>
    <p>Die Drahtseilbahn wird noch immer von dem unvermeidlichen belgischen Unternehmen betrieben. Fahrscheine gibt es bei einer kleinen jungen Polin, adrett wie eine weißgekleidete Maus. Statt Strümpfen an den Beinen eine gesunde Bräune. Sie klagt über den Mangel an Puder und Seidenstrümpfen und fragt sich, was sie tun soll, wenn ihre Schuhe abgetragen sind. Die Kabine ruckelt quietschend bergan. Hoch über der Stadt weht ein starker Kontinentalwind.</p>
    <p>Nach einer Wanderung in den Bergen sitze ich vor einer kleinen Taverne, auf dem Tisch vor mir eine Flasche Kakhetia Nr. 66. Die Altstadt von Tiflis, staubfarben, hier und da ein Tupfer von Blau oder Weiß an einem Haus, erstreckt sich weitläufig über dem Trichter, aus dem sich der Kupferdrahtfluss in die Ebene ergießt. Aus der Senke steigt eine Dampfwolke von den Schwefelquellen auf. Dahinter die enormen grauen Gebäude der russischen Stadt in der Ebene. Im Tal hintereinander geschichtete Hügelkuppen, ocker und olivfarben, in der Ferne ins Blaue gehend, bis sie mit den hohen Gipfelketten des Kaukasus verschmelzen, die sich wie eine Barriere gegen den Norden erheben. Der mächtige Wind, der unablässig von Asien her weht, ein Wind so stark, dass er einem fast marmorgeädert erscheint, ein Wind von unvorstellbarer Weite, heult in meinem Glas und übertönt die verrückte Melodie, die aus dem mechanischen Klavier hinter mir kommt. Ich muss die Flasche zwischen den Knien halten, damit sie nicht vom Tisch fliegt.</p>
    <p>Wir haben von einem Wind aus Asien geträumt, der unsere Städte befreien würde von den Dingen, die unsere Götter sind, dem Schnickschnack und dem Büttenpapier und den Vasen und den Gardinenstangen, dem ganzen Zeug, dessen Besitz Arm von Reich unterscheidet, dem ganzen Schund, den unsere Kultur für das Höchste hält, für den wir uns krummlegen und zu Tode rackern. So dass aus dem Menschen, einem aufrechtgehenden nackten Zweifüßler, eine Art Einsiedlerkrebs geworden ist, der nicht leben kann ohne ein schützendes Gehäuse aus Abendgarderobe und Limousinen und Kaffeemaschinen und Einkaufsgutscheinen und Schneebesen und Nähmaschinen, weshalb er, je stärker das Gehäuse und je schwächer sein Selbstwertgefühl, umso mehr als bedeutender Mann und Millionär gilt. Dieser Wind hat Russland saubergefegt, so dass die Dinge, die noch vor wenigen Jahren als göttlich verehrt wurden, heute als muffiger Trödel in irgendwelchen Ecken vor sich hin rotten; Tausende Leben wurden gegeben und genommen (von meinem Platz kann ich die wuchtigen Gebäude der Tscheka ausmachen, vollgestopft in diesem Moment mit armen Teufeln, die in der Maschinerie erwischt wurden), eine Generation, gleichgemacht wie Kies unter einer Dampfwalze, um die Tyrannei der Dinge zu brechen, der Waren, der Bedürfnisse, der industriellen Kultur. Gegenwärtig erleben wir die Ruhe nach dem Sturm. Götter und Teufel rächen sich mit Cholera und Hungersnot an den Siegern. Wird am Ende das gleiche Elend das Ergebnis sein oder ein Glauben und viele Wörter wie Islam oder Christentum, oder wird es etwas Unmögliches sein, etwas Neues, Unerhörtes, ein einfaches, kraftvolles, aber nicht barbarisches Leben, ein nacktes und gottloses Leben, in dem Güter und Institutionen für gesunde Menschen hergerichtet werden und nicht Menschen fein gemahlen und gesiebt werden im Dienst der Dinge?</p>
    <p>Stärker, stärker weht der Wind aus Asien. Er hat den Tisch umgeworfen, mich vom Stuhl gerissen. Die Flasche in der einen Hand, das Glas in der anderen, stemme ich mich gegen den beängstigenden Wind.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>8. International</p>
    </title>
    <p>Abends im angenehmen, heruntergekommenen Jardin des Petits Champs, wo niemand an Cholera oder Typhus oder Hungersnot an der Wolga denkt, gab es Kaviar und Tomaten und Grusinski- Schaschlik für den amerikanischen Orientreisenden, dazu den wunderbaren kakhetischen Wein. Beim anschließenden Spaziergang durch unbeleuchtete Straßen sah man keine alten Leute, nur junge Burschen in Hemd und dunkler Leinenhose, manche barfuß, und junge Mädchen in hübsch geschnittenen, schmucken weißen Kleidern, ohne Strümpfe, ohne Hut, die zu dritt oder viert oder in Grüppchen auf den breiten leeren Asphaltstraßen fröhlich daherschlenderten.</p>
    <p>Die Nacht war warm, und ein trockener Wind wirbelte den Staub auf. Im Grusinski-Garten, einst Club der Aristokraten, drängten sich die neuen, leise lachenden jungen Leute. Eine Kapelle spielte die <emphasis>Leichte Kavallerie</emphasis>. Bunte Glühbirnen hingen zwischen den Bäumen. Es gab nichts Besonderes zu tun. Trotz Hungersnot und Cholera und Typhus schienen alle sorglos und unangestrengt fröhlich. An einem Tisch in der Ecke wurde, vermutlich illegal, Wein ausgeschenkt, den sich aber nur die Amerikaner leisten konnten. Allmählich strömte die Menge in ein Theater, über dessen Eingang Spruchbänder auf Russisch und Georgisch hingen. Der amerikanische Orientreisende wurde in einem schmalen Korridor als Amerikanski Poejt angesprochen, und bevor er wusste, wie ihm geschah, saß er in einem eigentümlich geschnittenen Raum. Und während er nach einer Person Ausschau hielt, die eine bekannte Sprache sprach, ging eine Wand hoch, und er stellte fest, dass er auf einer Bühne saß und einen vollbesetzten Zuschauerraum vor sich hatte. In der ersten Reihe sah er ein breites Grinsen auf den Gesichtern einiger Leute, mit denen er den Abend bis dahin verbracht hatte. Dann flüsterte ihm jemand auf Französisch ins Ohr, dass dies ein Festival der internationalen proletarischen Dichtung sei und er unbedingt etwas rezitieren müsse. Bei dieser Nachricht fiel der a. O. fast in Ohnmacht.</p>
    <p>Es war ein grandioser Abend. Höchstens zehn Leute verstanden irgendetwas. Auf Armenisch, Georgisch, Türkisch, Persisch, Russisch, Deutsch und in allen nur denkbaren anderen Sprachen wurden Gedichte vorgetragen und gesungen. Das Publikum war begeistert. Dem a. O. gelang es, stockend ein Wiegenlied von William Blake als sein eigenes aufzusagen, das einzige, das ihm erinnerlich war, ein revolutionärer Ausbruch, der mit Bravorufen quittiert wurde. Der verwirrte und schweißgebadete a. O. hatte das Gefühl, seinen Beruf verfehlt zu haben. Jedenfalls dürfte <emphasis>Oh Sunflower weary of time</emphasis> nie unter seltsameren Bedingungen rezitiert worden sein. Und nachdem ein schmächtiger junger Soldat mit einem kegelförmigen geschorenen Kopf ein langes russisches Gedicht aufgesagt hatte, bei dem jeder in brüllendes Gelächter ausbrach, dass die Wände wackelten, löste sich die Versammlung unter größtem internationalen Frohsinn und Gesang auf, und alles strömte durch die stockdunklen Straßen nach Hause, junge Männer in weißen Hemden, barhäuptige junge Frauen in weißen Kleidern schlenderten unbekümmert durch diese leere Welt wie Kinder, die in einem verwaisten Haus spielen, und wurden allmählich verschluckt von den schwarzen kasernenartigen Gebäuden.</p>
    <p>Unterwegs kamen wir an der Tscheka vorbei. Der Ort war hell beleuchtet, Stacheldraht vor den Fenstern, Wachposten gingen auf und ab. Wir versuchten, den Zuchthausgeruch nicht in die Nase steigen zu lassen, aber für unsere Ohren brach das Idyll zusammen.</p>
    <p>Im N.E.R. herrschte beträchtliche Aufregung. Einer der Helfer war nur mit Mühe in sein Feldbett zu bringen. Andere sprachen über Typhus und Cholera. Ein Mann lief herum und zeigte allen eine Handvoll schwerer silberner Suppenlöffel. «Fünf Cents das Stück, wie findet ihr das?» – «Bist du sicher, dass sie nicht plattiert sind?» – «Echtes englisches Sterlingsilber, hier ist der Löwe. Etwas Besseres gibt es nicht.» – «Weil Major Vokes in Batum eine Halskette gekauft hat, die sich als Imitat erwiesen hat.»</p>
    <p>Ich lag zusammengerollt auf meinem Feldbett im Nebenzimmer und hörte alles mit; der unruhige Geruch der Sommernacht kam mit einem Stückchen Mondlicht durch das geöffnete Fenster. Die Straße draußen war dunkel und leer, aber in der Ferne erklang leise ein Akkordeon. Die zittrige, zerrissene Melodie eines Akkordeons wehte durch die schwarze, halbverödete Steinstadt, schaute zu den Kasernenfenstern hinein, erschreckte die Alten, die verängstigt hinter geschlossenen Fensterläden inmitten ihrer letzten Dinge saßen, erregte die armen Teufel, die im Keller der Tscheka saßen, gefangen im Räderwerk des Molochs Revolution, so wie bei jeder Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung der Dampfwalze namens Geschichte Leute unter die Räder kommen. Das Gefängnis ist der Grundstein der Freiheit, dachte der a. O., und dann fielen ihm die Augen zu.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>V</p>
    <p>HUNDERT ANSICHTEN </p>
    <p>DES ARARAT </p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Tiflis</p>
    </title>
    <p>Der Zug bestand aus einem kleinen Personenwagen, vollgestopft mit Soldaten, und vielen Güterwagen. Als er einfuhr, saß ich auf meinem Koffer auf dem Bahnsteig und starrte versonnen auf die pompöse Anweisung für ein Schlafwagenabteil, die ich im Kommissariat für Auswärtige Angelegenheiten bekommen hatte. Das übliche zerlumpte Volk, dem man auf jedem Bahnhof im Kaukasus begegnet, lief hierhin und dorthin, Koffer und Säcke hinter sich herschleppend, ein schwitzendes, ärmliches Durcheinander von Bauern und Soldaten. Der Sajjid (also ein Nachfahre des Propheten Mohammed oder Alis, Sohn des Abu Talib) ging auf und ab und hielt allen, die es hören wollten, eine eindrucksvolle Rede auf Persisch und Türkisch über die besonderen Privilegien eines Diplomatenpasses. Endlich, nach wiederholten Vorstößen eines lustlosen Dolmetschers und Anfragen bei Amtspersonen an Schreibtischen, wurde beschlossen, dass der Güterwagen, in dem die Zeitungen befördert wurden, am ehesten einem Schlafwagen gleichkomme und dass die informative Gesellschaft von <emphasis>Iswestija-</emphasis> und <emphasis>Prawda-</emphasis>Bündeln sogar noch besser sei als ein Schlafwagenabteil, sofern der zuständige Kommissar einverstanden sei. Weitere Kommissare an Schreibtischen wurden konsultiert. Natürlich war der Kommissar sofort bereit ... Der Waggon wurde geöffnet und ein gewisser Samsun dort vorgefunden, ein Armenier, dem der Sajjid eine leidenschaftliche Predigt auf Türkisch über die Tugenden von Sauberkeit und Hygiene hielt, mit dem Ergebnis, dass Wasser herbeigeschafft und Lysol auf das Dach gesprüht wurde und frische Exemplare der berühmten Moskauer Zeitungen als Sitzunterlage für uns auf dem Boden ausgebreitet wurden. Im nächsten Moment zückte der Sajjid sein Messer und begann, eine Melone zu schlachten, während Samsun Effendi, besser gesagt Towarischtsch Samsun, gierig schmatzte und unverfroren um Kognak bat. Wir vertrösteten ihn mit der Aussicht auf Wein und mit einem Melonenschnitz. In diesem Moment kletterten die beiden dreckstarrenden Burschen, die Samsuns Diener waren, an Bord, und mit nur fünf Stunden Verspätung rumpelte der Zug aus dem Bahnhof.</p>
    <p>Eine merkwürdige Existenz führen die Leute an den Bahnstrecken im Kaukasus und vermutlich in ganz Russland. Die heruntergekommenen Verkehrsadern üben eine eigentümliche Anziehungskraft aus. In jedem Bahnhof sind Menschenmengen, und selbst an einsamen Bahnübergängen, weit entfernt von irgendeinem Dorf, stehen Gruppen von Männern und Frauen und beobachten den vorbeifahrenden Zug. Vielleicht betrachten sie sich gewissermaßen als Eigentümer der endlosen schimmernden Schienen und der ölverschmierten Lokomotiven, fühlen, dass ihr entbehrungsreiches, armes Leben auf diese Weise mit fernen, bedeutsamen Ereignissen verbunden ist. So viele Leute scheinen ihr ganzes Leben am Bahndamm zuzubringen. Die Soldaten der Roten Armee sind oft in Personenwagen und umgebauten Güterwagen einquartiert, die auf Nebengleisen stehen, lange Züge mit Stabswagen und Salonwagen und Lazarettwagen und Wagen voll Schwarzbrot und Salzheringen, was der Grundproviant ist. Daneben gibt es die gepanzerten Züge, die an allen Schauplätzen im Bürgerkrieg eingesetzt wurden. Außerdem sieht man, besonders in der Nähe von Städten, Hunderte von Güterwaggons mit Fenstern und Ofenrohren, die allen möglichen Leuten als Unterkunft dienen – Flüchtlingen von Gott weiß woher, Gleisarbeitern, kleinen Beamten, Zigeunern, Vagabunden jedweder Art. Und während der Zug vorüberfährt, schauen alle aus den Schiebetüren und Luken der Begleitwagen und gaffen die Soldaten und Bauern und Zivilbediensteten an, die auf dem Dach oder in den geöffneten Türen der ratternden Güterwagen sitzen und mit den Beinen baumeln.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Karakliss</p>
    </title>
    <p>Mondlicht fällt durch die hohen Pappeln am Bahndamm und verbindet sich auf dem Boden des Güterwagens mit dem Schein der Kerzen in meiner Ecke. Der Sajjid hat aus seinem Koffer und der Vorratskiste so etwas wie ein Bett konstruiert und befindet sich in einem unruhigen Schlaf. Wahrscheinlich träumt er vom Panislam und vom Kampf gegen Hunderte kleiner britischer Teufel mit gespaltenen Hufen und hohen Helmen. Am anderen Ende des Wagens haben der Georgier und Samsun und seine Jungs sich inmitten der Zeitungsbündel ihre Betten eingerichtet. Der Bahnsteig draußen liegt menschenleer im Mondlicht. Das Geräusch eines Flusses ist zu hören. Überall am Lattenzaun schemenhafte Figuren von Schlafenden. Mit dem frischen Geruch des Flusses und der Berge, die im hellen Mondlicht hinter den Pappeln schroff aufragen, weht manchmal der elende Gestank von kaltem Schweiß und Lumpen und verdreckten, unterernährten Leuten heran, die in den Schuppen am Bahnhof beieinanderliegen.</p>
    <p>Seit Sonnenuntergang sind wir in Armenien, nachdem wir die neutrale Zone passiert haben, in der Georgier und Armenier die Dörfer des jeweils anderen niedergebrannt haben, bis die Briten 1918 einschritten. Auf dem letzten georgischen Bahnhof, bevor wir das lange Tal in den Kleinen Kaukasus hinauffuhren, versorgte sich jedermann mit Wassermelonen, die dort noch zweitausend Rubel das Stück kosteten. Hier oben in den Bergen und in den Hungergebieten kosten sie zehntausend oder mehr.</p>
    <p>Kurz vor Einbruch der Dunkelheit passierte etwas sehr Aufregendes. Schüsse fielen, Trillerpfeifen waren zu hören. Samsun Effendi zog einen riesengroßen Revolver, den er heldenhaft herumwirbelte, und schickte den jüngsten Burschen los herauszufinden, was los war. Zuerst hieß es, dass eine Frau vom Dach eines Güterwagens gefallen und dabei zu Tode gekommen sei, aber schließlich stellte sich heraus, dass bloß ein Sack Mehl aus dem Güterwagen der amerikanischen Helfer gefallen war. Das Mehl wurde wieder aufgelesen, und jeder kehrte an seinen Platz zurück, in den Waggons oder auf dem Dach oder auf den Pufferstangen, und dann keuchte der Zug wieder bergan. Samsun Effendi wurde durch den Zwischenfall in beste Laune versetzt. Er erzählte von früheren Heldentaten und zeigte dabei geistesabwesend mit dem Revolver auf jeden von uns. Damit der Revolver wieder in seinem Halfter verschwand, mussten der Sajjid und ich eine Flasche unseres besten Kakhetia öffnen, was eine geradezu magische Wirkung hatte. Der kleinste Junge, ein neugieriges Kerlchen mit einem Gesicht so verhärmt wie das eines Esels, sang mit überraschend tiefer Stimme Wolga-Lieder. Der Georgier schnallte den Gürtel enger und begann zu tanzen und sich dabei mit den Händen auf die Schenkel zu klatschen. Ein breites Grinsen ging über das zerfurchte Gesicht von Samsun Effendi, das halb an ein Kamel und halb an eine Karikatur des «Terrible Turk»<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a> erinnerte.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Alexandropol</p>
    </title>
    <p>Staubbedeckte Soldaten und Güterbahnhöfe voller Waggons, deren Farbe unter der heißen Sonne abgeblättert ist. Die kleine Armenierin hat ihren Korb geschnappt und ist verschwunden. Nachts war sie irgendwo im Schlepptau eines weißschnurrbärtigen Bahnhofsvorstehers erschienen. Hatte für einiges Aufsehen gesorgt. Der Sajjid richtete sich auf, und als er den Leberfleck auf ihrem Kinn bemerkte, den Orientalen so lieben, machte er ein herrlich affektiertes Gesicht und rief mit lauter Stimme: «Quel théâtre!» Samsun Effendi zündete eine Kerze an, strich sich das Haar glatt und betrachtete sich zufrieden in einem kleinen Taschenspiegel. Doch die Armenierin ließ sich von all diesem Getue nicht beeindrucken und schlief, den Kopf auf ihrem Korb, seelenruhig ein.</p>
    <p>Bei Tagesanbruch überquerten wir die Wasserscheide des Kleinen Kaukasus. Die Dörfer auf der Nordseite, verstreute Ansammlungen von geduckten Häusern aus Vulkanstein, mit Gras gedeckt und oft noch mit hohen Heuschobern darauf, waren unbeschädigt. Wohlgenährte Bauern waren schon auf den Feldern bei der Arbeit. Aber kaum begann der Zug, sich den Südhang hinunterzuwinden, war alles die reinste Wüstenei. Der letzte türkische Angriff war 1920 über das Land hinweggefegt. In den Dörfern war kein Haus unversehrt, die Ernte, ja selbst die Bahnhöfe waren systematisch zerstört und alles, was nicht niet- und nagelfest war, weggeschafft worden. Dschingis Khan und seine Horden hätten nicht gründlicher vorgehen können. Alexandropol, obschon restlos heruntergekommen, war vom Krieg offenbar verschont worden. Die Stadt erstreckt sich über Bahnhofsanlagen in einer gelben versengten Ebene, in der der Wind den Sand von hier nach dort wirbelt. Die auffälligsten Gebäude sind die Reihen grauer Baracken, in denen der Near East Relief Waisenkinder untergebracht hat. Auf dem Bahnsteig die übliche Menschenmenge, zerlumpte Bauern und Soldaten, Russen und Armenier.</p>
    <p>Als ich den Ararat zum ersten Mal sah, zeichnete er sich so hauchzart vor einem grauen Himmel ab wie der Fudschi in einigen von Hokusais <emphasis>Hundert Ansichten</emphasis>, ein hoch aufragender, weißgemaserter Kegel in perlfarbenem Dunst. Der Zug wand sich um eine Bergschulter, durch rötliches Ödland, das in den Ebenen alkalifarben glitzerte. Eine Weile zuvor hatte der Georgier über ausgedörrte Hügel gezeigt und «Ani» gesagt. Irgendwo in der steinigen Ödnis zu unserer Linken lag die Hauptstadt des alten Königreichs Armenien. Beim Anblick des Ararat war ich so aufgeregt, als sei die Arche auf dem Gipfel noch immer zu sehen, und ich versuchte, den Sajjid für diese Geschichte zu begeistern. Doch er ließ sich nicht ablenken von seiner aufwendigen Konstruktion aus Stöckchen und Bindfaden, die verhindern sollte, dass der kleine Teekessel von unserer noch kleineren Petroleumlampe fiel. Als er sich schließlich erhob, betrachtete er den Berg lange Zeit und aufmerksam, nippte aus einer Blechtasse Tee und sagte dann kopfschüttelnd: «Der Damavand ist höher und spitzer.» – «Aber die Arche mit Noah und dem Elefanten und dem Känguru und dem ganzen Rest des Zoos ist doch nicht auf dem Damavand gelandet!» – «Auf dem Damavand soll es Geister geben», sagte der Sajjid. Und da die Diskussion für ihn zu einem befriedigenden Abschluss gebracht war, setzte er sich wieder in seine Ecke und brühte eine neue Kanne Tee.</p>
    <p>Wir kamen aus den Bergen hinunter in ein unregelmäßiges bassinartiges Tal, an dessen Ende der weißgemaserte Gipfel des Ararat sich in zwei großen starkgezeichneten Linien über der bläulichen Bergmasse erhob. Im Vordergrund waren für einen kurzen Moment die dachlosen Steinmauern eines Dorfs. Hinter einer Hütte stieg Rauch von einem offenen Feuer auf, aber sonst war in der ganzen Landschaft von zerklüfteten Bergen und aschgrau-weißen Alkaliebenen nirgendwo etwas Lebendiges zu sehen. Dann kam ein Gewitter, das sich seit längerem indigofarben über den Bergen im Westen aufgetürmt hatte, und hüllte alles in undurchdringliche Massen von Regen und Hagel.</p>
    <p>Auf einem Bahnhof in der Ebene baten wir Samsun Effendi, Wasser für Tee zu besorgen, doch zur allergrößten Freude des Sajjid kehrte er mit einer Mademoiselle zurück, wie der immer sagt.</p>
    <p>Wir saßen auf der mysteriösen Kiste und schauten über die Ebene hinweg auf den Ararat, der nun, viel näher, aufrecht und leuchtend über der Dämmerung stand, die sich bereits über die Ebene legte. Wir hatten der Mademoiselle eine Tasse Tee und Schwarzbrot und Kaviar aus unseren Vorräten angeboten, und sie schien irgendwie zufrieden und entspannt, wie eine Katze, die man hinter den Ohren krault. Offensichtlich war sie die ganze Zeit in Abwehrhaltung gewesen. Sie war in einem Waggon voller Soldaten aus Tiflis gekommen. Sie hatte ein sympathisches teutonisches Gesicht mit runden Wangen und stahlblauen Augen wie eine Vermeersche Frauengestalt und trug ein fleckiges weißes Kostüm, das einen Hauch von Stil hatte. Sie trug Strümpfe, eine Besonderheit in diesem Teil der Welt, und kleine Schnürsandalen. Allmählich taute sie auf, hatte aber Mühe, sich ihres Französisch zu erinnern. «Ja, ich reise nach Eriwan. Ich arbeite dort als Stenotypistin in einem Büro. Natürlich in einem staatlichen Büro, es gibt ja keine anderen ... Nein, es ist dort nicht so schlecht. Die Leute hungern ... Sicher, es ist schlimmer als in Tiflis, aber wissen Sie, wir haben uns inzwischen daran gewöhnt. Wir bemerken diese Dinge nicht mehr. Wir haben ein hübsches Haus und Rosen im Garten, ich habe Hunde ... Ich reite sogar. Trotzdem, es ist ein elendes Leben, und alles nur, weil meine Eltern beim Vormarsch der Deutschen auf Riga Angst bekamen. Wir sind nämlich Esten, keine Russen. Wir haben in Riga gelebt, und als damit zu rechnen war, dass die Deutschen Riga bombardieren würden, flohen wir nach Russland. Auch viele andere sind geflohen. Und dann fingen unsere Probleme an.» Sie lachte. «Was für eine Zeit!»</p>
    <p>Der Zug hielt auf einem Bahnhof. Die Ebene war nun sumpfig. Vor uns, hinter einem Schilfdickicht, war der Ararat, unten indigo, darüber waagerechte Dunststreifen, der Gipfel leuchtend rosa. Dahinter, wie ein Schatten, der Kleine Ararat, ganz dunkel. Mückenschwärme sirrten uns um die Ohren.</p>
    <p>«Aber ich wollte Ihnen erzählen», fuhr die Mademoiselle fort, «oh, diese Mücken! Spätestens nach einer Woche in Eriwan bekommt man Malaria. Es ist wirklich ein grauenhafter Ort ... Alle sterben dort ... Na jedenfalls, ich war damals noch ein Kind, ich bin ja noch nicht so schrecklich alt. Ich habe meine Eltern angefleht, nicht zu gehen. Wir hatten ein so schönes altes Haus mit Linden ringsherum und einen Garten voller Sträucher, dort habe ich gespielt. Sie waren noch nie in Riga? Die Ostsee ist im Sommer so schön, die vielen Inseln ... Meine Großmutter wollte nicht gehen. Ich glaube, sie ist noch immer am Leben, wohnt in unserem alten Haus. Ich werde zurückkehren, auch wenn ich dabei sterben sollte. Ich habe schon einen Pass beantragt und mit dem estnischen Konsul in Tiflis gesprochen. Deswegen bin ich dorthin gefahren. Aber es ist so schwer, dort etwas zu erreichen. Am liebsten würden sie alles verbieten.» Sie lachte wieder. «Ah, ich könnte mich furchtbar aufregen. Sie ziehen einfach ihre Politik durch, und wenn jemand etwas unternehmen will, heißt es: ‹Verboten, verboten.›»</p>
    <p>Der Sajjid in seiner Ecke hatte wieder Wasser für Tee aufgesetzt. Ein Ruck, der durch den Zug ging, warf alles durcheinander, Kanne und Lampe und alles, so dass ich von der mysteriösen Kiste sprang und half, das Gerüst wieder aufzubauen, von dem es abhing, wie oft wir eine Tasse Tee trinken konnten. Wenig später sah ich, dass Samsun Effendi, der abermals mit seinem Taschenspiegel zugange gewesen war, sich auf meinen Platz gesetzt hatte und in ein Gespräch mit Mademoiselle vertieft war. Sie warf mir über seine Schulter einen Blick zu und sagte, die Nase gerümpft wie Karnickel: «Il me fait la cour. Pensez!»</p>
    <p>Der Sajjid blickte zwischen den beiden hin und her und erklärte plötzlich mit Stentorstimme: «Quel théâtre!» Dann lachte er, griff nach der letzten Wassermelone, zerlegte sie geschickt mit seinem Taschenmesser und reichte mir eine Hälfte als Friedensgabe.</p>
    <p>Durch das obere Fensterchen des Güterwagens sah ich zum letzten Mal an diesem Tag den Ararat. Ich saß auf meinem Koffer, die Zähne in die süße, tropfende Melone gegraben, drei Streifen Wassermelonenrot vor dem intensiven Indigo des Himmels.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Eriwan</p>
    </title>
    <p>Lange, schnurgerade, grasüberwucherte Straßen, erfüllt von einem widerlichen Gestank von Mist und Kloake. Halbnackte Kinder mit eingefallenen Wangen und aufgedunsenen Hungerbäuchen kauern wie verwundete Tiere in Eingängen und Mauernischen. Über grauen Mauern hier und da ein tragender Apfelbaum. Darüber der makellose Türkishimmel, in dem man von jeder kleinen Erhebung aus das ferne weiße Schimmern des Ararat sehen kann. Man sagt, obwohl ich es selbst nicht gesehen habe, dass jeden Tag ein Leichenkarren herumfährt, der die Toten von der Straße aufliest. Aus den Dörfern werden entsetzliche Geschichten berichtet, dass die Leute dort, weil sie nichts zu essen haben, frische Gräber plündern und die Toten verzehren. Doch auf dem Boulevard, dem schäbigen Mittelpunkt von Eriwan, schlendern die Leute umher, vergleichsweise gut genährt und gekleidet. In den Läden gibt es viel Obst, auf den Basaren gibt es Fleisch und Käse und unansehnliches grobes Schwarzbrot. Die Russen haben ein Kino eingerichtet und ein armenisches Theater gegenüber der orthodoxen Kirche, das mit grellen Plakaten auf sich aufmerksam macht.</p>
    <p>Dort begegnete der Sajjid einem persischen Ladenbesitzer. Dieser Mann, ein Muslim, berichtete, dass die meisten mohammedanischen Einwohner von Eriwan von Armeniern massakriert und vertrieben worden seien. Wir kauften eine Wassermelone, die wir an Ort und Stelle aßen, während der Sajjid und der Perser auf <emphasis>Turki</emphasis> zwanglos miteinander plauderten. Ich schnappte das Wort <emphasis>Amerikai</emphasis> auf und mehrmals das Wort Ararat und fragte den Sajjid, worum es ging. «Der Mann hier sagt, dass ein Amerikaner, ein amerikanischer Journalist, im letzten Jahr auf den Ararat gestiegen und dort gestorben ist. Er wurde von einem Armenier vergiftet. Dieser Mann hier war sein Diener.»</p>
    <p>Ich wollte noch nähere Einzelheiten erfahren, doch in dem Moment betraten mehrere Leute das Geschäft. «Er wird jetzt nichts mehr erzählen», sagte der Sajjid geheimnisvoll. Den Rest der Geschichte haben wir nicht erfahren.</p>
    <p>Gegenüber vom Bahnhof ist eine verfallene braune Mauer, in ihrem Schatten liegen Männer, Kinder, eine Frau, Lumpenbündel, die sich wie im Fieber krümmen. Wir fragen jemanden, was mit ihnen los ist. «Nichts, sie sterben.» Ein halbnackter Junge, die schmutzige Haut graugrün, kommt mit einem Stück Brot in der Hand aus dem Bahnhof, wankt wie benommen in Richtung Mauer. Dort sinkt er nieder, zu schwach, um die Hand zum Mund zu führen. Ein alter Mann mit einem Stock in der Hand humpelt langsam herbei. Er hat blutunterlaufene Augen, die aus einer unbeschreiblichen Matte von Haar und Bart herausschauen. Er steht eine Weile über dem Jungen und greift dann, auf seinen Stock gestützt, nach dem Brot und verschwindet um die Ecke hinter den Bahnhof. Der Junge wimmert leise vor sich hin, liegt nur reglos da, den Kopf auf einen Stein gestützt. Über der Mauer, vor dem violetten Nachmittagshimmel, steht der Ararat weiß und kühl und glatt wie die Vision einer anderen Welt.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>5. Basch-Nuraschin</p>
    </title>
    <p>Gestern Abend verließen wir Eriwan in einem privaten und eigens gereinigten Güterwagen, der nach langen Verhandlungen mit dem Bahnhofsvorsteher und anderen Beamten und reichlich Bakschisch aufgetrieben worden war. Der Sajjid setzte sich als diplomatischer Kurier grandios und sehr wirkungsvoll in Szene. Nachdem wir schließlich eingestiegen waren und darauf warteten, dass der Zug sich vielleicht zur Abfahrt entschließen würde, erklärte mir der Sajjid, dass man in Russland und im Orient ganz allgemein durch mürrisches und grobes Auftreten am besten führe. Versprach ihm, die Perlen seiner Weisheit zu beherzigen. Außerdem versicherte er sich der Dienste eines Laternenschwenkers namens Ismail, eines Muslim, der eifrig Wasser und Melonen beschaffte und sogar ein paar schrumpelige Gurken auftrieb. Wir ließen dem Lokomotivführer zwei Dosen Sardinen bringen und dem Schaffner ein Päckchen Tee. Und nachdem wir unsere Position im Zug derart gesichert glaubten, schlossen wir unsere Türen, öffneten die kleinen Fenster und bereiteten unsere übliche Mahlzeit aus Tee, Käse, Brot und Kaviar, und ein paar Stunden später fuhr der Zug tatsächlich ab.</p>
    <p>Am Morgen gab es einen Halt in einem fruchtbaren, aber schilfbestandenen Tal zwischen zwei kahlen rosafarbenen Bergzügen. Hinter uns erhoben sich die beiden Ararats im goldenen Licht der Morgendämmerung. Neben dem Bahndamm war ein schmales Melonenfeld, das ein hagerer brauner Mann in zerschlissener persischer Tracht verzweifelt vor dem Ansturm der Reisenden zu schützen versuchte. Wir wuschen uns in einem Bewässerungskanal und frühstückten zuversichtlich, aber es war Mittag und brüllend heiß, bevor der Zug weiterfuhr. Der Sajjid verbrachte die Zeit damit, grandiose panislamische Ansprachen vor kleinen Gruppen zu halten, die der getreue Ismael zusammengetrommelt hatte und die sich vor der Waggontür scharten und von den Greueltaten der Armenier und vom Leid der Muslime berichteten. Unterdessen sprach ich, in der anderen Tür sitzend, in mühseligem Französisch und noch mühseligerem Englisch, mit einem Armenier, der mir von den furchtbaren Dingen erzählte, die die Türken und Tataren verübt hatten. Schließlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung, fuhr aber nur ein paar Kilometer weiter bis zu einer verlassenen Ortschaft an der armenisch-aserbeidschanischen Grenze. Und hier sind wir nun, in einem stinkenden überfüllten Güterbahnhof neben einem zerstörten Bahnhof. Wie üblich gibt es in der Stadt kein einziges unversehrtes Haus. Die Muslime sagen, sie sei von den Armeniern zerstört worden, und die Armenier sagen, dass es die Türken waren. Ab und zu kommt Ismail, um uns zu versichern, dass der Zug in zwei Stunden in Richtung Nachitschewan und Dschulfa weiterfahren wird, der persischen Grenzstadt, die unser Ziel ist.</p>
    <p>Der Sajjid besucht eine kranke Frau im Nachbarwaggon. Er kommt zurück und sagt, sie hat Typhus in fortgeschrittenem Stadium, nichts mehr zu machen, in ein paar Stunden wird sie sterben. Wir sehen, wie sich die Leute in dem anderen Waggon einer nach dem anderen davonstehlen. Dann wird sie herausgebracht und neben das Gleis auf einen kleinen rotgelben Teppich gelegt. Sie ist eine Russin. Ihr Mann, ein schlanker Mohammedaner mit üppigem Bart, sitzt neben ihr und streicht ihr manchmal mit einer verstohlenen animalischen Geste über die Wange. Ihr Gesicht ist totenblass, grünlich, mit einem scheußlichen Zug um den Mund. Sie liegt reglos da, die nackten Beine schauen unter dem zu kurzen Kleid hervor. Nicht einmal das Rot der untergehenden Sonne verleiht ihrer Haut ein wenig Farbe. Und die Sonne versinkt in scharlachrotem Ungestüm hinter dem Ararat. Aus dem dreieckigen Raum zwischen den beiden Bergen schießt ein gelber Lichtstrahl in den Zenit. Ein Mann steht neben der Sterbenden, hält verlegen ein Glas Wasser in der Hand. Vom anderen Ende des Bahnhofs ertönt das Klagen eines georgischen Lieds, gespielt von Dudelsack und Trommel, zu dem Soldaten tanzen. Das Gesicht der Frau scheint immer weiter zu schrumpfen. Von der Sonne ist nur noch ein dreieckiges Leuchten hinter dem Ararat geblieben, das die beiden Gipfel von innen silbern säumt. Im Wind liegt ein säuerlicher Geruch von Dreck und Soldaten und Unrat. Der Sajjid sitzt deprimiert auf der mysteriösen Kiste in der Mitte des Güterwagens, schüttelt den Kopf und ruft mit kraftloser Stimme: «Avec quelle difficulté.»</p>
    <p>Und dann steht er wortlos auf und schließt die Tür auf der Seite, wo die Tote auf dem rotgelben Teppich neben dem Gleis liegt.</p>
    <p>Als ich spätabends mit einem Glas Wein im Mondschein herumstreifte – der getreue Ismail hatte Gott weiß woher eine Flasche für uns aufgetrieben – und den Mückenschwärmen auszuweichen versuchte, hörte ich die laute Stimme des Sajjids in erregter Diskussion, in der immer wieder das Wort Courrier diplomatique fiel. Da ich kein Freund von Diskussionen bin, ging ich den Bahndamm weiter entlang. Bei meiner Rückkehr war alles ruhig. Wie sich herausstellte, hatten bestimmte Leute versucht, in unseren privaten Waggon einzudringen, waren aber noch während der Diskussion verhaftet worden, weil sie ohne die vorgeschriebenen Pässe reisten, was für den Sajjid ein unmittelbarer Beweis göttlicher Vorsehung war.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>6. Nachitschewan</p>
    </title>
    <p>Wieder ein Güterbahnhof, diesmal leer, bis auf einen langen Lazarettzug. Fliegen schwirren in der drückenden Hitze. Die Stadt selbst liegt mehrere Kilometer entfernt am Ende einer glühenden Sandpiste. Die Lokomotive ist verschwunden, und die wenigen verbliebenen Güterwagen des Zuges sind leer. Die Leute liegen ermattet im Schatten unter den Waggons. Ein gelegentlicher Windhauch bewegt die oberen Äste einer dürren Akazie auf dem Bahnsteig neben dem Schuppen, wo früher Tee serviert wurde, aber diese Brise erreicht nicht den Güterbahnhof. Der Sajjid, dem der Schweiß aus allen Poren rinnt, zerschneidet eine Wassermelone, die wir hastig unter einem Taschentuch verschlingen müssen, damit die Fliegen uns nicht zuvorkommen. Derweil hält der Sajjid einen Vortrag über die Tugend der Geduld, die unerlässlich ist, wenn man als Courrier diplomatique tätig sein will. Nachdem wir die Melone aufgegessen und herausgefunden haben, dass wir definitiv noch acht Stunden in Nachitschewan bleiben werden, steige ich in den Waggon, lege mir zum Schutz vor den Fliegen ein Tuch über den Kopf, in der vagen Hoffnung, dass die Hitze mich schläfrig machen wird. Begieß den Braten. Dieser Ausdruck geht mir auf einmal durch den Sinn und das Bild eines kleinen Jungen, der fasziniert zusieht, wie das Hähnchen mit Bratensauce übergossen und dann in einer emaillierten Kasserolle in den Ofen geschoben wird. Ich überlege, ob ich genauso knusprig braun werde wie das Hähnchen. Fliegen schwirren unaufhörlich vor dem Tuch. Ihr Brummen verwandelt sich in den Schlager, der in Paris in der Zeit, als der sogenannte Friedensvertrag unterzeichnet wurde, sehr populär war:</p>
    <p><emphasis>I’ fallait pas, i’ fallait pas, i’ fallait pa-as y aller</emphasis>.</p>
    <p>Draußen ertönt die Stimme des Sajjid, der in grandioser Manier über den Panislamismus und die Wiedererweckung Persiens doziert. Er muss einen Muselmann gefunden haben. Mein Kopf ist wie ein Suppentopf, der köchelnd auf dem Herd steht. Meine Gedanken schwimmen in einer dicken Sauce von Ermattung. Armenien. Ein schneller Blick auf die Generalstabskarte mit russischen, türkischen, britischen Fähnchen. Was für ein tolles Spiel. Die Fähnchen bewegen sich hierhin und dorthin. Lebendiger als Schach. Dann die Karten der Geheimdienste. Ganz, ganz schlau. Wir werden die Religion von A ausnutzen, damit er gegen B kämpft, wir werden die Kommandeure von D kaufen, damit sie A von hinten angreifen, und wenn alle am Boden liegen, werden wir die Landkarte fein säuberlich aufteilen. Die Fliegen summen: Zerleg den Truthahn, zerleg ihn bis ins Mark. Die Stücke nennen wir Armenier, Georgier, Assyrer, Türken, Kurden. Wenn aber alle am Boden liegen, können sie das Tranchiermesser nicht finden. Also bleiben alle am Boden liegen, und wenn sie des gegenseitigen Massakrierens müde sind, stellen sie fest, dass sie Hunger leiden. Und der Tod und die Wüste rücken näher, rücken näher. Wo im letzten Jahr ein Weizenfeld war, sind jetzt Disteln, und im nächsten Jahr werden nicht einmal Disteln dort wachsen. Und die Bauern sind Bettler oder Banditen. Und damit hat sich das Landkartenspiel im Orient fürs Erste. Aber das Tuch hat sich verheddert, so dass die Fliegen reinkommen. Ich werde runtersteigen und schauen, was der Sajjid seinen Zuhörern erzählt.</p>
