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        <genre>antique</genre>
        <author><first-name>Karl</first-name><last-name>Jaspers</last-name></author>
        <book-title>Die Schuldfrage</book-title>
        <lang>en</lang>
        <keywords>antique</keywords>
        <annotation><p>...</p></annotation>
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        <author><first-name>Karl</first-name><last-name>Jaspers</last-name></author>
        <program-used>calibre 5.27.0</program-used>
        <date>2.11.2022</date>
        <id>fcebd415-c4f8-4a6c-b632-e56443f51bc9</id>
        <version>1.0</version>
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    <publish-info>
        <year>2007</year>
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<section>
<p><strong>Annotation</strong></p>
<p>...</p>
<empty-line/><empty-line/><empty-line/>
<p>KARL JASPERS</p>
<p> <emphasis>Die Schuldfrage</emphasis></p>
<p>LAMBERT SCHNEIDER · HEIDELBERG</p>
<p>
<image l:href="#img_0"/></p>
<p>
 <emphasis>Die Schuldfrage</emphasis></p>
<p>Von</p>
<p>KARL JASPERS</p>
<p>Dr. med., o. ö. Prof. der Philosophie</p>
<p>1946</p>
<p>H E I D E L B E R G</p>
<p>L I Z E N Z   U S   ·   W   ·   1 0 0 7</p>
<p>L A M B E R T   S C H N E I D E R</p>
<p>H E I D E L B E R G</p>
<p>Vorwort</p>
<p>Aus einer Vorlesungsreihe über die geistige Situation in Deutschland,  die  im  Wintersemester  1945–1946  stattfand,  wird  hier  der  Inhalt  der  Stunden,  welche  über  die Schuldfrage handelten, veröffentlicht.</p>
<p>Die Gesinnung, in der ich von ihr spreche, wird vielleicht durch  die  Einleitungsvorlesung,  mit  der  ich  das  Semester begann,  deutlicher.  Ich  stelle  diese  –  noch  in  der  Vor-lesungsform belassen – voran.</p>
<p>Mit allen diesen Erörterungen möchte ich als Deutscher unter  Deutschen  Klarheit  und  Einmütigkeit  fördern,  als Mensch unter Menschen teilnehmen an unserem Mühen um Wahrheit.</p>
<p>Heidelberg, April 1946</p>
<p>Karl Jaspers</p>
<p>
Inhaltsübersicht</p>
<p> <emphasis>Einleitung zu einer Vorlesung</emphasis></p>
<p> <emphasis>über die geistige Situation in Deutschland</emphasis> Das Bild der Universität, die neue Freiheit .  .  .  .  .  .  .      11</p>
<p>§ 1. Miteinanderreden   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      14</p>
<p>§ 2. Die großen Verschiedenheiten zwischen uns .      19</p>
<p>§ 3. Plan der folgenden Erörterungen   .  .  .  .  .  .  .    24</p>
<p>Die Schuldfrage</p>
<p>Einleitung .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    29</p>
<p> <emphasis>A. SCHEMATIK DER UNTERSCHEIDUNGEN</emphasis></p>
<p>§ 1. Vier Schuldbegriffe .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      31</p>
<p>§ 2. Folgen der Schuld   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    34</p>
<p>§ 3. Gewalt · Recht · Gnade   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      35</p>
<p>§ 4. Wer urteilt und wer wird beurteilt?  .  .  .  .  .  .     37</p>
<p>§ 5. Verteidigung   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      41</p>
<p> <emphasis>B. DIE DEUTSCHEN FRAGEN</emphasis></p>
<p>Einleitung   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    44</p>
<p> <emphasis>I. Die Differenzierung deutscher Schuld</emphasis></p>
<p>§ 1. Die Verbrechen  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    47</p>
<p>§ 2. Die politische Schuld   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      55</p>
<p>§ 3. Die moralische Schuld .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .     57</p>
<p>§ 4. Die metaphysische Schuld   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    63</p>