    <p>Der Sajjid erklärt, dass der Orient seine Probleme selbst lösen müsse, dass die Mohammedaner überall auf der Welt aus ihrer Schicksalsergebenheit erwachen, die ausländischen Ausbeuter verjagen und das Schicksal ihrer Nationen in die eigenen Hände nehmen müssen. Er sagt viele schöne Dinge, aber nicht, wie die zerlumpten Kinder, kleine Skelette mit großen Augen und aufgedunsenen Bäuchen, ernährt oder das Saatgut für den Herbst gekauft werden soll.</p>
    <p>Dutzende von diesen kleinen Kindern in allen Stadien der Verelendung suchen unter den Waggons nach Essensresten. Sie sind nicht wie Tiere, denn Tiere wären schon längst verendet. Der Sajjid hat mit einigen von ihnen auf Turki gesprochen. Manche sind von muslimischen Eltern aus Eriwan, andere sind Christen vom Van-See. Manche wissen nicht, ob ihre Eltern Christen oder Muslime waren, und erinnern sich vor lauter Hunger an überhaupt nichts mehr, nur dieser Güterbahnhof und die Essensreste, die ihnen die Soldaten hinwerfen. «Es ist der achte Monat», sagt der Sajjid. In drei Monaten, im Winter, werden sie alle sterben.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>7. Dschulfa (21. August 1921)</p>
    </title>
    <p>An diesem Abend spielte die <emphasis>Politik</emphasis><a l:href="#n_14" type="note">[14]</a>verrückt, wie der Sajjid sagte. Es zeigte sich, dass die Lokomotive immer nur zwei Waggons von Nachitschewan nach Dschulfa bringen konnte. Konfliktparteien waren der Sajjid und eine Gruppe vage offiziell aussehender Armenier. Der Bahnhofsvorsteher ließ sich in unseren Wagen locken, wurde mit Tee und Zigaretten traktiert, und nachdem die Türen vor neugierigen Blicken verschlossen worden waren, steckten wir ihm ein paar türkische Pfund in Scheinen zu. Trotzdem war die Sache erst entschieden, als wir den brillanten Einfall hatten, den wichtigsten Mann der anderen Seite, einen Doktor, abspenstig zu machen und ihm einen Platz in unserem Wagen anzubieten. Der Gefoppte durchbohrte uns mit Blicken, während wir hinter einer zischenden kleinen Lokomotive aus dem Bahnhof rumpelten. Es war beinahe Vollmond. Das Gleis schlängelte sich in kühler und trockener Bergluft neben einem Fluss durch eine wilde Schlucht. Ich saß die meiste Zeit auf der mysteriösen Kiste neben der offenen Tür und atmete die Reinheit der nackten Felsen. Kein einziger Grashalm, kein Leben, kein Leiden, nur Felswände und schroffe Berge und das steinige Flussbett, und hinter jeder Biegung verbarg sich unvorstellbar Neues, Persien.</p>
    <p>Und in dieser Nacht verschwand Aserbeidschan aus der rauhen Gegenwart in eine anmutig kolorierte Vergangenheit, wie Armenien in jener Nacht, als wir Basch-Nuraschin verließen, und auf einem anderen Bahnhof, ich weiß nicht wo, sah ich, in der Nase den Gestank schlafender Hungerleider und in den Ohren das aufdringliche Seufzen einer Flöte, im letzten Mondschein den hochmütigen Gipfel des Ararat.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>VI</p>
    <p>KALESCHEN</p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>1. Epikurs Garten</p>
    </title>
    <p>«Der Wagen ist da, M’sieur», sagte der langnasige Kellner mit einer Handbewegung über den Samowar hinweg. In diesem Moment war draußen auf der Straße plötzlich Glockengeklingel zu hören.</p>
    <p>Meine Bemerkung, dass sich die Federung in meinen Rücken bohre, traf den Sajjid in seinem Nationalstolz. Er schmollte, bis wir auf unserem Weg durch den Basar einen Esel erschreckten, so dass die Tonkrüge, mit denen er beladen war, auf einen Berg Wassermelonen fielen, was für allgemeine Heiterkeit sorgte. Unser Wagen, eine bedenklich wackelige Konstruktion, sah wie eine kleine Viktoria aus. Gelenkt wurde er von einem korpulenten Mann namens Karim, der eine weiße Wollkappe auf dem Kopf trug. Hinter ihm auf einem Gurt hockte mit ein paar Hafertüten ein unangenehmer breitgesichtiger Knirps namens Maa’mat, mit dem Karim ständig schimpfte. Und so saßen wir da, die Beine über dem Gepäck ausgestreckt, grüne und gelbe Melonen auf dem Schoß, derweil die Federung uns raffiniert das Rückenmark aus dem Leib bohrte, und rumpelten, eine mächtige Staubwolke wie einen Kometschweif hinter uns herziehend, vorbei an der blauen Moschee und hinaus aus Täbris.</p>
    <p>Einige Tage zuvor hatten wir in Dschulfa am Araxes die persische Grenze überquert. Nach der Grobheit der Dinge und des Lebens in Russland war der Balsam einer alten und schwachen und würdevollen Kultur ein wunderbarer Trost. Ich erinnere mich, wie ich von der Lokomotive stieg, die uns über die internationale Brücke in das sonnengleißende Tal von Dschulfa gebracht hatte, nicht ein grüner Baum wuchs auf den rosaroten und gelben Felsen ringsum, die in der Hitze wie Bühnenkulissen vibrierten. Im nächsten Moment wurden wir in einen kühlen Raum mit rosagrauen Lehmwänden geführt, an denen zwei Teppiche hingen, kleine Kupferkrüge mit Wasser wurden gebracht, und der Sajjid und ich saßen barfuß vor einer riesengroßen, epochemachenden Wassermelone, die uns von einem kleinen Mann namens Astulla Khan serviert worden war. Sein Gesicht war auf einer Seite wegen Zahnschmerzen geschwollen, um den Kopf hatte er sich ein weißes Tuch gebunden und oben so zusammengeknotet, dass zwei lange spitze Schleifen in die Höhe standen, wie man das aus alten Bilderbüchern kennt. Nach dem Mittagessen wurden Matratzen und hellrosa Kissenrollen gebracht, dösend verbrachten wir den nicht enden wollenden Nachmittag, schauten an die glatte Lehmdecke und auf das gewebte Porträt des Schahs auf einem der Wandteppiche und hinaus auf den Innenhof, wo ein zahmer Fasan am Rand eines kleinen Teichs herumspazierte und ein Kätzchen hingestreckt auf einem blauen und dunkelroten Teppich in der Sonne lag. Kein Laut war zu hören, nur gelegentlich aus dem Nebenzimmer das leise Blubbern von Astulla Khans Wasserpfeife. Endlose Epochen wohltemperierten Müßiggangs legten sich wie feine Seidentücher über die eigene Unruhe. Vielleicht war dies der Garten jenseits von Schmerz und Vergnügen, in dem Epikur leidenschaftslose Tage zugebracht hatte. Schließlich erhob sich das Kätzchen, streckte die weißen Beine, eines nach dem anderen, und tappte gemächlich zum Teich. Das Sonnenlicht war schon rötlich und warf lange Schatten. Die Berge jenseits des Araxes waren hellrosa mit purpurroten und indigofarbenen Schatten. Der Sajjid stand auf, klopfte den Staub von seiner Hose und murmelte meditativ: «Quel théâtre!» Woraufhin Astulla Khan einen gigantischen blitzblanken Samowar herbeischleppte und die Geschäfte des Tages wiederaufgenommen wurden.</p>
    <p>Aus der Ebene von Täbris fuhren wir einen trockenen Pass hinauf und aßen an einer langen Steigung unseren eigenen Staub, bis ein weiteres Tal voller Pappeln und Lehmdörfer sich zu unseren Füßen öffnete und es rumpelnd wieder bergab ging. In Basmieh, wo wir aßen, gab es einen denkwürdigen Garten. Zum ersten Mal wurde der Sajjid poetisch. Wir lagen unter silbrigen Aspen in einem grasgrünen Garten voll glitzernder Bäche, und ein Knabe, dem das Haar, wie bei mittelalterlichen Pagen, fast bis auf die Schulter fiel, der einen straffgegürteten Kittel und eine weite hellblaue Hose trug, brachte uns Tee und einen Schoß voll roter Äpfel. Dann setzte sich der Sajjid kerzengerade hin und rezitierte, die Augen halb geschlossen, mit brummender Stimme das Gedicht von Hafis, das ich später bei Miss Bell<a l:href="#n_15" type="note">[15]</a> gefunden habe:</p>
    <p><emphasis>Uns genügt das Blumenantlitz</emphasis></p>
    <p><emphasis>aus dem Garten dieser Welt,</emphasis></p>
    <p><emphasis>uns genügt von dieser Wiese</emphasis></p>
    <p><emphasis>der Zypressen hoher Schatten!</emphasis></p>
    <p><emphasis>Das Gespräch mit Heuchlern</emphasis></p>
    <p><emphasis>sei mir fern,</emphasis></p>
    <p><emphasis>und von dem Erlesenen der Welt</emphasis></p>
    <p><emphasis>sei genug uns der erlesene Becher!</emphasis><a l:href="#n_16" type="note">[16]</a></p>
    <p>«Quel théâtre!», rief der Sajjid, als er fertig war, steckte sich ein Stück Zucker in den Mund und legte sich mit ausgebreiteten Armen wieder in das weiche Gras.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Der Ringer des Schahs</p>
    </title>
    <p>An diesem Tag, nach einer Fahrt durch pappelbestandene Täler, vorbei an einer langen Kette kahler dunkelroter Berge, übernachteten wir in einem heruntergekommenen Chan neben einer großen Karawanserei, einem schönen, inzwischen verfallenen Ziegelbau jenes Typus, den Reisende stets dem guten Schah Abbas zuschreiben. Der Ort hieß Schibli, und dort fanden wir einen Trupp Straßenwärter unter dem Kommando von Hakim Sultan, einem mächtigen Krieger. Hakim Sultan war eine untersetzte, mit Patronengurten behängte Figur. Er saß in der besten Ecke des Raums, zog an einer Wasserpfeife und musterte uns wohlwollend mit seinen schmalen Schweinsäuglein im fetten Gesicht. Haar und Schnurrbart waren hennarot gefärbt. Zwischen tiefen Zügen, bei denen das Wasser wie verrückt brodelte, erzählte er, dass er während des Ramadan einmal vor dem Schah als Ringkämpfer aufgetreten sei und alle seine Kontrahenten besiegt habe. Außerdem sei er ein Meisterschütze. Seine Leute, feine sehnige Nomaden, mit nicht ganz so vielen Patronengurten behängt wie ihr Anführer, hockten in respektvollem Abstand und nickten bestätigend wie chinesische Spielzeugfiguren. Erst vor fünf Tagen habe er genau hier in diesem Chan zahllose Schahsavan zurückgeschlagen. Sogleich zeigte man uns die Einschusslöcher in der Wand. Es wurde eingeräumt, dass die Eindringlinge mit dem ganzen Vieh entkommen waren. «Aber ich habe sie in die Berge zurückgejagt. Hier von dieser Stelle aus habe ich geschossen.» Man konnte ihn sich gut vorstellen, wie er mit seinem Gewehr dasaß und damit hantierte, als wäre es seine Wasserpfeife. Ah, die Schahsavan, das seien mächtige Männer! Elf von ihnen hätten einst tausend russische Soldaten entwaffnet, die mit Artillerie gegen sie losgeschickt worden waren. Sie lebten so weit oben in den Bergen, dass ein Wegkundiger sich nicht mehr zurechtfindet, wenn er ihr Land erreicht. Ihre Teetassen und Joghurtschalen seien aus purem Gold, und ihre Kamele hätten sie nie gezählt. So seien diese Männer, die er, Hakim, sein Leben lang bekämpft habe.</p>
    <p>In diesem Moment wurde der Vortrag unterbrochen, denn der Gastgeber erschien mit einem erregt gackernden Huhn in jeder Hand. Beide wurden dem Sajjid präsentiert, der sie mit einem Ausdruck überirdischer Weisheit kniff und stupste. Schließlich wurde ein Vogel ausgewählt und der andere zurückgewiesen, und einer der Nomaden setzte mit einem Messer dem Gegacker abrupt ein Ende. Und während draußen ein vielversprechendes Brutzeln anhob, ergriff der Sajjid das Wort. Er beschrieb die Länder der Welt, von Berlin bis Stambul, ihre Verfassung und die politischen Verhältnisse, dass einige gut, andere schlecht seien und wieder andere, namentlich die Türkei und die Bolschewiken, <emphasis>tamam</emphasis>, erledigt seien.</p>
    <p>Später erklärte er mir, dass die Türkei und die Bolschewiken keineswegs <emphasis>tamam</emphasis> seien, dass er nur ihre Propaganda entkräften wolle. «Di-ploo-ma-tik!», sagte er und zog das Wort mit einer Geste seiner braunen Hand in die Länge. Nachdem wir gegessen hatten, Brot und Joghurt und Käse und Hühnchen, und dazu viele kleine bauchige Gläser Tee getrunken hatten, legten wir uns, in Decken eingewickelt, auf den Fußboden neben dem unverglasten Fenster, durch das die gute frische Gebirgsluft hereinwehte. Nachdem ich mich eingerollt hatte, bemerkte ich, dass der Sajjid sich aufrichtete und nervös zwischen seinem Geldbeutel, den er in der Hand hielt, und der ausgestreckten Gestalt von Hakim Sultan hin- und herblickte. Doch in Schibli hatten wir einen ungestörten Schlaf.</p>
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    <title>
     <p>3. Politik</p>
    </title>
    <p>Am nächsten Mittag aßen wir in Schischme-dosch, einem für Raubüberfälle berüchtigten Ort, in einer einsamen Herberge, die aus einem einzigen Raum bestand, auf dem Gipfel eines Berges inmitten eines langen, trostlosen Tals. Wieder Erzählungen von den Schahsavan, von überfallenen Dörfern und erbeuteten Herden und Frauen.</p>
    <p>Die Nacht in einem sehr schönen Dorf, Gareh Chaman, an den Flanken einer orangebraunen Schlucht, beiderseits eines sprudelnden Bachs, baumbestanden und durch runde Wachtürme gut geschützt. Auf dem Dach eines Hauses unter zwei großen silberstämmigen Pappeln am Dorfrand wurden Teppiche für uns ausgebreitet, ein Samowar herbeigebracht, Hühner zum Prüfen, Wasserkrüge zum Waschen, und bis zum Abendessen hielt der Sajjid in seiner Eigenschaft als Doktor eine richtige Sprechstunde, öffnete und schnitt Geschwüre, fühlte den Puls und gab Tabletten. Und dann, während wir ein göttliches Mahl zu uns nahmen, das auf gehämmerten Zinntabletts angerichtet war, wandte sich der Sajjid an den Mollah und den Herrn des Dorfes und den Koch und den kleinen Jungen, der uns bediente, mit seiner üblichen Ansprache über die Ingliz und die Français und die Amerikai und die Osmanli im Allgemeinen und die Politik von Persien im Besonderen, nach dem Motto: Iran den Iranern und schlagt die Farangis in ihrem eigenen Spiel. Nachts rauschten die Pappeln im Wind, die Sterne funkelten in immer neuen Facetten, und in der Ferne heulten Schakale.</p>
    <p>Zwischen Ghare Chaman und Turkomanchay, wo Persien den ersten seiner katastrophalen Verträge mit einer europäischen Macht unterzeichnet hatte, stießen wir auf die Karawane eines Granden aus Täbris, der auf Pilgerfahrt zum Grab des Imam Reza in Meschhed war. Diese tänzelnden weißen Pferde und die Rufe der Eseltreiber und die wippenden Tragekörbe voller strahlender Kinder und tschadorverhüllter Damen! Ein feiner weißbärtiger Mollah mit dem blauen Turban eines Sajjid, Nachkomme des Propheten, ritt auf einem gepflegten grauen Pferd voran, dessen Schweif und Mähne mit Safran gefärbt waren. Nicht nur die Lebenden, auch die Toten profitierten von der Pilgerreise: am Ende der Karawane kam ein langer Zug von Maultieren, beladen mit Särgen, die in heilige Erde umgebettet werden sollten.</p>
    <p>«Wenn sie sich um die Lebenden genauso kümmern würden wie um die Toten», sagte der Sajjid, als wir uns von dem Staub und dem Gebrüll entfernt hatten, «wäre Iran eines der besten Länder von der Welt. Wenn sie das Geld sparen würden, das sie für Pilgerreisen ausgeben, und in Fabriken und Eisenbahnen investieren würden ...»</p>
    <p>«Aber warum Fabriken und Eisenbahnen ...?»</p>
    <p>«Waren Sie schon einmal in Deutschland? Nur kurz? Ah, die commodité ... Alles ist so praktisch. Hier ist alles so kompliziert. Unsere Bauern, wenn Sie wüssten, wie hart sie arbeiten, und trotzdem sterben sie, wenn es eine Hungersnot gibt, nur damit irgendein Würdenträger ein Vermögen machen kann ...»</p>
    <p>Das Gespräch wurde unterbrochen, weil unser Wagen in einer Schlucht im Morast feststeckte. Wir mussten aussteigen, Maa’mat musste geweckt werden, denn er musste schieben, und die Pferde mussten mit Peitsche und Rufen angetrieben werden, bis der Wagen schließlich, fast umkippend, aus dem Morast schnellte, die Anhöhe hinaufschoss und auf halbem Weg zum Stehen kam. Dies erschien uns als exzellente Gelegenheit, eine Melone zu verspeisen, eine große, gelbe, innen milchige Melone mit einem leichten Mandelgeschmack. Der Sajjid versank in einer Wolke rosiger Erinnerungen, und als wir in unserer tolpatschigen Kutsche wieder Platz genommen hatten, begann er langsam zu erzählen.</p>
    <p>«Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich, aus Konstantinopel kommend, in Leipzig eintraf ... Ah quelle commodité! Es war so ruhig in dem Hotel mit dicken Teppichen auf dem Boden, und wenn man etwas bestellte, zack, war es da! Ich habe sehr gut gespeist und ausgezeichneten Wein getrunken, der Kellner sprach Französisch, ich konnte damals noch kein Deutsch, er war sehr liebenswürdig. Als ich fertig war, fragte er, ob ich noch etwas wünsche. Ich habe, ohne es recht zu bedenken, spontan gesagt: <strong>‹</strong>Ja, eine Mademoiselle.› Der Kellner lächelte und sagte, er wolle sehen, was sich machen ließe. Ich dachte, er macht einen Scherz, ging auf mein Zimmer, wollte mich schlafen legen. Als ich halb ausgezogen bin, wer kommt? Der Kellner. Er sagt, dass die Mademoiselle mich unten im Foyer erwartet. Ich sagte: ‹Schicken Sie sie hoch›, aber der Kellner meinte, das ginge nicht. Und das ist der ganze Unterschied zwischen orientalischen und europäischen Frauen. Also habe ich mich wieder angekleidet und bin hinuntergegangen. Ich war so unerfahren, aber die Mademoiselle war äußerst charmant und führte mich in ein Cabaret, wo wir Champagner tranken, es gab Musik. Ich habe viel von ihr gelernt ... Ah, quelle commodité!»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Die weißen Wanzen von Mianeh</p>
    </title>
    <p>Ab Turkomanchay gab es keine nennenswerte Straße. Der Wagen rumpelte über felsige Anhöhen, wechselte urplötzlich die Richtung, hüpfte wie ein Floh über Abgründe, donnerte über Bergkämme, stürzte in steinerne Hohlwege, und ständig rechneten wir damit, dass unser Vehikel im nächsten Moment kollabieren würde. An einer verlassenen Karawanserei der Schah-Abbas-Variante kam uns ein Wegwächter entgegen, ein rothaariger, ziemlich übel aussehender Riese, der uns erklärte, dass in der Nacht zuvor ein Reisender genau an diesem Ort von Räubern der Länge nach aufgeschlitzt worden sei. Wir gaben dem Mann zwei Kran, worauf er sich entfernte. Die glühende Sonne knallte uns ins Gesicht, die Melonen waren alle aufgegessen, der Wasserkrug war zerbrochen, und nirgendwo sahen wir eine Menschenseele. «Quel théâtre!», seufzte der Sajjid bei jedem Schlagloch.</p>
    <p>«Précautions. Toujours des précautions», rief der Sajjid refrainartig, während er die Säuberung des Daches der Karawanserei vor den Toren von Mianeh überwachte, einer Stadt, die berühmt ist für ihre Fliegen, ihre Stechmücken, ihre Moskitos und vor allem für ihre weißen Wanzen, die ein spezielles Fieber übertragen, das Mianeh zu Berühmtheit in den Annalen der Medizin verholfen hat.</p>
    <p>Am Nachmittag erwehrten wir uns der Fliegen und tranken Tee und diskutierten über Politik. Persien solle die europäische Durchdringung von Ländern unterstützen, mit denen es keine gemeinsame Grenze hat, aber mit Misstrauen seine beiden großen Nachbarn beobachten. Das erkläre die deutschfreundliche Haltung von Demokraten und Nationalisten während des Krieges. «Bislang hat uns geschützt, dass England und Russland sich nicht einigen können. Nach Kriegsbeginn waren sie sich eine Weile einig, das bekamen wir zu spüren, rücksichtslos haben sie auf uns herumgetrampelt ... Aber sie kennen uns nicht. Sie wissen nicht, was wir vorhaben, und wir werden es ihnen nicht verraten. Dies ist der Moment, unsere Unabhängigkeit zu behaupten. Dafür brauchen wir Kapital und ausländische Hilfe, aber nicht von unseren Nachbarn, sondern von Ländern, die nicht involviert sind ... Aber wir müssen langsam vorgehen, vorsichtig und verschwiegen, toujours avec précautions, avec beaucoup de précautions ...» Der Sajjid runzelte das Gesicht zu einem Ausdruck von geradezu übermenschlicher Raffinesse, wischte sich eine Fliege von der Stirn und sagte abschließend: «Diplomatik!»</p>
    <p>In dieser Nacht wurde der Beginn des Muharram gefeiert, des Monats der Trauer um Hossein, den großen schiitischen Märtyrer. Die Moskitos und Sandfliegen waren so aufdringlich, dass an Schlaf nicht zu denken war. Der Sajjid lag bedrückt in einer desinfizierten Ecke, dachte sorgenvoll an lauernde Wanzen und stöhnte von Zeit zu Zeit «Quel théâtre!» auf die erbärmlichste Weise. Ich bedeckte Kopf und Gesicht mit einem Tuch, ging auf einem Balkon auf und ab, rauchte und sah dem guten alten Orion zu, wie er langsam am Himmel emporstieg. Aus der Stadt drang Trommelwirbel heran und in atemlosem, stetigem Rhythmus der Ruf «Hossein, Hassan, Hossein, Hassan». Dazwischen ohrenbetäubendes Hundegebell. Die Luft im Innenhof roch unangenehm faulig, und ich hörte die Schellen unserer Pferde, die sich der Mücken erwehrten, und das Stampfen einer Menschenmenge, die sich im Gleichschritt bewegte und mit der ganzen kraftvollen Inbrunst des Islam «Hossein, Hassan, Hossein, Hassan» rief.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>5. Das höckerlose Kamel von Dschemalabad</p>
    </title>
    <p>Am Morgen ein ziemlich breiter Pass, über den eine gepflasterte Straße führte, vermutlich angelegt von dem nimmermüden Schah Abbas. Die klare thymianerfüllte Luft vertrieb die Miasmen von Mianeh. Doch der Sajjid war untröstlich. Mit Tränen in den Augen versicherte er mir, dass er gestochen worden sei und nun wahrscheinlich sterben werde. «Et après tellement de précautions», sagte er bekümmert, während wir die letzte Biegung vor der Passhöhe nahmen. Weder die Landschaft noch der frische Nachschub an Melonen und köstlich duftenden weißen, kernlosen Trauben konnte ihn umstimmen. Er hatte sich als krank bezeichnet und schuldete es seiner Reputation, die Richtigkeit seiner Diagnose unter Beweis zu stellen, also musste er krank sein; es war Malaria.</p>
    <p>Mittagessen unter einem Apfelbaum in dem verfallenen Dorf Dschemalabad, recht düsterer Stimmung diskutierten wir über Religion, während ein uraltes Kamel, verwahrlost und höckerlos, von einem benachbarten Feld mit einem «Die werden ein böses Ende nehmen»-Ausdruck herüberstarrte. Der Sajjid sagte, dass alle Propheten eine kleine Wahrheit zu sagen hätten und dass ihre Anhänger zusammenhalten sollten statt zu streiten, denn le Dieu sei le Dieu, wie immer man ihn nenne. Nein, er sei kein Bahai, aber er denke in vielen Dingen wie sie, das seien gute Leute, ehrlich und tolerant und interessiert an Fortschritt und Bildung. Wenn es doch nur mehr von ihnen in Persien gäbe! Aber die Armen seien unwissend und fanatisch und glaubten, was ihnen die Mollahs erzählten. «Stellen Sie sich vor», sagte er und saß plötzlich kerzengerade, «ich hätte auch ein Mollah werden können und nicht Arzt, also ein Mann der Wissenschaft ... Mein Vater war Mudschtahid<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a>, ein sehr heiliger Mann, und wenn die amerikanischen Missionare nicht mit ihm geredet und ihn gedrängt hätten, mich zum Studium ins Ausland zu schicken, würde ich jetzt gewiss einen Bart und einen blauen Turban tragen und wäre ein Mudschtahid geworden. Wundert es Sie, dass mir alles Amerikanische gefällt?»</p>
    <p>Dann wandte sich der Sajjid an einen sehr zerlumpten Mann, der ein wenig entfernt von uns saß und unsere Melonenschalen aß. Wie sich herausstellte, war sein Vater der Besitzer dieses Felds und vieler anderer gewesen. Doch dann waren die Türken gekommen und hatten die Ernte vernichtet und das Haus angezündet und seinen Vater ermordet, und nun war er ein Bettler. Er erzählte seine Geschichte so gelassen, als wäre sie Teil der göttlichen Ordnung. Islam ist wahrhaftig Ergebenheit.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>6. Die türkisblauen Kuppeln von Zendjan</p>
    </title>
    <p>In Tarzikand gab es nur einen Ort zum Schlafen, ein paar wackelige Bretter über einer Zisterne voll quakender Frösche. Die Zisterne befand sich in einem ummauerten Gärtchen mit Mandelbäumen. Ein heftiger Wind wehte die Kohlestückchen vom Samowar, und ständig flog das hauchdünne Brot davon, das es zum Abendessen gab. Ich lag vorsichtig auf den Brettern, die Sterne über mir hingen wie weihnachtliche Silberkugeln an den Zweigen der Mandelbäume.</p>
    <p>Der Sajjid war schweigsam in diesen Tagen, nahm Chinin und maß seine Temperatur. Wir übernachteten ein weiteres Mal in Yekendje, einer Schlucht voller mächtiger Pappeln, die das steinige Flussbett säumten wie die silbrigen Bäume auf Piero della Francescas Taufe Christi. Auf dem Dach des Chans richteten wir uns ein, es gab dort auch ein Zimmerchen, in das sich der Sajjid mit seiner Malaria zurückzog. Bedient wurden wir auf das Liebenswürdigste von einem kleinen Jungen namens Gholamhossein, der von seinem Zuhause in Zendjan weggelaufen war, weil er, wie er sagte, seinen Vater nicht mehr leiden konnte. Als wir ihn am Morgen fragten, ob wir etwas für ihn tun könnten, sagte er, dass der Sajjid, der doch ein Hakim sei, ein Arzt, vielleicht ein Mittel für ihn habe, mit dem er sein Gesicht heller machen könne, das wirklich sehr dunkel war.</p>
    <p>In Zendjan besserte sich die Stimmung des Sajjid dank eines sehr aromatischen Getränks namens Bidmesch, das ein wenig nach Orangenblüten duftete und unglaublich träge und sanft die Kehle hinunterrann. Wir unternahmen einen Versuch, in einem Lokal im Basar etwas zu essen, aber mit brutaler Entschiedenheit wurde uns erklärt: Farangi nadjiss, Europäer sind unrein. Der Sajjid konnte die Leute nicht einmal davon überzeugen, dass er ein guter Muselmann und ein Nachkomme des Propheten war, da er zu diesem Zeitpunkt einen europäischen Filzhut trug. Also aßen wir schändlicherweise in unserer Herberge und hatten einen heftigen Streit über das Thema Industrialisierung. Während unseres Gangs durch den Basar hatte der Sajjid lautstark darauf hingewiesen, wie hart die Kupferschmiede und die Silberschmiede arbeiteten und dass es doch viel besser wäre, wenn ihre Arbeit von Maschinen übernommen würde. Er hatte offenbar die in diesem Teil der Welt sehr verbreitete Vorstellung, dass Maschinen von ganz allein arbeiten. Ich versuchte ihm zu erklären, dass das Leben eines Fabrikarbeiters in Europa und Amerika kein Zuckerschlecken sei, und überlegte sogar, ob diese Kupferschmiede, so miserabel sie auch bezahlt waren, nicht ein besseres Leben haben als etwa ein Stahlarbeiter in Deutschland, trotz Kino und Kneipe, in denen er sich verlustiert. Doch der Sajjid überschüttete mich mit einer langen Aufzählung von Hungersnöten und Ausbeutung durch Würdenträger und Mudschtahids und Gouverneure. – «Nein», sagte er schließlich, «wir müssen Fabriken und Eisenbahnen haben. Dann werden wir eine große Nation sein.»</p>
    <p>Am nächsten Morgen verließen wir die heilige und heruntergekommene Stadt Zendjan. Die Sonne glitzerte zauberhaft auf der Kuppel der Moschee, die in Form und Farbe an das Ei einer Wanderdrossel erinnerte. Am Nachmittag kam noch einmal diese Nadjiss-Geschichte auf. Wir tranken Tee in einem kleinen Straßencafé, als ein Hadschi mit karminrot gefärbtem Rauschebart, der in der Ecke saß und eine dicke Pfeife rauchte, sich bemüßigt fühlte, gegen unsere Anwesenheit zu protestieren. Doch der Sajjid ließ sich nicht einschüchtern. Er zitierte einen Vers von Saadi<a l:href="#n_18" type="note">[18]</a> über die Pflicht, Fremden höflich zu begegnen, und im nächsten Atemzug zitierte er ausführlich aus dem Koran-Abschnitt «Die Kuh». Plötzlich hielt er inne und forderte den Hadschi auf, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hatte. Der Hadschi stotterte und stammelte, wusste nicht weiter und musste schließlich eingestehen, dass der Sajjid ein guter Muselmann und ein gebildeter Mann sei. Zur Versöhnung reichte er ihm sogar seine Pfeife.</p>
    <p>Von da an war die Malaria des Sajjids praktisch kuriert. Als wir Kazvin erreichten, war er munter wie ein Spatz und dachte wehmütig an seine deutschen Mademoiselles. «Ich werde eine Deutsche heiraten», sagte er. «Ich habe eine Bekannte in Deutschland, eine Ärztin, die Tochter eines Oberst. Ich denke, sie wird mich heiraten, wenn ich so weit bin. Ich könnte keine Perserin heiraten. Sie sind sehr hübsch, aber zurückgeblieben. Es wäre so, als würde man ein Tier heiraten ... Aber das wird sich alles ändern. Sie werden sehen!»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>7. Das Gästezimmer in Kazvin</p>
    </title>
    <p>Kazvin war voller Platanen, in denen massenhaft Krähen saßen, die in der Abenddämmerung unter lautem Geschrei umherflogen. Wir kamen bei dem Bruder des Sajjid unter, der uns fürstlich bewirtete, obwohl Moharram war, der Monat, in dem die Perser keinen Wein trinken und auf jedes Vergnügen verzichten. Der schlichte Lebensstil der persischen Mittelschicht hat etwas sehr Angenehmes. Die Zimmer sind, bis auf ein paar Teppiche, ein paar Stühle und ein Sofa, meist leer. Es gibt keine Diener, bei den Mahlzeiten tragen die Söhne des Hauses Zinntabletts herbei und bedienen die Gäste. Betten oder irgendwelchen Zierat gibt es nicht. Abends und zur Siesta-Stunde werden Matratzen und Decken aus Schränken geholt und ausgerollt. Alles geht eigentümlich ruhig und unaufgeregt vonstatten. Aus den Teppichmustern und Teetassen, den leisen, feinsinnigen Gesprächen und dem fast unangenehmen Geschmack süßer Getränke ergibt sich eine bemerkenswert harmonische Langsamkeit. In Persien – ich vermute, das gilt für die ganze islamische Welt – kann man den Eindruck gewinnen, als sei das Leben frei von Ungestüm und Hektik. Es ist wie ein ausgetrockneter Wasserlauf, der früher einmal ein reißender Strom war, heute aber nur noch aus ein paar stillen Pfützen besteht, die das Blau und die Wolken spiegeln und auf ihre Weise vielleicht mehr von der Intensität eines unruhigen, verschlungenen Lebens enthalten als der Fluss, die aber irritierend zusammenhanglos, unberechenbar sind.</p>
    <p>In Persien ist es offenbar Sitte, sich unmittelbar nach dem Abendessen zurückzuziehen, und an diesem Abend in Kazvin, ganz allein mit meinem Bettzeug in einem der Zimmer im Obergeschoss des Hauses, packte mich der übermächtige Wunsch, in die Stadt hinauszugehen. Aber das Haus war bestimmt abgeschlossen, und ich befürchtete, in eines der Frauengemächer zu stolpern, wenn ich mein Zimmer verließ. Ersatzweise stieg ich durch mein Fensterchen auf ein kleines Dach, von wo aus ich die flachen Dächer und die tintenschattigen Innenhöfe der Stadt sehen konnte, die sich ringsum unter dem Mond erstreckte. Mir gegenüber war die dicke Kuppel und das gedrungene kachelgeschmückte Minarett der Freitagsmoschee. Auf vielen Dächern waren Gestalten zu erkennen, die sich dort zum Schlafen hingelegt hatten, und manchmal eine Bewegung in einem Innenhof. Ich musste an eine Erzählung von Maupassant denken, in der ein nacktes Mädchen im Mondschein auf dem flachen Dach eines Hauses in Marokko steht. Und aus irgendeinem Grund überkam mich eine Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt, so dass ich fast wieder in mein Zimmer geklettert wäre, um all diese Gedanken in mein Notizbuch zu schreiben. Ja, das Spektakel, die karminroten Bärte und die safrangelben Bärte und die mächtigen Turbane und die hohen runden Filzhüte und die Teppiche und die buntgeschmückten Pferde und die anmutigen Gesten alter Männer und die gespenstisch verhüllten Frauen und die Kamele mit ihren langen, federnden Schritten und die dunkle Fülle der gewölbten Lagerräume in den Basaren – war das nicht alles leblose Routine, ein halbvergessenes Ritual, vor Ewigkeiten gelernt? Es ist der Westen, wo das Blut heiß in den Adern fließt und die Welt ungeordnet und romantisch ist, wo phantastische, unerwartete Dinge passieren. Hier ist alles versucht und erfahren und verschlissen worden. Mit sehnsüchtigen Gedanken an den Broadway und die Zweiundvierzigste Straße legte ich mich auf meine weiche Matratze. Kaum hatte ich mich beruhigt, hörte ich eine Trommel in der Ferne und kehlige, angespannte, wilde Stimmen, die in raschem Rhythmus «Hassan, Hossein, Hassan, Hossein» riefen, als wäre Hossein, der ritterliche Enkel des Propheten, erst gestern in Kerbela gestorben.</p>
    <p>Bevor wir am nächsten Morgen Kazvin verließen, führte der Sajjid eine Operation durch. Dann brachen wir auf, mit viel Tamtam und eskortiert von berittenen Gendarmen und unter Zurücklassung des Opfers, das blutend auf einem wackeligen Tisch in der Apotheke des Gouverneurs lag und durch seinen Äther stöhnte. Wir aßen Weintrauben, während der Zweispänner mit eindrucksvoller Gemächlichkeit über staubige Pisten dahinrumpelte und der Sajjid über die Revolution in Asien sprach. Begonnen, sagte er, habe alles mit der Niederlage Russlands im japanischen Krieg, die die Asiaten auf die Frage brachte, ob in den Büchern des Schicksals geschrieben stand, dass sie ein für alle Mal die Sklaven Europas sein müssten. Sodann hätten die türkische Verfassung und die persische Verfassung gezeigt, dass die schattigen und verfallenen Gärten des Orients nicht völlig verdorrt waren unter dem tödlichen Ansturm des Westens. Und während Europa Krieg führte, dachte Asien nach. In Asien entwickelten sich die Dinge immer sehr langsam, so langsam, dass die Europäer nichts bemerkten und erklärten, dass sich dort überhaupt nichts bewege, aber irgendwann wird die Zeit kommen, da die mächtigen Ausbeuter plötzlich feststellen, dass sie nicht mehr wissen, wohin ihr Weg sie führt. So ist das in Asien. «Nehmen Sie nur mich», rief der Sajjid mit schriller Stimme. «Als Kind habe ich die Europäer für eine überlegene Rasse gehalten, vor fünf, sechs Jahren hatten sie so viel erreicht; Persien könnte sich glücklich schätzen, wenn es von den Briten regiert würde. Aber heute ... Ich habe alle Länder gesehen, habe ihre Propaganda gehört. Ich habe gesehen, welche Schmiergelder sie bezahlen und mit welchen Methoden sie kämpfen, all die hochzivilisierten, vornehmen Völker Europas, und ich weiß, was ich weiß. Und was ich weiß, das wissen auch der Maultiertreiber und der Töpfer und der Bademeister, der einen durchwalkt, und der Bauer und der Nomade. Nein, ich werde gern sterben, bevor mein Land von irgendeiner europäischen Nation dominiert wird. Und ich bin nicht der Einzige.»</p>
    <p>«Und was die Briten hier in Persien angeht ... ja, ich weiß, sie sind ein großes Volk. Ich war mal drei Tage in London, die ganze Zeit hat es geregnet, aber ich bin durch die Stadt gegangen und habe die Leute gesehen und wusste, es waren braves gens. Aber hier sind sie anders, uns gegenüber, und deshalb werde ich zeit meines Lebens gegen sie kämpfen, avec Diplomatik. Und den Türken geht es genauso und den Arabern und den Afghanen. Erst haben wir die Briten gemocht, weil sie besser sind als die Russen, doch nun gibt es keinen Druck von Russland, und die Briten haben sich verändert. Und im Islam ist nicht mehr so viel Fatalismus wie früher. Europa ist unser Lehrmeister, Europa gibt uns Waffen.»</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>8. Die kleinen Leute in Persien</p>
    </title>
    <p>Später, auf der letzten Etappe nach Teheran, sagte der Sajjid wieder: «Welchen Fehler machen alle europäischen Mächte in Bezug auf Persien? Ich werde es Ihnen sagen. Sie denken nur an die großen Leute. Es ist ihnen nicht klar, dass es auch kleine Leute gibt, wie mich, Ärzte, Mollahs, kleine Händler, und dass selbst die Bauern in den Teehäusern an der Straße über Politik sprechen. Sie wissen, dass sie die großen Leute bestechen und unter Druck setzen können, und sie glauben, sie haben Persien in der Hand. Aber uns, die kleinen Leute, können sie nicht bestechen, denn wir sind zu viele. Wenn sie mich kaufen oder mich töten lassen, dann gibt es Hunderte anderer, die genauso denken wie ich und an meine Stelle treten. Es wird ihnen also nichts nützen.»</p>
    <p>Es war kurz vor Morgendämmerung. Ein hauchzartes goldenes Band säumte den steil aufragenden Demavand, den mächtigen Berg oberhalb von Teheran. Der Wind war eisig wie ein Schneefeld.</p>
    <p>«Und wenn Sie in Ihre Heimat zurückkehren», sagte der Sajjid, «vergessen Sie nicht, Ihren Landsleuten zu sagen, dass es kleine Leute in Asien gibt.»</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>VII</p>
    <p>MOHARRAM</p>
   </title>
   <epigraph>
    <p>Für Z. C. B.</p>
   </epigraph>
   <section>
    <title>
     <p>1. Der Derwisch</p>
    </title>
    <p>Vor dem Tor, wo die staubige Straße vorbeiführt, unter Platanen hinauf in die Berge, sitzt ein weißgewandeter alter Mann mit blauem Turban. Sein Bart ist so dicht, als wäre er aus Silber gewirkt. Bewegungslos hockt er da und schaut aus ernsten Adleraugen vor sich hin. In der einen Hand hält er einen aufrechten Krummsäbel, in der anderen, die auf seinem Schoß ruht, hält er ein Buch. Schwert oder Koran. Die Spitzen des zunehmenden Halbmonds greifen nach der Welt. Passanten werfen Kupfermünzen auf die Ecken seines Gebetsteppichs. Der alte Mann sitzt bewegungslos da, achtet nicht auf den aufwirbelnden Staub, hockt am Straßenrand auf einem Baumwollteppich mit dem Gesicht eines Emirs, der die Gläubigen in den heiligen Krieg führt.</p>
    <p>In Persien werden Bettler fast als Heilige angesehen. Bettler geben dem Gläubigen die Möglichkeit, für ein angenehmes Leben im Himmel vorzusorgen. Im Chan von Mianeh war ein Kaufmann, dessen Karawane von Banditen überfallen worden war. Er hatte eine Bestätigung eines Mudschtahid, wonach er durch Allahs Willen alle irdischen Güter verloren habe, und nun wartete er in seiner Kammer geduldig auf Spenden von Reisenden, die es ihm ermöglichen würden, sein Geschäft wiederaufzunehmen. Er sah sehr glücklich aus, wie jemand, der nicht mehr gegen die Widrigkeiten des Lebens ankämpft. Islam bedeutet nicht umsonst Unterwerfung, Selbstaufgabe.</p>
    <p>Und in jedem Teehaus an der Straße findet man fröhliche Gestalten, zerlumpt und abgerissen, Männer jeden Alters und aus allen Schichten, die nicht mehr arbeiten, sondern durchs Land ziehen und so gut es geht aus der Heiligkeit der Armut Kapital schlagen. Sie sind gewiss die glücklichsten Menschen in Persien. Sie denken nicht an Steuern oder Überfälle von Bergstämmen oder Banditen im Gebirge. Sie wandern umher, Sonne und Wind ausgesetzt, hungern und singen Gebete und tragen Epidemien und das Wort Gottes von der Wüste Gobi bis zum Euphrat. Landstreicher gibt es überall, aber im Orient ist diese Lebensform ein religiöser Akt. Alle Tollheit, alle Rastlosigkeit kommt von Gott. Verliert ein Mann sein einziges Kind oder seine geliebte Frau oder geschieht ihm ein anderes unbeschreibliches Unglück, legt er seine Kleider ab und läuft hinaus ins Freie und lässt das Haar wachsen und zieht bettelnd und Gott preisend durch die Welt. Er wird ein Derwisch, so wie er im mittelalterlichen Europa in ein Kloster gegangen wäre.</p>
    <p>Diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich in Teheran unterwegs zum Telegraphenamt war, da nur noch eine Handvoll Silbermünzen in meinem Geldbeutel war und meine Hotelrechnung immer weiter anstieg und jedes Telegramm mit der Bitte um Geld mich eine Woche Kost und Logis kostete. Es war in den ersten Tagen des Moharram, des Monats der Trauer, wenn keine Musik gespielt und nicht getanzt wird, der Monat der Trauer um Hossein, den Sohn Fatimas, der Tochter des Propheten. Jeder Tag erfüllte Teheran mit noch mehr Bettlern und Frömmigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Ich habe mich gefragt, wie es sein mag, am Straßenrand unter einer Platane zu sitzen und einer Schar von Bauern die Geschichte der schiitischen Märtyrer zu erzählen, während einem Tee und eine Schale Reis gebracht werden und den Leuten die Tränen über das Gesicht laufen, wenn sie vom Leiden des großen Imam hören, des Sohnes Alis, der erfüllt war vom Geist Gottes und durch die Falschheit der Männer von Kufa den Tod fand, Hunde und Hundesöhne, und durch die Ränke von Scheitan, dem Bekifften.</p>
    <p>Nur mit dem Namen Allahs als Gepäck konnte man von der Großen Chinesischen Mauer bis an den Niger reisen und ziemlich sicher sein, dass man Essen bekam und oft auch Geld, solange man nur bereit war, sich fünfmal am Tag in den Staub zu werfen und das Ich und den glamourösen Westen aufzugeben.</p>
    <p>Aber der Westen ist auf dem Vormarsch. Henry Fords Evangelium von Arbeitsteilung und Standardisierung wird Herzen gewinnen, die Thales und Demokrit, Galileo und Faraday standhielten. Kein Gott ist stark genug, der Universal Suburb zu widerstehen.</p>
    <p>In unserer Zeit wird der Derwisch, Symbol des Mysteriums in der Welt, ein schlichter Vagabund werden, wie man ihn in zivilisierten Ländern kennt.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Das Teehaus</p>
    </title>
    <p>An heißen Nachmittagen saß der a. O. in einem überdachten Hof neben einem Springbrunnen, in dem Goldfische schwammen, trank ein Glas Tee nach dem anderen und aß einen wunderbar kühlen rosenparfümierten Gelee. Nur wenige Menschen waren im Teehaus, ein europäisch gekleideter Armenier, ein Türke mit Fes und Gehrock. Im Trauermonat bleiben die Leute zu Hause. Die Knaben, die hier bedienten, sprachen in der Ecke im Flüsterton miteinander. Das Wasser plätscherte hell, gelegentlich brummte eine Fliege. Die wenigen Geräusche störten die kristallklare Stille.</p>
    <p>In der intensiven Ruhe von Herbstnachmittagen ging dem a. O. immer wieder ein Gedanke durch den Kopf. Aus dem tiefen Grund einer großen stillen Zufriedenheit stieg regelmäßig eine winzige Frage auf: Wie kommt man nach Isfahan, wie nach Chorasan weiter östlich, wie nach Kabul, in die afghanischen Berge, nach Kanton, nach Frisco. Er zog Ring um Ring, aber nie den entscheidenden Messingring.</p>
    <p>Was will ich überhaupt im Orient? Was gehen mich diese welken Fragmente alter Ordnungen an, diese toten Religionen, diese Ruinen, gespickt mit den Larven der Geschichte? Alte Männer, zahnlose Eunuchen, die in der Sonne schlafen. Im Westen vernichtet das Leben, was auf den schäbigen russischen Güterbahnhöfen an Neuem hervorsprießt, abseits des Benzingeruchs Detroiter Garagen. Samarkand wird der kleinen Polin von der Seilbahn in Tiflis auf einem Tablett präsentiert.</p>
    <p>Als Randepisode ist dieser verblassende Orient noch immer sehr schön. Der unbeschreiblich weiche, federnde Gang eines zweihöckerigen Kamels, die alten Männer mit karminroten Bärten, die mächtigen Turbane, weiß, blau, schwarz, grün auf rasierten Schädeln, Knaben mit Käppchen, unter denen das lockige Haar nach Troubadourart hervorquillt, die gespenstisch verhüllten Frauen, die turmhohen Filzhüte, die bunten Teppiche, die Gewänder aus papageiengrüner Seide, die Bäume von grellem Mangangrün auf gelben Hügeln, dahinwirbelnde Wasserläufe, weiße Esel, die türkisfarbenen Kuppeln, die weißen Mohnfelder.</p>
    <p>Wäre man alt genug und das Blut kühl genug, genösse man die Schönheit dieser stillen Pappelgärten, das diensteifrige Heranschaffen der Samoware, das feine, angedeutete Lächeln über kleinen Teegläsern, das glitzernde Wasser, das in einer schmalen Rinne mitten durch den Raum rauscht, die helle Ruhe sonniger, unveränderlicher Innenhöfe, die mühelose Unterwerfung unter die Schrift.</p>
    <p>Doch es lohnt sich, zuvor das eine oder andere auszuprobieren.</p>
    <p>Der a. O. steht auf, wie benommen von einem plötzlichen Gefühl unterdrückter Passivität, und tritt hinaus auf die breite Straße, wo das Dämmerlicht wie bunte Papierschnipsel durch die breiten Platanenblätter rieselt. Hassan, Hossein, Hassan, Hossein ... Begleitet von Trommelschlägen, kommt ein Prozessionszug vorbei, rauhe Stimmen, die kriegerischen Banner und Standarten des Islam, die Hand Fatimas, der Federbusch, der Halbmond. Das ist die Karawane Hosseins, des leichtbärtigen, vertrauensvollen alten Mannes, der von Medina zu seiner letzten Reise nach Kufa aufbricht. Noch wird nicht geklagt, aber man spürt, es liegt etwas in der Luft, Schwingen des Unheils, die über dem schwindenden Dämmerlicht kreisen, durch die Straßen der Klang der Trommeln und das Stampfen der Füße und der rauhe Triumphschrei «Hassan, Hossein».</p>
    <p>Sind diese Götter denn so tot?</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Malaria</p>
    </title>
    <p>Der russische Ingenieur, der sich als Besitzer eines Fords bezeichnet hatte, schaute auf das Thermometer und schüttelte den Kopf. Dann holte er seine Frau, die auf das Thermometer schaute und den Kopf schüttelte. Das Zimmer war voller Menschen, die auf Thermometer schauten und die Köpfe schüttelten. Eine Stimme von sehr weit her sagte: Unsinn, mir geht es bestens. Das Bett war eigentümlich weich, wogend, segelte hoch über dem Kopf des russischen Ingenieurs, der sich als Besitzer eines Fords bezeichnet hatte, und seiner Frau und dem Hôtel de France und den Rufen «Hossein, Hassan» aus metallischen Kehlen.</p>
    <p>Es gab einen Abgrund. Die Stadt ohne Wanzen stand am Rand des Abgrunds. «Inschallah»<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a>, sagte der russische Ingenieur, «die Stadt wird nicht in den Abgrund fallen, der fast einundvierzig Grad tief ist.» Dann erhob sich ein großer Prophet und sagte: «Ah, mon ami, j’ai trouvé un poux. Avec le typhus qu’il a c’est très dangereux.» – «Bismillah»<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a>, riefen die Dorfbewohner. «Die Stadt wird in den Abgrund fallen.» Da sprach der Prophet: «Die Stadt ohne Wanzen muss in die Schlucht stürzen.» – «Bismillah», riefen die Dorfbewohner. «Wir müssen den Abgrund oder die Schlucht auffüllen.» Woraufhin sie ihre Möbel und ihr Hab und Gut und ihre Häuser und ihre Frauen und Kinder und zuletzt sich selbst in den Abgrund stürzten. «Intravenös», sagte der Sajjid, rollte mit den Augen und spritzte mir ein Glasvoll Chinin.</p>
    <p>Dann lag ich sehr lange frierend und dünnhäutig auf der steinernen Tundra meines Bettes, und der russische Ingenieur, der sich als Besitzer eines Fords bezeichnet hatte, erklärte mir in sorgfältigem Französisch seine Pläne. In ein, zwei Tagen wird die Straße nach Rascht am Kaspischen Meer wieder geöffnet sein. Reza Khan war gerade im Begriff, die Überreste der Republik Ghilan<a l:href="#n_21" type="note">[21]</a> zu beseitigen. Dann würden wir in dem Ford nach Rascht fahren, ihn mit Kaviar beladen, den man dort am Kaspischen Meer quasi umsonst bekommt, und zurückfahren nach Kazvin, Hamadan, Kermanschah und Bagdad, wo die Engländer einen Haufen Geld bezahlen für ein Gramm der Ware, die wir kiloweise eingekauft hatten. Zwischen uns und dem Reichtum standen nur ein paar hundert Pfund für Benzin. Also, wenn ich die Summe, die ich am Ende für die Fahrt nach Bagdad bezahlen werde, für Benzin und Kaviar ausgäbe, würden wir alle umsonst nach Bagdad kommen und dort einen hübschen Gewinn machen.</p>
    <p>«Aber gehört Ihnen der Ford wirklich?» – «Gewissermaßen. So gut wie.»</p>
    <p>Draußen heulte und pfiff der Wind um das Haus. Vor lauter Staub konnte man den Innenhof nicht sehen. Durch jede Ritze drang Staub in das Zimmer. Eine zentimeterhohe Schicht von feinem weißen Staub bedeckte mein Kissen. Das baufällige Hôtel de France wackelte und rumpelte, als wollte es gleich neben unseren Ohren einstürzen. Schließlich wurde der Lärm so laut, dass ich die sanfte Stimme des russischen Ingenieurs, der sich als Besitzer eines Ford bezeichnet hatte, nicht mehr hören konnte.</p>
    <p>Irgendwo im Hotel gab es einen ohrenbetäubenden Krach und einen Schrei. Der russische Ingenieur lief hinaus und kam im nächsten Moment mit seiner Frau am Arm wieder zurück. Das Haar hing ihr wirr ins Gesicht, und erregt zirpte sie auf Russisch. Das Dach über ihrem Zimmer war weggeweht worden. Es war ein Wellblechdach, das mit einem Geräusch wie Theaterdonner durch die Luft segelte. Vor Mitternacht würde das ganze Haus bestimmt einstürzen. Ich lag frierend im Bett, die Decke über der Nase wegen des Staubs und über den Ohren wegen des Lärms, fühlte mich ganz lang und schwach und müde und sank mühelos in den Schlaf wie ein Baumstamm, der in eine Schlucht fällt.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Bahai</p>
    </title>
    <p>Die drei Amerikanerinnen waren Bahai-Missionarinnen, eine aus New York, eine aus Chicago, und die jüngste vielleicht aus einem Städtchen in den Dakotas. Alle hatten die gleichen Augen, weit auseinanderstehend, starr, mit geweiteten Pupillen. Wir saßen in einem langen, dunklen, europäisch eingerichteten Zimmer und sahen einander steif an. Die Älteste berichtete von der Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in Persien seit El Babs<a l:href="#n_22" type="note">[22]</a> Märtyrertod in Täbris. Dass sie nicht begraben werden und nicht zusammenkommen dürften und dass viele ihren Glauben verheimlichten. Sie hatte müdes graues Haar, das ihr in die Stirn hing, graue welke Lippen und ein Gesicht voller müder Fältchen. Die Presbyterianer in dem großen Missionsgebäude am anderen Ende der Stadt sprächen nicht mit ihnen, weil sie keine Christen seien. «Sie wissen nicht, dass die Verehrung unseres Herrn Baha’ullah auch die Verehrung Christi einschließt, der ebenfalls ein großer Prophet und die Emanation Gottes war.»</p>
    <p>Die zweite Frau war Ärztin. Ihr Gesicht war fest und schmal, und sie war adrett gekleidet. Sie sprach von dem Leid der Frauen, von ihrer Unwissenheit, ihrem Dahinwelken in der überzuckerten Abgeschiedenheit des Andarun<a l:href="#n_23" type="note">[23]</a>, ihren Krankheiten und den Problemen der Gebärenden.</p>
    <p>Die jüngste war erst seit kurzem in Teheran. Ihr Bericht war voller Wunder. Sie war im Winter von der Küste her gekommen. Man hatte ihr gesagt, dass eine solche Reise den sicheren Tod bedeute. Aber der Tod hat keine Macht über die Diener des immerwährenden Lichts. Sie war ganz allein über einen hohen verschneiten Pass gekommen, über den sich im Winter nicht einmal die Kurden wagen; als sie zu einem Fluss kam, ging das Hochwasser zurück; alle anderen Reisenden, die auf diesem Weg unterwegs waren, wurden von Banditen getötet, nur sie nicht: bei jedem Schritt habe sie die Hand Gottes gespürt, der ihr Maultier sicher führte und sie vor den Absichten böser Männer schützte.</p>
    <p>Es war dunkel geworden, als ich mich von ihnen verabschiedete. Draußen kam ein Prozessionszug vorbei, erst ein paar Männer, die als berittene Araber verkleidet waren, dann Reisende auf buntgeschmückten Kamelen, dann Männer mit schweren vielarmigen Messingleuchtern und einer Metallstandarte, die wie ein großer Krummsäbel aussah, oben an der Spitze eine Messingquaste, die im Licht aufblitzte, und schließlich Büßer in Viererreihen, die sich rhythmisch an die Brust schlugen, hochgewachsene dunkelhäutige Männer mit geröteten Augen, die sich zu dem verzweifelten erregten Ruf «Hossein, Hassan» rhythmisch an die Brust schlugen.</p>
    <p>Dies war das dumpfe Geräusch gewesen, das ich in der Ferne gehört hatte, das mich unruhig gemacht hatte während des Gesprächs mit den Missionarinnen, die von der Sanftheit und Toleranz der Bahais erzählten und von brüderlicher Liebe. In meinem Hotelzimmer, wo ich Euripides in einer alten und schlechten französischen Übersetzung las, konnte ich immer noch das Stampfen hören, das, bald aus der einen, bald aus der anderen Richtung, durch den stauberfüllten Herbstabend drang, den Zug der Trauernden, die Hosseins Karawane folgten und sich an die Brust schlugen.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>5. Hossein</p>
    </title>
    <p>Hossein, Sohn von Fatima und Ali und Enkel des Propheten, begab sich von Medina nach Kufa, der Stadt der ersten Ärzte des Islam, wo sein Vater Ali, Herr über alle Welt, ermordet worden war. Yazid, Kalif in Damaskus, wollte Hossein vergiften, so wie er dessen nichtsnutzigen Bruder Hassan vergiftet hatte. Die Leute von Kufa hatten dem einzigen noch lebenden Enkel von Mohammed angetragen, ihr Kalif zu sein. Am ersten Tag des Moharram kam der Karawane von Imam Hossein aus Kufa ein gewisser Hurr entgegen, der im Auftrag des Kalifen verkünden sollte, dass Yazid der Herrscher von Kufa sei und dass Hosseins Anhänger getötet worden seien. Hossein hatte sich mit einigen Sklaven, seiner Schwester, seinen Frauen und Kindern auf die Reise begeben. Eine seiner Frauen war eine Perserin, die Tochter des letzten Sassanidenkönigs. Hurr, der sich seines Auftrags bereits schämte, kehrte nach Kufa zurück und bat darum, dem Imam die Rückkehr nach Medina zu erlauben. Hosseins Gruppe reiste bei Nacht, denn es war sehr heiß. Hossein sagte: «Ein Mann reist bei Nacht, und seine Bestimmung reist ihm entgegen. Ich bin sicher, es war eine Todesahnung.»</p>
    <p>Die Verhandlungen gingen in arabischer Manier hin und her, bis Hosseins Karawane am neunten Tag schließlich bei Kerbela, einer Ortschaft am Euphrat, ihre Zelte aufschlug. Die Armee von Amr ibn Saad kreiste sie ein, denn Yazid hatte Befehl gegeben, die Männer zu töten und die Frauen nach Damaskus zu schaffen. Im letzten Moment kamen Hurr und seine Männer in das Lager, um mit dem Imam zu sterben. In dieser Nacht befestigten sie ihre Zelte und zogen einen Graben mit Reisigbündeln, so dass ein Angriff nur von vorn möglich war. Hossein bereute bitterlich, dass er die Kinder und Frauen mitgenommen hatte, denn es gab kein Wasser.</p>
    <p>Am Morgen griff Amr ibn Saad an. Hossein und seine Leute waren hoffnungslos in der Minderzahl. Gegen Mittag setzte sich Hossein, vom Kampf erschöpft, einen Moment neben sein Zelt und nahm seinen jüngsten Sohn Abdullah auf den Schoß. Ein Pfeil tötete das Kind. Der Durst wurde immer unerträglicher. Ali Afgar und Ali Asgar, die beiden halbwüchsigen Söhne Hosseins, liefen zum Fluss, um Wasser zu holen. Auch sie wurden von Pfeilen getroffen. Schließlich ging Hossein selbst zum Fluss. Die Soldaten des Kalifen wagten es zunächst nicht, ihn anzugreifen, doch als er sich herabbeugte, um zu trinken, traf ihn ein Pfeil im Mund. Daraufhin stürzten die Soldaten des Kalifen von allen Seiten hinzu. Dreißig Speere durchbohrten Hossein, und Amr ließ seine Kavallerie so lange über den Toten hin und her reiten, bis der Leichnam zerstampft am Ufer lag. Der Kopf Hosseins wurde nach Damaskus geschickt.</p>
    <p>Und am Jüngsten Tag wird Allah, der im Begriff ist, die ganze Menschheit trotz der Fürsprache von Mohammed und Isa ben Mariam<a l:href="#n_24" type="note">[24]</a> und Moses und den zweihundertsiebzigtausend Propheten in die Hölle zu werfen, sich Hosseins erinnern, des Wehklagens der Frauen und des Todes der Söhne und des Durstes in den Zelten von Kerbela, und Tränen werden ihm in die Augen steigen, und all jene, die um Hossein geweint, die sich für ihn geopfert, für ihn gelitten haben, sie alle werden verschont und in das Paradies aufgenommen, den Garten mit den ewig grünen Bäumen, unter denen die ewig jungfräulichen Huris warten.</p>
    <p>In Teheran dämmert der schreckliche, der entsetzliche 10. Moharram heran. Die nächtlichen Straßen waren erfüllt von Fackelschein und Gesang und dem dumpfen rhythmischen Schlagen an die entblößte Brust. Im Morgengrauen sind nun überall Wasserträger unterwegs, die den Passanten Wasser anbieten zur Erinnerung an den schrecklichen Durst, der in den Zelten vor Kerbela herrschte. Jetzt greifen Amrs Reiter an, die ersten Pfeile fliegen.</p>
    <p>Auf einem Platz im Basar hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Auf einem Dach sind Stühle für das diplomatische Corps bereitgestellt worden. Europäer in Gehrock und Uniform, in weißen Leinenanzügen wie für eine Gartenparty, Damen in pastellfarbenen Kleidern sowie als Eskorte einige Gendarmen. Aus allen Gassen des gedeckten Basars ertönt dumpfes Getrommel und der rauhe atemlose Ruf «Hassan, Hossein, Hassan, Hossein».</p>
    <p>Kosaken und Gendarmen kommen vorbei, sehr langsam, mit gesenktem Kopf, gefolgt von geführten Pferden. Hier und da sieht man Tränen über eine tabakbraune Wange laufen. Rasselndes Pferdegeschirr, glitzernde Standarten in der Sonne, die Hand Fatimas, der Halbmond mit dem Federbusch, grüne Fahnen und orangefarbene Fahnen, schwarzgewandete Büßer, die sich an die entblößte Brust schlagen, erfüllen den Platz mit ihren dumpfen, rauhen Klagerufen. Dann, hinter der messingverzierten Konstruktion aus schweren Metallblättern, kommen Männer im Lendenschurz, Spieße und Dolche im Fleisch, Dornenschmuck hängt von den nackten Schultern, Männer wie von Lanzen und Pfeilen getroffen, schweißüberströmt und staubbedeckt in der Sonne. Es folgen zwei lange Kolonnen von Männern und Jungen in weiten weißen Gewändern, mit Ketten gegürtet, jeder hält sich mit der Linken am Gürtel des Vordermanns fest und schlägt sein Schwert mit der Rechten flach auf den kahlgeschorenen Schädel. Langsam bewegen sie sich, wiegend, stöhnend, sich rhythmisch geißelnd. Das Blut läuft ihnen über Gesicht und Hals und gerinnt auf den weißen Gewändern zu Staubklumpen. Es riecht nach Blut und Schmerzensschweiß. Von überall her der erstickte Klageruf «Hossein, Hassan, Hassan, Hossein», unablässig, rauh. Die Sonne funkelt auf den Säbeln, auf den metallischen Standarten, gärt in dem schwärzlichen Blut. Hassan, Hossein. Wer um Hossein weint, wer für Hossein blutet, wer für Hossein stirbt ...</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>VIII</p>
    <p>AUF DEM PILGERWEG</p>
   </title>
   <p>Ich, Darius, König der Könige – so beginnt die Inschrift auf dem mächtigen Felsrelief von Bisitun. Im schwindenden Nachmittagslicht waren die monumentalen Figuren kaum noch zu erkennen. Links und rechts ragt eine jäh abfallende Felsspitze empor, so dass, wie die Kurden sagen, die Silhouette eines Hauses mit durchhängendem Dachfirst entsteht. Auf der höheren Felswand, ockerfarben und flechtenüberwachsen, sind die gigantischen Figuren bärtiger Männer auszumachen. Archäologen, die sich in Körben von oben herunterlassen, können die stolze Keilschrift lesen – Ich, Darius, König der Könige ...</p>
   <p>Diese Straße von Hamedan, dem alten Ekbatana, nach Kermanschah und dem Pass Taqhe Gara, der nichts anderes ist als eine gigantische Treppe, die in den Irak hinunterführt, ist eine der Straßen, auf der alle großen Armeen der Geschichte marschiert sind. Die Steine sind abgenutzt und schief von den Schritten ungezählter Generationen von Soldaten und Tieren. Überall haben sich die Leute an Felswänden verewigt. Eine eigentümliche Geschichtsschwere liegt über diesen Tälern und Felsen, diesen steinigen Flussbetten. In den hallenden Schluchten meint man die Rufe der Elamiter und der Soldaten des großen Königs zu hören, durchsetzt mit den Flüchen der Tommies und dem Getrappel der russischen Kavallerie.</p>
   <p>In den letzten Jahren hat die Geschichte diese Region abermals heimgesucht in Gestalt dreier gnadenloser Armeen. Während des Krieges haben Türken und Russen hier gegeneinander gekämpft. 1918 kamen die Briten in ihrem Feldzug um Öl hierher und bauten die Straße, genauer gesagt, erneuerten sie. Das hat dazu geführt, dass hier kaum noch ein Chan oder Dorf steht, dass die Wüste, Schauplatz der großen Aufmärsche der Geschichte, das ganze Agrarland aufgefressen hat und dass man während einer Tagesreise in einem klapprigen Ford nichts zu essen findet, außer, mit viel Glück, eine Schale saure Milch im Zelt kurdischer Nomaden.</p>
   <p>Auf der Straße wimmelt es von Pilgern aus Persien und der gesamten schiitischen Welt, denn es ist eine gute Reisezeit. Die Flüsse sind trocken, die Pässe noch nicht zugeschneit, und die irakische Tiefebene kühlt allmählich ab. Ich weiß überhaupt nicht, wovon sie sich ernähren, diese fröhlichen und staubbedeckten Familien, die zu Fuß unterwegs sind, denn der Armenier und ich können noch so viel mit unserem Silber klimpern, wir können von Glück sagen, wenn wir am Tag irgendwo eine Mahlzeit auftreiben. Diese Pilger sind unterwegs zu den heiligen Stätten des Irak, Kazimain und Samarra und Nadschaf und Kerbela, zu den Gräbern von Imamen, Männern, die keinen Schatten werfen, deren Seele Gott gehört. Reiche auf Pferden und Maultieren, Frauen in Kamelsänften, Arme auf Eseln oder zu Fuß, Karawanen mit den weißen Särgen von Verstorbenen, die in heiliger Erde bestattet werden sollen. Den ganzen Tag fahren wir an ihnen vorbei, bespritzen sie, wenn die Straße matschig ist, geben ihnen Staub zu essen, und der Ford hüpft und keucht wie ein Hund auf drei Beinen, denn der armenische Fahrer, der Englisch spricht und eine kaum kaschierte englische Offiziersuniform trägt, empfindet den Triumph des Kreuzes und der Allierten über den Turban und die Hunnen wie seinen eigenen.</p>
   <p>In einem verfallenen Ort, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, übernachteten wir in einer Karawanserei, in einer kleinen Zelle, deren Tür wir mit dem Auto versperrten. Der Armenier bat mich, auf unsere Sachen aufzupassen, und zog los, um etwas zu essen zu besorgen. Ich saß auf dem niedrigen Dach und zog den Kopf ein, um nicht eine der zerbrechlichen Glaskugeln herunterzureißen, die funkelnd an der kobaltblauen Himmelsdecke hingen. Überall im Hof flackerten Lagerfeuer, an denen bewegungslose Pilgergestalten saßen. Sie unterhielten sich so leise, dass man das Kauen der Maultiere und Pferde in den Ställen hören konnte. Gelegentlich blökte ein Kamel. Ein Geruch von brennendem Reisig stieg mir in die Nase und von dem Kaffeehaus in der Toreinfahrt ein süßlicher Opiumhauch. Alles war wie aus dünnem Glas oder Eis, in der intensiven Fragilität des Moments traute man sich kaum zu atmen.</p>
   <p>Ost und West und Nord und Süd waren starke und körperlose Präsenzen, wie das Wesen, das man sich hinter der Gardine phantasierte, als man noch ein kleines Kind war. Die vier Himmelsrichtungen waren Folterinstrumente, die sich in einen bohrten wie die Schwerter der Mater dolorosa. Warum ist der Osten so anders als der Westen, warum ist man im Süden glücklich und im Norden elend?</p>
   <p>Ein Hauch von angesengtem Fleisch lag in der Luft, und dann erschien der Armenier auch schon mit ein paar Kebabspießen in der Hand, dünnem Fladenbrot und einer weißen Melone unter dem Arm. Wir aßen und schliefen auf der Stelle ein.</p>
   <p>Am nächsten Morgen war der Hof leer. Die Pilger waren vor Tagesanbruch verschwunden. Wir tranken etwas Tee und fuhren los. An diesem Tag würden wir den gewaltigen Pass überqueren, der sich tausenddreihundert Meter hinabwindet in die mesopotamische Ebene. Ich war unruhig und bedrückt. Namen der Städte, die ich alle nicht gesehen hatte, summten wie Mücken um die Ohren – Kabul, Herat, Chorasan, Isfahan, Schiras. Bagdad kann das nicht aufwiegen. Es hatte auch so einen deutschen Klang, erinnerte an Artikel in der <emphasis>Nation</emphasis> über die Nahostfrage und an den «Winter Garden». Ah, diese bonbonfarbenen arabischen Nächte.</p>
   <p><emphasis>And the ladies of the harem</emphasis></p>
   <p><emphasis>Knew exactly how to wear ’em</emphasis></p>
   <p><emphasis>In Oriental Baghdad long ago.</emphasis></p>
   <p>Warum schließlich einen Ort ansteuern, der so definitiv in Berlin und New York etabliert ist? Bagdad ist in den Geheimplänen des deutschen Generalstabs, in Jake und Lee Shuberts Bühnenfundus, in den Tresoren der Anglo-Persian. Warum sich am Ufer des Tigris herumtreiben? Zwischen den beiden Flüssen wurde Ausländern immerhin das Wrack des Garten Eden gezeigt und ebenjener Feigenbaum, aus dessen Blättern Adam und Eva Anstand, Moral und Tugend geschneidert hatten. Das war doch etwas!</p>
   <p>Derweil rollte der Ford voran. Wir kamen an all den Pilgern vorbei, die die Nacht in der Karawanserei verbracht hatten. Die ausgedörrte weite Ebene wellte sich, wurde von Gräben durchzogen. Plötzlich floss die Ebene durch eine Bergspalte, die Straße wurde mitgerissen, wir kamen in ein breites, steil abfallendes Tal, das sich zu einer Schlucht verengte, und fuhren im Zickzack eine Bergwand hinunter. Die Hügel vor uns falteten sich wie enorme Stufen zu einer Abfolge von blaugestreiften Horizontalen. Das Meer? «Mespot», sagte der Armenier. «Dort drüben, Bagdad.»</p>
   <p>In Kasr Schirin schienen alle zu glauben, ich hätte es furchtbar eilig. Der Ort war ein hübsches rosa und weißes Städtchen mit Balkonen, die von dünnen weißen Säulen getragen wurden. Ich wollte bleiben und etwas essen, herumsitzen und mir die Stadt ansehen, doch alle dachten, dass ich den Zug verpassen würde, wenn ich nur eine Sekunde wartete. Und bevor ich mich versah, wurde ich in ein Gefährt mit drei Gendarmen samt Gewehr gepackt, und los ging die Fahrt nach Chanikin, wie ich annahm.</p>
   <p>Dieser Wagen wurde von zwei Maultieren gezogen und erinnerte mich ein wenig an die Darstellungen der Ochsenkarren der Merowinger auf den Fleißkärtchen, die man bei einer guten Note im Französischunterricht bekam. Es war eine (ungefederte) Wagonette mit Verdeck und hübsch gerafften Seitengardinen. Der Holzrahmen war mit hellroten und blauen und lila Blumen bemalt. Auf der Ladefläche lagen der Gendarmerieoffizier und ich, der Länge nach ausgestreckt, Rücken an Rücken, die Köpfe elegant mit den Händen abgestützt, während die beiden einfachen Gendarmen zu unseren Füßen hockten. Der Kutscher ging nebenher und trieb die Maultiere fluchend an.</p>
   <p>So verließ ich Kasr Schirin und Persien widerstrebend und in orientalischer Pracht.</p>
   <p>Durch eine aberwitzig zerzauste Landschaft aus rosa und violetten und zart orangefarbenen Hügelchen, zinnoberroter Ödnis und einem großen kieselsteinernen Flussbett. Nirgendwo ein Hauch von Grün, nur dieses Durcheinander aus kraftlosen Mineralfarben in der sengenden Nachmittagssonne. Schlingernd rumpelte der Wagen über die zerfurchte Piste. Rosa Staub legte sich über uns, und schließlich erreichten wir, durchgerüttelt und hungrig und durstig, den Bahnhof, die Endstation aller Endstationen. Ein Gleis mit ein paar gelben Schuppen, alte Männer hockten im Sand und verkauften Wassermelonen. Dahinter noch weitere Schuppen und ein Gleis, auf dem drei separate Güterwagen standen. Ringsherum mehrere Stacheldrahtzäune. Das hier, Bahnhof und Absperrung, war die irakische Grenze.</p>
   <p>Die persischen Gendarmen trugen den Koffer und geleiteten mich ernsten Gesichts in das Bahnhofsgebäude und kehrten wieder um. Der Wagen entfernte sich, und ich war allein mit den Fliegen. Nach Stunden fand ich den Babu Bahnhofsvorsteher, einen wichtigtuerischen und strengen Mann. Hier war eine andere Zeit als in Persien, das Geld war anders, dies war nicht Chanikin, nirgendwo gab es etwas zu essen. Also setzte ich mich draußen vor der Bahnhofstür auf meinem Koffer in den Schatten, versuchte, meine Wassermelone zu essen, bevor die Fliegen sie mir wegaßen, alles klebte mir am Leib, und ich fühlte mich einsamer und einsamer. Weiter hinten am Gleis hockten einige «Eingeborene», charakterlose Eingeborene wie bei Kipling.</p>
   <p>Schließlich kam eine schwarze Lokomotive angeschnauft, die drei graue Waggons mit Fensterläden zog und aus jeder Ritze den Geruch von Dampf und Maschinenöl verströmte, der mich an all die großen Bahnhöfe erinnerte, das alte Seventh Street Depot in Washington und die Grand Central und die South Station und den Gare St. Lazare und den Gare d’Orléans und die Estación del Mediodía und den Bahnhof in Straßburg. Ah, das Essen in Bahnhofsrestaurants und die Drinks in den kleinen Bars auf der anderen Straßenseite! Die Austern in der Grand Central und die Langusten gegenüber vom Gare St. Lazare, die hastig hinuntergestürzten Mahlzeiten in Bobadilla und die Kastanien und Churros am Ende der Calle Atocha, das eingelegte Rebhuhn und die Weinbergschnecken, mit Manzanilla hinuntergespült, all die letzten Mahlzeiten in all den Großstädten, vermischt mit dem Dampfgeruch und dem Wumm-Zisch, Wumm-Zisch, Wumm-Zisch der Lokomotiven. Süßigkeiten, Zigarren, Zigaretten ... Vielleicht ein Chicken-Sandwich, Horton’s Eiskrem ... Keine Bestellungen mehr nach Abfahrt des Zuges ... Oh, selbst die eingewickelten Sandwiches und der Geruch von Windeln in den Zügen der New York, New Haven &amp; Hartford.</p>
   <p>Mir blieb nichts anderes, als in der Dunkelheit zu sitzen, inmitten schreiender Erinnerungen, mich mit Wassermelone vollzustopfen und im Schein der trüben Bahnhofsfunzel die Pilger aus Persien zu beobachten, die nach Überqueren der magischen Linie des britischen Herrschaftsbereichs ihre Fröhlichkeit, die Würde ihrer Gesichter und Bewegungen, die Eleganz ihrer Lumpen und ihrer hohen Filzhüte verloren und, in den stickigen Zug drängend, sich in gesichtslose Kiplingsche Eingeborene verwandelt hatten.</p>
   <p>Unter heftigem Magengrimmen nach allzu viel Wassermelone und in sorgenvoller Erinnerung an den französischen Arzt, der mir gesagt hatte: «Monsieur, en Iraq il ne faut pas abuser des pastèques», rollte ich schließlich die gestreifte Täbris-Decke aus und legte mich schlafen.</p>
   <p>Als ich aufwachte, bot mir ein Engländer einen Drink an. Wir waren in Chanikin. Er kam von irgendwelchen Ölbohrungen im Norden. Wir saßen im trüben Licht des Schlafwagenabteils und sprachen über die Yeziden. Alle seine Arbeiter waren Yeziden, Teufelsanbeter. Er versuchte, Informationen über sie zusammenzutragen, aber es war sehr schwer, etwas Konkretes herauszufinden. Im Mittelpunkt ihres Kults steht eine Stadt beziehungsweise das Grabmal eines Scheich Aadi bei Mossul. Die Yeziden gelten als letzte Angehörige einer manichäischen Sekte. Sie haben ein heiliges Buch, aber Schreiben und Lesen sind ihnen verboten. Der Name Scheitan ist ihnen heilig, und alle S- und Sch-Laute sind aus ihrer Sprache verbannt. In manchen Nächten sollen sie rauschhafte Feste von jener Art feiern, wie sie den frühen Christen von den Römern nachgesagt wurden. Sie verrichten die niedrigsten Arbeiten, sind Straßenarbeiter und Straßenkehrer, ein paar Wohlhabende sind Gemüsegärtner. Sie glauben an die gnostische siebenfache Emanation Gottes, aber Scheitan verehren sie als Herrn dieser Welt in Gestalt eines goldenen Pfaus.</p>
   <p>Schließlich gab es keinen Whisky mehr und keine Melone und nichts mehr über die Yeziden. Wir legten uns schlafen. Als ich aufwachte, war der Engländer verschwunden. Die Sonne erhob sich über einer weiten Ebene, staubig und baumlos wie ein New Yorker Hinterhof, gleichmäßig schlachtschiffgrau in allen Richtungen, ohne Hügel oder Häuser oder die leiseste Aussicht auf ein Frühstück.</p>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>IX</p>
    <p>BAHNHOF BAGDAD</p>
   </title>
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    <title>
     <p>1. Engel auf Rädern</p>
    </title>
    <p>Man sitzt in einem Garten vor der American Bar am Tigrisufer unter mageren Palmen. Im Abendlicht hat der Fluss fast eine Farbe von Orangenschalen. An einem Feuer aus Palmstielen steht ein Araber mit gerafftem Gewand und brät in einer gigantischen Pfanne mit siedendem Fett Pommes frites. Kaum sind sie fertig, serviert er sie khakitragenden Angelsachsen, die ermattet japanisches Bier trinken und über Malaria, Mückenfieber und Durchfall sprechen. Runde Boote aus Schilf und Häuten (siehe Xenophon) fahren schaukelnd auf dem schnellen Strom. Gelegentlich schießt ein langer Kahn mit einer Laterne am Bug unter der Pontonbrücke hervor, die sich kaum von derjenigen unterscheidet, auf der Cäsar den Rhein überquerte. Bei japanischem Bier flammt der Tag gelb auf wie eine flackernde Laterne und verlöscht, es bleibt die Nacht, bleiben die tanzenden Lichter der Kähne, die Bogenlampen auf der Brücke und der sternenübersäte chaldäische Himmel.</p>
    <p>Aus der Ferne dringt das Pfeifen einer Rangierlokomotive und das Rumpeln von Güterwagen über den Fluss. Die Bagdadbahn. Spöttisch ertönen die dieselgetriebenen Lokomotiven hinter dem Horizont. Oh, unvollendete Bagdadbahn, die den Sultan Schah Mulay Wilhelm Khan Pascha mit seinen Ländereien im Orient verbinden sollte, Popanz lebergeschädigter Kolonialoffiziere in Indien, mit dem Leben junger Männer gemästeter Moloch, Phantom auf gespenstischen Rädern, das von den Neunzigern des letzten bis in die tollen Jahre des neuen Jahrhunderts irrsinnige Züge fahren ließ, nur um in der großen blutigen Entgleisung des Krieges ein für alle Mal zerschmettert zu werden. Noch heute schwebt die apokalyptische Vision flammender Räder, die Indien mit Konstantinopel, Wien, Zürich, Berlin und Ostende verbinden, wie ein gieriger und strafender Engel über unseren Köpfen, während wir in der Dunkelheit am Tigris sitzen und japanisches Bier trinken und Pommes frites essen, die ein Araber über einem Feuer aus Palmstielen brät. Aus dem Himmel über uns blicken die alten Götter von Chaldäa ungerührt auf den Fluss und die Pontonbrücke und die Stabsfahrzeuge und die Kasernen und die verwahrlosten Rangierbahnhöfe und die Schützengräben und die Sodawasserfabriken und die ausgebrannten Basare und die Filmtheater und die großen wuchernden übelriechenden Flüchtlingslager.</p>
    <p>«Nun ja», sagt der Dicke aus Illinois, der hier Därme für die Wurstfabriken von Chicago einkauft, «vielleicht ist dies einmal das Chicago des Nahen Ostens ... Aber es muss sich noch viel tun, bevor ich hier in Immobilien investiere ...» – «Weiß nicht, wenn ich in der Nähe des Bahnhofs eine Chance hätte», sagt der Armenier aus St. Louis ...</p>
    <p>Es gibt keine Pommes frites mehr. Wir haben genug von japanischem Bier. Drinnen an der Bar werden die ersten Cocktails serviert. Ich bin allein in der Dunkelheit unter den mageren Palmen. In der Ferne ist das verrückte Pfeifgelächter der Lokomotiven zu hören.</p>