<p>§ 5. Zusammenfassung: a) Folgen der Schuld  .  .  .    65</p>
<p>b) Die Kollektivschuld .  .    67</p>
<p> <emphasis>II. Möglichkeiten der Entschuldigung</emphasis></p>
<p>§ 1. Der Terrorismus   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      73</p>
<p>§ 2. Schuld und historischer Zusammenhang .  .  .     75</p>
<p>§ 3. Die Schuld der anderen  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    79</p>
<p>§ 4. Aller Schuld?   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .     85</p>
<p> <emphasis>III. Unsere Reinigung</emphasis></p>
<p>Einleitung   .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    89</p>
<p>§ 1. Ausweichen vor der Reinigung  .  .  .  .  .  .  .  .  .    90</p>
<p>§ 2. Der Weg der Reinigung  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .   102</p>
<p>
 <emphasis>Einleitung zu einer Vorlesung über</emphasis> <emphasis>die geistige Situation in  </emphasis></p>
<p> <emphasis>Deutschland</emphasis></p>
<p>
Meine Damen und Herren!</p>
<p>Wer von Ihnen in den letzten Jahren als Student in diesen Räumen saß, wird jetzt vielleicht denken: Es klingt plötzlich  alles  ganz  anders;  die  Szene  hat  gewechselt;  der Gang der politischen Ereignisse stellt die Dozenten als Pup-pen heraus, einmal diese, einmal jene; als Organe der Macht sagen sie ihr Verslein her; ob sie so oder so reden, keinem ist zu trauen; wes Brot ich eß, des Lied ich sing – das gelte auch von den Professoren.</p>
<p>Ich verstehe dies Mißtrauen bei jedem jungen Menschen, der in den letzten zwölf Jahren in dieser Umwelt zum Bewußtsein  erwacht  ist.  Aber  ich  bitte  Sie,  im  Gang  Ihres Studiums  sich  für  die  Möglichkeit  offenzuhalten,  daß  es jetzt anders ist, daß es sich jetzt doch wirklich um Wahrheit handle. Der Anspruch geht an Sie selbst, daß jeder für sich an seiner Stelle mitwirke, daß Wahrheit offenbar werde.</p>
<p>Vorläufig  aber  hören  Sie  meine  Auffassung  von  der  Lage in  den  Wissenschaften  an  der  Universität  und  prüfen  sie.</p>
<p>Sie ist folgende:</p>
<p>In manchen Wissenschaften werden Sie kaum etwas anderes  hören,  als  in  den  vorigen  Jahren.  Forscher,  die  sich treu blieben, haben hier jederzeit Wahrheit gelehrt. Sie werden manche Lehrer wieder angetroffen haben, die in Stimme und Ton ebenso wie im Inhalt und in den Grundanschau-ungen  ihrer  Vorlesungen  Ihnen  als  dieselben  entgegentre-ten, die sie alle die Jahre waren.</p>
<p>Dagegen werden Sie besonders in weltanschaulichen und politischen  Gebieten  vielleicht  einen  wunderlichen  Eindruck  haben.  Es  klingt  in  der  Tat  nun  alles  ganz  anders.</p>
<p>Diejenigen zwar, die schon vor 1933 oder auch noch in den ersten Jahren nachher hier hörten, würden, wenn sie wieder hier säßen, bei manchem von uns wohl eine Überein-stimmung der Grundhaltung wahrnehmen. Aber auch da ist vielleicht eine Verwandlung durch die Erschütterungen dieses  Jahrzehnts  spürbar.  Und  ein  Szenenwechsel  ist  in der  Tat.  Dozenten,  die  Ihnen  die  nationalsozialistischen Redewendungen  vortrugen,  sind  verschwunden.  Andere Dozenten sind aus der Vergangenheit als alte Leute wieder aufgetaucht oder jung hinzugekommen in einer Verwandlung zur Freiheit und Offenheit, während sie bis dahin eine Maske tragen mußten.</p>
<p>11</p>
<p>  Wiederum bitte ich Sie: hüten Sie sich vor dem vorzeiti-gen Schluß, von diesen würde jetzt das Gegenteil des eben noch  Gültigen  gelehrt;  man  rede  ja  genau  so  wie  vorher, nur umgekehrt; was vorher verherrlicht wurde, das werde jetzt  bekämpft;  was  vorher  bekämpft  wurde,  das  werde jetzt verherrlicht. In jedem Fall, gestern wie heute, sei die Lehre  politisch  erzwungen,  also  keine  eigentliche  Wahrheit.  –  Nein,  so  ist  es  wenigstens  nicht  überall.  Wo  es  so wäre,  da  wäre  in  der  Tat  kein  wesentlicher  Unterschied.</p>