    <p>Hesekiel am Fluss Kebar in der großen Sumpfebene sah ebenfalls Engel auf Rädern:</p>
    <p><emphasis>Und in der Mitte zwischen den Gestalten sah es aus, wie wenn feurige Kohlen brennen, und wie Fackeln ... Das Feuer leuchtete, und aus dem Feuer kamen Blitze ... Die Räder waren anzuschauen wie ein Türkis und waren alle vier gleich, und sie waren so gemacht, dass ein Rad im andern war ... Und sie hatten Felgen, und ich sah, ihre Felgen waren voller Augen ringsum bei allen vier Rädern. Und wenn die Gestalten gingen, so gingen auch die Räder mit.</emphasis></p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>2. Die Wasser zu Babel</p>
    </title>
    <p>Der Lokführer des Zuges nach Kut, ein Schotte, ließ mich freundlicherweise in Babylon aussteigen. In der grauen Ebene glich das einspurige Gleis zwei langen Sonnenstrahlen. Überall Erdhügel und Scherbenhaufen, die man sich als Überreste von Mauern, Ziegelsteinen, Ziggurats denken konnte. Das hier muss ungefähr die 125. Straße gewesen sein. Jeremias kannte sich in Babylon offenbar gut aus.</p>
    <p><emphasis>Ich will ihr Meer austrocknen und ihre Brunnen versiegen lassen. Und Babel soll zu Steinhaufen und zur Wohnung der Schakale werden, zum Bild des Entsetzens und zum Spott, dass niemand darin wohne.</emphasis></p>
    <p>Und Jesaja:</p>
    <p><emphasis>So soll Babel, das schönste unter den Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer, zerstört werden von Gott wie Sodom und Gomorra, dass man hinfort nicht mehr da wohne noch jemand da bleibe für und für, dass auch Araber dort keine Zelte aufschlagen noch Hirten ihre Herden lagern lassen, sondern Wüstentiere werden sich da lagern, und ihre Häuser werden voll Eulen sein; Strauße werden da wohnen, und Feldgeister werden da hüpfen, und wilde Hunde werden in ihren Palästen heulen und Schakale in den Schlössern der Lust. Ihre Zeit wird bald kommen, und ihre Tage lassen nicht auf sich warten.</emphasis></p>
    <p>«Morgen», sagte der Anführer einer Truppe von zerlumpten, staubigen Straßenjungen, die mich in die Innenstadt lotsten. «Bonjour ... ich Babylon kennen ... bloody no good.» Die anderen riefen im Chor «Fluus<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a>, Mista» und tanzten mit aufgehaltener Hand um mich herum, Jesajas Feldgeister, keine Frage. Und so stiegen wir stundenlang in der Mittagssonne über Trümmerhaufen, bis wir schließlich, in der Gegend von Times Square, zum Löwentor kamen und zu dem Fundament einer großen Halle, von der angenommen wird, dass Belsazar dort sein berühmtes Fest feierte.</p>
    <p>Endlich, schweißgebadet und mit staubvollem Mund, ließ ich mich unter einer Palme vor dem stehenden Gewässer niedersinken, der früher der Hauptarm des Euphrats war, und dachte über die erstaunliche Wirkung der Flüche nach, die «der ruhige Fürst» Seraja auf Anweisung Jeremias in ein Buch schreiben und das er, mit einem Stein beschwert, in den Euphrat werfen musste, auf dass mit ihm auch das Schicksal Babylons besiegelt sei. «Ein Glas Bier wäre jetzt schön», murmelte ich kaum hörbar. Die Straßenjungen saßen, die Hand noch immer ausgestreckt, in einem Kreis um mich herum. «Glas Bier», rief ihr Anführer, «subito.» Und rannte los in Richtung der Lehmhütten unter den Palmen.</p>
    <p>Bald darauf kehrte er zurück mit einer Flasche Münchner Exportbier, kühl und beschlagen, und einigen Datteln in einem rosa Tuch. Das ging auf Jeremia. Und es war keine Fata Morgana. Als ich die Flasche ausgetrunken hatte, sagte der Junge erwartungsvoll: «Noch eins», und lief los, eine zweite zu holen. Durch das Münchner erfrischt, begannen die hängenden Gärten, den Staub abzuschütteln. Bel und Marduk saßen wieder in ihren Sternengemächern hoch oben in den Wolkenkratzertempeln, und Ischtars charmante Girls sangen unter den Palmen. Und zwar «Deutschland, Deutschland über alles».</p>
    <p>Nun ja, wenn allein schon die Hoffnung der Bagdadbahn dafür sorgt, dass Münchner Bier über die Staubhügel von Babylon fließt ... Aber das ging auf einen der hebräischen Propheten.</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>3. Unabhängigkeitserklärung</p>
    </title>
    <p>In Bagdad, genau wie im alten Rom, werden Besuche im Morgengrauen abgestattet. Gähnend dirigierte mich der Guide durch noch nachtkühle Gassen, unter schmalen, zerfallenden Bögen, vorbei an rissigen Lehmmauern, bis wir zu einer steilen Treppe in einer dicken Wand kamen. Am oberen Ende wartete ich in einem dunklen Zimmerchen, während der Guide durch eine Tür mit türkischen Intarsien voranging. Wenig später kam er zurück und führte mich in einen leeren, mit Teppichen ausgelegten Raum. «Und Scheich Soundso?» Er machte eine tätschelnde Handbewegung. «Schwajja, schwajja ...»</p>
    <p>Wir setzten uns in eine kleine Fensternische. Unten floss der Tigris, schnell und braun, mit blauem Dunst überzogen. «Heutzutage», fuhr der Mann fort, «ist es für einen irakischen Patrioten sehr gefährlich ... Wir haben die Engländer in ihrem Kampf gegen die Türken gern unterstützt. Aber jetzt ist alles anders. Die Engländer sind wie der alte Mann des Meeres: zuerst sind sie leicht, dann werden sie immer schwerer. Und wenn ein wichtiger Mann sich gegen sie stellt ... nun ja ... Cokus<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a> lädt ihn zum Tee ein ... und wenn er am nächsten Tag aufwacht, ist er unterwegs nach Ceylon. Der Mann, den wir heute besuchen, hat große Angst, von Cokus zum Tee eingeladen zu werden.»</p>
    <p>Schließlich wurden wir von einem Jungen mit einem roten Tuch um den Kopf in eine Halle geführt, Teppiche auf dem Boden, ringsum große Sitzkissen an der Wand. Nach den unerlässlichen Begrüßungsformeln nahmen wir am anderen Ende des Saals Platz, in der Nähe eines alten Herrn in taubengrauem Gewand mit einem prachtvollen goldenen und silbernen Bart. Wir tranken Kaffee, und schließlich wandte sich der alte Herr an mich. Er sprach mit leiser, warmer Stimme, die Augen zu Boden gerichtet, und mit langen braunen Fingern strich er gelegentlich an seinem Bart entlang, ohne ihn zu berühren. Und wenn er innehielt, damit der Guide dolmetschen konnte, musterte er uns scharf. Mir fiel auf, dass er blaue Augen hatte.</p>
    <p>Der große amerikanische Scheich Washiton, sagte er, habe vor vielen Jahren ein Buch geschrieben, in dem er die Unabhängigkeit Amerikas von den Ingliz erklärt habe. Seitdem hätten wir insoweit die Gebote des Propheten befolgt, als wir an einen einzigen Gott glaubten und der Genuss von Wein verboten sei. Das sei alles ganz ausgezeichnet. Und in dem großen europäischen Machtpoker in Paris habe unser Mister Vilson, ebenfalls ein großer Scheich, in seinen Vierzehn Punkten erklärt, dass alle Nationen frei, gleich und unabhängig seien. Auch das sei sehr gut. Wenn es nicht der Wille Gottes gewesen wäre, hätte er eine Nation geschaffen und nicht viele.</p>
    <p>Die arabische Nation, die Gemeinschaft der Gläubigen in Bagdad und Damaskus, habe den Ingliz und Faransawi bereitwillig geholfen, die tyrannischen Osmanli zu verjagen, die nun, den Worten von Mister Vilson zufolge, mit aller Welt in Frieden leben wollten. Doch die Alliierten handelten nicht entsprechend den Worten von Mister Vilson und auch nicht entsprechend den Grundsätzen von Scheich Jurj Washiton. Das sei nicht gut. Die Faransawi hätten arabische Patrioten in Damaskus ins Gefängnis geworfen, und die Ingliz brächen ihr Wort und seien dabei, die Iraker zu versklaven. Die Ingliz glaubten, sie könnten die Araber von Bagdad und Basra und Damaskus wie das Volk von Hind behandeln. Sie würden erkennen, dass die Araber aus härterem Holz geschnitzt seien. Sie hätten versucht, durch die Errichtung von sogenannten Königreichen das Volk zu täuschen, wo doch der einfachste Lastenträger im Basar wisse, dass Feisal und Abdullah und selbst der König des Hedschas, obwohl ihm die heiligen Städte unterstehen, sich einzig auf die Gewehre der Ingliz stützten.</p>
    <p>Der Amerikai müsse seinen Landsleuten berichten, dass das Volk des Irak weiterhin für seine Freiheit kämpfen werde und für die Prinzipien, die Scheich Washiton und Mister Vilson verkündet haben. Der letzte Aufstand sei gescheitert, weil schlecht vorbereitet. Das nächste Mal ... Seine Stimme wurde ein kleines bisschen lauter.</p>
    <p>Wir erhoben uns, er geleitete uns zur Tür. Ich bat meinen Guide, ihn nach dem Plebiszit zu fragen. Der alte Mann lachte. O ja, in den Basaren habe man Zettel verteilt, die aber schon mit einem Ja für das Mandat bedruckt seien, damit die Ungebildeten, ohne es zu wissen, für die Regierung stimmen. Doch nur die Juden hätten ihre Stimme abgegeben und ein paar Ungebildete. Welcher Mensch, der lesen kann und das Gesetz kennt, werde sich durch Teilnahme an dieser Abstimmung erniedrigen?</p>
    <p>O Selbstbestimmung, wo ist dein Stachel?</p>
   </section>
   <section>
    <title>
     <p>4. Missgeschick eines Konsuls</p>
    </title>
    <p>Aufgrund der Fata Morgana und weil wegen der Erdspalten in alten Wasserläufen der Piste schwer zu folgen war, trafen der Repräsentant des Weißkopfseeadlers und ich erst sehr spät in Samarra ein, nachdem wir in unserem Ford den ganzen Nachmittag durch die kahle, steinübersäte Ebene gefahren waren, in der man immer wieder an Trümmerhaufen verfallener Städte und Türme vorbeikommt. Es war fast dunkel, als wir auf der verrückten Fähre übersetzten und in der Ferne die Silhouette des mächtigen Ziggurat sahen, der an den Turm von Babel in alten Bibelillustrationen erinnerte. Gleich hinter uns kam der Berater in seinem Auto, um herauszufinden, was wir im Schilde führten. Wir begaben uns alle zum Haus des Gouverneurs, wo wir Zimmer bekamen, deren plüschiges Mobiliar frisch aus London importiert worden war. Das Dinner war eine grandiose Angelegenheit. Der Höhepunkt des Abends war, als der Gouverneur, angeregt durch hochprozentige Getränke (der Koran verbietet schließlich nur Wein) uns mit Brillantine salbte. Der Repräsentant des Weißkopfseeadlers war ein hochgewachsener Mann, der weder rauchte noch trank. Er saß aufrecht da, mit einem Glas Arak in der Hand, den er nicht anrührte, Brillantine lief ihm über das Gesicht, während ihm der Gouverneur durchs Haar fuhr. Der Berater, der seinen eigenen Whisky mitgebracht und sich der Operation fröhlich unterzogen hatte, lehnte sich mit puterrotem Gesicht zurück. Es war ein netter Abend.</p>
    <p>Auf der Rückfahrt nach Bagdad am nächsten Nachmittag verfransten wir uns völlig. Bei Einbruch der Nacht war kein Tropfen Benzin mehr im Tank. Wir befanden uns auf irgendeiner Piste zwischen Tigris und Euphrat. Nach längerem Palaver, denn es galt als unsicher, sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb von Städten aufzuhalten, ließen wir den Repräsentanten des Weißkopfseeadlers meloneessend im Wagen zurück, während wir uns auf die Suche nach einem geheimnisvollen Dorf machten, wo wir vielleicht einen Kanister Benzin auftreiben würden.</p>
    <p><emphasis>Geht hin, ihr schnellen Boten, zum Volk, das hochgewachsen und glatt ist, zum Volk, das schrecklicher ist als sonst irgendeines, zum Volk, das befiehlt und zertritt, dessen Land Wasserströme durchschneiden.</emphasis></p>
    <p>Seltsam, wie bibelerfüllt dieses Land ist, wie sehr die Verwünschungen der hebräischen Propheten diese trostlosen Ebenen und Steinhaufen versengt und verdorrt haben.</p>
    <p>Der Konsulatsdiener und ich machten uns also auf die Suche nach Benzin. Abdullah war ein verhutzelter, brauner, sorgenzerfurchter Mann, der lange geduckte Schritte machte. Wir entfernten uns in östlicher Richtung von der Straße, einigen schwachen Lichtern entgegen, bei denen es sich vielleicht um ein Dorf handelte. Es war eigentümlich, über den unebenen Boden zu laufen. Am Himmel waren Sterne, aber sie gaben kein Licht. Ein kühler staubiger Wind schlug uns manchmal entgegen, ein Wind, der nach nichts roch. Wir gingen durch eine Leere, aus der sich alle Formen und Farben und Gerüche zurückgezogen hatten, so wie sich eine Schnecke in ihr Haus zurückzieht. Wir gingen und gingen, ohne ein Wort zu sagen. Abdullah legte die Hand auf meinen Arm. Wir blieben stehen. Direkt vor unseren Füßen klaffte ein tiefes Erdloch. Ich erinnerte mich, tags zuvor während der Fahrt Steinbrüche oder Kalkgruben gesehen zu haben. In der Dunkelheit war ein flackerndes Licht zu erkennen. Irgendwo roch es nach brennendem Holz. Wir kletterten und rutschten den Abhang hinunter, bis wir auf schlammigem Grund standen. Abdullah ging voran, ich hinterher, so gut es ging. Wir kamen zu einem brennenden Ofen. Rauchschwaden hüllten uns ein. Da wir niemanden fanden, stiegen wir wieder hinauf. Wir hörten Hundegebell. Als wir uns dem Dorf näherten, kam uns die kläffende Meute entgegen. Wir machten ein paar Lehmhütten aus und gingen dorthin, während die Hunde knurrend und zähnefletschend nach uns schnappten.</p>
    <p>Ein alter Mann schaute verschlafen aus einer Tür und zeigte uns den Weg nach Kazimain. Eine ganze Weile folgten wir der Piste, bis sie irgendwo aufhörte und wir wieder über die zerklüftete Ebene stolperten. Das war frustrierend. Nach etwa einer Stunde stießen wir auf ein Eisenbahngleis. Die gute alte Bagdadbahn! Es hätte die Willimantic Air Line sein können. Schließlich kamen wir zu einem Bahnhof. Alles war dunkel, aber nach Osten ging wieder eine Straße. Sie führte durch ein Armeecamp. Zu Dudelsack und leisem Getrommel tanzten Soldaten neben lodernden Lagerfeuern. «Kazimain», sagte Abdullah, legte mir eine Hand auf die Schulter und wies mit der anderen zum Horizont.</p>
    <p>In Kazimain klopften wir so laut am Tor des persischen Konsulats, dass die Toten aufgewacht wären. Schließlich erschien der Konsul in Pantoffeln persönlich in der Tür, hinter ihm Diener mit Lampen. Er muss gedacht haben, dass die perfiden Ingliz gekommen waren, ihn zu ermorden. Als er von der Lage seines Kollegen vom Weißkopfseeadler erfuhr, rang er die Hände und ließ seine Limousine vorfahren. Wir fuhren eilig die Straße entlang, um dem gestrandeten Konsul Hilfe zu bringen, bis die Straße plötzlich vor einer tiefen Erdgrube endete. Der Chauffeur des persischen Konsuls schüttelte den Kopf. Er könne unmöglich weiterfahren. Also machte sich der Hilfstrupp wieder zu Fuß auf den Weg, durch Rinnen und Hohlwege stolpernd, bis wir, jeder mit einem Kanister Benzin in der Hand, ganz erschöpft zu dem brennenden Kalkofen kamen. Schließlich fanden wir die Spuren des Fords auf einem Pfad. Wir riefen und jodelten. Von fern antworteten die kläffenden Hunde. Abdullah fand ein Stück Melonenschale. Das Auto war verschwunden. Hier musste es gestanden haben. Langsam und ahnungsvoll fügte er die Schalen zu einer kompletten Melone zusammen. In der Sternendunkelheit war sie kaum zu erkennen. Ja, alles deutete darauf hin, dass dies die Melone war, die der Sahib Konsul gegessen hatte, als wir ihn zurückgelassen hatten. Das Auto war verschwunden, vielleicht hatten Räuber es weggetragen. Abdullah hockte sich an den Wegesrand, wollte dort bis zur Morgendämmerung sitzen bleiben. Ich ließ ihn neben den Kanistern sitzen und machte mich zu Fuß auf den Weg nach Bagdad.</p>
    <p>Allein auf staubigen Pisten zu gehen, dabei aufmerksam den Furchen zu folgen, ist, als bewege man sich durch einen Traum, an den man sich nicht mehr erinnert. Die Vielzahl unbekannter Sterne. Die Ebene ist trotz der Sterne vollkommen dunkel und leer, wird erdrückt von der Leere. Unter der Stille ist ein Vibrieren, das jederzeit in das irre Gekläff von Pariahunden ausbrechen kann. <emphasis>Land voll schwirrender Flügel ... ein Volk, das befiehlt und zertritt, dessen Land Wasserströme durchschneiden.</emphasis></p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>X</p>
    <p>DIE STEINIGE WÜSTE </p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>VON DAMASKUS </p>
    </title>
    <p>«Was, Sie haben noch nie eine Prärieauster gegessen?», rief der Major. – «Nein.» – «Na, das holen wir sofort nach, gleich heute Abend!» Und so geschah es auch, nachdem wir allen einen Rundflug mit verbundenen Augen angeboten hatten, selbst dem Koch und den Lastenträgern und einem kleinen Mann, der von der Straße weg hereingezerrt wurde, und während wir unsere Prärieaustern<a l:href="#n_27" type="note">[27]</a> verspeisten und einen letzten Schluck Scotch tranken, fielen irgendwo am Stadtrand Gewehrschüsse. Jemand schaute hinaus auf den regnerischen Platz vor dem Fenster und sagte: «Oha, klingt nach einer Schießerei.» Nachdem ich zu Bett gegangen war, konnte ich durch das Regenlispeln an Lehmmauern hin und wieder einen Schuss hören, der wie splitterndes Glas durch den Rhythmus des Regens fuhr.</p>
    <p>Morgens bei Eiern und Speck stellte sich heraus, dass es ein Überfall auf den Serai, den Regierungssitz, gewesen war und dass der Tresor erbeutet worden war. «Macht nichts», sagte der Berater, «ich weiß, wer es war, ein guter Freund von mir. Ich werde ihn einsperren lassen. Diese verdammten einheimischen Soldaten stecken wahrscheinlich unter eine Decke mit ihm. Ich werde ihn mir vorknöpfen.» Kaum hatten wir die letzte Tasse Tee getrunken, als mit großem Tamtam ein junger Mann hereingerauscht kam, der eine elegante persischen Abaya aus Kamelhaar und einen kostbaren rosa Agal trug, der so schwer mit Goldfäden durchwirkt war, dass er ihm grotesk schief auf dem Kopf saß. Er sagte, er sei der Sohn des Naqib von Medina und ein Verwandter von König Faisal, und gab, wie ich später erfuhr, eine lebhafte Beschreibung des heldenhaften Widerstandes, den das Karawanenlager im Kampf gegen die Angreifer geleistet hatte. Er sagte auch, dass es für die Kamele zu nass sei und dass wir uns noch einen Tag die verfallenen Mauern und Dattelgärten von Ramadi angucken sollten. Morgen, so Gott will ... Bukra inschallah.</p>
    <p>Dann wurden der Pilot und der Geheimdienstmann und ich eingeladen, den jungen Mann mit dem rosagoldenen Agal in seinem Zelt zu besuchen. Ich musste auf einem Pferd mit roten Troddeln am Zaumzeug reiten. In dem Zelt, einem in Bagdad gekauften englischen Zelt, saßen wir auf Schaffellen und tranken Tee und aßen türkische Süßigkeiten, und ich blätterte in meiner Liste mit arabischen Ausdrücken wie in einem Brevier. Bronzegesichtige Leute traten ein, grüßten höflich und schwiegen. Talgiger Schaffellgeruch. Blitzende Augen und Zähne, braune Zehen auf einem persischen Teppich, schlanke Hände bewegungslos unter Gewandfalten, und ein verwegen aussehender Mann mit schwarzem Bart reichte kleine bauchige Teegläser herum, in die der junge Mann mit dem rosagoldenen Agal, der, wie sich herausstellte, Sajjid Mohammed hieß, als besondere Aufmerksamkeit eigenhändig Kondensmilch gab. Schließlich entkamen wir nach vielen beiderseitigen Verbeugungen und Höflichkeiten an die frische Luft und kehrten zurück zu Stühlen, Whisky-Soda und Lunch. Am Nachmittag tauchte der unermüdliche Sajjid Mohammed wieder auf und schleppte mich zu den Kaffeehäusern und Zigarettenhändlern im kleinen Basar nahe dem Euphrat. Wir hockten auf Korbbänken, grinsten einander zu, sprachlos wie Affen, und beobachteten die schimmernden Fliegen draußen in der Sonne und tranken aus winzigen Tassen Kaffee, nachtschwarz und mit einem Gewürz versetzt, dem Kraut des Aufschubs vielleicht, das jene bittersüße Schläfrigkeit herbeiführt, die einen überkommt, während man auf Dampfer wartet, die Kohle bunkern, und darauf, dass Straßen wieder trocknen und Flüsse wieder passierbar werden und Karawanen aufbrechen. Morgen, inschallah, so Gott will, werden wir die Reise durch die Wüste nach Damaskus antreten.</p>
    <p>Und in dem Moment kämpfte sich ebenjener rostige Ford ächzend durch die Morastfurchen und Pfützen, der mich von Bagdad über das Steppenland zwischen den beiden Strömen transportiert hatte. Der Sajjid war sofort Feuer und Flamme, und nach langen Diskussionen fuhren wir durch den Nieselregen, schaukelten durch Tümpel, knatterten durch schmale Gassen, verscheuchten alte Frauen und Hühner und erschreckten Pferde, die sich aufbäumten und losrissen. Das halbe Kaffeehaus war herbeigeeilt, ernste, braungewandete Männer mit Bärten wie Micha und Hesekiel standen auf den Trittbrettern, kleine Buben zogen sich das Gewand über die Schulter und rannten hinter uns her, und bei jeder Fehlzündung rollten alle mit den Augen und riefen Hamdulillah, gelobt sei Gott. Nachdem wir die Mauern und Dattelgärten und die Friedhöfe von Ramadi zweimal umkurvt hatten, knallte der Motor noch einmal laut, das Getriebe rumorte entsetzlich, und dann blieb der Wagen schließlich stehen. Der Fahrer riss sich den Tarbusch vom Kopf und brach in Wehklagen aus, und alles brüllte vor Lachen. Nutzte die Gelegenheit, durch einen Mauerspalt nach Europa, in das britische Offizierskasino zu schlüpfen, wo ich den <emphasis>Strand</emphasis> las, bis es wieder Zeit war für Whiskys mit Soda.</p>
    <p>Nach dem Dinner und Diskussionen über Bewässerungsprojekte und Aufstände machte ich mich, begleitet von zwei Männern mit Laterne, auf den Weg zum Karawanenlager. Ein regnerischer Wind blies uns ins Gesicht, ständig gingen die Laternen aus, und wir rechneten damit, in jedem grauen Fleck in der undurchdringlichen Schwärze der Nacht einem Kameldieb zu begegnen. Schließlich hörten wir jemanden singen, und im Wind lag das Blöken und der scharfe Geruch von Kamelen. Die Bediensteten der Engländer überließen mich in meinem Zelt der Obhut eines diensteifrigen und verdreckten Mannes namens Fahd, der mit geübten Handgriffen mein Bett herrichtete und sich entfernte. Daraufhin erschien ein gewisser Saleh, ein hakennasiger Bursche im englischen Armeemantel, und sagte mit leichter Cockney-Färbung: «Ich spreche Englisch, Mann. Boy gewesen in englisch Armeecamp, Mann. Ich zuständig für Kamele.» Dann hielt er inne und begann, einfühlsam und gutgelaunt, noch einmal von vorne. «Geht es morgen los?», unterbrach ich ihn. Er verdrehte die Augen, gurgelte ein Inschallah und verschwand. Ich saß auf meinem Feldbett und sah mich um. Das Zelt war innen karminrot, kleine Herzen und Karos zierten die Türklappen. Es war oben rund, lief spitz auf eine einzige Stange zu, der Boden war achteckig. Ich fühlte mich wie ein Wurm in einer Fuchsie. Regen war aufgekommen, der leise auf das Dach trommelte. Ich zog mich langsam aus und lauschte dabei dem ungewöhnlichen Knurren und Stöhnen der Kamele. Hier war endlich Schluss mit den Kolonien und Whisky-Soda und dem <emphasis>Strand</emphasis> und Konservendosen und der American Bar am Tigris und den soldatenübersäten, schienenzerfurchten Müllkippen des Westens. Ich wickelte mich in meine Täbris-Decke und blies die Kerze aus. Der Regen trommelte jetzt lauter auf das Zeltdach über mir. Männer, die das Camp bewachten, riefen sich in Abständen einen langen rauhen Ruf zu. Einmal fielen Schüsse irgendwo in der Ferne. Und vor meinem Zelt sang jemand eine leise Melodie, immer wieder dasselbe. Etwas von Ali Asgar, Ali Afgar, tot in Kerbela. Das Wort mayyit, tot, erkannte ich wieder, weil wir, auf dem Weg von Bagdad, an einem kleinen Hindujungen vorbeigekommen waren, der mit steinernem Lächeln am Straßenrand lag, Jassem hatte ihn sich angesehen und war zum Auto zurückgekommen, hatte das bärtige Gesicht geschüttelt und mayyit gesagt, und dann waren wir weitergefahren. Ich lauschte dem Lied und dem Grummeln der Kamele und dem Regen und schlief ein.</p>
    <p><emphasis>Erster Tag</emphasis>. Kroch frühmorgens aus meinem Zelt und sah, dass alle anderen schon abgebaut waren und jedermann geschäftig und laut rufend umherlief. Das Dromedar, dem ich tags zuvor vorgestellt worden war und das, wenn ich richtig verstanden hatte, auf den Namen Malek hörte, wartete bereits, und oh, die quastenverzierten Satteltaschen schleiften auf der Erde! Die Dattelpalmen von Ramadi standen knietief im Dunst, der sich in Erwartung des Sonnenaufgangs golden zu verfärben begann. Während ich nach dem silberverzierten Sattelknauf griff, kamen alle neugierig herbeigelaufen, um zu sehen, ob ich herunterfallen würde, wenn Malek sich schaukelnd erhob. Die Fußfessel wurde gelöst. Malek grunzte und klappte sich auf wie ein Taschenmesser. Mein Kopf ragte nun über den Dunst in das Sonnenlicht, das mir rot in die Augen stach. Dann machten wir kehrt und folgten der langen Reihe von Lastkamelen, die rötliche Piste entlang, die in nordwestlicher Richtung nach Kubaisa führte, und zum ersten Mal bemerkte ich um die Schatten, die mein Kopf und Maleks nickender Kopf und Fahds Kopf warfen, den Halo, der Cellini in solches Entzücken versetzt hat.</p>
    <p>Schon jetzt reden alle von Schutzgeld. Man rechnet damit, dass gewisse Toman-Badawi uns angreifen werden, wenn wir nicht fünf türkische Pfund pro Tier bezahlen. Wir werden von einigen prächtigen kampferprobten Männern auf Ponys begleitet, Gefolgsleuten eines gewissen Abdul Aziz, wenn ich den Namen richtig verstanden habe, Oberscheich der Delaim. Kaum waren wir außer Reichweite des Serais von Ramadi, waren wir auf uns allein gestellt. Am Nachmittag ließ ich mich hinter den Hauptteil der Karawane zurückfallen und war gerade dabei, mit dem Sajjd Mohammed, seinem Koch Hadschi Mohammed und einem rehäugigen braunen Jungen aus Damaskus namens Saleh über einem Feuer aus Bitterkrautzweigen Tee zu machen, als plötzlich auf einer steinigen Anhöhe im Westen dahinpreschende Kamelreiter auftauchten. Als sie uns sahen, hielten sie an und saßen ab, im Wind war das Stöhnen und Knurren der Tiere zu hören, der Sajjid griff nach seinem Gewehr und spuckte große Töne, der Koch packte rasch das Teezeug zusammen, und dann ritten wir so eilig der Karawane hinterher, dass die Satteltaschen flogen und klapperten und die Dromedare geiferten und schnaubten. Wunderbar, wie alle Verantwortung von einem genommen wird, wenn man die Sprache nicht versteht. Ich folgte den anderen, ohne die leiseste Vorstellung, wer Freund oder Feind war, und da ich meine Uhr per Luftpost geschickt hatte, war ich ganz unbesorgt. Natürlich war es ein falscher Alarm, aber der Schreck fuhr einem trotzdem in die Glieder. Fast wie bei den Lerchen, die vor den Kamelen singend aufflatterten, und bei dem Karnickel, das in den Dornbusch davonhoppelte.</p>
    <p><emphasis>Zweiter Tag</emphasis>. Wir kampierten an einem Ort namens Sheib Mohammedi in der Nähe einer Wasserstelle. Am nördlichen Horizont sind schwarze Rauchtupfer von den Asphaltgruben von Kubaisa. Heute Morgen musste ich Abaya und Kefiya anlegen, da Saleh mir im Auftrag von Jassem mitteilte, dass eine europäische Kopfbedeckung dem Ansehen der Karawane schade – «Englisch Hut nix gut, Mann. Arabisch Hut gut.» Also liege ich in der ganzen Pracht einer neuen Bagdader Abaya auf einem Teppich vor meinem Zelt, über mir ein leuchtender Himmel, gestreift wie eine türkisblaue Gesteinsschicht. Neben meinem Zelt werden die großen Ballen, die auf Jassem er-Rawwafs Kamelen transportiert werden, im Halbkreis um ein Feuer gestapelt, an dem die würdevollsten Leute der Karawane sitzen und Kaffee trinken. Gegenüber ist das englische Zelt von Sajjd Mohammed, offenbar Treffpunkt der Jeunesse dorée. Komplettiert wird der Kreis durch die Ballen der sechs, sieben anderen Gruppen, die noch zur Karawane gehören, aufgebaut in einem Halbmond windwärts zum Feuer, wie die von Jassem. Außer dem Sajjid und mir und den Tanzmädchen mit Ziel Aleppo ist nur ein Kaufmann aus Damaskus so erschöpft, dass er sein Zelt aufbaut. Alle anderen sitzen im Freien auf Teppichen um die Feuer. Die Kamele weiden auf den Hügeln an der Wasserstelle, zeichnen sich dunkel in eigentümlichen Silhouetten gegen den Himmel ab. Gelegentlich sieht man einen Wächter mit einem Gewehr über dem Rücken bewegungslos auf einem der gelbbraunen und stahlvioletten Hügel stehen, die sich wie ein Durcheinander von Meereswellen in alle Richtungen entfernen.</p>
    <p>An der Wasserstelle, wo ich gebadet habe, hatte ich eine lange Unterhaltung, bestehend aus sieben Worten und vielen Gesten, mit einem von Sajjid Mohammeds Leuten, einem hochgewachsenen Mann namens Suleiman, der sehr schlanke Füße und Hände hatte. Er fragte nach einem Engländer namens «Hilleby», unter dessen Kommando er im Nedschd Kamelführer gewesen sei. Meine Antwort, dass ich von Hilleby wüsste, fand er hochinteressant. Auch er habe sich wie ein Araber gekleidet und sei ein Freund der süßen Wüstenluft gewesen. «Luft in Wüste wie Honig. Luft in Bagdad schlecht.» Suleiman pflückte einen Zweig von einer aromatischen Pflanze und ließ mich daran riechen, eine Art Rosmarin vielleicht. «Wüste so», sagte er und verzog dann das Gesicht zu einer Grimasse größter Abscheu, «Ingliz von Bagdad so. ‹Hilleby› Freund von Araber, keine Angst vor Wüste, sehr gut.» Dann nahm er mich bei der Hand und führte mich zum Zelt des Sajjid, wies mir den Ehrenplatz zu und brachte Kaffee und Datteln. Nachdem ich lange dort gesessen und versucht hatte, das eine oder andere Wort der Unterhaltung aufzuschnappen, in der es offenbar um den Nedschd ging und dass dort nicht geraucht werden dürfe und was für ein großer und edler Mensch Ibn Saud sei, den selbst die Engländer als Sultan anerkennen, tauchte Fahd auf, mein Kamelführer, und berichtete, dass das Abendessen fertig sei. Er und Bagdad-Saleh vermittelten mir den Eindruck, dass ich mich nach Ansicht von Jassem und seinen Leuten in schlechter Gesellschaft bewege, wenn ich so oft im Zelt des Sajjid Mohammed sei. Saleh sagte jedenfalls etwas in der Art, als er bei Sonnenuntergang die Kamele zurückholte: «Sajjid nix gut, Mann.» In der Wüste ist das gesellschaftliche Leben offenbar genauso kompliziert wie anderswo auch.</p>
    <p>Und so saß ich allein in meinem Zelt und aß Reis und Dosenwürstchen, noch dazu koschere. Ich spähte durch den Türschlitz – Fahd fand, dass ich im Verborgenen essen solle, und schloss mich jedes Mal sorgfältig ein, wenn er hinausging – und versuchte, mir ein Bild von den anderen Teilnehmern der Karawane zu machen. Um Jassem er-Rawwafs Lagerfeuer waren mein Zelt und das der Tanzmädchen, aus dem leises Babygeschrei erklang, und die kleineren Lagerfeuer von Leuten mit nur wenigen Kamelen, die sich Jassem offenbar angeschlossen hatten. Gegenüber das khakifarbene Zelt des Sajjid und das große Zelt des Kaufmanns aus Damaskus und die beiden Sänften, in denen ein kleiner türkischer Händler und seine Frau unbeweglich saßen. Am einen Ende des Ovals war das Lager der Männer, die die jungen Kamele nach Syrien überführen, wo sie verkauft werden sollen, und am anderen Ende die Gruppe, in der besonders ein würdiger alter Herr mit grünem Turban und einem Bart wie Schnee und einem dunkelblauen Regenschirm auffiel.</p>
    <p>Blaue Rauchspiralen ziehen von den Lagerfeuern durch das amethystfarbene Dämmerlicht. Kamele nähern sich in dichter Schar dem Lager, schnuppern die Luft, knabbern hier und da an Zweigen, werden von dem langgezogenen labialen Kommando des Treibers weitergedrängt. Der Mollah singt das Abendgebet. Die Männer stehen barfuß in einer langen Reihe, das Gesicht nach Südwesten, und werfen sich wie im Gleichklang langsam zu Boden. Allmählich füllen die Kamele das weite ovale Areal zwischen den Lagerfeuern, bekommen ihre Fußfesseln angelegt und falten sich kauend und stöhnend der Reihe nach zusammen. Die Sterne zeichnen sich wie deutliche Flecken am leuchtend kristalldunklen Himmel ab. Meine Decken riechen nach Kamel und Qualm. Zwei Schüsse reißen mich aus dem Schlaf, als hätte jemand mitten in der Nacht geklingelt. Stimmen sind zu hören und das Knirschen von Kieselsteinen unter nackten Füßen. Saleh schaut zum Zelt herein und sagt stolz: «Harami, peng peng, imschi, gehen fort.» Und dann wiegt mich das leise, undeutliche Grummeln von fünfhundert Kamelen wie auf Wellen wieder in den Schlaf.</p>
    <p><emphasis>Dritter Tag</emphasis>. Nach mehreren Stunden Ritt sahen wir Palmen in einer flachen Senke und erreichten den kleinen Wüstenhafen Kubaisa, zusammengekauert in Lehmmauern zwischen Felswänden und Sandhügeln. Stattete dem Mudir einen Besuch ab und vertrödelte den halben Tag mit Ergebenheitsadressen, Kaffee und Nettigkeiten. Vor dem Stadttor spielten Kinder mit einer zahmen Gazelle. Wurde von einem angenehmen dicken Scheich zu sich nach Hause abgeschleppt, wo es ein wundervolles Essen gab, Eier und Reis und gebratene Datteln und Huhn. Der dicke Scheich wird uns begleiten, um durch die Majestät seiner Erscheinung die Badawi abzuschrecken. «Alles Freunde», sagte er und schlug sich an die Brust. Musste neun oder zehn verschiedene Dattelsorten probieren und durfte nicht auf den Basar gehen, stattdessen wurden alle möglichen Bediensteten entsandt, die mir das Gewünschte besorgen mussten. Diese ganze vornehme Gesellschaft ist ziemlich anstrengend. Flüchtete schließlich mit einem Buch durch eine lange Felsschlucht zu einer tiefen Bergsenke voller mineralischer Quellen, die in gelbem Gestein dampften und brodelten. Ganz wie auf dem Sinai. Jehova war oft hier damals.</p>
    <p><emphasis>Vierter Tag</emphasis>. Heillose Komplikationen. Der Mudir kam, um Jassem und dem Amerikai seine Aufwartung zu machen, ließ sich aber in das Zelt von Sajjid Mohammed locken, der ein ziemlicher Wichtigtuer ist. Erregung und finstere Blicke. Dann Entschuldigungen. Abermaliger Besuch, endloser Austausch von Höflichkeiten. Ich hockte da und grinste und nickte wie eine blöde Porzellanfigur. Aber der Sajjid zog seine Infamie in großem Stil durch, breitete Teppiche und Abayas auf der Erde aus und präsentierte mit grandioser Geste einen Korb mit Datteln und eine Tüte mit türkischen Süßigkeiten, die der Mudir unter seinen Dienern und den Krüppeln und Lahmen und Blinden in seiner Umgebung verteilte. Ein prächtiger Tag für den Sayyid. Bukra inschallah brechen wir auf.</p>
    <p><emphasis>Fünfter Tag</emphasis>. Malek, mein Kamel, hat lange Wimpern und buschige Augenbrauen, die es hochziehen kann. Bemerkenswert, wie wählerisch Kamele in puncto Essen sind. Manche saftig aussehende Büsche werden ignoriert, aber hin und wieder gibt es kleine Rosetten mit distelartigen Blättern, die sie gierig anstieren, und wie sehr man das Tier auch antreiben mag, man bekommt es nicht von der Stelle.</p>
    <p>Aufbruch am frühen Morgen mit beträchtlichem Tamtam, die Sonne steht uns im Rücken, die Schatten sind unglaublich lang und enden in hellen Lichtkronen. Ritt gemeinsam mit dem dicken Scheich, der aus seinen Satteltaschen immer neue Hühnchenkeulen hervorholte. In unserer Karawane besteht folgende Ordnung: Die einzelnen Gruppen reiten separat los, Jassems Trupp gewöhnlich zuerst, und bilden allmählich eine Linie, und sobald die Granden sich den Schlaf aus den Augen gerieben haben und die Sonne ihre Dromedare zum Leben erweckt hat, reiten sie voran. Ein, zwei Agail kann man immer bei ihren Erkundungen auf den steinigen Hügeln am Horizont sehen. Mittags versammeln sich die Granden um Kochtöpfe mit Reis und trinken Kaffee, während die Karawane weiterzieht, die sie im Laufe des Nachmittags wieder einholen.</p>
    <p>Heute Abend kampieren wir in einer flachen Senke, bedeckt mit kleinen aromatischen Pflanzen, Schih und Ruetha. Ruetha, wahrscheinlich das wohlriechende Kraut, von dem Xenophon in seiner <emphasis>Anabasis</emphasis> wiederholt berichtet, scheint den Kamelen ganz besonders zu schmecken. In der Regenzeit muss es hier viel Wasser geben. Übrigens scheint die Regenzeit bevorzustehen, da sich im Norden mächtige Regenwolken auftürmen, worüber alle hocherfreut sind, denn hier sagt man, dass ein Tag Regen reichlich Nahrung für die Kamele bedeutet. Und außerdem bleiben die Badawi dann in ihren Zelten.</p>
    <p>Saß im Zelt des Sajjid, ungeachtet der Vorwürfe von Bagdad-Saleh – «Sajjid verdammter Lockervogel», was immer das heißen mochte –, und trank Tee mit Kondensmilch, die ich dem Sajjid in einem Moment von Überschwang geschenkt hatte, und hörte Suleiman zu, dem Mann, der mit «Hilleby» im Nedschd gewesen war und nun auf einer winzig kleinen Laute klagende Melodien spielte.</p>
    <p><emphasis>Sechster Tag</emphasis>. <emphasis>Enteuthen exelaunei</emphasis><a l:href="#n_28" type="note">[28]</a> etliche Parasang<a l:href="#n_29" type="note">[29]</a>, wie es aussieht, in eine Hochebene hinauf. Der Trampelpfad, über Jahrhunderte von Kamelfüßen ausgetreten, wand sich um rosafarbene, gelegentlich mit Trockenpflanzen gesprenkelte Felssimse. Einmal kamen wir an den üblichen Skeletten vorbei. In einer Schlucht fanden wir die Spuren eines Ford, Leachmans Auto, wie mir erklärt wurde. Leachman wurde während des Aufstands vom Sohn eines alten Mannes erschossen, den er beleidigt hatte. Schließlich ein schöner Lagerplatz am Rand einer Senke, wo das trockene Schih hüfthoch stand. Als wir unsere Kamele festbanden, stürzten drei Karnickel aus ihrer Deckung, großes Hallo, und jeder knallte munter darauflos.</p>
    <p>Nachmittags vorbei an einem kleinen eckigen steinernen Turm.</p>
    <p>Ging nach dem Abendessen, in der Zeit, in der die Kamele heimgebracht werden, nach draußen. Ein Bedawi, den ich schon zuvor auf einem weißen Dromedar gesehen hatte, kam auf mich zu und sagte, er sei ein Freund von Malik Faisal. Wir gingen in die Wüste hinaus, er schnupperte die Luft und sagte, die Wüstenluft sei süß. Sein Name war Nawwaf. Seine Zelte sind in El Gharra, auf halber Strecke nach Damaskus. Ich brachte ihm die Wörter Norden, Süden, Osten und Westen bei, die er sofort perfekt aussprach. Meine Aussprache der arabischen Wörter war dagegen so komisch, dass er lachte, bis ihm die Tränen in die kajalumrandeten Augen traten. Wir tranken dann Kaffee bei den Leuten, die die jungen Kamele nach Syrien bringen, wo sie verkauft werden sollen. Der Hadschi, der alte Herr mit dem Regenschirm, saß am Lagerfeuer und ließ sich über irgendetwas aus.</p>
    <p>Bei der Rückkehr in mein Zelt fand ich Bagdad-Saleh und Jassems Jungen vor, die Zigaretten für mich drehten. Sie berichteten von irgendeiner schlimmen Sache, die die Kamele beinahe erwischt hätte, aber so richtig habe ich sie nicht verstanden, außer dass Bagdad-Saleh die Katastrophe mutig abgewendet hat. Wenn Saleh Englisch spricht, ist kaum zu verstehen, was er sagen will, weil er, als ehemaliger Boy im anglo-indischen Militärcamp in Bagdad, die beklagenswerte Vorstellung hat, dass Hindustani und Englisch ein und dieselbe Sprache sind.</p>
    <p>Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als keine Uhr und kein Geld zu haben und für nichts verantwortlich zu sein. Wie ein Derwisch oder ein kleines Kind.</p>
    <p><emphasis>Siebter Tag</emphasis>. Das Postflugzeug flog in großer Höhe über uns hinweg. Alle beobachteten es verächtlich und kommentarlos. Furchtbar kalt, Regenschauer klatschen uns ins Gesicht. Alles mehr oder weniger nass. Habe noch nie ein Tier gesehen, das sein Missfallen so deutlich zeigen kann wie Malek im Regen. Bei Sonnenuntergang wird sich inschallah auch der Wind legen. Sitze in kalter Pracht in meiner goldbestickten Abaya in meinem Herz- und Karozelt, das trotz des karminroten Futters auf ganz abscheuliche Weise den Wind hereinlässt. Aber wer hat je in stärkerem Wind gefroren?</p>
    <p>Mit dem Ansehen des Sajjid in der Karawane scheint es nicht zum Besten zu stehen. Bagdad-Saleh berichtet jedenfalls, dass Suleiman Streit mit ihm hatte, ihm ins Gesicht schlug und auf seinem Kamel in Richtung Bagdad davonritt. Ich werde das leise Klagen seiner Laute vermissen, das sich neben dem Brummen und Grummeln der Kamele durch das nächtliche Camp zog.</p>
    <p><emphasis>Achter Tag</emphasis>. Es gibt keine entspanntere, gemächlichere Form des Reisens. Das Kamel schaukelt gerade so sehr, dass man allmählich in eine leise Schläfrigkeit sinkt. Man treibt es gerade so sehr an, dass die Gedanken in einem leichten Dämmerzustand verharren. Man reitet erst mit diesem, dann mit jenem und blickt zurück auf die Karawane, die sich wie ein Drachenschwanz hinter einem herzieht. Manchmal verschwindet ein Teil in einer Senke oder hinter einem Hügel. So treiben Wolken dahin, fließen Ströme. Niemand erteilt Befehle. Jeder weiß, was zu tun ist, wie bei den Zugvögeln.</p>
    <p>Der Himmel ist eine riesige Sphäre aus mattem Glas, die auf der Teigkruste namens Erde ruht, heute hier und da mit rötlichen Tupfern der Wintersonne versehen.</p>
    <p>Gegen Abend, in der Stunde, wenn die Beine schmerzen und der Magen vor Hunger wie ein Hund knurrt, kamen wir zu einem weiten Tal, das in nordsüdlicher Richtung verläuft. Gegenüber auf der anderen Seite zeichnete sich eine Reihe schwarzer käferartiger Objekte ab, die Zelte der Delaim.</p>
    <p><emphasis>Neunter Tag</emphasis>. Angenehmer Wind, klarer Himmel. Einige Agail mit einem Dutzend Lastkamele zogen, von Aleppo kommend, an uns vorbei. Es war wie die Begegnung zweier Schiffe auf See.</p>
    <p>Wir saßen den ganzen Tag in unseren Zelten, o Israel.</p>
    <p>Streifte rastlos umher, versuchte, mit Nawwaf ein Gespräch auf Arabisch zu führen, und las Molière. Es scheint ein Problem zu geben. Der dicke Scheich aus Kubaisa wirkt ziemlich bedrückt. Alle reden von einem Scheich Mohammed Turki von den Kubain, der eine unglaubliche Summe Schutzgeld verlangt.</p>
    <p><emphasis>Zehnter Tag</emphasis>. Noch immer am selben Ort. Ständig tauchen merkwürdige Leute im Lager auf, weißgekleidete Delaim, hochgewachsene, weiße Männer mit gewachsten Schnurrbärten, die Haare in Zöpfen über den Ohren. Sie sind mit den Agail befreundet, die Karawane steht mehr oder weniger unter ihrem Schutz.</p>
    <p>Schon in aller Frühe begann am Lagerfeuer von Jassem er-Rawwaf ein lautstarkes Hin und Her, das den ganzen Tag andauerte; Männer springen hoch und brüllen und gestikulieren. Der dicke Scheich fungiert offenbar als Vermittler. Jassem er-Rawwaf ist groß, mit markanten Zähnen und einem ungleichmäßigen Bart wie der von Moses; er trägt zwei Kopftücher, die ihm weit über die Schulter fallen, das eine weiß, das andere purpurrot, und meistens sitzt er schweigend da, dirigiert mit knappen Bewegungen seiner langen Hände die Zubereitung von Kaffee oder lässt eine bernsteinfarbene Gebetskette durch die Finger gleiten. Einmal beugte er sich zornerfüllt über das Feuer und sprach so langsam und bedächtig, dass alle verstummten und nickten. Später fragte ich ihn, worum es bei dem Streit gegangen war. Er lächelte, zog die Schultern hoch und rieb dabei Daumen und Zeigefinger in dieser unglaublich semitischen Geste und sagte leise «Fluus», Geld.</p>
    <p>Die ganze Wüste scheint gierig herumzustreichen und einen günstigen Moment abzuwarten, um sich auf die Ballen persischen Tabak und die verlockende Herde junger Kamele zu stürzen.</p>
    <p>Nawwaf kam in mein Zelt und sprach lange darüber, dass die Ingliz sich vertragen und ihre Gewehre nur im Kampf gegen Fremde einsetzen, während die Araber immer streiten, zu Fremden aber sehr höflich sind. So zumindest verstand ich ihn. Ich stimmte ihm ausdrücklich zu.</p>
    <p>Überall werden Gewehre gereinigt.</p>
    <p><emphasis>Elfter Tag</emphasis>. Gestern Abend war der erste große Tumult.</p>
    <p>Ich war in mein Zelt gegangen, um bei Kerzenschein zu lesen, als sich im Lager großer Lärm erhob. Alle lief hin und her und stolperte über meine Zeltschnüre. Bagdad-Saleh kam hereingestürmt, um das Gewehr zu holen, das er sicherheitshalber bei mir deponiert hatte. Fahd schien ungeheuer erregt, er rief etwas, das sich wie «Alle Mann in die Boote» anhörte. Ich stand in der Zelttür, konnte aber nichts sehen, weil es stockdunkel war, doch Fahd schickte mich wieder hinein und schüttelte sorgenvoll den Kopf. Unterdessen war die Kerze umgefallen, so dass ich zunächst im Dunkeln auf meinem Feldbett saß und dem zunehmenden Lärm draußen lauschte. Dank der Horrorgeschichten, die mir in Bagdad reichlich vorgesetzt worden waren, stellte ich mir die Wachsfigur von Gordon Pascha<a l:href="#n_30" type="note">[30]</a> im Kabinett von Madame Tussaud vor. Ich erinnerte mich aus meiner Kindheit an Lithographien von Entdeckern mit Tropenhelm, die von Assegais durchbohrt werden. Der unglückliche Tod des Prinzen Napoleon. Gut, dass ich keinen Tropenhelm trug.</p>
    <p>Ich stellte fest, dass ich zitterte und fror, ging wieder zur Zelttür und zündete mir eine Zigarette an. Sofort kam ein Unbekannter herbeigelaufen und rief mir etwas zu. Ich gab ihm die Zigarette. Er verschwand mit ihr, schien sehr ermutigt. Dann kam der Sajjid an, barhäuptig und erregt und atemlos und sagte etwas von einem Gewehr. Nein, ich hatte kein Gewehr, aber ich gab ihm eine Zigarette. Nachdem ich eine Handvoll Zigaretten verschenkt hatte, legte sich das Gebrüll in der Ferne. Ich fragte mich, wann die Schießerei beginnen würde, denn mir war nicht klar, dass die Araber im Umgang mit Feuerwaffen äußerst umsichtig sind. Dann kamen viele Leute und erklärten, was vorgefallen war, alles mehr oder weniger unverständlich. Gewann jedoch den Eindruck, dass der Streit angefangen hatte, weil einer von Ibn Kubains Männern das Gewehr des Sajjid hatte stehlen wollen. Das Gewehr war wieder da, aber es hatte einen Kampf gegeben, und der eine oder andere Schädel war eingeschlagen worden.</p>
    <p>Doppelposten wurden aufgestellt, und jedermann legte sich heldenhaft schlafen.</p>
    <p>Am Morgen zogen wir nordwärts über einen Hang voller Dornsträucher, in denen Lerchen großen Lärm veranstalteten, zu einem Lagerplatz in der Nähe einer Wasserstelle vor den Zelten der Delaim.</p>
    <p>Ging mit dem dicken Scheich hinüber, um den Delaim einen Besuch abzustatten. Ihre Zelte sind sehr groß, offen an der windgeschützten Seite, in der Mitte ein Vorhang, hinter dem das Quartier der Frauen liegt. Für jeden, der in einer Kultur aufgewachsen ist, die den Besitz anbetet, sind diese Zelte unglaublich leer. Ein paar Teppiche, einige Sättel und Gewehre, Schaffelle, Kochtöpfe und die schwarzen schmucklosen Wände ihre Zelte – das ist alles, was die Delaim zwischen der nackten Erde und dem unvorstellbar weiten Himmel für sich haben. Wir saßen auf Teppichen, die für uns ausgebreitet worden waren, Kaffee wurde gebracht, ich blickte über die Ebene, die sich endlos weit nach Süden erstreckte, auf der große Schafherden weideten, dazwischen Männer in braunen Gewändern wie Figuren aus dem Alten Testament, während der dicke Scheich würdevoll mit den Leuten sprach, deren Gäste wir waren. Dann brachte eine Frau eine flache Holzschale mit einem ungesäuerten, noch warmen Fladenbrot, das in Schafsbutter schwamm. Muss die Art Butter gewesen sein, die Jael in einer herrlichen Schale auftrug. Ein kleiner Junge goss uns Wasser aus einem Kupferkrug über die Hände, und das Familienoberhaupt brach mit einem lauten Hamdulillah ein Stück Brot aus der Mitte des Tellers. Daraufhin streckten wir alle die rechte Hand aus und begannen zu essen.</p>
    <p>Am Nachmittag ging ich umher, saß an verschiedenen Lagerfeuern und trank Kaffee und versuchte herauszufinden, wie lange wir in den Zelten der Delaim bleiben würden. Alle sagten, dass es bukra inschallah weitergeht, aber sie sagten so oft inschallah und rollten dabei so fürchterlich mit den Augen, dass sie die Entscheidung offenbar an Allah abgegeben haben und wir wohl noch eine Weile bleiben werden.</p>
    <p><emphasis>Zwölfter Tag</emphasis>. Eiskalter Wind. Es ist so kalt, dass man nur am Feuer sitzen kann und einem der Rauch in die Augen steigt.</p>
    <p>Besuchte die Damaszener Kaufleute, die mir neulich das Gebäck geschenkt hatten. Der kleine Junge produzierte zum Stolz und Entzücken aller Anwesenden zwei, drei Sätze in exzellentem Englisch. Sein älterer Bruder kennt ungefähr fünf Wörter Französisch, so dass wir eine lebhafte Konversation führten. Der Vater schien unsere Chancen ausgesprochen düster zu beurteilen, er meinte, dass wir vermutlich nach Bagdad zurückkehren. Aber der Kleine, der nicht älter als zehn sein kann, ermutigte alle Anwesenden mit den Worten: «Wir werden Bedawi mit unseren Gewehren erschießen.»</p>
    <p>Der Enthusiasmus, mit der die Delaim meine Sachen mustern, gefällt mir nicht unbedingt. Drei prächtige Halunken haben gerade mein Zelt verlassen. Lange saßen sie da, das Wort Bakschisch auf der Zungenspitze, fuhren mit den Fingern über die Leinwand und meine Abaya und meinen Koffer und fragten, was darin sei, und beim Anblick des silberbeschlagenen Sattels, den El-Suadi mir geliehen hat, funkelten ihre Augen vor Gier. Ich versuchte, sie mit Zigaretten abzuspeisen.</p>
    <p>Schlecht. Ungefähr Mittag. Der Wind gleicht einer Rasierklinge, und das Lager ist in heller Aufregung. Die lustigen Männer von Ibn Kubain haben uns provoziert und unsere Kamele vom Weidegrund getrieben. Von der kleinen Anhöhe mit dem Steinhaufen habe ich sie hinter dem Horizont verschwinden sehen. Leute aus dem Camp liefen herbei und schossen ihnen hinterher, aber die Kubain sind stärker als wir oder zumindest unverfrorener.</p>
    <p>Bagdad-Saleh kam gerade hereingeschlurft, ohne seinen englischen Militärmantel und ohne sein neues rotes Shemagh, sehr niedergeschlagen. «Verfluchte Bedawi haben unsere Kamele gestohlen, Mistbande, verdammte.» Er erklärte, er habe geschlafen, sonst wäre das nie passiert. Sie hätten ihn verprügelt, sein Gewehr, seinen Mantel und sein neues Kopftuch gestohlen. «Bedawi nix gut.»</p>
    <p>Ich machte mich auf die Suche nach Jassem, den ich hinter einigen Ballen Tabak neben einem erloschenen Feuer entdeckte. Er lächelte düster, nickte zum Horizont, machte eine Geldzählgeste und sagte mit Nachdruck fluus, fluus ketir, Geld, viel Geld. Missmutig kehrte ich in mein Zelt zurück. Nun ja, mein Spaziergang war vermutlich ganz gut. Ich würde mich von meinem Koffer und seinem nutzlosen Inhalt trennen müssen. Vielleicht würden wir alle als Sklaven in einer gottverlassenen Oase enden. Solange sie mir meine Brille lassen, dachte ich. Eingewickelt in die Bagdader Decke, lag ich auf dem Feldbett und fror vor mich hin. Molière reizte mich nicht mehr, und Zeichnen erschien mir sinnlos. Sämtliche Himmelswinde pfiffen mir um die Beine. Das Zelt bot so viel Schutz wie ein Sieb. Der bleierne Tag löste sich schon in tumultuarischer Dämmerung auf, als ich von fern ein vertrautes schönes <emphasis>kappaluuup</emphasis> und das Knurren von Kamelen hörte. Sie wurden ins Lager gebracht. Sie kamen eines nach dem anderen in das Lager, reckten zerstreut die Hälse hierhin und dorthin, bis der Raum zwischen den Feuern erfüllt war von ihrem Blöken und Grummeln.</p>
    <p><emphasis>Dreizehnter Tag</emphasis>. Das Ganze ist eine Farce, die nach bestimmten Spielregeln abläuft. Die Delaim knöpften sich Ibn Kubains Leute vor und brachten die Kamele zurück, und alles ist, wie es vorher war. Wir werden das Schutzgeld bezahlen, und die Delaim werden für ihre Unannehmlichkeiten einen Teil abbekommen. Die Inschallahs, dass wir morgen abreisen, sind ziemlich dünn, weshalb wir vermutlich noch den Rest der Woche an diesem vermaledeiten Ort zubringen werden. Mein einziges Vergnügen ist es, auf dem Steinhaufen zu sitzen und den Herden der Delaim zuzusehen, die langsam durch die gestrüppreichen Täler rings um die Wasserstellen ziehen. Von Molière habe ich genug. <emphasis>Vom Himmel her kämpften die Sterne, von ihren Bahnen stritten sie wider Sisera.</emphasis></p>
    <p>Gestern Nachmittag, nachdem die Krise beigelegt war, wurde es sehr gesellig im Lager. Grüppchen von Delaim und Fede’an zogen von Lagerfeuer zu Lagerfeuer. Ich saß majestätisch auf meinem Feldbett, und jeder kam in mein Zelt und saß schweigend auf dem Boden. Ich freundete mich mit einem von Ibn Kubains Leuten an, einem jungen Mann, der zwei kleine Zöpfe um die Ohren gewunden hatte. Er zeigte mir sein türkisches Gewehr und sagte, er sei hier der Mann der Osmanen. Aus dem Gefühl heraus, etwas weihnachtliche Stimmung verbreiten zu müssen, verschenkte ich reihum Zigaretten und Tabak. Dem Mann mit den Zöpfchen, der mir so sympathisch war, schenkte ich eine Schachtel Streichhölzer. Woraufhin er sich erbot, mit mir nach Esch-Scham<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a> zu gehen oder über das Meer zu fahren oder überallhin. Dann würde ich ihm viele goldene Türkenpfunde schenken. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ein Fakir sei, ein armer Mann, und kein fluus irgendeiner Art besitze, was er mir aber nicht abnahm. In diesem Moment kam Nawwaf herein. Nun ist Nawwaf ein Freund von Faisal und ein Todfeind der Fede’an, weshalb er sehr verärgert war, mich in freundlichem Gespräch mit einem einfachen Banditen vorzufinden. Ich konnte nicht genug Arabisch, um ihm zu erklären, dass mir diese kleinen, braunen hartgesottenen Männer besser gefielen als die großen, weißen Delaim mit ihren gewachsten Schnurrbärten, obwohl sie Schutzgeld von uns verlangten. Nawwaf ging zutiefst gekränkt davon.</p>
    <p>Ein wolkenschwerer, ereignisloser Tag. Die Ältesten von Israel sitzen um Jassems Feuer, wo ein mürrischer Fahd Unmengen Reis für die Menge kocht. Hin und wieder erhebt sich ein Streit, der von anderen Gruppen an anderen rauchenden Feuern aufgegriffen wird, oder es wird eindrucksvoll mit Geld geklimpert.</p>
    <p><emphasis>Vierzehnter Tag</emphasis>. Nachts goss es in Strömen, so dass wir noch einen weiteren Tag warten müssen, denn Kamele sind im Schlamm so hilflos wie Giraffen auf Schlittschuhen. Fünf von vierzehn Tagen verloren. Verdammte Warterei. Ich habe keine Lust mehr, in dieser tristen Gegend festzusitzen, wo die Schafe wie langweilige Maden weiden und die Zelte der Delaim wie tote Käfer am Horizont liegen. Wurde heute nach dem Haferflocken-mit-Kondensmilch-Mittagessen von meinem kleinen Osmanenfreund aufgesucht und dem kleinen schielenden Burschen, dem Anführer der Leute von Ibn Kubain, und einem großen Trupp unserer gestrigen Feinde. Der kleine Scheich zeigte mir voller Stolz sein deutsches Scherenfernrohr. Einige seiner Männer hatten Ferngläser. Alle unterhielten sich prächtig, als der dicke Scheich und Jassem er-Rawwaf hereinkamen und alle davonjagten. Die Karawane missbilligt offenbar meinen Umgang mit unseren Feinden. Das ist der Nachteil, ein Hakim zu sein und in einem karminroten Zelt zu sitzen. Was immer man tut, bekommt eine politische Bedeutung. Nawwaf erschien später noch einmal, guckte sehr gekränkt und machte unfreundliche Bemerkungen über die Fede’an. Um ihn aufzuheitern, ließ ich uns von Jassems Jungen Kaffee bringen, und dann gingen wir hinauf zu dem Steinhügel, von wo er nach Westen auf den markierten Trampelpfad zeigte. Fünf Tage in dieser Richtung nach El Gharra, wo seine Herden seien. Wenn ich bei ihm bliebe, würde er ein Schaf für mich schlachten. Viele Tage solle ich bei ihm bleiben, viele, viele Tage, für immer. Und in dem kräftigen Wind, der dort oben unablässig heulte und in den Steinhaufen fuhr, dachte ich für einen Moment, ja, das ist es. Fortan in einem schwarzen Filzzelt wohnen, ungesäuertes Fladenbrot und Schafsbutter essen, immer den Wind in den Nasenlöchern haben, im Winter nach Süden ziehen, im Sommer nach Norden, zu den Weideplätzen der Kamele und Schafe. Eine schrillstimmige Beduinin zur Frau nehmen, durch eine Gewehrkugel während eines Überfalls sterben und unter einem Steinhaufen neben dem erloschenen Feuer und den runden Dunghaufen des letzten Lagers begraben werden. Wird die Welt irgendetwas bereithalten, was dafür entschädigt, dieses Leben nicht gelebt zu haben?</p>
    <p>Ich kehrte hungrig zu meinem Zelt zurück und bat Fahd, mir die letzte Dose koschere Würstchen zuzubereiten. Der Wind bläst das Zelt auf wie einen Luftballon.</p>
    <p><emphasis>Fünfzehnter Tag</emphasis>. Die Sterne knisterten vor Kälte, als ich Stunden vor Tagesanbruch aus meinem Kokon kroch. Alles war abgebaut, das Lager ein einziges Durcheinander von Treibern und Kamelen, deren Hälse am Boden gehalten wurden, während die Männer ihnen die Lasten aufluden. Die Kamele sträubten sich, stöhnten und knurrten, die Kameltreiber fluchten und traten. Jassem, die Ruhe in Person, beugte sich über das letzte bisschen Feuer und wärmte sich die Hände. Er lachte still in sich hinein, als ich mich neben ihn setzte. Er gab mir einen letzten Schluck Kaffee in einer seiner winzigen Tassen und verstaute dann drei Kannen und die Tassen sowie Mörser und Stößel in seinen roten Satteltaschen. Malek wurde von Fahd herbeigebracht, kniete nieder und stand so ruckartig auf, dass sich mein Kopf fast im Orion verhedderte. Langsam setzte sich die Karawane in Bewegung, immer in Richtung Großer Bär. Wunderbarer Ritt durch die Morgendämmerung, über grasschimmerndes Hochland bis zur großen Schlucht des Sheib Hauran, vorbei an roten Sandsteinfelsen. Malek sprang wie eine Bergziege von Fels zu Fels, hinunter zum Wasserlauf, wo sich von letzter Woche noch ein paar braune Tümpel gehalten hatten. Dort wurden die Kamele rasch getränkt, und gleich ging es weiter, den steilen Hang an der Nordseite hinauf. Ich ritt neben dem alten Hadschi mit dem Regenschirm, der mit den Augen rollte und jedes Mal, wenn sein Kamel einen Satz machte, laut aufstöhnend «Hamdulillah» rief. Und nachdem wir das letzte Stück der Schlucht hinaufgeklettert waren, ging es los, unter Funkelschauern über das weiteste und flachste Stück Wüste, durch das wir bislang gekommen sind. Elf Stunden in höchstem Tempo geritten und im Dunkeln das Lager aufgeschlagen, bärenhungrig und hundemüde. Toll!</p>
    <p><emphasis>Sechzehnter Tag</emphasis>. Liege nach Art der alten Römer auf meiner Couch und schaue hinaus durch die hochgeschlagene Zelttür, sehe Fahd müde und mürrisch mit seinen Kochtöpfen hantieren, aus denen silbriger Dampf vor einem pistaziengrünen Dämmerlicht aufsteigt. Am Himmel über uns verlieren sich platinfarbene und zartviolette Wolkenschnörkel. Der barfüßige Ali geht langsam hinter dem Feuer vorbei, führt ein verirrtes Kamel heim. Er, der beste unserer Kameltreiber, ist wie eine Buche gebaut, sagt nie ein Wort und bewegt sich unglaublich majestätisch.</p>
    <p>Es war eine lange, wunderbare Tagesreise. Gazellen wurden gesichtet. Wir kamen an Dornbüschen voller Lerchen vorbei, manchmal schreckte ein Karnickel vor einem Kamel auf, blieb eine Sekunde mit bebender Nase sitzen, bevor es wieder im blauen Ruetha-Kraut verschwand. Weißes Tafelland im Norden, das am Nachmittag einen rosa-amethystfarbenen Ton annahm. Und nun das abendliche <emphasis>kapalluaaap-kapalluaaap</emphasis> der Treiber, die die Kamele von der Weide zurückrufen.</p>
    <p>Nach acht Stunden im Sattel schliefen mir langsam die Beine ein.</p>
    <p>Im Nedschd wird anscheinend nicht mehr gekämpft. Ibn Saud hat Ha’il und Ibn Raschid mit all seinen Frauen und Anhängern eingenommen und ist nun oberster Herrscher von Zentralarabien. In unserer Karawane ist ein Schammar, ein schlanker Mann mit irren Augen, der sich jeden Abend nach dem Gebet neben seinem Lagerfeuer hinstellt und alle Männer, die Feinde seines Stammes sind, zum Kampf herausfordert. Jeden Abend erhebt sich seine Stimme zu einem Ruf, der sich wie ein Spruchband über der Geschäftigkeit und dem Kamellärm des Lagers entfaltet.</p>
    <p><emphasis>Siebzehnter Tag</emphasis>. Noch immer in nordwestlicher Richtung, durch Schluchten und kahles Tafelland. Nachmittags in der Nähe einer Wasserstelle in einem trockenen Bett eines Shaib das Lager aufgeschlagen. Südlich von uns liegen hohe Mesetas wie die zwischen Madrid und Toledo. Warmer, sonniger Nachmittag. Die Leute ziehen sich zum Waschen und Umkleiden schamhaft hinter Felsen zurück. Wanderte über eine Anhöhe und lag auf einem breiten Stein in der Sonne und las Martial. Ich bin noch nie so glücklich gewesen. Saß abends an Jassems Lagerfeuer lange Zeit neben Hassun, sah das brennende Ruetha, lauschte den Gesprächen, die ich nicht verstand, und schaute durch den aromatischen dunkelgrünen Rauch zum Mond. Trank endlose Tässchen Kaffee, den schwarzen ungesüßten Kaffee der Wüste, dreimal aufgekocht, mit einem Gewürz versetzt, das ihm einen chininbitteren Geschmack gibt, so kraftvoll wie ein mächtiger Wagnerscher Akkord, so beruhigend für den windgepeinigten Körper wie morgendlicher Schlaf. Diese Männer aus dem Nedschd, Jassem und Hassun und Ali und die beiden kleinen schwarzen Männer mit den Kameljungen sind die feinsten Leute der Welt. Später lag ich wach da und schaute hinaus in das Mondlicht, hörte das Mahlen der wiederkäuenden Kamele und das leise Blubbern von Fahds Wasserpfeife. Wenn ich halbwegs bei Verstand wäre, würde ich bei Nawwaf in El Gharra bleiben. Es ist mir egal, wenn es bis nach Damaskus tausend Jahre dauert.</p>
    <p><emphasis>Achtzehnter Tag</emphasis>. Heute sind Nawwaf und sein Freund auf ihren großen weißen Dromedaren losgeritten. Tagelang war darüber debattiert worden, ob die Karawane den Weg über El Gharra nehmen sollte. Ich nehme an, Nawwaf wollte ein fettes Schutzgeld kassieren. Jedenfalls geht es weiter in Richtung Norden, wahrscheinlich nach Aleppo statt nach Damaskus. Die beiden zogen wütend los, ohne etwas gegessen zu haben. Ich hätte mit ihnen gehen können. Ich sah die beiden weißen Punkte in der zerklüfteten Hügellandschaft sich immer weiter entfernen und bedauerte meine Entscheidung außerordentlich. Es war während der Mittagsrast. Ich saß mit dem Sajjid und Saleh inmitten von Schih-Büschen und aß Reis aus der Schüssel des Sajjid. Unsere drei angebundenen Kamele standen über uns, grüner Geifer tropfte ihnen von den Lippen, während sie die saftigen Schih-Triebe kauten.</p>
    <p>Am Nachmittag hielten wir mehr nach Westen, einem Wind entgegen, der kalt wie eisige Rasierklingen war. Wir durchqueren eine flache rostrote, feuersteinübersäte Ebene, auf der sich die Trampelpfade schnurgerade dahinziehen wie ein Schiff auf dem Meer. Am Abend vergnügte ich mich mit einem Anflug dieses verdammten Teheraner Fiebers. Zum Abendessen gab es Chinin in rauhen Mengen.</p>
    <p><emphasis>Neunzehnter Tag</emphasis>. Kühler Morgen. Rauhreif auf den Feuersteinen, aber dann ein angenehm warmer Tag, ritt träge durch Schluchten und trockene Wasserläufe und über sanfte Geröllhügel. Haufenweise Karnickel, sobald es ein bisschen Vegetation gibt, und pingelig aussehende graubrüstige Vögel. Ob das Wiedehopfe sind? Heute Nachmittag erwischte es den Hadschi. Eines von Abdullahs Maultieren, die andauernd Ärger machen, biss dem Kamel in den Schwanz, das daraufhin einen großen Satz machte und sich in dreizehn Richtungen drehte, dass der Hadschi mitsamt Regenschirm und diversen kleinen Päckchen und Kochtöpfen in hohem Bogen aus dem Sattel flog. Der alte Herr stöhnte und rief «Hamdulillah», bis alle herbeikamen und ihm hochhalfen und Abdullah und seine Maultiere verfluchten und den verbogenen Regenschirm richteten. Dann rappelte er sich auf und stieg wieder auf sein Tier, als wäre nichts passiert.</p>
    <p>Während wir das Lager errichteten, wurde ein hoffnungslos lahmendes Kamel getötet. Es schien zu wissen, was ihm drohte, stand torkelnd in der Mitte des Lagerplatzes und sah sich glubschäugig um. Einer der kleinen schwarzen Männer aus dem Nedschd, mit hochgekrempelten Ärmeln und straffgegürtetem Gewand, riss das Tier von den Beinen und schnitt ihm blitzschnell die Kehle durch. Noch ehe alles Leben aus dem Leib gewichen war, wurde das Tier gehäutet und mit viel Begeisterung und Gebrüll zerteilt. Fahd, blutig bis zu den Ellbogen, schleppte die Leber und mehrere Rippen an. Die Leber wurde sofort in der glühenden Asche gegrillt, das übrige Fleisch wurde gekocht. Ich las derweil von den grandiosen Idiotien des Amant Magnifique und nahm bei Sonnenuntergang ein exzellentes Dinner aus Porridge und Kamelfleischstücken mit gebratenen Zwiebeln ein. Die Zwiebeln sind tatsächlich aus meinen eigenen Beständen. Ging schlafen und träumte vom Sonnenkönig und von roten Absätzen, die sich zu langsamen Sarabanden bewegen.</p>
    <p><emphasis>Zwanzigster Tag</emphasis>. Als wir heute Morgen aufbrachen, ging hinter uns die Sonne auf, ein unglaubliches Feuerwerk aus Grau und Gummiguttagelb und Lachsrosa. Schläfrig schaukelte ich auf Malek dahin, Stunde um Stunde, unter einem so intensiven Himmel, dass es schien, als könne man durch das blaue Licht der Welt bis in das Schwarz des unendlichen Raums sehen. Abends kampierten wir in einer flachen Ebene voll Ruetha. Entfernte mich weit von der Karawane mit ihren lauten Geräuschen des Kochens und des Zeltaufschlagens, bis sogar die weidenden Kamele hinter den Hügeln verschwanden. Kein Wind wehte. Nur das gelegentliche Knirschen eines Steins unter meinen Füßen war zu hören. Plötzlich dachte ich an die Wüstendämonen, von denen Marco Polo erzählt, die dem Reisenden ins Ohr flüstern, ihn von den Zelten und der Karawane weglocken, über immer neue Hügel, bis er die Orientierung verliert und in der Leere umherirrt und schließlich stirbt. Es war fast dunkel. Dicke Kondorwolken türmten sich über dem blutenden Westen. Ein schwacher Wind kam auf und pfiff, wisperte leise zwischen den Flintsteinen. Fast war es, als flüsterte er meinen Namen. Ich raffte den Saum meiner Abaya und lief und lief, bis ich im letzten Dämmerlicht die Zelte sehen konnte und die Ballenstapel und den Kreis der Lagerfeuer und die vielen unruhigen langhalsigen Kamele, die für die Nacht angebunden wurden.</p>
    <p>Manche Leute sprechen von acht, andere von fünfzehn Tagen bis Esch-Scham.</p>
    <p><emphasis>Einundzwanzigster Tag</emphasis>. Im Westen zwei kleine kegelförmige Berge. Ich glaube, der eine heißt Dschebel Suab. Die Gruppe der Granden, die weit vor der Karawane ritt, kam plötzlich über dem Kamm einer niedrigen Anhöhe in Sichtweite einer großen Herde von Gazellen. Eine ganze Weile sahen sie uns nicht. Jeder hatte sein Gewehr bereit. Doch dann sprangen die vordersten Gazellen hoch in die Luft wie Brecher an einem Meeresfelsen und stürmten davon. Im Nu war die ganze Herde verschwunden. Zu schade, denn meine Vorräte sind aufgebraucht, ich lebe von Reis und frittierten Datteln, die ich von Jassem bekomme. Auch mein Zigarettenvorrat ist aufgebraucht, was sich in der Karawane anscheinend herumgesprochen hat, denn diese feinen Leute sorgen dafür, dass ich immer etwas zu rauchen habe. Dauernd kommen Männer, denen ich nie freundschaftlich verbunden war, und bringen etwas, so dass ich, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen, mehr rauchen muss, als mir lieb ist. Hassun beispielsweise will, dass ich zwei auf einmal rauche. Komisches Gefühl, die ganze Zeit hungrig zu sein. Habe stundenlang Visionen von Gänsebraten und Vallisneria-Ente und Horsd’œuvre im Bristol. Wenn ich aufwache, sehe ich lauter Mais-Muffins und Waffeln rings um mein Feldbett. Die Essensbeschreibungen in Martials Epigrammen treiben mir Tränen in die Augen.</p>
    <p><emphasis>Zweiundzwanzigster Tag</emphasis>. Prächtiger Morgen in einer wunderschönen Steppenlandschaft mit aromatischen Sträuchern voll von Karnickeln und eigentümlichen weißen Vögeln, die ganz sanft fliegen. Umgehen die beiden kleinen Berge, Suab und Damlough, unter einem Himmel, an dem sich rosa und bernsteinfunkelnde Kumuluswolken auftürmen. Ich ritt mit den Granden voraus. Jeder schien ein wenig nervös, da einer der Agail einen Reiter ausgemacht hatte, der von einem Bergkamm aus die Karawane beobachtete. Plötzlich erscholl überall der Ruf «Harami», Banditen, und mit klappernden Satteltaschen und hochgehaltenen Gewehren ritten wir sofort zurück zur Karawane. In der Ferne sausten Männer auf Ponys wie Karnickel die Hügel hinunter. Jassem ritt zu seinen Leuten und ließ sie in einer kleinen Schlucht halten. Die Kamele knieten unter lautem Gestöhne nieder und wurden eiligst festgebunden. Die Tanzmädchen sprangen kreischend aus ihren Sänften. Die übrigen Teile der Karawane hielten ebenfalls an, bis schließlich alle Kamele dicht an dicht in einem unruhigen Karree am Boden lagen. Das Geröllbett der Schlucht hallte wider von den Rufen und dem Klagen der Frauen. Die beiden Pferde wurden bestiegen, eines von dem Sajjid, über den sich alle aufregten, weil er extra seine beste Abaya anlegte, und das andere von Abdullah. Und die Agail und all die anderen Kämpfer unter den Karawanenteilnehmern bezogen Stellung auf den Anhöhen ringsum. Der Kaufmann aus Damaskus und sein Sohn nahmen mich fest in ihre Mitte und steuerten den tiefsten Teil des Flussbetts an, ob zu ihrem Schutz oder meinem, war mir nicht ganz klar. Die dicke Frau des kleinen Türken lag in einem Haufen dreckiger Kleider zu Füßen ihres Mannes und stieß hin und wieder einen langen schrillen Schrei aus. Fahd lief mürrisch umher, straffte die Fußfesseln der Kamele, las auf, was aus den Satteltaschen gefallen war, und fluchte leise vor sich hin, als wäre das Ganze nur eine von Jassems Launen. Alle hockten geduckt da, in der Erwartung, dass es eine ganze Weile dauern würde, und ich musste wieder an den unseligen Tod von Prinz Napoleon denken, doch es geschah nichts. Ich löste mich also von meinen Damaszener Freunden und kletterte auf die Anhöhe über der Schlucht. Dort fand ich den Sajjid, der wie verrückt herumritt, seine langen Ärmel wehten im Wind, und sein silberbeschlagenes Gewehr funkelte in der Sonne. «Baruda ketir ketir. Gewehre viele viele, Banditen viele viele, Bedawi-Reiter viele viele», rief er, als er mich sah. Ich erwiderte, ich hätte in Frangistan Gewehre gesehen, die so groß seien, dass die ganze Karawane durch eines hindurchreiten könne. Das beschäftigte ihn eine Weile. Die Agail kehrten von ihrem Erkundungsritt zurück. Sie waren wunderbar anzusehen, kämpferisch, die langen Ärmel auf dem Rücken miteinander verbunden. Jassem lächelte still, wie immer. Mit einer Hand hielt er sein Gewehr, mit der anderen strich er sich über den Bart. Seine beiden Kopftücher flatterten rot und weiß. Ein großer Trupp von Berittenen näherte sich. Niemand wusste, wer sie waren. Die Agail mit ihren zusätzlichen Patronengurten verstreuten sich wieder über die Hügel, während ich mich den weniger ängstlichen Nichtkämpfern anschloss, die im Kreis auf einer kleinen Erhebung saßen, angeführt von dem Hadschi, der seinen kostbaren Regenschirm auf dem Schoß hielt und alle Augenblicke Allah beschwor. Eine Stunde müssen wir so gesessen haben, als plötzlich in einer Senke ein Schuss fiel und dann noch ein zweiter. Zwei Männer auf weißen Ponys erschienen auf dem Hang gegenüber, galoppierend und gelegentlich schießend. Ein paar Kugeln pfiffen über uns hinweg. Die Gruppe der weniger Ängstlichen löste sich in heillosem Durcheinander auf. Ich habe deutlich vor Augen, dass der Hadschi seinen Regenschirm hochhielt. Auf einmal befand ich mich in einem langen Gespräch mit einem türkischen Kameltreiber. In welcher Sprache wir uns unterhielten, weiß ich nicht, denn er sprach genauso wenig Arabisch wie ich, aber wir konnten uns über die kompliziertesten Dinge austauschen, während die Agail sich zu den Kamelen zurückzogen und auf den Hügeln aus allen Richtungen immer mehr Männer auf weißen Ponys auftauchten, die um uns herumritten und dabei schossen wie die Indianer in Custers letzter Schlacht, der letzten Nummer in Buffalo Bills berühmter Show.</p>
    <p>Der Türke ließ kein gutes Haar an den Arabern, bezeichnete sie als niederträchtig und verschlagen. Auch an der Geschichte ließ er kein gutes Haar, ebenso wenig an den Deutschen oder Bagdad oder den Briten. Er war während des Krieges in der türkischen Armee gewesen, war desertiert und von den Bedawi dreimal bis auf die Haut ausgeraubt und, vermeintlich tot, zurückgelassen worden. Er hatte sich auf den Heimweg in sein Dorf in der Nähe von Bursa gemacht und war dabei durch die unglaublichsten Orte gekommen. Überall hatten die Leute zu viele Waffen, und es herrschte Gesetzlosigkeit.</p>
    <p>Das alles ging eine ganze Weile so weiter, ohne dass irgendetwas Ernsthaftes passierte, bis Jassem sich schließlich auf den Steinhügel stellte und den Angreifern mit einem langen weißen Ärmel zuwinkte und jeder nunmehr sagte, dass es Freunde seien.</p>
    <p>Die Angreifer kamen auf ihren trappelnden Ponys ins Lager, hagere, wettergegerbte Männer, die paarweise ritten und dabei sangen, mit zerschlissenen und dreckigen Sachen, Patronengürtel um den Leib geschlungen. Ibn Haremi ist ihr Name oder der ihres Scheichs, und sie gehören zu den Fede’an.</p>
    <p>Ich sitze frierend inmitten meines Gepäcks in einem kalten Wind, der gerade aufgekommen ist, uns zu piesacken. Mir gegenüber bauen die Damaszener Kaufleute niedergeschlagen ihr Zelt auf. Großgewachsene Wüstenmänner stolzieren hochmütig durch das Lager. Sie entfernen sich mit einen Teppich, der den Damaszenern gehört und die jetzt lautes Protestgeschrei erheben. Fahd macht Abendessen für mich, flucht dabei leise vor sich hin. Jassem und Hassun sitzen ungerührt am Feuer und mahlen Kaffee, verfolgen mit funkelnden Augen unter den Kopftüchern jeden Schritt ihrer Freunde, der Ibn Haremi, so wie eine in die Enge getriebene Katze einen Hund beobachtet.</p>
    <p><emphasis>Dreiundzwanzigster Tag</emphasis>. Es ist wirklich zu dumm. Wieder hocken wir herum und verhandeln über Schutzgeld. Diese Ibn Haremi sind ein bemerkenswerter Haufen. Saßen in meinem Zelt und musterten mich und meine Decken und den Koffer und zahllose Dinge, die mir andere Leute zur sicheren Verwahrung anvertraut haben. Eine solche Ansammlung von schielenden, krummnasigen, finsteren, einäugigen, pockengesichtigen Gaunern und Spitzbuben habe ich noch nie gesehen. Sie untersuchen alle meine Sachen mit stechenden Augen, und ihre Hände kleben gierig an jeder einzelnen Faser meiner Decken. Ich habe einen fatalen Fehler gemacht: sie haben mich eingeladen, ihren Scheich zu besuchen, und aus irgendeinem Grund war ich sauer und habe abgelehnt. Ich weiß nicht warum, denn ich könnte mir vorstellen, dass es ganz anständige Burschen sind, wenn man sie erst einmal kennengelernt hat. Könnte aber unangenehme Folgen haben. Also sitze ich missmutig in meinem Zelt, eingewickelt in sämtliche Decken, und verfluche den Wind und dieses gottverdammte Plateau und denke an heiße Bäder und Steaks mit viel Zwiebeln. Aber ihren fröhlichen Gesang zu hören, als sie paarweise auf weißen trappelnden Ponys in das eroberte Zeltlager geritten kamen, das war schon etwas.</p>
    <p><emphasis>Vierundzwanzigster Tag</emphasis>. Fünf Kamele und fünf türkische Pfund wurden als Lösegeld für den Koffer festgesetzt, und nun sind die Ibn Haremi unsere Freunde und Brüder. Gestern Abend erschienen mehrere alte Frauen, saßen um das Feuer und schalteten sich laut in die Diskussion der Männer ein. Heute Morgen wurden wir von den fröhlichen Männern verabschiedet. Allseits große Erleichterung, dass unsere Freunde und Brüder zu ihren Zelten zurückkehren und uns nicht mehr beschützen. Im Laufe des Tages kamen wir über felsige, windzerklüftete Anhöhen zwischen flacher Sandwüste. Bei Sonnenuntergang schien mir, als lägen die syrischen Berge purpurrot vor der Sonne, aber bei Tagesanbruch war von ihnen nichts zu sehen.</p>
    <p><emphasis>Fünfundzwanzigster Tag</emphasis>. Heute Morgen kamen wir gut voran, dem ewigen Westwind entgegen, als ein paar von Abdullahs lächerlichen Maultieren sich unbedingt in einem Labyrinth von trockenen Flussbetten verirren mussten. Also ließen wir uns an einer Wasserstelle nieder, in einem angenehm windgeschützten Tal, dem Sheib War, obwohl wir erst einen halben Tag geritten waren. Wusch mich zum ersten Mal seit einer Woche in einer schicken sonnenerfüllten Felshöhle, lag lange auf den warmen Steinen, während meine Sachen auslüfteten, las Juvenal, mit dem ich nicht recht warm werde, trotz seiner wunderbar empörungsschwülstig dahinfließenden Bilderwelt. Es ist mir zu gewollt. Hoffe, dass ich ein paar Flöhe in der Höhle zurückgelassen habe. Frieren und gleichzeitig von Flöhen gebissen zu werden, ist wirklich blöd. Die Maultiere sind wieder eingefangen worden und kommen die Schlucht heraufgetrappelt. Bukra inschallah werden wir die syrischen Berge und den Dschebel Druze sehen.</p>
    <p><emphasis>Sechsundzwanzigster Tag</emphasis>. Fühle mich wie der namenlose Weise, der mit Weihrauch und Myrrhe zu spät kam. Gottverdammt kalt, es können ruhig alle wissen. Habe noch nie in meinem Leben dermaßen gefroren. Den ganzen Tag in einem scharfen Wind geritten, unter klarem Himmel über eine atemberaubende Ebene, übersät mit scharfen, glitzernden Feuersteinen. Eigentlich zum ersten Mal richtige Wüste. Keinerlei Vegetation. Unsere Lagerfeuer sind aus Jelle, getrocknetem Kameldung, aufgelesen auf einem alten Rastplatz, an dem wir vorbeikamen. Wir sind hier unter einer Anhöhe am Eingang des Wadi Mia, bis Damaskus sollen es noch vier, nach anderen Angaben acht Tage sein. Frösteln und Beten zum Abendessen. Flöhe.</p>
    <p><emphasis>Siebenundzwanzigster Tag</emphasis>. Habe den Verdacht, dass heute Weihnachten ist, da ich aber nicht sicher bin, an welchem Tag ich aus Bagdad abgereist bin, habe ich mich vielleicht verrechnet. Zum Mittagessen gab es Kastowi, zum Abendessen Reis mit meinen letzten Zwiebeln. Höllisch kalt. Langer, trostloser Ritt über purpurrote Hügel, übersät mit scharfen Feuersteinen, in einem Wind, kälter und schärfer als alle Feuersteine von hier bis Jericho. Dies muss der höchste Teil des Bergkamms sein, denn manchmal geht der Regen in Schneeregen über. Bin heute Abend furchtbar ins Fettnäpfchen getreten. Vor dem Abendessen machte ich meinen üblichen kleinen Spaziergang, hinauf zur höchsten Erhebung in der Umgebung des Lagers, stand auf dem Gipfel und schaute durch graue Dunstfetzen in die weite gipsgraue Ödnis. Vor mir zwei kopulierende Kamele, die sich im letzten silbrigen Licht wie Monster aus einer Eozän-Welt abzeichneten, die geschmeidigen Hälse aneinandergelegt, mit sabbernden aufgeplusterten Lippen und durch gelbe Zähne stöhnend. Schwerfällig, vorsichtig wurde der Akt im aluminiumschimmernden Dämmerlicht vollendet. Ich war auf einen Felsen gestiegen, um noch weiter sehen zu können, als ich Jassem mit dem Fernglas in der Hand heranstürmen und heftig winken sah. Ich ging ihm entgegen und stellte fest, dass er fuchsteufelswild war. Den ganzen Tag hatte sich die Karawane außer Sichtweite der schwarzen Zelte bewegt, die im benachbarten Tal waren, und da stand ich wie ein Denkmal auf der Anhöhe, weithin in alle Richtungen sichtbar. Jassem zeigte seinen Ärger, und ich meine Zerknirschtheit, indem wir mit Steinen auf die Kamele warfen und sie zurück ins Lager trieben.</p>
    <p><emphasis>Achtundzwanzigster Tag</emphasis>. Heftige Regenschauer aus grauen Wolken. Ein Nordseetag ohne ein bisschen Sonne. Ritt von frühmorgens bis spätabends durch eine heulende Steinwüste. Die Agail lachen über mich, wenn wir abends am Feuer sitzen, denn der beißende Jelle-Rauch treibt mir die Tränen in die Augen. Hassun kann, ohne mit der Wimper zu zucken, das Gesicht in den stärksten Qualm halten, fast bis in die Flammen. Hielt einen Vortrag über Amerika. Einige Agail waren anscheinend schon einmal in Amerika und haben bei ihrer Rückkehr erzählt, dass es ein Land voll fluus sei. Der Kaffee, den wir tranken, kam aus Santos, also glaubten sie, dass ich dort lebe. Alle wunderten sich über die großen eisernen Schiffe, die über das Meer fahren, und hier, in der Wüste, am Kameldungfeuer in unergründlich dunstschwarzer Nacht, spürten wir den Sog der großen Maschine, das Funkeln von Nickelmünzen, das Schimmern von Zelluloid und Emaille, das Knistern von Geldscheinen in Banken, das Rattern und Stampfen geölter Räder. Ich hielt eine große Ansprache und sagte, dass ich, wenn ich bei Verstand wäre, in der Wüste bei den Agail leben und nie mehr zurückkehren würde; das nahmen sie als Kompliment, sie verstanden es nicht. Jassem fragte dann, was für eine Art Hakim ich in meinem Land sei, ein bedeutender Mann wie Cokus? Nein, nicht ganz.</p>
    <p>Der Hadschi hat kein Glück. Gestern schlief er in meinem Zelt, da es draußen ganz nass war, und natürlich wurde das Zelt umgeweht, und die Hälfte der Kamele brach in eine Stampede aus, niemand dachte mehr an den armen alten Herrn, alles trampelte auf ihm herum, bis er schließlich, auf dem Bauch liegend und stöhnend, unter dem umgekippten Bett hervorgezogen wurde. Und wieder war der Regenschirm beschädigt.</p>
    <p>Meine Schuhe sind hinüber, und ich habe Frostbeulen.</p>
    <p><emphasis>Neunundzwanzigster Tag</emphasis>. Sitzen wieder fest. Fünfzehn Kamele humpeln nach den Anstrengungen der letzten Tage. Den ganzen Tag in nassen Zelten gefroren. Den ganzen Nachmittag im Zelt des Sajjid gesessen, während sein Koch Hadschi Mohammed Geschichten erzählte. Ich habe nicht alles mitbekommen, aber jede begann mit der geschmeidigen Verbindlichkeit des Es war einmal ... und entwickelte dann eine solche Spannung, dass alle Eywallah und Allah riefen und dreckig gackerten und unruhig hin und her rutschten und sich dermaßen amüsierten, dass mir fast war, als hätte ich die Worte verstanden. Dann sang der kleine Sohn des Damaszener Kaufmanns, und alle aßen Datteln und tranken Tee. Zwischen den Strophen romantischer Lieder ruft jeder Allah und seufzt überaus melancholisch.</p>
    <p><emphasis>Dreißigster Tag</emphasis>. Begann dunstverhangen und deprimierend. Dann Phantomberge im Westen, die Syrien und seine Fleischtöpfe zu versprechen schienen, die Sonne kam heraus, und die unendliche purpurrote Flintsteinebene leuchtete wie ein zersprungener Spiegel.</p>
    <p><emphasis>Einunddreißigster Tag</emphasis>. Herrlicher eiskalter Morgen. Immer weiter westwärts durch dieses Flintsteinmeer. Unentwegt hungrig. Stunden vor Mittag denke ich an den Geschmack von Kastowi, eine köstliche melassebraune Pampe aus Schafsbutter und gebratenen Datteln, und abends falle ich über Reis und Brot her, ohne viel zu schmecken. Letzte Nacht habe ich von einem Dinner im Bristol in Marseille geträumt, von dem Geschmack einer knusprig gebratenen Gans. Ich komme mir dann furchtbar verweichlicht vor. Entbehrungen scheinen den anderen nichts auszumachen. Die Araber sind die genügsamsten Leute, denen ich je begegnet bin.</p>
    <p><emphasis>Zweiunddreißigster Tag</emphasis>. Einen halben Tag weiter. Kamele schlecht gelaunt, da sie seit Tagen nichts zu fressen haben. Und wenn sie tausend Jahre bis Damaskus brauchen. Mir ist es egal. Nie wieder werde ich an so aromatischen Lagerfeuern sitzen, mit so feinen Leuten zusammen sein. Mein Gott, ich fühle mich gut, bärtig, vollblütig, die Wüste, dieses kalte purpurrote feuersteinerne Plätteisen, hat alles Gallige aus meinem Bauch, alles Runzelige aus meinen Gedanken weggebügelt.</p>
    <p>Der Sajjid und Damaskus-Saleh hatten einen Streit, ich weiß nicht, worüber.</p>
    <p><emphasis>Dreiunddreißigster Tag</emphasis>. Ein neuer Wind ist aufgekommen, hawa esch-Scham, so heißt er, der Wind von Damaskus. Alles ist rosa und von warmer Farbe wie die Ohren eines Eselhasen, die man für einen kurzen Moment gegen die Sonne sieht. Wir haben auf einem schihbedeckten Hang unser Lager errichtet. Am Ende einer nach Nordwesten verlaufenden Rinne ragt ein Gebirgszug in die Wüste hinein, die Berge von Syrien. Dahinter liegt Palmyra, dessen Anblick mir nicht vergönnt sein wird – ach, Zenobia. Schuhe zerrissen, die Füße voller Frostbeulen, die Hände steif vor Kälte, aber ich bin munter wie eine Lerche. Hätte jetzt gern ein heißes Glas Punsch mit einer Zitronenscheibe und zwei Nelken.</p>
    <p><emphasis>Vierunddreißigster Tag</emphasis>. Durch steinige Schluchten und über Sandwüste, und im Westen die syrischen Berge, zusammengedrängt wie eine Viehherde. Heute Nachmittag wären wir fast wieder überfallen worden. Zwei Agail bemerkten Gewehre und Kopftücher am Eingang einer tiefen Schlucht, durch die die Piste führt, woraufhin die Karawane sofort umdrehte und nach Süden verschwand, während die Granden auf ihren Dromedaren mit schussbereitem Gewehr auf die Schlucht zuritten. Die Männer trugen verschiedenfarbige Kopftücher und waren vom Dschebel Druse. Ich glaube nicht, dass es Drusen waren, sondern Leute aus der Umgebung, halb Bedawi, halb Drusen. Sie sagten, sie wollten den verrückten Farangi sehen, der sich in der Wüste herumtreibt, und nachdem ich herbeigerufen worden war, musterten sie mich kritisch, aber freundlich. Anschließend wurden große Reden geschwungen. Und mit fünfzehn türkischen Pfund und einem Sack Datteln gaben sie sich schließlich zufrieden. Ohnehin hätten sie uns keine nennenswerten Schwierigkeiten machen können, da nur einige von ihnen beritten waren.</p>
    <p><emphasis>Fünfunddreißigster Tag</emphasis>. Wir reiten zwischen zwei kahlen Gebirgszügen, rosa und ocker und purpurrot, im Schatten indigofarben, die sich in stehenden Wasserlachen spiegeln. Dort, wo das Wasser ausgetrocknet ist, ist der Boden rissig und fleckig wie eine Alligatorhaut. Nachdem uns von den Bedawi keine Gefahr mehr droht, denken alle voller Sorge an das Kamelreiterkorps der Franzosen, denn Tabak und Kamele sind zollpflichtig, und das Entscheidende ist jetzt, nicht aufzufallen. Wie eine Karawane aus fünfhundert Kamelen unbemerkt nach Damaskus gelangen soll, ist mir schleierhaft, aber Wunder sind ja nie auszuschließen. Alle sind unruhig und aufgeregt wie beim letzten Tag auf einem Ozeandampfer.</p>
    <p><emphasis>Sechsunddreißigster Tag</emphasis>. Alles kommt, wie es kommen muss. Wir haben unser Lager in einer kleinen geschützten Mulde bei Dmair aufgeschlagen. Wir sind in Syrien. Blauer Rauch steigt über dem Dorf auf und verliert sich in dem Blau der Berge, hinter denen Libanon liegt. Weiter südlich der Dschebel Scheich, gebeugt und ehrwürdig. Ringsum weiden Ziegen und Schafe. Ich würde gern nach Dmair gehen, aber Jassem ist dagegen, er befürchtet, ich könne die verschlafenen Zollbeamten aufscheuchen. Es kommen aber einige Bewohner von Dmair auf Kamelen und Eseln angeritten. Fast wünschte ich, wir wären noch immer in der Wüste, würden aufbrechen statt ankommen, bestünde nicht die Aussicht auf ein warmes Bad und Essen, Essen, Essen.</p>
    <p><emphasis>Siebenunddreißigster Tag</emphasis>. O diese Sajjids. Der unvergessliche Einzug in Damaskus.</p>
    <p>Gestern Abend war ein einziges Kommen und Gehen im Karawanenlager, an Jassems Feuer wurde lange diskutiert, und die Kamele stöhnten und brabbelten. Das Letzte, was ich beim Einschlafen hörte, war das Klingeln von Münzen, türkische Goldpfunde, die einzeln in jede Hand gezählt wurden. Als ich morgens aufwachte, sah das Lager aus wie von einem Wirbelsturm verwüstet. Die Hälfte der Kamele, das meiste der Tabakballen und Teppiche und wohl auch des Opiums war verschwunden. Jassem saß seelenruhig da und mahlte Kaffee und strich sich manchmal über den Bart. Während wir gemeinsam Kaffee tranken, gab er mir freundlich zu verstehen, dass ich, wenn ich in Damaskus mit den Franzosen spreche, nicht wissen solle, wie viele Kamele es gewesen seien oder auf welchem Weg wir gekommen seien. Ich sagte ihm, dass ich ein schlechtes Zahlengedächtnis habe.</p>
    <p>Dann wurde Abdullahs weißer Hengst gebracht, ich klemmte meinen wundgeriebenen Hintern auf einen scheußlichen Sattel, und dann ging es los in Richtung Damaskus, ich auf dem Hengst, der Sajjid auf seinem Dromedar, der Koch des Sajjid auf einem kapriziösen weißen Kamel und ein Agail zu Fuß, der uns bis zur Straße bringen sollte. Es war ein schier endloser Morgen. Immer wieder kamen wir vom Weg ab, erst über ein struppiges Plateau, dann durch ein fruchtbares Tal mit Weideland, Feldern mit grünem Sesam und Luzerne, Apfelbäumen, rosafarbenen Lehmziegelhäusern. Schließlich erbarmte sich der Sajjid meiner, der ich auf dem steigbügellosen Pferd durchgeschüttelt wurde, und ließ mich auf seinem Dromedar reiten. Dem weißen Kamel behagte der Geruch der Zivilisation nicht, unentwegt versuchte es, in die Wüste zurückzupreschen. Schließlich kamen wir, fast verrückt vor Hunger, wundgerieben, humpelnd und hundemüde, zu einem Dorf, wo wir die Tiere vor dem Kaffeehaus ließen, überaus frugal Bohnen und Käse und Kebab aßen und dann, hingegossen wie Zeus in seinem Adlerwagen, in einem Landauer nach Damaskus fuhren. Doch noch bevor ich etwas in den Mund und Wasser an meine Haut bekam, musste ich sämtliche Verwandten des Sajjid besuchen, bärtige alte Männer im Basar der Schreiber, Leute in geheimnisvollen Höfen, die Anhänger von Faisal waren und gegen die Franzosen konspirierten, einen Schneider in einer Schneiderei, den Inhaber eines Kaffeehauses, das von den Agail frequentiert wurde. Jedes Mal nicht enden wollende Höflichkeiten und Freundlichkeiten, bis wir uns schließlich mit den Mächten der Zivilisation konfrontiert sahen. Wir hatten die Droschke vor einem Kaffeehaus abgestellt, in dem wir eifrig palaverten, und ich war vor lauter Hunger und Ungewaschensein viel zu benommen, als dass ich etwas mitbekommen hätte. Als wir nach draußen traten, sahen wir einen betrunkenen französischen Offizier in der Droschke sitzen. Der Sajjid protestierte, es sei unser Wagen, worauf der Franzose üble Beleidigungen ausstieß und der Sajjid seinen kleinen Dolch zückte, und die Hölle wäre los gewesen, wenn der Franzose nicht vage mitbekommen hätte, dass ich Französisch mit ihm redete. Sofort entschuldigte er sich wortreich, umarmte den Sajjid im Namen der Alliierten, und gemeinsam fuhren wir, «La Madelon de la Victoire» singend, zu einer vollkommen pariserischen Bar im Stadtzentrum. Der Sajjid saß draußen, während wir Okzidentalen hineingingen und im Namen von Liberté, Fraternité und Egalité ich weiß nicht wie viele Gläser Absinth tranken. In einer unendlich rosafarbenen Wolke sauste ich zum Hotel, wo ich den Franzosen und den Sajjid irgendwie abschütteln konnte, und war schließlich allein, räkelte mich wohlig in einem heißen Bad, das nach Absinth schmeckte, nach Absinth roch, angenehm dampfte und rauschte und absinthrosa prickelte.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>XI</p>
    <p>TABLE D’HÔTE</p>
   </title>
   <p>1. Der Wind bläst das Zelt auf wie einen Ballon,</p>
   <p>es zerrt an gespannten Seilen,</p>
   <p>will sich losreißen und losfliegen</p>
   <p>über wermutbedeckte Schluchten</p>
   <p>und schartige Feuersteinhügel,</p>
   <p>hinauf in die stürmische Nacht</p>
   <p>und die heulenden Wolken.</p>
   <p>Fest</p>
   <p>wie ein Wurm sich listig</p>
   <p>um das Staubblatt einer Fuchsie schlingt,</p>
   <p>schlingt ein Mann die Hände um eine Kerze.</p>
   <p>Die Flamme zittert im Wind,</p>
   <p>züngelt an seinen Händen,</p>
   <p>färbt die schwankenden Mauern rot.</p>
   <p>Die Hände werfen Schatten auf die roten Mauern.</p>
   <p>Das Kerzenlicht schwindet, flackert wieder auf.</p>
   <p>Die Schatten sind voll von alten Zeltbewohnern –</p>
   <p>Männer, neugierig auf das Leben in den Städten,</p>
   <p>Männer, die andersartiges Brot probieren wollen,</p>
   <p>Männer, die sich auskennen mit Polarstern</p>
   <p>und Mondphasen,</p>
   <p>die sich Ost und West</p>
   <p>lässig über die Schulter werfen</p>
   <p>wie einen Mantel:</p>
   <p>Herodot, Thales, Demokrit,</p>
   <p>Heraklit, der Flüsse beobachtete,</p>
   <p>parosstirnige lohwangige Reisende,</p>
   <p>die lange bei den Weinhändlern saßen und zuhörten,</p>
   <p>früh aufstanden und den Hafenwind schnupperten</p>
   <p>und das Leuchten der Wüstenorte in der</p>
   <p>Morgendämmerung sahen,</p>
   <p>und wachen Sinnes</p>
   <p>Meere und Ebenen und Städte bereisten,</p>
   <p>in festen Händen</p>
   <p>bis an die grauen kühlen Augen</p>
   <p>die eigenwilligen Seelen von Menschen und Göttern.</p>
   <p>Die Kerze ist in Dunkelheit und Wind erloschen.</p>
   <p>Das Zelt widersteht dem starken Wind,</p>
   <p>festgezurrt, mit Steinen beschwert.</p>
   <p>Mein Schlaf wird mit Träumen aufgepumpt,</p>
   <p>will sich losreißen und hochfliegen</p>
   <p>über wermutbedeckte Schluchten</p>
   <p>und schartige Feuersteinhügel,</p>
   <p>hinauf in die stürmische Nacht</p>
   <p>und die heulenden Wolken.</p>
   <p>Vielleicht wenn das Licht im Osten</p>
   <p>blecherne und scharlachrote Becken schlägt</p>
   <p>mit dem Brummen und Klingeln mächtiger Glocken,</p>
   <p>werden weiß über feuersteinbedeckte Hügel</p>
   <p>die suchenden zeltlosen Karawanen kommen,</p>
   <p>die Bilkis<a l:href="#n_32" type="note">[32]</a> unermüdlich führt,</p>
   <p>nickend in ihrem Gewand,</p>
   <p>auf einem brüllenden Dromedar.</p>
   <p>2. Képis, zwei Mützen, ein Filzhut und eine Melone, kopflos auf der Garderobe. Ein herunterhängender Schal, ein Regenschirm. Dazwischen mein Hut. Die Türen schwingen ...</p>
   <p>Tisch, zwei Reihen grüner weißer Kiefer (<emphasis>comme on s’ennuie</emphasis>), kauende rasierte Kinnbacken vor Ketchup-Flaschen und Pickles-Gläsern; Kragen schnüren die Adern an schlaffen Hälsen ein; Messer und Gabeln klimpern in azetylenschimmerndem Zickzack (<emphasis>dans ce sale pays</emphasis>). Seitenblicke (<emphasis>comme on s’ennuie</emphasis>) halten Gedanken fest (<emphasis>dans ce sale pays</emphasis>) wie Klammern auf dem Vorderschnitt von Taschenbüchern.</p>
   <p>Mit knarrenden Schritten gehe ich, gesättigt, unauffällig zu den Schwingtüren.</p>
   <p>Und gestern</p>
   <p>ritt ich auf einem grauen Hengst</p>
   <p>in den ersten Olivengarten</p>
   <p>und vorgestern</p>
   <p>saß ich im vollen Wind,</p>
   <p>aß Datteln, in Ghee gebraten,</p>
   <p>rechts neben Jassem er-Rawwaf</p>
   <p>in der roten Höhle des Feuerscheins,</p>
   <p>und sah Hassun seine blutende Fußwunde</p>
   <p>in glühender Asche stillen</p>
   <p>und lehnte den Kopf an den Ballen</p>
   <p>mit fadenartigem gelben persischen Tabak</p>
   <p>die Augen gepeinigt vom durchdringenden Rauch</p>
   <p>die Beine zerstochen von scharfen Wüstensteinen,</p>
   <p>und hörte Salehs</p>
   <p>leises durstiges Lied</p>
   <p>vom ausgemergelten Hossein und Kerbela</p>
   <p>für den schlanken Ali,</p>
   <p>dessen Gang, wenn er rufend und rufend</p>
   <p>in das Lager die zweiundvierzig Kamele führte,</p>
   <p>ein Zug von Königen war, dunkle Heimkehrer,</p>
   <p>eingemeißelt auf einem Berg</p>
   <p>im Triumph,</p>
   <p>und ich fragte mich,</p>
   <p>die spitzen Wermutflammen betrachtend,</p>
   <p>warum Nawwaf an jenem Tag davonritt</p>
   <p>auf seinem großen weißbärtigen Dromedar</p>
   <p>ohne ein Stück Brot,</p>
   <p>krausbärtiger Nawwaf,</p>
   <p>Freund des Winds, Kenner der vier Himmelsrichtungen,</p>
   <p>der, wenn er lachte, Stahl</p>
   <p>aus kajalschwarzen Augen sprühte.</p>
   <p><emphasis>esch-Scham</emphasis></p>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>XII</p>
    <p>DER HOMER DER </p>
   </title>
   <section>
    <title>
     <p>TRANSSIBIRISCHEN EISENBAHN</p>
    </title>
    <p>Bei der Pariser Weltausstellung von 1900 – aber vielleicht ist das alles ein Traum, vielleicht habe ich jemanden davon erzählen hören; nein, es muss passiert sein – gab es irgendwo zwischen Eiffelturm und Trocadéro einen langen Schuppen. In diesem Schuppen stand ein nagelneuer Zug der Transsibirischen Eisenbahn, Lokomotive, Tender, Gepäckwagen, Schlafwagen, Speisewagen. In dem Schuppen war es dunkel wie auf einem Bahnhof. Auf einem Holztreppchen stieg man in den großen, dunklen lackierten Waggon. Es war furchtbar. Der Zug würde bald abfahren. Man folgte den raschelnden Kleidern auf dem Gang, bekam Gänsehaut bei dem neuen Geruch. Der Zug roch nach frischem Gummi, gerade gekauftem Spielzeug, nach frischer Farbe und Surren und Öl. Die schmalen Betten waren gemacht, es gab Spiegel, blitzblanke Waschbecken, eine Badewanne. Die Lokomotive pfiff. Hab keine Angst, schau aus dem Fenster. Wir fuhren. Nein, draußen bewegte sich ein Bild, Häuser rasten vorbei, blaugrüne Berge. Der Ural. Jemand sagt mir Namen ins Ohr. Baikalsee. Irkutsk. Sibirien. Jangtse. Mongolei, Pagoden, Peking. Flüsse winden sich durch die blaugrünen Berge, und der starke elektrische Geruch von etwas Lackiertem und Surrendem und Geöltem, das sich mächtig bewegt. Leute auf Booten, Dschunken, das Gelbe Meer, Pagoden, Peking.</p>
    <p>Und der Liftboy sagte, die Züge in der Metro halten nie an; man springt während der Fahrt auf und ab, und an der Grande Roue und auf dem Eiffelturm wurden Laterna-magica-Bilder und Kinofilme gezeigt ... aber das muss Jahre später gewesen sein, denn ich hatte Angst hinaufzusteigen.</p>
    <p>Ich habe oft an die anderen gedacht, die in jenem ersten Jahr des Jahrhunderts eine Eintrittskarte für den unbeweglichen Zug der Transsibirischen bekamen, deren Kindheit erfüllt war von <emphasis>Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer</emphasis> und Jules Vernes Sportlern und Globetrottern (wenn das Eis auf dem Baikalsee nur hält) und China-Gordon, der in Khartum seine letzten Worte über den Telegraphen stottert, und Carlotta, die verrückt aus Mexiko zurückkehrt und in Tervuren<a l:href="#n_33" type="note">[33]</a> ein Schloss anzündet, in dem kongolesische Kuriositäten gezeigt werden, Fetische aus Menschenhaar, ithyphallische Idole mit Muscheln als Zähnen und die Arme in die Seite gestemmt, Rohkautschukproben in Gläsern; und diese Magnaten mit Panamahut, die, nach Pfefferminz und altem Bourbon riechend, langsam in privaten Waggons auf neuen Strecken jenseits des Rio Grande dahinschaukeln und von der hinteren Plattform Hasen, Präriehunde und gelegentlich einen Mexikaner schießen, und das zwanzigste Jahrhundert und Harvey Lunchrooms und Buffalo Bill und die Indianer, die die Bühne besetzen, und Schnelldampfer, die nach Bishop’s Rock rasen, und Zigarettenbildchen mit den berühmtesten Lokomotiven der Welt. O Thos. Cook &amp; Son, das ist Wasser auf eure Mühlen. Uniformierte Angestellte nehmen alle wichtigen Züge in Empfang. Nachdem Peary und Amundsen die Welt oben und unten versiegelt haben und es in Bagdad eine American Bar gibt und der Großlama von Tibet Paul Whiteman mit dem Blue Danube Blues hört und Citroëns raupengleich auf den Sandpisten von Timbuktu entlangschlingern, gibt es keinen anderen Ort für die Rover Boys als die Statler Hotels und die weltweit verkehrenden Schiffe der Dollar Line (jede Nacht in ihrem eigenen Messingbett).</p>
    <p>Dieser unbewegliche Zug der Transsibirischen, vor dem stündlich das asiatische Panorama vorbeizog, war das letzte Relikt des homerischen Zeitalters der Eisenbahn. Jetzt ist Zeit für die Gesänge und die Schiffskataloge. Das Fällen und das Hacken und Hauen, die großen Odysseen sind Vergangenheit. Die legendären Namen, die mit ihrem Schatten und Gerumpel unsere Kindheit bewegten, sind nur noch kleingedruckte Stationen im Kursbuch. Und doch ... Oder ist es bloß der Mythos, der in unseren nostalgischen Gedanken herumschwirrt?</p>
    <p>Wozu soll dieses unablässige Schleppen eines ramponierten Koffers vom Kai zum Bahnhof und vom Bahnhof zum Kai gut sein? Alle Weisen sagen, es sei sinnlos. In den Ländern des Islam wissen die Leute, dass man verrückt ist.</p>
    <p>In den Ländern des Islam wissen die Leute, dass man verrückt ist, aber sie begegnen dem Verrückten mit wehmütigem Respekt. Heute Mittag erst wurde ich zu Rindfleisch mit Oliven und sauren Orangen, Couscous, Gebäck, sieben Gläsern Tee und einer Pfeife Kif eingeladen von dem extrem hässlichen Mann mit einem Augenfehler und einem Gesicht wie eine Schnappschildkröte, der im Suk Fuchsfelle ankauft im Beisein seines Freundes, des Schneiders, eines fröhlichen und philosophischen Mannes wie ein Schneider aus Tausendundeiner Nacht, und zwar nur deswegen, weil ich in Bagdad gewesen war, wo unser hochverehrter Sidi Abdel Kader el-Dschilani<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a> begraben ist (jetzt hebt man die Hand an die Lippen und murmelt etwas von Frieden und Gottes Segen), und weil in ihren Augen selbst ein Kafir, der an dem Grabmal vorbeigeht, einen Hauch von der Heiligkeit des Marabut mitbringt. Für sie hat ein Pilger also eine gewisse Bedeutung.</p>
    <p>Vielleicht haben sie recht, aber diese Begeisterung für das Reisen, für Dampfer, Züge, Autobusse, Maultiere, Kamele ist höchstwahrscheinlich nur eine tückische und raffinierte Droge, eine in der Kindheit angenommene schlechte Gewohnheit, die höchstens einen Psychoanalytiker erfreut, der sich mit manischen Zuständen beschäftigt. Wie bei allen Drogen, muss die Dosis ständig gesteigert werden. Ein tröstlicher Gedanke: während unsere Körper wie Eichhörnchen im Käfig der Meridiane gequält werden, wie Blaise Cendrars es nennt, sitzen unsere Seelen vielleicht ruhig in jenem unbeweglichen Zug, in der dunkellackierten, neu riechenden Transsibirischen, und sehen das endlos abrollende Panorama von Flüssen und Seen und Bergen.</p>
    <p>Jetzt ist es Zeit für die homerischen Eisenbahngesänge. Blaise Cendrars hat einige geschrieben in geistreichem Französisch, sonor und direkt wie das Rattern der großen Expresszüge. Carl Sandburg hat ein, zwei geschrieben. Ich werde im Folgenden einige Fragmente aus der <emphasis>Prose du Transsibérien et de la Petite Jehanne de France</emphasis> zusammenstellen. Das passt irgendwie in dieses Hotelzimmer mit den lackierten Kiefermöbeln und dem blauen Nachttopf und den ausgeblichenen, staubzerfressenen Gardinen. Unter dem Balkon sind Bäume, deren Namen ich nicht kenne, das leere Gleis der Schmalspurbahn, eine Straße, von Lastwagen zerwühlt. Es regnet. Eine Kröte lärmt im Gebüsch. Die alten erderschütternden Maschinen werden eine nach der anderen ausgemustert, und schon sind die Mythenproduzenten am Werk. Am Ende werden sie alle dastehen wie Homers<a l:href="#n_35" type="note">[35]</a> umherwandernde Götter im rosigen Licht eines ordentlichen Olymp. Hier ist der Gesang der Transsibirischen Eisenbahn:</p>
    <p><emphasis>Damals wuchs ich heran</emphasis></p>
    <p><emphasis>War kaum sechzehn und hatte schon die Erinnerung an</emphasis></p>
    <p><emphasis>   meine Kindheit verloren</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich war 16 000 Meilen weit weg vom Ort meiner Geburt</emphasis></p>
    <p><emphasis>War in Moskau, in der Stadt der tausendunddrei Kirchtürme</emphasis></p>
    <p><emphasis>   und der sieben Bahnhöfe</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und ich konnte nicht genug bekommen von diesen</emphasis></p>
    <p><emphasis>   tausendunddrei Türmen und sieben Bahnhöfen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Denn meine Jugend war damals so leidenschaftlich und</emphasis></p>
    <p><emphasis>   so verrückt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Dass mein Herz abwechselnd brannte wie der Tempel von</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Ephesus oder der Rote Platz von Moskau</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wenn die Sonne untergeht</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und meine Augen leuchteten alte Wege aus</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und ich war bereits ein so schlechter Dichter</emphasis></p>
    <p><emphasis>Dass mir nicht gelang, etwas zur Vollendung zu bringen</emphasis></p>
    <p><emphasis>............</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich verbrachte meine Kindheit in den Hängenden Gärten</emphasis></p>
    <p><emphasis>   von Babylon</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und schwänzte die Schule auf den Bahnhöfen, wo die Züge</emphasis></p>
    <p><emphasis>   zur Abfahrt bereitstanden</emphasis></p>
    <p><emphasis>Jetzt lasse ich all die Züge hinter mir herjagen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Basel–Timbuktu</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich habe auch bei Pferderennen gewettet in Auteuil</emphasis></p>
    <p><emphasis>   und Longchamp</emphasis></p>
    <p><emphasis>Paris–New York</emphasis></p>
    <p><emphasis>Jetzt jage ich all die Züge durch mein Leben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Madrid–Stockholm</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und meine Wetten habe ich alle verloren.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Nichts bleibt mir mehr, nur noch Patagonien, Patagonien, das</emphasis></p>
    <p><emphasis>   meiner grenzenlosen Traurigkeit entspricht,</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Patagonien, und eine Reise in die Südsee</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich bin unterwegs</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich bin immer unterwegs gewesen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich bin unterwegs mit der kleinen Jehanne von Frankreich</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Zug macht einen Salto mortale und fällt auf die</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Räder zurück</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Zug fällt zurück auf seine Räder</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Zug fällt immer auf all seine Räder zurück</emphasis></p>
    <p><emphasis>«Blaise, sag, sind wir weit weg von Montmartre?»</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir sind weit weg, Jehanne, seit sieben Tagen bist du unterwegs.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Weit weg bist du von Montmartre, von diesem Hügel, wo</emphasis></p>
    <p><emphasis>   du aufgewachsen bist, von Sacré-Cœur, in deren</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Schatten du gelebt hast</emphasis></p>
    <p><emphasis>Verschwunden ist Paris und sein gewaltiges, hell loderndes Feuer</emphasis></p>
    <p><emphasis>Nur die immerwährende Asche ist geblieben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Regen, der fällt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Torf, der sich vollsaugt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Sibirien, das vorbeiwirbelt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die schwere Schneedecke, die sich ausbreitet</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und das Glöckchen des Wahnsinns, das wie ein</emphasis></p>
    <p><emphasis>   letztes Verlangen in der blauen Luft zittert</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Zug zuckt wie ein Herz inmitten bleigrauer Horizonte</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und dein Kummer grinst dich höhnisch an ...</emphasis></p>
    <p><emphasis>«Sag, Blaise, sind wir weit weg von Montmartre?»</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Sorgen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Vergiss die Sorgen</emphasis></p>
    <p><emphasis>All die heruntergekommenen, schiefen Bahnhöfe entlang</emphasis></p>
    <p><emphasis>   der Strecke</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Telefondrähte, an denen sie hängen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die fratzenschneidenden Masten, die gestikulieren und</emphasis></p>
    <p><emphasis>   sie erdrosseln</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Welt streckt sich, dehnt sich und zieht sich zusammen wie</emphasis></p>
    <p><emphasis>   eine Harmonika, gemartert von sadistischer Hand</emphasis></p>
    <p><emphasis>In die Risse des Himmels fliehen die Lokomotiven</emphasis></p>
    <p><emphasis>In rasendem Taumel</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und in die Gruben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die schwindelerregenden Räder, die Münder, die Stimmen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und bellend hetzten die Hunde des Unheils hinter uns her ...</emphasis></p>
    <p>Und immer weiter geht es mit seinen Erinnerungen an zerrissenes, wirbelndes Metall, an Züge aus sechzig Lokomotiven, die unter Volldampf in Richtung Port Arthur verschwinden, an Krankenhäuser und Freudenmädchen und Juwelenhändler, Erinnerungen an das erste grandiose Projekt des zwanzigsten Jahrhunderts, gesehen durch schmutzige Fensterscheiben, in seinen Kopf gebleut vom ungleichmäßigen Rattern der breitspurigen Transsibirischen. Krähen am Himmel, Leichenberge am Bahndamm, brennende Krankenhäuser, eine unvorhergesehene Ausschmückung in diesem majestätischen Panorama von Flüssen und Seen und Bergen, das im grünlichen Dämmerlicht des Schuppens auf der Exposition Universelle vorbeizieht.</p>
    <p>Dann haben wir <emphasis>Le Panama ou Les Aventures de mes Septs Oncles</emphasis>, sieben verschwundene Onkel, gewidmet dem letzten Franzosen in Panama, dem Barkeeper in Matachine, wo Chinesen sterben, wo zwischen ausrangierten Lokomotiven Virginia-Eichen wachsen, wo, bis auf einen großen, mit dem Wappen Ludwigs XV. versehenen Anker mitten im Wald, die Überreste von Lesseps’<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a> Unternehmung verrostet und lianenüberwuchert dahinrotten.</p>
    <p><emphasis>In jener Zeit etwa habe ich auch die Geschichte gelesen</emphasis></p>
    <p><emphasis>   vom großen Beben zu Lissabon</emphasis></p>
    <p><emphasis>Doch ich denke</emphasis></p>
    <p><emphasis>Entscheidender war der Panamaskandal</emphasis></p>
    <p><emphasis>Hat er doch meine Kindheit erschüttert.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich hatte ein schönes Bilderbuch</emphasis></p>
    <p><emphasis>Und sah zum ersten Mal</emphasis></p>
    <p><emphasis>Den Wal</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die dicke Wolke</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Sonne</emphasis></p>
    <p><emphasis>Das große Walross</emphasis></p>
    <p><emphasis>Den Bären den Löwen den Schimpansen die Klapperschlange</emphasis></p>
    <p><emphasis>   und die Fliege</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Fliege</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die entsetzliche Fliege</emphasis></p>
    <p><emphasis>«Mama, die Fliegen! Die Fliegen! Und die Baumstämme!»</emphasis></p>
    <p><emphasis>«Schlaf, mein Kind, schlaf.»</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ahasver ist dumm.</emphasis></p>
    <p><emphasis>................</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Panamakrach war’s, der mich zum Dichter machte!</emphasis></p>
    <p><emphasis>Es ist fabelhaft</emphasis></p>
    <p><emphasis>Allen aus meiner Generation ging es so</emphasis></p>
    <p><emphasis>Junge Leute</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die die seltsamsten Schicksalsschläge erlitten haben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir spielen nicht mehr mit Möbeln</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir spielen nicht mehr mit altem Kram</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir zerschlagen, wo immer wir sind, weiterhin Geschirr</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir schiffen uns ein</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir jagen Wale</emphasis></p>
    <p><emphasis>Töten Walrosse</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wir leben dauernd in Angst vor der Tsetsefliege</emphasis></p>
    <p><emphasis>Denn wir schlafen nicht gern ...</emphasis></p>
    <p>Phantastische Männer, diese Onkel. Einer war ein Metzger in Galveston, der bei dem Wirbelsturm von 1895 umkam, ein Zweiter war Goldwäscher in Klondike. Ein Dritter wandte sich dem Buddhismus zu und wurde beim Versuch gefasst, Engländer in Bombay in die Luft zu jagen; der Vierte war Kammerdiener eines Generals im Burenkrieg; der Fünfte war Küchenchef in Grand Hotels; der Sechste verschwand in Patagonien mit einem Haufen elektromagnetischer Präzisionsinstrumente; was aus dem Siebten wurde ist unbekannt.</p>
    <p>Es war der zweite Onkel, der Gedichte im Stil von Musset schrieb und in San Francisco die Geschichte von General Suter las, dem Mann, der Kalifornien für die Vereinigten Staaten eroberte und den die Entdeckung von Gold auf seiner Plantage in den Ruin stürzte. Dieser Onkel heiratete die Frau, die das beste Brot im Umkreis von tausend Meilen machte, und wurde eines Tages mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Die Frau verschwand. Sie heiratete wieder und ist nun die Frau eines reichen Marmeladefabrikanten.</p>
    <p>Blaise Cendrars schreibt inzwischen <emphasis>Gold</emphasis>, die Geschichte von General Johann August Suter, einen Roman, der die rasanteste, konziseste Geschichte nachzeichnet, die ich je gelesen habe, und wie ein Messer durch die Seichtheiten der zeitgenössischen französischen Literatur mit ihren zitronengelben Handschuhen und dem Parfüm und dem Weihwasser und ihrer Vorliebe für den <emphasis>Policier-Gentleman</emphasis> schneidet. Weil Cendrars, anders als die Vertreter der Quai-d’Orsay-Schule das für sich behaupten, tatsächlich ein internationaler Vagabund ist, hat er die grandiosen Rhythmen Amerikas von vor fünfundsiebzig Jahren einfangen können, deren Mythen unsere Generation gerade erst zu erschaffen beginnt. (Als ob irgendjemand wirklich etwas war; er ist ein guter Schriftsteller, belassen wir es dabei.) In <emphasis>Gold</emphasis> macht er aus der tragischen und turbulenten Absurdität von 1849 ein Feuerwerk. Alles ist so schnell vorbei, dass man es gleich noch einmal lesen muss, weil man befürchtet, etwas übersehen zu haben.</p>
    <p>Aber die sieben Onkel. Hier ist noch ein weiterer Gesang über das Reisen, der sein gesamtes Werk charakterisiert, Ausdruck der Qualen und Freuden einer Generation von Eisenbahnnarren, Schiffsnarren, Flugzeugnarren.</p>
    <p><emphasis>Ich habe Durst</emphasis></p>
    <p><emphasis>Verflucht</emphasis></p>
    <p><emphasis>Verflucht noch mal</emphasis></p>
    <p><emphasis>Verflucht noch mal</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich möchte das </emphasis>Feuille d’Avis de Neuchâtel<emphasis> oder den</emphasis></p>
    <p>   Correo de Pamplona<emphasis> lesen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Mitten auf dem Atlantik fühlt man sich nicht wohler als in</emphasis></p>
    <p><emphasis>   einem Redaktionsbüro</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wie ein eingesperrtes Eichhörnchen drehe ich meine Runden im</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Käfig der Meridiane</emphasis></p>
    <p><emphasis>Da, schau mal, ein Russe, der sympathisch wirkt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wohin soll’s denn gehen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Auch er weiß nicht, wo er mit seinem Gepäck einmal landen wird</emphasis></p>
    <p><emphasis>In Léopoldville, in der Sedjerah bei Nazareth, bei</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Mr Junod oder bei meinem alten Freund Perl</emphasis></p>
    <p><emphasis>Im Kongo in Bessarabien auf Samoa</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich kenne alle Fahrpläne</emphasis></p>
    <p><emphasis>Alle Züge und ihre Anschlüsse</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ankunfts- und Abfahrtszeiten</emphasis></p>
    <p><emphasis>Alle Dampfer alle Tarife und alle Gebühren</emphasis></p>
    <p><emphasis>Egal wohin</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich habe Adressen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Lebe von meiner Schreibmaschine</emphasis></p>
    <p><emphasis>An Bord der </emphasis>Volturno<emphasis> reise ich von Amerika zurück,</emphasis></p>
    <p><emphasis>   für 35 Francs von New York nach Rotterdam</emphasis></p>
    <p>Für Blaise Cendrars spielt Amerika anscheinend eine besondere Rolle, in den USA zog er den entspannteren Süden und Westen den bibelschweren Bergen von Neu-England vor. Hier ist ein Gedicht über den Mississippi, für das Old Kentucky die vielen Krokodile geliefert haben muss, immer noch eine gute Ergänzung der wunderbaren alten Ansichten von Raddampfern, mit einem Neger am Sicherheitsventil.</p>
    <p><emphasis>An dieser Stelle ist der Fluss fast so breit wie ein See</emphasis></p>
    <p><emphasis>Zwischen zwei sumpfigen Böschungen wälzt er seine</emphasis></p>
    <p><emphasis>   gelblich schlammigen Wasser</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wasserpflanzen, die übergehen in Baumwollplantagen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Da und dort tauchen Städte auf oder Dörfer, die sich</emphasis></p>
    <p><emphasis>   mit ihren Fabriken in kleine Buchten verkrochen haben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Mit ihren hohen schwarzen Kaminen und langen Stegen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Mit ihren langen Stegen auf Pfählen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die sich weit ins Wasser vorwagen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Drückende Hitze</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Bordglocke läutet zum Lunch</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Passagiere präsentieren sich in karierten Anzügen, mit</emphasis></p>
    <p><emphasis>   buntschreienden Krawatten und glitzernden Westen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die zu den scharfen Cocktails und ätzenden Saucen passen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Es gibt viele Krokodile</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die jungen munter und quicklebendig</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die alten lassen sich mit ihren grünbemoosten Rücken treiben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die üppige Vegetation verweist auf die Nähe der Tropen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Riesenbambus, Palmen, Tulpen- und Lorbeerbäume, Zedern</emphasis></p>
    <p><emphasis>Der Fluss ist jetzt doppelt so breit</emphasis></p>
    <p><emphasis>Gespickt mit schwimmenden Inseln, von denen, sobald sich das</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Schiff ihnen nähert, ganze Schwärme von</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Wasservögeln aufstieben</emphasis></p>
    <p><emphasis>Dampfschiffe, Segelschiffe, Kähne, Wasserfahrzeuge aller</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Art und riesige Floße</emphasis></p>
    <p><emphasis>Gelber Dampf steigt aus den überhitzten Fluten des Stroms</emphasis></p>
    <p><emphasis>Zu Hunderten tummeln sich nun die Krokodile um uns herum</emphasis></p>
    <p><emphasis>Man hört das trockene Zuknallen ihres Gebisses und</emphasis></p>
    <p><emphasis>   erkennt ihr grimmiges Auge</emphasis></p>
    <p><emphasis>Die Passagiere machen sich einen Spaß daraus,</emphasis></p>
    <p><emphasis>   mit Präzisionsgewehren auf sie zu schießen</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wenn einem erfahrenen Schützen das Kunststück gelingt,</emphasis></p>
    <p><emphasis>   ein Tier zu töten oder tödlich zu verwunden</emphasis></p>
    <p><emphasis>Stürzen sich seine Artgenossen auf das Opfer und reißen es</emphasis></p>
    <p><emphasis>Wild in Stücke</emphasis></p>
    <p><emphasis>Mit leisen Schreien, die wie das Gewimmer eines</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Neugeborenen klingen.</emphasis></p>
    <p>In <emphasis>Kodak (Dokumentarfilm)</emphasis> finden sich Gedichte über New York, Alaska, Florida, über die Jagd auf Wildenten und Auerhähne in Birkenwäldern bei Winnipeg, über eine neblige Nacht in Vancouver, über eine Dschunke in einem Pazifikhafen, die japanisches Porzellan und Schwalbennester, Bambussprossen und Ingwer geladen hat, über Sterne, die wie Zucker schmelzen am Himmel über einer Insel, an der Kapitän Cook vorbeikam, über Elefantenjagd in einem Dschungel, über den prasselnder Regen niedergeht, und am Ende eine Liste von Menüs, mit Leguan und grüner Schildkröte, Lachs und Haifischflossen, Spanferkel mit gebackenen Bananen, Flusskrebsen mit Chilipfeffer, Brotbaumfrüchten, gebratenen Austern und Guaven, datiert <emphasis>Auf Reisen 1887–1923</emphasis>. 1887 ist Cendrars’ Geburtsjahr.</p>
    <p><emphasis>Neunzehn elastische Gedichte</emphasis>. Paris ist, ob wir wollen oder nicht, bis heute ein Zentrum von Unruhe, hier wird unser Jahrhundert aufgebaut und eingerissen. Von hier hat sich das Esperanto einer sich als «modern» begreifenden Kunst in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet. Blaise Cendrars ist ein wandernder Pariser, dem diese und viele andere Dialekte sehr vertraut sind. Er ist so etwas wie ein Medizinmann, der die Dinge heraufbeschwört, die unsere grausamen Rachegötter sind. Turbinen, Dreifach-Expansionsdampfmaschinen, Dynamit, Hochspannungsleitungen. Navigation, Tempo, Flucht, Vernichtung. Gegen sie kommt keine Medizin an. Die Kubisten haben Fetische und Amulette erfunden, die vielen nützlich erscheinen. Hier ist das Bekenntnis eines <emphasis>enfant du siècle</emphasis>, eines wandernden Parisers:</p>
    <p><emphasis>So durchquere ich, zu Fuß, jeden Abend Paris</emphasis></p>
    <p><emphasis>Vom Batignolles zum Quartier Latin, als überquerte ich</emphasis></p>
    <p><emphasis>   die Anden</emphasis></p>
    <p><emphasis>Unter dem Aufflammen neuer Sterne, immer größerer, die</emphasis></p>
    <p><emphasis>   mich immer mehr erschrecken.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Über seinem neuen Kontinent taucht das Kreuz des Südens</emphasis></p>
    <p><emphasis>   mit jedem Schritt, mit dem man sich ihm nähert, wenn</emphasis></p>
    <p><emphasis>   man die Alte Welt hinter sich lässt</emphasis></p>
    <p><emphasis>Umso gewaltiger auf.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich bin der Mann, der keine Vergangenheit mehr hat. – Nur</emphasis></p>
    <p><emphasis>   mein Stumpf tut mir weh. –</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich habe ein Zimmer gemietet, um mit mir ganz allein zu sein.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich habe einen funkelnagelneuen Weidenkorb, der sich mit</emphasis></p>
    <p><emphasis>   Manuskripten füllt.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich habe weder Bücher noch Bilder, keinerlei</emphasis></p>
    <p><emphasis>   nette Nippsachen.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Eine Zeitung liegt auf dem Tisch herum.</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich arbeite in meinem nackten Zimmer, hinter</emphasis></p>
    <p><emphasis>   einer Milchglasscheibe</emphasis></p>
    <p><emphasis>Barfuß auf roten Bodenfliesen, und spiele mit Ballonen</emphasis></p>
    <p><emphasis>   und einer kleinen Kindertrompete:</emphasis></p>
    <p><emphasis>Ich arbeite am ENDE DER WELT.</emphasis></p>
    <p>Ich begann mit diesen Anmerkungen auf dem kleinen sonnigen Balkon in Marrakesch, vor mir der hohe kakaobraune Turm der Koutoubia mit dem pfauenfarbenen Fries, bekrönt von drei goldenen Kugeln, eine kleiner als die andere, und dahinter die schneebedeckten Berge des Hohen Atlas. Ich beende sie in Mogador in einer verschlossenen Straße, die Häuser weiß wie saure Milch, laute Schritte über dem unablässigen Meeresrauschen in der Ferne. Es ist die Zeit des Nachmittagsgebets, die Stimme des Muezzins erklingt metallisch vom Himmel und verkündet, dass es keinen Gott gibt außer Allah und Mohammed sein Prophet ist. Und ich reise ab um sechs Uhr morgens, vor mir nichts als Räder und hinter mir nichts als Räder. O Thos. Cook and Son, die ihr das Reisen mit langen Fahrscheinbündeln erfunden habt, welchen Zauber habt ihr über die Kinder dieses Jahrhunderts ausgesprochen? Wie verlockend all diese Namen – Bagdadbahn, Kap-Kairo, Transsibirische Eisenbahn, Compagnie des Wagons Lits et des Grands Express Européens, Grand Tronc, Christus der Anden; Panamakanal, technisches Spielzeug, das die Herren Roosevelt und Goethals zum Funktionieren brachten, während alle anderen daran gescheitert sind – für die Bewohner der beiden Amerika habt ihr viele Probleme in euren gigantischen Schleusen angehäuft. Die Fahnen, die Dollars und Cook’s Touristen jagen um die Welt, bis sie einander auf dem Rückweg wieder begegnen. Hier, in Marokko, kann man sie sehen, Stunde um Stunde, wie sie das Minarett begaffen, von dem der Muezzin fünfmal am Tag seinen erhabenen Widerstand gegen das multiple Universum verkündet.</p>
    <p>Wenn es nicht so viele Götter gäbe, Konservendosengötter, Stahlgötter, Götter aus Uran und Mangan, lebendige Götter – Mrs. Besant beispielsweise, die, in Oxford gründlich dafür ausgebildet, in Bombay einen neuen Jesus ausruft –, rote Götter von Hungersnot und Revolution, alte Götter in Bibliotheken, korallenfarbene Gipsgottheiten in Miami, sprudelnde Ölgötter in Tulsa, Oklahoma, könnten auch wir auf unseren Gebetsteppichen sitzen im weißen unabänderlichen Sonnenschein des Islam, was Hingabe bedeutet. Die Sonne unserer Generation ist pickelig geworden, ihr brüchiges Licht flackert in Streifen von undefinierbarer Farbe. Nehmen wir den Zug, in Florida wird Glück grundstückweise verkauft. Also müssen wir die Kontinente durchqueren, immer mit dem Rattern von Rädern in den Ohren, mit dem Dröhnen von Flugzeugmotoren, durch alle Meere schlingern, mit dem Geruch von heißem Maschinenöl in der Nase und dem Stampfen der Maschinen in unserem Blut. Was entsteht aus dem Babel aufeinandergetürmter Städte und Kontinente, einer kleingepressten und langgezogenen Welt, die wie ein neuer Gummiball springt? Bestimmt nicht Frieden. Darum ist es gut, in diesem Zeitalter gigantischer Maschinen und flachköpfiger Menschen ein wenig Musik zu haben. Wir brauchen Söhne Homers, die das schrille Getöse der Welt in einen menschlichen Rhythmus bringen und uns die Angst nehmen.</p>
   </section>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>XIII</p>
    <p>KIF</p>
   </title>
   <p>Gare St. Lazare. Ein Mann sitzt am Fenster eines Restaurants und isst Buchstabensuppe. Draußen in der Dämmerung, die rosa Sand über den grausteinernen Bahnhof streut, schaukeln grüne Autobusse, Taxis hupen hysterisch, junge Frauen und Männer kommen mit weißen Dämmergesichtern aus der Metro. Eine rotgesichtige Frau verkauft Rosen, ein Mann mit kantigem schwarzen Bart blättert im <emphasis>Paris-Soir</emphasis>. Vom algengarnierten Meeresfrüchtebuffet – Austern, Jakobsmuscheln, Seeigel, Miesmuscheln, Venusmuscheln, Hummer, Schnecken, Garnelen, Krabben – weht Gezeitengeruch heran. Der Mann am Fenster, der gegen seinen Willen Buchstabensuppe isst, rührt langsam mit dem Löffel. Sechs Buchstaben sind nach oben gekommen – GEH LOS. Entschlossen isst er sie. Rührt noch einmal, drei Buchstaben sind übrig – GEH.</p>
   <p>Wie war die Geschichte des Iren mit dem künstlichen Gebiss, der für den britischen Geheimdienst arbeitete und in dem kleinen Lokal hinter der Nuriosmaniye-Moschee in Stambul Buchstabensuppe aß? Er wurde von einer Frau angeschossen, die angeblich Russin war, und es hieß, er habe sein Schicksal in der Buchstabensuppe gelesen. Warum sind immer so viele X in der Buchstabensuppe?</p>
   <p>In der Menschenmenge, die den Bahnhof betritt und verlässt, bewegen sich lange, widerhallende Dämmerungsworte. Die asphaltschimmernde Stadt ist flach und winzig, eine Wüste unter der letzten sengenden Weite des Sommertags.</p>
   <p>Der andere Bahnhof ist lichterfüllt, ein Refugium in der leeren Abenddämmerung. Der Zug ist vollgepackt mit Menschen und Koffern. Im letzten Moment erwische ich den achten Platz in einem Dritter-Klasse-Abteil. Im Abteil ist nicht genug Platz für sechzehn Beine diverser Geschlechter, für sechzehn perspirierende Arme. Im Gang kann man stehen und rauchen und die Vorstädte von Paris sehen, verwahrlost und qualmend in der Dämmerung, von der heranrückenden Nacht endlich anständig begraben. Der Zug braust wie eine kreischende Todesfee dahin, gräbt sich mit neugierigen Lichtfingern durch eine Bilderbuchlandschaft. Die rumpelnden Wagen singen: Mort aux vaches aux vaches aux vaches. Mort aux VACHES.</p>
   <p>Der Zug fährt mit einem anderen Zug um die Wette, hängt ihn ab; Fenster, Gesichter, Augen verschwimmen zu Erinnerungen, die von der hohlen, donnernden Nacht verschluckt werden, verblassen zu anderen Zügen; der Congressional, der sich in den fiebrigen Frühling von Maryland bohrt und in Barackensiedlungen voller traurig wehendem Flieder die Gatter zuschlägt; der Black Diamond; der namenlose Zug von Nirgendwo nach Nirgendwo, die tanzenden Quasten der blauen Lampenschirme, das Hinausschauen aus schmerzhaft schlafschweren Augen auf die rotgelben verschwindenden Blumen mit zurückgebogenen Blütenblättern, dunkle flaschenförmige Gestalten und unerklärtes Wort, Hochöfen; der Zug, der sich auf der Eisenbahnfähre zusammenfaltet, um den hellschimmernden Gut of Canso<a l:href="#n_37" type="note">[37]</a> zu überqueren; der Zug der Transsibirischen nach Peking, der nie seinen Schuppen verließ. Zu viele Züge, zu viele Räder, die über Bahnübergänge rumpeln, ausgesprochene fremde Namen in der Nacht. Abschiede an Fahrkartenschaltern, letzte Mahlzeiten, eilig am Buffet verschlungen, Hände auf dem Koffergriff; den Kopf des Mädchens am Bahnübergang sieht man auf dem Körper eines Streckenläufers weiter hinten am Gleis, hungrige Augen, die durch schmutzige Fenster schauen, lächelnde Lippen, beim nächsten Halt ins Leere starrend, fragende Augen braunarmiger Banden ruhen auf ihren Opfern.</p>
   <p>Ich sitze wieder auf meinem Platz zwischen der hochbusigen Dame in Serge, die sich zum Schlafen ein Taschentuch über das Gesicht gelegt hat, und dem steifen Annamiten, der kerzengerade dasitzt. Gegenüber schläft ein frischverheiratetes Paar, eingeschnürt in neue Sachen. Ihr Kopf ruht auf einem Kissen in die Ecke, der Mund steht offen. Er hat das rote Weintrinkergesicht an ihrer Schulter vergraben. Die Fenster sind geschlossen. Die Luft ist zum Schneiden.</p>
   <p>Ich wache auf, die Sonne in den Augen, sehe die langen blauen Schatten schwarzer Zypressen. In einem blitzsauberen, cremefarbenen Bahnhof riecht es nach Rosen und Knoblauch und Staub: le Midi.</p>
   <p>In Beni Ounif war die Luft reines weißes Feuer. Es war unheimlich, aus dem bierdunstigen Speisewagen in diese Weite zu treten. Ein schwarzer Boy mit rotem Fes trug meine Tasche zu Madame Mimosa’s. In einem abgedunkelten Zimmer streckte ich mich auf dem Bett aus. Pfeifend und fauchend setzte sich der Zug wieder in Bewegung, verschwand in der Felsenwüste. Von fern das leiser werdende Rumpeln von Rädern auf Schienen, dann Stille. Schlafschwere Stille.</p>
   <p>Die Sonne war untergegangen. Der Himmel hatte sich in flammende Flächen verwandelt, Topas, Smaragd, Amethyst. Lehne draußen vor meiner Tür an einer noch sonnenwarmen Säule, schaue hinaus auf den Platz, ringsum niedrige Gebäude mit bröckelnden ockerrosa Veranden. Vor dem krenelierten Bahnhof drei Spielzeuglastwagen. Niemand zu sehen, nicht einmal ein Hund. Die Größenverhältnisse ändern sich mit dem Licht am Himmel. Verlasse den kleinen Platz, stolpere auf der unendlichen Straße über einen purpurroten Berg. Ich strecke die Hand aus, will die weiße Wand eines Hauses berühren, sie liegt jenseits der Bahnstrecke, eine Meile entfernt. Das stachelige, büschelartige Gras sind Palmen, die in Formation durch einen Einschnitt im karminroten Fels marschieren. Die tiefe Schlucht hinter den Häusern entpuppt sich als Bewässerungsrinne im Sand. Frage mich, ob ich noch schlafe, und stolpere einen Felspfad hinunter, bewundere das breite Flusstal, trete hinein. Es war ein kleiner, fußbreiter Bach, der durch eine Ritze in der Mauer eines Dattelgartens sickerte. Unterdessen schraubte die Nacht rasch einen funkelnden Deckel auf ein unermessliches Chaos. Ein kühler Wind wehte. In Richtung Stadt flackerten ein paar Lagerfeuer. Eine Reihe zuckender Erdhügel waren schlafende Kamele; vermummte Gestalten scharten sich um die Feuer. Lampen in Hauseingängen, Schatten werfend. An einer Ecke standen drei algerische Soldaten in einem kahlen weißen Raum an einem grünen Tresen und tranken. Sie erklärten mir, dass Madame Mimosas Hotel an der nächsten Ecke sei. Dort gelangte man durch einen kleinen Kramladen in einen leeren Speisesaal, beleuchtet von einer Hängelampe, die Fensterläden fest verschlossen, damit kein Licht nach draußen in die Nacht drang.</p>
   <p>Nach dem Abendessen, Truthahn und Wüstentrüffel und Weißwein aus Philippeville, wieder hinaus auf die menschenleere Straße. Die niedrigen Häuser mit flachem Dach verschwinden unter den Sternen. Angespannte Stille erfüllt die Nacht. Ich gehe wie ein Riese über den flachen Häusern vorbei, schrumpfe plötzlich wie ein fallender Expresslift unter den hohen Sternen, ein Knirps, der auf winzigen Beinen daherwankt, das Herz pocht, schwach sprudelt das Blut durch ein Gewirr unendlich kleiner Röhrchen. Feine Flötenklänge tröpfeln durch die gespannte Nacht, leises Trommeln von zwei müden Händen. Der Mann, der gegen seinen Willen Buchstabensuppe aß, ist vergessen. Der Ire mit dem künstlichen Gebiss ist vergessen. Die kühlen hellen Flötenklänge kommen von überall her, das Trommeln wird lauter und tiefer, formt atemlose prächtige Landschaften aus dem Dunkel. Der Amerikaner, der nach Osten nach Süden reist und gegen seinen Willen Buchstabensuppe aß, sucht in seinem Zimmer, im Schutz der Rauchglaslampe neben dem breiten knarrenden Bett, Zuflucht vor diesen wandernden Klangdünen. Das ist die Einsamkeit, rufende Stimmen in der Wüste. Er zieht sich aus, putzt die Zähne, ordnet seine Sachen, liest ein wenig Lukrez, tut, als sei er in Buffalo, Savannah, Noisy le Sec, Canarsie. Das Plätschern der Flöte hat sich in den immer drängenderen Dünen der Trommelschläge verloren. Der heilige Antonius einsam in der Wüste dunklen Fleisches, der undurchschaubar pochenden Wüste.</p>
   <p>Der Ire mit dem künstlichen Gebiss war in Stambul aber nicht erschossen worden. Da er sich nicht in ein Krankenhaus wagte, wurde er von der Russin und ihrem Mann in einem alten Schafstall am Rande von Tophane gepflegt. Die drei fertigten Hampelmänner an, die die junge Frau mit Namen Olga abends vor dem Tokatlian verkaufte. Sie verkaufte mehr als das, und ihr Mann, der russischer Marineoffizier gewesen war, ohne je zur See gefahren zu sein, saß die ganze Nacht da und polierte stöhnend seine Stiefel. Der Ire stöhnte, weil ihn die Schulter schmerzte und weil er sein Gebiss verloren hatte. Sie sprachen französisch miteinander und lagen auf ausgemusterten Armeetragbahren, die ihnen als Bett dienten. Der Ire, der Jefferson Higgins hieß, war ein gälischer Pantheist. Als Kind hatte er in einem heruntergekommenen Milchgeschäft im County Cork lange Gespräche mit den Zwergen geführt. Der russische Offizier glaubte an Keuschheit und daran, das Fleisch zwecks Teufelsaustreibung mit Alkohol aufzuweichen. Trotzdem trank er nie. Olga glaubte an Hunger, Furcht und die Jungfrau Maria. Sie hasste Männer, ausgenommen diejenigen, die sie liebte. Während der langen Augusttage lagen sie auf den Tragen und sprachen über diese Dinge, während die Zikaden zirpten und Drachen am wolkenlosen Himmel ihre Kreise zogen. Sie liebte beide Männer und kaufte ihnen Essen und wusch ihre Wäsche, die sie zum Trocknen auf dem Dach des Schuppens aufhängte. Sie liebte die beiden und verhätschelte sie und bezeichnete sie als ihre kleinen Kindchen.</p>
   <p>Der Marineoffizier machte für ihre elende Lage die, wie er sagte, hilflose russische Seele verantwortlich. Der Ire schob es auf die britische Regierung, Olga schob es auf die Menschheit. Wenn nicht die Läuse gewesen wären und das Problem des Rasierens, wären die beiden Männer glücklich gewesen,</p>
   <p>Eines Morgens kam Olga mit einem Exemplar des Kommunistischen Manifests nach Hause. Es war dreisprachig, russisch, armenisch und georgisch. Sie hatte es von einem Taxifahrer aus Odessa geschenkt bekommen, der Ornithologe gewesen war. Er hatte sie auf sein Zimmer mitgenommen und sie zum Essen eingeladen. Da er ihr aber kein Geld geben konnte, hatte er ihr am Morgen das Kommunistische Manifest geschenkt.</p>
   <p>Am nächsten Tag übersetzten sie es für Higgins. Der Mann und die Frau weinten und küssten sich. Sie müssten an etwas glauben, versicherten sie einander. Von nun an würden sie für Russland arbeiten, für den kommunistischen Christus und Menschheitserlöser. Sie würden Geld für ihre Heimreise verdienen. Olga würde die Jungfrau Maria aufgeben müssen, sie ähnelte zu sehr der Zarin. Er würde keine Hampelmänner mehr machen. Sie würde nie mehr ihren Körper verkaufen. Notfalls würden sie hungern. Sofort begann er, aus ein paar alten Brettern eine Art Sofa zu bauen, um Übung zu bekommen. Sie sah ihm mit leuchtenden Augen zu.</p>
   <p>Jefferson Higgins ging derweil auf und ab und nagte zahnlos an seinem struppigen sandfarbenen Schnauzbart. Die Wunde heilte nicht richtig. Er befürchtete, sich Syphilis geholt zu haben. Er sehnte sich nach einem neuen Gebiss, Sauberkeit und frischer Bettwäsche und Piccadilly und dem Offiziersclub. Das ewige Geplapper der beiden Russen ging ihm auf die Nerven. Wenn er eine Waffe gehabt hätte, hätte er die beiden erschossen.</p>
   <p>Als er Olga für sich allein hatte, bat er sie mit Tränen in den blauen Augen, ihn zu einem kommunistischen Treffen mitzunehmen. Es müsse doch kommunistische Agitatoren unter all den Russen in Stambul geben. Sein Leben habe sich von Grund auf verändert, seit jener Nacht, als Olga ihm in die Schulter geschossen hatte. Gott sei Dank habe sie ihn nicht getötet, warf sie sein und küsste ihn auf die Stirn. Nie wieder würde er für die Briten arbeiten. Er würde heimkehren und für die Unabhängigkeit Irlands arbeiten. Er würde den Roten alle Geheimcodes des britischen Geheimdienstes verraten. Als der Marineoffizier nach Hause kam, lagen sich Olga und der Ire in den Armen. Er will in die Partei eintreten, erklärte Olga. Der Russe schnappte sich den Iren und küsste ihn mehrmals auf den Kopf.</p>
   <p>Tags darauf saß Jefferson Higgins, eine Zigarre im Mund und einen Panamahut auf dem Hinterkopf, in einem kleinen Zimmer des Pera Palace und tippte mit einer Hand einen Bericht. Er war anständig rasiert, der Schnurrbart ordentlich gestutzt. Er trug einen guten grauen Flanellanzug, den Arm mit einer sauberen Bandage an der Brust. Er hatte ein neues Gebiss, das nicht besonders gut saß, aber es waren immerhin Zähne. Er schrieb einen Bericht über Pläne der Bolschewisten, die alliierten Hochkommissare zu ermorden, die alliierten Soldaten zu einer Meuterei anzustiften und mit Hilfe der frustrierten Türken Konstantinopel für die Sowjetregierung einzunehmen. Gelegentlich hielt er inne und blies Rauchringe in die Luft. Dreimal wurde leise an der Tür geklopft. «Kitchener», sagte Jefferson Higgins leise. Ein untersetzter ergrauter Mann in der Uniform eines britischen Obersten trat ein. «Heute nicht Kitchener», knurrte der Oberst, «sondern Baden-Powell.» – «Ihre Stimme habe ich aber erkannt.» Er nahm ein paar getippte Blätter vom Tisch und pfiff leise durch die Zähne. «Das wird eine ganz dolle Nummer, sag ich Ihnen ...» – «Wir werden mit dem Gesocks aufräumen. Der Hochkommissar wird sich ziemlich gemein vorkommen, wenn er das sieht. Sie wissen, wann Sie aussteigen?» – «Jawohl, Sir.» Wortlos legte der Oberst einen amerikanischen Pass auf den Tisch, voller hübscher Sichtvermerke und ausgestellt auf Fernald O’Rielly, Vertreter einer Chicagoer Landmaschinenfabrik, sowie einen Kreditbrief von Lloyd’s Bank. «Am 15. Dezember berichten Sie in Schanghai gemäß Anweisung 26b», sagte der Oberst und verließ das Zimmer.</p>
   <p>Jefferson Higgins tippte und tippte. Als er die Zigarre fertiggeraucht hatte, klingelte er nach einem Whisky. Der Kellner war ein perfekt Englisch sprechender Bulgare. Während er Platz für den Whisky machte, warf er einen raschen Blick auf die getippten Seiten. Einige Namen kannte er. Sobald er wieder unten in der Bar war, beauftragte er einen Landsmann, der weiter hinten Gläser spülte, einem bärtigen Mann in einer kleinen Bar in Galata etwas auszurichten, der neben einem mechanischen Klavier saß und mit einem einarmigen griechischen Matrosen Tavli spielte. Als die britische Militärpolizei um Mitternacht erschien, um bestimmte Leute zu verhaften, waren die gewichtigeren Vögel bereits ausgeflogen.</p>
   <p>Aber Jefferson Higgins war auf dem Lloyd-Triestino-Dampfer schon weit draußen im Marmara-Meer. Es war eine mondhelle Nacht. Er fühlte sich weich und zart wie damals, als er mit den Zwergen und den Königen von Irland gesprochen hatte. Sein Gälisch war eine Kelle, mit der er reiche Gedanken vom milchweißen Himmel schöpfte. Am Butterfass stand das Mädchen mit den weißen Armen. Manchmal blinzelte eine weiße Schulter aus ihrem Kleid hervor. Er summte «Kathleen Mavourneen», rief dem Barmann zu, ihm einen Ginfizz zu bringen, und summte wieder «Kathleen Mavourneen». Erst in Marseille würde er etwas Vernünftiges zu essen bekommen. Im Bristol. Er musste ein nettes, sympathisches Mädchen finden. Aus den wilden machte er sich nichts mehr, dafür war er zu alt. Eine Woche würde er wie ein Sultan leben. Dann würde er Makropoulos aufsuchen und einige Investitionen tätigen. Es wurde langsam Zeit, an die Zukunft zu denken, an das Alter. Er sah die großen trockenen Linien der Hügel, die im Mondschein leuchteten. Das Schiff fuhr durch die Dardanellen.</p>
   <p>Die Briten durchkämmten Pera derweil nach Russen. Mehrere Leute erschossen sich. Olgas Mann streckte einen Sergeant durch einen Stoß in den Bauch nieder, woraufhin er von einem nervösen Rekruten prompt mit einem Kopfschuss erledigt wurde. Die russischen Emigranten, die man bolschewistischer Neigungen verdächtigte, wurden in einem Keller zusammengetrieben. Den meisten war egal, was mit ihnen passierte. Viele freuten sich über die Aussicht auf eine anständige Mahlzeit. Dann wurden diejenigen, die als besonders gefährlich galten, ausgesondert und in Gefangenenlager gebracht. Die Übrigen wurden auf einen Kahn verladen und auf das Schwarze Meer in Richtung Odessa abtransportiert. Olga war nicht dabei. In Gesellschaft eines französischen Dolmetschers konnte sie Konstantinopel verlassen, und am Ende tauchte sie in Algier im Etablissement einer gewissen Madame Renée auf, fünfzig Francs für das Mädchen und fünfzig für das Haus. Wo immer sie hinging, trug sie ihren zinkweißen, fest modellierten Körper so sorglos mit sich herum, wie man einen Stuhl durch ein Zimmer trägt.</p>
   <p>Niemand weiß, wie Olga es nach New York schaffte – vielleicht als Ehefrau von irgendjemandem. Jedenfalls war sie glücklich in dem Lärm und dem Trubel in der East Side, wo sie wohnte, obwohl sie immer müde war. Besonders gefielen ihr die Five-and-Ten-Cent-Läden und die blauen Trolleybusse auf der Second Avenue. Nachts trat sie in einer Kaschemme am östlichen Ende der Seventh Street als Sängerin auf. Aber wenn sie sang, sah sie zu sehr wie eine Schülerin aus. Das andere Mädchen, eine dunkle Jüdin, die in Panama gewesen war, bekam den ganzen Applaus für</p>
   <p><emphasis>A thousand miles of hugs and kisses</emphasis></p>
   <p><emphasis>O ... poppa ... here we are</emphasis></p>
   <p><emphasis>O so far ... from Omaha.</emphasis></p>
   <p>Als wir in Findi auf dem Platz inmitten der verfallenen Häuser eintrafen, begrüßten uns der Caid und sein Bruder, der Tirailleur gewesen war. Ich überreichte meinen Brief, und der schwarze Mohammed hielt eine kleine Ansprache. Wir saßen im Gästezimmer, einem weißgetünchten Kämmerchen mit einer Bordüre von blauen Weinblättern und einer Hand, die das Muster regelmäßig unterbrach. Sie brachten Datteln und saure Milch. Es waren Angehörige der Beni Amer, reinblütige Araber, die die Franzosen in der Oase angesiedelt hatten, nach der Flucht der Haratin und Berber, die den Ort ursprünglich gebaut und die Dattelgärten angelegt hatten. Die Brunnen füllten sich wieder, und der Sand rückte den Palmen näher. Als wir unseren Teller leer gegessen hatten, gingen wir langsam und würdevoll umher, um die Sehenswürdigkeiten der Oase zu besichtigen, den Ort, wo die Schlacht zwischen den Joyeux und den Einwohnern stattgefunden hatte, die alten Brunnen, den Damm, der in alter Zeit errichtet worden war, die Gemüsegärten, die Stelle, wo eine ausländische Dame ihr Zelt aufgeschlagen hatte und fünf Tage geblieben war, das verfallene Denkmal für die französischen Soldaten, die in der Schlacht gefallen waren, die Reifenabdrücke des schweren Autobusses mit sechs Radpaaren, der hier vorbeigekommen war, um litzengeschmückte Offiziere nach Timimoum zu bringen. In dem Berg südlich der Oase wohnte ein Dämon namens Dariuss, der einen großen Goldschatz bewachte. Wenn jemand hinaufsteigen wollte, rollte er ihm Felsbrocken entgegen.</p>
   <p>Nach dem Essen, Ta’am mit süßer Milch und Eier, tranken wir Tee und saßen noch lange im Licht der beiden Lampen und plauderten. Schließlich vergaßen sie mich, ich lehnte mich an die Wand und ließ die Wellen des Arabischen über mich hinweggleiten. In Gesprächspausen war kein Laut zu hören. Die sechs oder acht Männer, die in der Oase lebten, waren alle in dem Zimmer. Wahrscheinlich lauschten ihre Frauen durch Mauerritzen. Außer den paar bewohnbaren Häusern gab es die verfallenen Häuser des alten Ksar, die hohen Dattelpalmen und den mächtigen sonnengetränkten Felsen, wo nur der Dämon Dariuss Wacht hielt.</p>
   <p>Eine große unaufgeregte Ruhe lag in den Gesichtern der Männer, die Energie ihrer Worte versetzte diese Ruhe nur in leise Wellen. In allem suchten sie die Ruhe, den Frieden Allahs, des Barmherzigen, des Allerbarmers. Das hatten Ahmed und sein Freund, der Schneider, in Marrakesch gesagt, während Ahmed den frischen Hanf für die Pfeife Kif schnitt. «In Amerika trinken wir Stimulantien, um uns anzuregen», hatte ich gesagt. «Ihr raucht Kif, um Frieden zu finden.» Er wusste nicht, was ich meinte. Aufgeregt war er gewesen, als das Maultier sich losgerissen hatte und er hinterhergelaufen war und dabei seine Pantoffeln verloren hatte, ein elendes Gefühl, schlimmer als Seekrankheit. Ich erzählte von Coney Island, wo Leute sich für Geld durchrütteln und anrempeln lassen, in die Tiefe stürzen, in Fässern rollen, über wackelnde Brücken schwanken. Ahmed fand, dass wir im Westen verrückt seien, aber da wir so reich seien, müsse in unserer Verrücktheit eine baraka sein. Er gab dem kleinen Schneider eine Pfeife, der sie würdevoll entgegennahm und rauchte, dazwischen immer wieder Tee trank und ruhig dasaß und durch die Tür in den hohen Himmel sah, ein schläfriges Lächeln in den Mundwinkeln. Dann inhalierte Ahmed tief und saß da und schaute mit blauglasigen Augen ins Nichts. Er gab mir die Pfeife. Der Westler, der Buchstabensuppenesser, zog mechanisch den beißenden Rauch ein. Gab es genug Kif auf der Welt, die atemlosen Begierden zu ertränken, den Gedanken an die nächste Sensation, die Feierabendhektik von Bahnhöfen, den Irrsinn der Städte in der Dämmerung, die Räder, die Maschinen, das endlos abrollende Druckpapier? Für Ahmed existierten all diese Dinge nicht. Das Leben war ruhige Hingabe, seine Erfüllung war der Bruder des Lebens, der Tod.</p>
   <p>In dieser Nacht, im kleinen Gästezimmer im Haus des Kaids in Findi, dachte ich an diese Dinge, während ich dem langen ruhigen Gespräch zuhörte, und an Götzenbilder und Buchstabensuppe und die Qualen der vier Himmelsrichtungen und den Käfig der Meridiane und an den Zug der Transsibirischen, ewig abfahrtbereit, das Pfeifen der Lokomotive, ein nagelneuer Zug, der nach neuem Spielzeug und Gummibällen riecht, der seinen Schuppen auf der Exposition Universelle nie verlassen hat. Wer wird einen Namen für unsere Verrücktheit finden, die an die Stelle von Ruhm und Religion und Wissen und Liebe getreten ist, eine Krankheit, subtiler und dauerhafter und folgenreicher als die Pocken, die Kolumbus aus der Neuen Welt mitbrachte? Lohnt sie die Schläfrigkeit von Kif und einem Mann allein in der weiten Wüste, der in triumphierender Gewissheit ruft: <emphasis>«Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet</emphasis>?<emphasis>»</emphasis></p>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>XIV</p>
    <p>POSTFLUGZEUG</p>
   </title>
   <p>Windgeschützt hinter dem Wellblechschuppen hocken ein alter Mann und zwei Frauen, bis zu den Augen in bleiche Lumpen vermummt. Ein Mechaniker, der ein Stück Putzwolle mit den Händen knetet, macht in einer Mischung aus Französisch und Pidgin-Arabisch spöttische Bemerkungen zum Thema Schweinefleisch. Alle frieren im kalten Ostwind. Schließlich erscheint das Flugzeug über den kahlen marokkanischen Bergen. Die Frauen kichern unter ihrem Schleier. «Im Namen Gottes», sagt der Alte und beobachtet reglos den Passagier und die Postsäcke und die Propellerblätter, die sich langsamer und langsamer drehen, zwei werden und stehen bleiben. Der Passagier klettert hinein und kauert sich hin, vor ihm ein schmalgesichtiger melancholischer Mann mit Motorradbrille. Die Postsäcke werden hineingeworfen, dann donnert der Motor, der Wellblechschuppen fällt zurück, die Hügel beginnen zu tanzen, und das weiße Tanger und die Meerenge und der Atlantik und das schwarze, wolkenumspielte Rif-Gebirge bleiben zurück, verschwinden in einer schiefen Spirale. Das Flugzeug hüpft wie ein Ball über eine Schneefläche aus weißen Wolken. Man friert und hat ein komisches Gefühl im Bauch, endlos ziehen sich die Stunden hin, bis man plötzlich in einen Wirbel aus Dunstfetzen und sonnenbeschienenen, roten gepflügten Äckern und gelben und weißen Häusern hineingerät, wir umkreisen die Stierkampfarena, das ist Malaga. Keine Zeit fürs Mittagessen.</p>
   <p>In Alicante sitzen Passagier und Pilot in einer Art Cabaret und trinken Fundador<a l:href="#n_38" type="note">[38]</a>. Auf der Bühne stampfen füllige Damen von gestern erschöpft zu Kastagnetten, aber Mercedes (1926er-Modell) setzt sich zu uns an den Tisch. Sie trägt das schwarze Haar kurz und macht bei dem Gespräch über Geschwindigkeit und eisige Luftlöcher goldig-runde Augen wie eine Katze.</p>
   <p>In aller Frühe gehen sie, verkatert, mit brennenden Augen und trockenem Mund, wieder an den Start, schrauben sich in den Nordwind.</p>
   <p>Valencia durch Lücken im Schneesturm. Dann stundenlang bronzegrünes Meer und rostbraune Höhenzüge und in einer doppelten Drehung hinunter nach Barcelona. Keine Zeit fürs Mittagsessen.</p>
   <p>Nördlich der Pyrenäen ist die Luft dick wie weiße Suppe. Über Sète ballen sich Wolken aus gigantischen Federn zusammen. Wir trudeln und sacken seitlich weg und werden plötzlich wie blind herumgeworfen. Es ist schrecklich kalt. Die Erde löst sich in wirbelnde Dunstfetzen auf. Keine Restaurants mehr, keine dampfgeheizten Bahnabteile, keine Wahlkampfumzüge, kein Red Fire<a l:href="#n_39" type="note">[39]</a>, keine Beefsteaks. Nichts als wirbelnde Kälte über einer imaginären Sphäre, markiert von Kontinenten, Kanälen, Straßen, Grundstücken. Eine Erde, unheimlich wie der Mars, kalt wie der Mond, fern wie Uranus, deren Tempo am Ende wie ein Gummiband reißt. Verpackt und verknotet, hart und kalt, wie ein Baseball um die Welt geworfen ... Bis man sich bei der Heimkehr wiedersieht und sich in den alten schwarzen Hut übergibt.</p>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>IM WILDEN OSTEN</p>
   </title>
   <p>Die Orientreise des</p>
   <p>John Dos Passos</p>
   <p>Es ist ein Jahr atemberaubender historischer Umwälzungen, in dem sich John Dos Passos zu seiner Reise in den Nahen Osten entschließt und einer langgehegten, unter abendländischen Literaten nicht gerade seltenen Sehnsucht nach dem Orient nachgibt. Bereits 1912 war er mit seiner Mutter den Nil hinab bis an die sudanesische Grenze gefahren und hatte auf der Rückreise nach Europa vier Tage in Istanbul verbracht. Als er im Juli 1921 erneut nach Istanbul aufbricht, ist der am 14. 1. 1896 unehelich in Chicago geborene Fünfundzwanzigjährige bereits Autor zweier Romane (<emphasis>One Man’s Initiation: 1917</emphasis> und <emphasis>Three Soldiers</emphasis>), die von seinen Kriegserlebnissen inspiriert sind. Seit dem Tod seines Vaters, eines angesehenen New Yorker Anwalts, im Jahr 1917 verfügt er über ein kleines Erbe, mit dessen Hilfe er sein unstetes Leben zunächst finanzieren kann.</p>
   <p>Nach dem Tod des Vaters – die Nachricht erreichte ihn während eines längeren Spanienaufenthalts – hatte sich der junge Intellektuelle freiwillig an die Front gemeldet, nicht als Soldat, sondern für eine Sanitätseinheit, die von einer wohltätigen Organisation finanziert wurde: Er war Fahrer eines Krankenwagens. Dennoch hätten die Kriegserlebnisse kaum unmittelbarer sein können. «Es ist bemerkenswert, wie viele Granaten um einen herum explodieren können, ohne dass man getroffen wird», schrieb er am 23. 8. 1917 an seinen Freund Rumsey Marvin. In dem fast fragmentarisch kurzen, nur gut hundert Seiten langen Erstling <emphasis>One Man’s Initiation</emphasis> werden die Verstümmelungen, die Todeskämpfe, die um sich greifende Verrohung mit äußerstem Realismus geschildert. Es handelt sich nicht um einen herkömmlichen Roman, sondern um eine Art literarischer Live-Reportage aus dem Krieg, um Schnappschüsse und Tonspuren unter dem offensichtlichen Einfluss der Schnitttechnik des Films. Ähnliche Techniken der literarischen Avantgarde finden wir in den hier vorliegenden Reiseberichten wieder, und in den großen Romanen, die seinen Ruhm begründeten, <emphasis>Manhattan Transfer</emphasis> (1925) und der Trilogie <emphasis>U.S.A.</emphasis> (1930–1936), treibt der Autor sie zur Meisterschaft.</p>
   <p>Dos Passos hasste den Krieg und war in seiner ersten Lebenshälfte ein entschiedener Gegner der Gesellschaftsordnung, die ihn zu verursachen schien, des Kapitalismus. Gleichwohl konnte er am 29. 8. 1917 von der Front an Rumsey Marvin schreiben: «Ich bin viel glücklicher hier, so richtig drin, als ich es seit Ewigkeiten gewesen bin.» Das scheint auf den ersten Blick ein krasser Widerspruch. Der Krieg wird als üble Machenschaft entlarvt («Absolut verdammter Blödsinn, ein riesiges Krebsgeschwür, das von Lügen genährt wird», heißt es im Brief vom 23. 8. 1917), und doch behauptet der, der ihn aus erster Hand erlebt, glücklicher zu sein als sonst je? Man muss ein wenig rechnen, um auf den gemeinsamen Nenner dieser beiden Haltungen zu kommen, aber es gibt ihn: Es ist ein Unbehagen an der Moderne, eine Zivilisationsmüdigkeit, die uns in den vorliegenden, bald hundert Jahre alten Reiseberichten sehr nah gebracht wird. «Ich bin noch nie so glücklich gewesen», heißt mit einer fast gleichlautenden Formulierung wie im Brief von 1917 an einer Stelle der Karawanenreise von Bagdad nach Damaskus («Siebzehnter Tag»). Im Krieg behauptet, wundert uns dieser Satz; ausgesagt in der Wüste, glauben wir ihn sofort.</p>
   <p>Mit Reisen hatte John Dos Passos Erfahrung von seiner Kindheit an, die er später einmal als «Hotelzimmerkindheit» beschrieb. Die Hotelzimmer dieser Kindheit lagen in Brüssel, in London, in Wiesbaden, in Paris, seine erste Sprache, mit der er aufwuchs, war Französisch. Finanziert wurde dieses Leben vom Vater, John Randolph Dos Passos, der Dos Passos’ Mutter wie eine Zweitfrau aushielt und sie vor allem auf seinen Geschäftsreisen nach Europa sah. Nach einem eher durchschnittlichen Abschluss in europäischen Sprachen und Literaturen in Harvard (er freundet sich dort unter anderem mit E. E. Cummings an) reist er 1916 vier Monate durch Spanien. Die damals entstandenen Essays und Reisebeschreibungen, zunächst für amerikanische Zeitungen verfasst, werden zu seinem ersten Reisebuch <emphasis>Rosinante to the Road Again</emphasis> (1922).</p>
   <p>Die hier publizierten Texte über seine Orientreise ragen jedoch weit über das Spanienbuch hinaus: Neben ihrem rein literarischen Wert sind sie ein einzigartiges Zeugnis für die durch den Ersten Weltkrieg und den Bolschewismus verursachten Umwälzungen aller Lebensverhältnisse im Kaukasus und im östlichen Mittelmeer. Der «Orient», wie er bis heute durch unsere Nachrichtensendungen geistert, hat sich in dieser Zeit überhaupt erst herausgebildet. Nur wenige Jahre zuvor wäre diese Reise (eigentlich sind es zwei, 1921 in den Nahen Osten, 1926 nach Marokko) eine vollkommen andere gewesen, kaum der hier beschriebenen vergleichbar, mit anderen Gesprächen, anderen Szenen, anderen Empfindungen und Stimmungen.</p>
   <p>Denn der Erste Weltkrieg war 1921 im Nahen Osten noch gar nicht richtig beendet. Auf der Agenda der europäischen Siegermächte, der Entente vor allem Frankreichs und Englands, stand die vollständige Neuaufteilung des Nahen Ostens. Das Osmanische Reich, als Verbündeter Deutschlands nach einigem Zögern Ende Oktober 1914 in den Krieg eingetreten, war 1918 zusammengebrochen. England hatte aus dem von ihm kontrollierten Ägypten die arabischen Unabhängigkeitsbewegungen gegen die osmanische Herrschaft unterstützt, welche damals ein Gebiet umfasste, das ungefähr den heutigen Staaten Saudi-Arabien, Golfemirate, Israel/Palästina, Irak, Jordanien, Syrien und Libanon entspricht. Oberst Thomas Edward Lawrence, der legendäre «Lawrence von Arabien», hatte König Hussain (1854–1931), dem Herrscher über den Hedjaz und damit über die heiligen Städte Mekka und Medina, als Gegenleistung für den gemeinsamen Kampf gegen die Osmanen (als deren Statthalter Hussain den Hedjaz bis dahin regiert hatte) einen unabhängigen arabischen Großstaat versprochen, dessen genaue Grenzen freilich noch auszuhandeln wären. Unterdessen planten Engländer und Franzosen im zunächst geheimen Sykes-Picot-Abkommen (1916) die Aufteilung des Nahen Ostens in zwei gleiche Interessensphären ohne Berücksichtigung der arabischen Wünsche. Woodrow Wilson, der amerikanische Präsident, mischte mit seinen «Fourteen Points at Baries» (wie es im Original, die arabische Aussprache von «Paris» persiflierend, heißt) ebenfalls mit und versprach den Völkern des Nahen Ostens nach dem Ende des Krieges die Selbstbestimmung – oder zumindest die «ungestörte Gelegenheit zur selbständigen Entwicklung», was immer dies heißen mochte.</p>
   <p>Zusätzlich zu diesen Doppeldeutigkeiten unterstützten die Briten nicht bloß König Hussain, für den Lawrence als Verbindungsoffizier zuständig war, sondern ebenso seinen ärgsten Konkurrenten auf der arabischen Halbinsel, Abd al-Aziz Ibn Saud (1880–1953), dessen Verbindungsoffizier Hauptmann William Shakespear (sic!) war. Die Nachrichten über Ibn Sauds Sieg im zukünftigen, nach ihm benannten Saudi-Arabien, erreichen Dos Passos am sechzehnten Tag der Karawanenreise nach Damaskus. («Im Nedschd wird anscheinend nicht mehr gekämpft.») Die Söhne des von Lawrence unterstützten Emirs Hussain waren inzwischen mit dem Segen der Mandatsmächte zu Königen Syriens (Faisal, geb. 1885; von ihm ist auf der Karawanenreise öfter die Rede) und Transjordaniens (Abdallah, 1882–1951) ausgerufen worden. Aber Faisal, wiewohl selbst ein Fremder in Syrien, rebellierte gegen die französische Vorherrschaft im Land (vgl. den Eintrag am siebenunddreißigsten Tag der Karawanenreise: «Leute in geheimnisvollen Höfen, die Anhänger von Faisal waren und gegen die Franzosen konspirierten») und wurde vertrieben. Als «Ersatz» wurde er von den Briten zum König des Irak ernannt (von 1921 bis zu seinem Tod 1933), wo die Briten ebenfalls mit Aufständen zu kämpfen hatten.</p>
   <p>Dabei muss man wissen, dass diese Länder zwar dem Namen nach, nie jedoch als klar voneinander abgegrenzte Staaten oder auch nur eindeutig definierte Verwaltungsbezirke existiert hatten. Die damals von England und Frankreich gezogenen, zum größten Teil bis heute bestehenden Grenzen waren künstlich und werden nach wie vor von den meisten Menschen der Region als künstlich empfunden. Willkürlich zerschnitten sie seit langem zusammengehörige, historisch gewachsene Landschaften, trennten Verwandtschafts- und Handelsbeziehungen und widersprachen eklatant der nomadisierenden Lebensweise vieler Menschen der Region. Der aufmerksame Leser dürfte es bemerkt haben: Dos Passos reist von Teheran bis Damaskus ohne jegliche Pass- oder Grenzkontrollen, und ohne Grenzkontrollen wäre er auch bis Gaza gekommen, wenn er gewollt hätte – eine heutzutage unvorstellbar traumwandlerische Art, den Nahen Osten zu bereisen!</p>
   <p>Ähnlich wie in den arabischen Ländern, wenngleich mit einer anderen Vorgeschichte, sah die Lage in Iran aus, wo sich im 19. Jahrhundert Großbritannien, Russland und das Osmanische Reich um Einfluss stritten. Im Ersten Weltkrieg war das Land zwar neutral, aber die Großmächte trugen ihre Kämpfe auch auf iranischem Boden aus. Mit der Oktoberrevolution zogen die Russen ab, die Osmanen waren ein Jahr später besiegt, und 1921 riss der pro-britische, auf radikale Reformen nach dem Vorbild Atatürks setzende Kosaken-Oberst Reza Khan die Macht an sich. 1925 ließ er sich zum Schah krönen – sein Sohn, Mohammed Reza, wurde 1979 durch die islamische Revolution von Ayatollah Khomeini gestürzt. Die Vorbehalte des Sayyids gegen die Engländer dürften vor diesem historischen Hintergrund niemanden erstaunen. Erstaunlich, wenn nicht alarmierend ist jedoch, wie sehr in Ost und West die politischen Positionen von damals noch den heutigen ähneln.</p>
   <p>Besonders reizvoll für den deutschsprachigen Leser dürften die Reminiszenzen an die im Ersten Weltkrieg zerschellten deutschen Kolonialambitionen sein. Tatsächlich kann Dos Passos auf der Stippvisite in Babylon seinen Durst mit echtem deutschen Bier löschen. Die Bahnlinie von Berlin nach Bagdad war das große Prestigeprojekt Kaiser Wilhelms, der Versuch, den britisch dominierten Nahen und Mittleren Osten für den deutschen Einfluss zu öffnen. Ironischerweise gelangte nur das Bier, nie aber eine deutsche Eisenbahn nach Bagdad!</p>
   <p>Weitaus unmittelbarer als auf dem Weg von Teheran nach Damaskus wird die Zeitgeschichte jedoch auf der ersten Hälfte der Reise erfahrbar. Die meisten Istanbul-Touristen kennen den Taksim-Platz und die von dort nach Galata (heute Karaköy) hinabführende, nach wie vor von der pittoresken hölzernen Straßenbahn befahrene Istiqlal-Straße, die bei Dos Passos noch «Grand Rue de Pera» heißt. Aber welch wunderliches Personal bevölkert die Stadt im Sommer 1921, als der fünfundzwanzigjährige Dos Passos dort eintrifft! Alliierte Soldaten, russische Kriegsgefangene, italienische Gendarmen, Griechen, sei es in Gestalt von Offizieren oder hochnäsigen älteren Damen, aserbaidschanische Diplomaten und armenische Spione – die Türken selbst erscheinen geradezu in der Minderheit, und ganz offenbar hatten sie nichts zu sagen. Istanbul war 1920 von den Engländern unter Kriegsrecht gestellt worden, und es war keineswegs klar, welchem der nahöstlichen Akteure der Goldene Apfel zufallen sollte; der türkische Rumpfstaat, den Mustapha Kemal («Atatürk») und andere osmanische Offiziere in Anatolien mit Ankara als neuer Heimat der «Großen Nationalversammlung» unabhängig halten konnten, war der am wenigsten aussichtsreiche Kandidat. Doch was den europäischen Mächten im Fall des arabischen Nahen Ostens zunächst gelang, scheiterte im Fall der Türkei kläglich. Nur zwei Jahre nach dem Besuch von Dos Passos in Istanbul war es vorbei mit dem Gewimmel von Soldaten und Glücksrittern aus aller Herren Länder, denn 1923 wurden im Frieden von Lausanne die Grenzen der heutigen Türkei festgeschrieben. Die Istanbul-Passagen in diesem Buch sind wohl das einzige Zeugnis über diese (von türkischen Autoren häufig behandelte) Zeit aus der Feder eines abendländischen Schriftstellers von Weltrang.</p>
   <p>Nicht weniger turbulent als am Bosporus geht es in den anderen Hauptstädten dieser Reise zu. Dos Passos fährt zunächst mit dem Schiff nach Batum am Ostufer des Schwarzen Meeres. Die Reise über Land durch Anatolien wäre wegen des Kriegs der türkischen Truppen gegen die Alliierten kaum möglich, in jedem Fall sehr gefährlich gewesen. In Armenien, Georgien und Aserbaidschan war der Krieg zwar schon vorüber, seine verheerenden Folgen waren dafür umso sichtbarer.</p>
   <p>Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches hatte die kaukasischen Republiken, immer schon ein Zankapfel zwischen Osmanen, Russen, Briten und Iranern, wieder dem Einflussbereich der Russen zugespielt. Unmittelbar nach der Oktoberrevolution und dem Kriegsaustritt Russlands hatten sich die kaukasischen Republiken zunächst auf osmanischen Druck hin für unabhängig erklärt; nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches 1918 wurde der Kaukasus dann von den Alliierten besetzt. Die kriegsmüden Truppen wurden jedoch bald abgezogen, nur die Hafenstadt Batum, die gemäß dem (von Deutschland diktierten) Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit dem bolschewistischen Russland der Türkei zugeschlagen werden sollte, blieb bis März 1921, also nur wenige Monate, bevor Dos Passos dort eintraf, in britischer Hand. In Aserbaidschan und Armenien, die sich wie Georgien Hoffnung auf eine Unabhängigkeit gemacht hatten und wo die Bolschewiken nur über wenig Unterstützung in der Bevölkerung verfügten, marschierten die Sowjets hingegen bereits 1920 ein. Unter dem Deckmantel eines von den Bolschewiken angezettelten Aufstands wurde dann als letzte der Kaukasusrepubliken im März 1921, gleichsam unter den Augen der Briten, Georgien von der elften russischen Armee erobert.</p>
   <p>War die Nahrungsmittelsituation nach dem Ersten Weltkrieg überall im Nahen Osten prekär, so wurde sie in den von der Sowjetunion neu eingegliederten Republiken durch die bereits bestehende Hungersnot in der Restsowjetunion katastrophal verschärft. Weit über fünf Millionen Menschen starben zwischen 1918 und 1922 in den von den Bolschewiken beherrschten Gebieten den Hungertod. Wie fatalistisch, um nicht zu sagen brutalisiert die Zeitstimmung war, bezeugt eine bekannte Aussage Gorkis aus dem Jahr 1921: «Ich nehme an, dass von den 35 Millionen Hungernden die Mehrheit sterben wird.» Dieser sich gegen jedes Mitleid abschottende Fatalismus klingt noch in der kühlen Beobachterhaltung von Dos Passos durch. Er registriert die Verwüstungen, die Zerstörung der traditionellen Lebensverhältnisse, das Elend, die Hungertoten. Aber er wertet nicht. Die Erkenntnis, die er aus dem Gesehenen zieht, sein Fazit, ist nicht moralisch oder politisch, sondern philosophisch und anthropologisch (tatsächlich war Dos Passos in Paris im Jahr 1922 an der Sorbonne kurzzeitig für das Fach Anthropologie eingeschrieben). In Batum sinniert er über die «Dämmerung der Dinge» («The Twilight of Things»). Die entwerteten, nunmehr bedeutungslosen, vormals aber das ganze Sein der Menschen ausmachenden Dinge (man denkt unwillkürlich an Heideggers «Zeug»), die er im Kramladen eines alten Mannes, «dem letzten Hüter der Dinge», in Hafennähe entdeckt, erscheinen als ein Vanitas-Gemälde, das zugleich die Verlorenheit des mit der neuen Zeit konfrontierten Menschen selbst spiegelt. Man könnte meinen, dass sich Dos Passos mit diesen philosophisch grundierten Reflexionen gegen die Schrecken des Gesehenen abschottet; indem sie ihn zu einem fast unterkühlten Betrachter machen, ermöglichen sie es ihm, unerschrocken hinzusehen.</p>
   <p>In diesem distanzierten Blick liegt der Keim zu zwei grundverschiedenen Weltanschauungen: Sind wir Zeugen und Opfer eines zivilisatorischen Quantensprungs, mussten sich Dos Passos und seine Zeitgenossen fragen, also eines wie auch immer gearteten Fortschritts, oder werden wir von einer sich zyklisch im Kreis drehenden Geschichte sinnlos zermahlen? Es ist diese Frage, mit der der Bericht in Marokko schließt, bevor der Reisende ins Postflugzeug steigt: Sind all die Verrücktheiten der Moderne auch nur annähernd so viel wert wie die Schläfrigkeit des Haschischrauchers und das Lob Gottes in der Wüste? Es ist eine der Stärken des vorliegenden Textes, dass diese Frage nicht entschieden wird, sondern offen bleibt, gestellt uns Lesern der Jetztzeit.</p>
   <p>Auch was die literarischen Mittel betrifft, wir hatten es angedeutet, ist dieser Reisebericht wegweisend und könnte es noch für heutige Reiseschriftsteller sein. Wenn von der Ermordung des aserbaidschanischen Gesandten in Istanbul erzählt wird, erfahren wir gleichsam nebenbei auch, wie nach der Eroberung des Kaukasus durch die Sowjets die Nationalisten der jeweiligen Länder bis ins Ausland verfolgt wurden. Die Hintergründe der Tat werden in dem offenbar wörtlich wiedergegebenen Brief erläutert, den die Witwe des Gesandten daraufhin in der <emphasis>Tribune Libre</emphasis> publizierte. Dieser Brief wirkt im ersten Moment wie ein Fremdkörper. Das Verfahren ähnelt jedoch der Art und Weise, wie auf dem Weg nach Teheran die politischen Gespräche mit dem Sayyid wiedergegeben werden. In beiden Fällen wird ohne Kommentar und Wertung eine Sichtweise auf das Weltgeschehen geboten, wie sie abendländische Leser selten zu hören bekommen. Es ist die Stimme der Betroffenen, die hier erklingt. Der Reisende ist nur noch ein Medium.</p>
   <p>Zuweilen wirken diese kommentarlos in den Text eingestreuten O-Töne wie mit einer Firnis von Ironie versehen, ein Eindruck, der durch Verballhornung der Namen westlicher Politiker (Jurj Washiton, Mister Vilson) in der Rede eines jungen Mannes aus Bagdad noch gesteigert wird. Es ist aber ganz dasselbe Verfahren wie in den großen Romanen <emphasis>Manhattan Transfer</emphasis> und <emphasis>U.S.A.</emphasis>, die als Collage aus Wahrnehmungsschnipseln, Szenen, O-Tönen, Berichten und Berichten von Berichten erscheinen, wobei der Erzähler ebenfalls weitgehend hinter seine Quellen zurücktritt, als wäre er nur ein Arrangeur vorgefundenen Materials. Zur selben literarischen Technik dürfen die vielen fremdsprachigen, vor allem arabischen Einsprengsel gezählt werden, die dem Text immer wieder eine Aura besonderer Authentizität verleihen: <emphasis>schwajja, inschallah, fluus, </emphasis>aber auch das im Original deutsche<emphasis> Bahnhof Bagdad; </emphasis>und im aserbeidschanischen Dschulfa heißt es am 21. August im Original <emphasis>«That evening politik, as the Sayyid calls it»</emphasis>.</p>
   <p>Gleichwohl verschwindet im Reisebericht das Subjekt des Erzählers nie zur Gänze, und im Lauf der Erzählung ist nach und nach immer mehr von den Stimmungen und Gefühlen des Reisenden die Rede. An keinem Punkt aber sind wir dem Erzähler – und er sich selbst! – so nah, wie während des siebenunddreißigtägigen Karawanenzugs von Bagdad nach Damaskus: «Es ist die feinste Sache auf der Welt, keine Uhr zu haben und kein Geld und für nichts Verantwortung zu empfinden» (Sechster Tag). «Ich bin nie so glücklich gewesen» (Siebzehnter Tag). Das Ideal des Reisens, das Dos Passos in diesen Tagen erfährt, ist jedoch bereits melancholisch angehaucht. Er ahnt, dass er eine im Untergang begriffene Welt bereist, und stellt die bange Frage: «Gab es genug Kif auf der Welt, die atemlosen Begierden zu ertränken, den Gedanken an die nächste Sensation, die Feierabendhektik von Bahnhöfen, den Irrsinn der Städte in der Dämmerung, die Räder, die Maschinen, das endlos abrollende Druckpapier?» Natürlich, wissen wir heute, gab es nicht genug. Wie auch? Denn «kein Gott ist stark genug, der Universal Suburb zu widerstehen», dem Evangelium Henry Fords «von Arbeitsteilung und Standardisierung».</p>
   <p>Vom Orient, den Dos Passos schildert, dessen Ende er vorausahnte und dessen Anfang vom Ende er mit ansehen konnte, sind heute nur noch Inseln übrig geblieben. Die Kifraucher gibt es noch, aber auch sie sind längst nicht mehr so gelassen wie früher; die Kamelkarawanen ziehen noch, aber nur für Touristen. Der in den Reden des Sayyids anklingende, durchaus nachvollziehbare Hass auf die westliche Politik ist, wie bekannt, nicht kleiner geworden; aber auch nicht die schon damals beklagte westliche Durchdringung des Orients. Die Bagdadbahn, deren weitestes Teilstück übrigens nie nach Bagdad, sondern nur bis nach Medina führte, ist längst aufgegeben und zu einer Art Freilichtmuseum für Wüstenreisende geworden; und Eisenbahnabenteuer in der Art von Dos Passos’ Fahrt durch den Kaukasus kann man selbst in Pakistan, das in dieser Hinsicht immer noch einige Überraschungen bietet, nicht mehr in solcher Reinform genießen. Was aber Marokko betrifft, so ist dort das Postflugzeug längst von den Billigfliegern abgelöst worden; und Marrakesch und Essaouira (Mogador) gelten inzwischen als die Party-Location Nr. 1 für die Jeunesse dorée aus aller Herren Länder.</p>
   <p>Dass wir dennoch nicht sehnsüchtig «gute, alte Zeit!» ausrufen sollten, lehrt uns dieser so klarsichtige und unverklärende Reisebericht eines der größten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts.</p>
   <cite>
    <text-author>Stefan Weidner</text-author>
   </cite>
  </section>
  <section>
   <p><image l:href="#i_002.jpg"/></p>
   <p>John Dos Passos während seiner Wüstenreise 1921/22. John Dos Passos Papers, 1865–1999, Accession Nr. 5950, Box 130, Folder ‹Desert Journey›, Special Collections, University of Virginia Library, Charlottesville, VA. Unter dem Bild steht die Legende: «The Queen of Sheba was the musical theme of ‹Three Soldiers›. Mr. John Dos Passos is here seen standing beside her.»</p>
  </section>
  <section>
   <title>
    <p>Über den Autor</p>
   </title>
   <p><strong>John Dos Passos</strong></p>
   <p>John Dos Passos (1896-1970) ist neben Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Moderne. Nach seinem Studienabschluss in Harvard reiste Dos Passos 1916 nach Spanien, schrieb seinen ersten Roman und diente freiwillig in der Sanität der französischen Armee. Nach dem Krieg reiste er als Journalist und Schriftsteller durch Europa, den Nahen Osten und den Kaukasus. Dies inspirierte ihn u.a. zum Reisejournal <emphasis>Orient Express</emphasis>, das 1927 erschien. Dos Passos’ erster großer Erfolg war der Großstadtroman <emphasis>Manhattan Transfer </emphasis>von 1925. In den Dreißigerjahren folgte die Romantrilogie <emphasis>U.S.A.</emphasis> Der enttäuschte Sozialrevolutionär Dos Passos zeichnet darin ein düsteres Sittengemälde Amerikas. Während des Zweiten Weltkriegs reiste er erneut als Kriegsberichterstatter nach Europa. 1947 wurde er in die Amerikanische Akademie für Kunst und Literatur gewählt. Insgesamt schrieb er mehr als vierzig Romane, daneben Essays, Gedichte und Theaterstücke.</p>
  </section>
 </body>
 <body name="notes">
  <title>
   <p>ANMERKUNGEN</p>
  </title>
  <section id="n_1">
   <title>
    <p>1</p>
   </title>
   <p><emphasis>Pico</emphasis> Zu den Azoren gehörende Insel</p>
  </section>
  <section id="n_2">
   <title>
    <p>2</p>
   </title>
   <p><emphasis>Michel Strogoff</emphasis> Romanfigur von Jules Verne aus <emphasis>Der Kurier des Zaren</emphasis></p>
  </section>
  <section id="n_3">
   <title>
    <p>3</p>
   </title>
   <p><emphasis>Diehl</emphasis> Vermutlich Charles Diehl (1859–1944), französischer Byzantinist</p>
  </section>
  <section id="n_4">
   <title>
    <p>4</p>
   </title>
   <p><emphasis>Französische, griechische und italienische Gendarmen ...</emphasis> Nach dem Waffenstillstand von Mudros (1918) wurden der Bosporus, die Dardanellen und andere wichtige türkische Stellungen unter alliierte Kontrolle gestellt. Istanbul stand von 1920 bis 1923 unter alliierter Besatzung</p>
  </section>
  <section id="n_5">
   <title>
    <p>5</p>
   </title>
   <p><emphasis>Wrangel-Armee</emphasis> Die südliche weißrussische Armee während des russischen Bürgerkriegs wurde zwischen April und November 1920 von General Peter Wrangel befehligt</p>
  </section>
  <section id="n_6">
   <title>
    <p>6</p>
   </title>
   <p><emphasis>Moussavat-Partei</emphasis> «Partei der Gleichheit», muslimische Partei in Aserbeidschan, gegründet 1911, von 1918 bis zur Machtergreifung der Bolschewiken und dem Ende der unabhängigen Republik 1920 an der Regierung beteiligt</p>
  </section>
  <section id="n_7">
   <title>
    <p>7</p>
   </title>
   <p><emphasis>Yaschmaks</emphasis> Schleier muslimischer Frauen</p>
  </section>
  <section id="n_8">
   <title>
    <p>8</p>
   </title>
   <p><emphasis>Therapia</emphasis> Das heutige Tarabya, Villenvorort von Istanbul am europäischen Bosporus-Ufer</p>
  </section>
  <section id="n_9">
   <title>
    <p>9</p>
   </title>
   <p><emphasis>Kemal</emphasis> Mustafa Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei</p>
  </section>
  <section id="n_10">
   <title>
    <p>10</p>
   </title>
   <p><emphasis>Der Ritter vom Pantherfell</emphasis> Georgisches Nationalepos, verfasst von Schota Rustaweli (12./13. Jh.)</p>
  </section>
  <section id="n_11">
   <title>
    <p>11</p>
   </title>
   <p><emphasis>N.E.R.</emphasis> Near East Relief, amerikanische Hilfsorganisation, 1915 gegründet</p>
  </section>
  <section id="n_12">
   <title>
    <p>12</p>
   </title>
   <p><emphasis>Denikin</emphasis> Anton Denikin befehligte die südliche weißrussische Armee während des russischen Bürgerkriegs zwischen April 1918 und April 1920 (vor Peter Wrangel)</p>
  </section>
  <section id="n_13">
   <title>
    <p>13</p>
   </title>
   <p><emphasis>Terrible Turk</emphasis> Yusuf Ismail (1857–1898), türkischer Ringer, der in Amerika auftrat und durch seine legendäre Kraft bekannt wurde</p>
  </section>
  <section id="n_14">
   <title>
    <p>14</p>
   </title>
   <p><emphasis>Politik</emphasis> Im Original auf Deutsch</p>
  </section>
  <section id="n_15">
   <title>
    <p>15</p>
   </title>
   <p><emphasis>Miss Bell</emphasis> Gertrude Bell (1868–1926), englische Reisende und Archäologin, die der britischen Regierung während des Ersten Weltkriegs und danach als Nahost-Beraterin diente, maßgeblich bei der Errichtung des Mandatsgebiets Irak beteiligt</p>
  </section>
  <section id="n_16">
   <title>
    <p>16</p>
   </title>
   <p><emphasis>Gedicht von Hafis</emphasis> Hier in der Übertragung von Cyrus Atabey, aus: <emphasis>Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. </emphasis>Herausgegeben von Kurt Scharf. München: C.H. Beck 2009</p>
  </section>
  <section id="n_17">
   <title>
    <p>17</p>
   </title>
   <p><emphasis>Mudschtahid</emphasis> Islamischer Rechtsgelehrter</p>
  </section>
  <section id="n_18">
   <title>
    <p>18</p>
   </title>
   <p><emphasis>Saadi</emphasis> Der persische Dichter Muscharraf ud-din Sa’di von Schiraz (ca. 1213–92)</p>
  </section>
  <section id="n_19">
   <title>
    <p>19</p>
   </title>
   <p><emphasis>Inschallah</emphasis> So Gott will</p>
  </section>
  <section id="n_20">
   <title>
    <p>20</p>
   </title>
   <p><emphasis>Bismillah</emphasis> Im Namen Gottes</p>
  </section>
  <section id="n_21">
   <title>
    <p>21</p>
   </title>
   <p><emphasis>Republik Ghilan</emphasis> Eine im Mai 1920 proklamierte Sowjetrepublik in Nordpersien, aufgelöst nach dem Rückzug der Roten Armee im Oktober 1921</p>
  </section>
  <section id="n_22">
   <title>
    <p>22</p>
   </title>
   <p><emphasis>El Bab</emphasis> Sayyid Ali Muhammad, ein schiitischer Anführer in Persien, wurde von seinen Anhängern 1844 zum Propheten ausgerufen und mit dem Titel Bab («Tor») geehrt. Er wurde 1850 hingerichtet.</p>
  </section>
  <section id="n_23">
   <title>
    <p>23</p>
   </title>
   <p><emphasis>Andarun</emphasis> Für die Frauen bestimmter Teil des iranischen Hauses</p>
  </section>
  <section id="n_24">
   <title>
    <p>24</p>
   </title>
   <p><emphasis>Isa ben Mariam</emphasis> Der islamische Name für Jesus</p>
  </section>
  <section id="n_25">
   <title>
    <p>25</p>
   </title>
   <p><emphasis>Fluus</emphasis> Geld (arabisch)</p>
  </section>
  <section id="n_26">
   <title>
    <p>26</p>
   </title>
   <p><emphasis>Cokus</emphasis> Sir Percy Cox (1864–1937), von 1920 bis 1923 britischer Hochkommissar im Irak</p>
  </section>
  <section id="n_27">
   <title>
    <p>27</p>
   </title>
   <p><emphasis>Prärieauster</emphasis> Hammel- oder Büffelhoden</p>
  </section>
  <section id="n_28">
   <title>
    <p>28</p>
   </title>
   <p><emphasis>Enteuthen exelaunei</emphasis> «Von da marschierten sie» (griechisch), wiederholt verwendeter Ausdruck in Xenophons <emphasis>Anabasis</emphasis></p>
  </section>
  <section id="n_29">
   <title>
    <p>29</p>
   </title>
   <p><emphasis>Parasang</emphasis> Altes persisches Längenmaß: eine Reitstunde, etwa 6 Kilometer</p>
  </section>
  <section id="n_30">
   <title>
    <p>30</p>
   </title>
   <p><emphasis>Gordon Pascha</emphasis> Charles George Gordon (1833–1885), britischer Gouverneur des Sudan, während des Mahdi-Aufstands in Khartum getötet</p>
  </section>
  <section id="n_31">
   <title>
    <p>31</p>
   </title>
   <p><emphasis>Esch-Scham</emphasis> Damaskus</p>
  </section>
  <section id="n_32">
   <title>
    <p>32</p>
   </title>
   <p><emphasis>Bilkis</emphasis> Arabischer Name für die Königin von Saba</p>
  </section>
  <section id="n_33">
   <title>
    <p>33</p>
   </title>
   <p><emphasis>Tervuren</emphasis> Vorort von Brüssel, 1897/98 wurde dort das Königliche Afrika-Museum gegründet</p>
  </section>
  <section id="n_34">
   <title>
    <p>34</p>
   </title>
   <p><emphasis>Abdel Kader el-Dschilani</emphasis> Islamischer Mystiker im 12. Jh.</p>
  </section>
  <section id="n_35">
   <title>
    <p>35</p>
   </title>
   <p><emphasis>Der Homer der Transsibirischen Eisenbahn</emphasis> Die folgenden Gedichtpassagen aus «Die Prosa der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich», «Panama oder Die Abenteuer meiner sieben Onkel», «Strom/Mississippi» und «Im Herzen der Welt» werden zitiert nach: Blaise Cendrars, <emphasis>Ich bin der Andere. Gesammelte Gedichte</emphasis>. Herausgegeben von Claude Leroy. Aus dem Französischen von Peter Burri. Basel: Lenos 2004</p>
  </section>
  <section id="n_36">
   <title>
    <p>36</p>
   </title>
   <p><emphasis>Lesseps</emphasis> 1879 unternahm Ferdinand de Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, einen Versuch, einen Kanal durch Panama zu konstruieren. Das Projekt scheiterte</p>
  </section>
  <section id="n_37">
   <title>
    <p>37</p>
   </title>
   <p><emphasis>Gut of Canso</emphasis> Meerenge zwischen Nova Scotia und Cape Breton Island</p>
  </section>
  <section id="n_38">
   <title>
    <p>38</p>
   </title>
   <p><emphasis>Fundador</emphasis> Ein spanischer Brandy</p>
  </section>
  <section id="n_39">
   <title>
    <p>39</p>
   </title>
   <p><emphasis>Red Fire</emphasis> Eine Garnelenart</p>
  </section>
 </body>
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