<p>Nicht die Denkungsart, sondern nur die Richtung der Aggressivität oder der schwindelhaften Verherrlichung hätte gewechselt.</p>
<p>Wir Professoren werden durch die Weise unserer Lehre zu zeigen haben, daß der radikale Unterschied zwar auch durch  bestimmte  Inhalte,  entscheidend  aber  in  der  Denkungsart selber besteht. Wenn frühere Lehre Propaganda, nicht Wissenschaft war und nicht Philosophie, so soll jetzt nicht  etwa  ein  anderer  Standpunkt  bezogen  werden,  sondern die Denkweise zurückkehren zur kritischen Bewegung, zum  Forschen,  das  das  eigentliche  Erkennen  ist.  Dieses kann  man  unterdrücken.  So  wie  man  ihm  Raum  gibt,  erwächst es aus dem Wesen des Menschseins.</p>
<p>Wohl ist alles Denken und Forschen abhängig von den politischen  Zuständen.  Aber  der  Unterschied  ist,  ob  Denken und Forschen von der politischen Macht für ihre eigenen Zwecke gezwungen und für sie eingesetzt werden, oder ob sie frei gelassen werden, weil die politische Macht freie Forschung, einen von ihrer unmittelbaren Einwirkung freien Raum, will.</p>
<p>Vor  1933  durften  wir  und  jetzt  dürfen  wir  wieder  frei denken und reden. Der gegenwärtige politische Zustand ist eine Militärregierung und eine durch deren Autorität eingesetzte deutsche Regierung, welche ihrerseits daher noch keine demokratische, sondern eine autoritäre Regierung ist.</p>
<p>Aber beide, Militärregierung und deutsche Regierung, zwingen  uns  keine  Linie  unseres  Denkens  und  Forschens  auf, sondern lassen uns frei für die Wahrheit.</p>
<p>Das heißt heute noch nicht, daß wir die Freiheit zu be-liebigen Urteilen hätten.</p>
<p>Die Gesamtlage läßt es nicht zu, über alle weltpolitisch entscheidenden  Fragen,  die  gegenwärtig  im  politischen 12</p>
<p>Kampf der Mächte eine Rolle spielen, öffentlich ganz rückhaltlos zu sprechen. Das ist selbstverständlich. In der ganzen Welt kann es der politische Takt gebieten, jeweils über gewisse  Fragen  und  Tatsachen  im  Interesse  der  günstig-sten Lösung zu schweigen – wenn es auch schmerzlich und nicht  der  ideale  Zustand  ist.  Unsere  Wahrhaftigkeit  ge-bietet  uns,  das  einzugestehen.  Niemand  aber  hat  hier  ein Recht  der  Anklage.  Über  alles  nach  Lust  und  Willkür  zu reden, ist ohnehin Zuchtlosigkeit.</p>
<p>Nur was man redet, soll bedingungslos wahr sein.</p>
<p>Das je gegenwärtige politische Geschehen ist nicht Gegenstand der Universitätsvorlesungen in dem Sinne, daß hier Politik gemacht würde. Es ist niemals Sache der Vorlesungen,  die  Regierungen  in  ihren  Handlungen  zu  kritisieren oder  zu  belobigen  –  wohl  aber  etwa,  deren  tatsächliche Struktur wissenschaftlich zu klären.</p>
<p>Daß wir heute eine Militärregierung haben, heißt, ohne daß  es  ausdrücklich  gesagt  zu  werden  brauchte,  daß  wir kein Recht haben, die Militärregierung zu kritisieren.</p>
<p>Das alles bedeutet aber keine Einschränkung unserer Forschung, sondern nur einen kräftigen Zwang, das nicht zu tun,  was  niemals  unsere  Sache  ist,  nämlich  in  politische Handlungen  und  Entscheidungen  des  Tages  einzugreifen.</p>
<p>Es schiene mir böswillig, darin eine Beschränkung unserer Wahrheitserforschung zu sehen.</p>
<p>Diese  bedeutet  vielmehr:  Wir  dürfen  das  methodisch Erforschbare nach allen Seiten mit allen Mitteln zu erkennen suchen. Wir haben die Möglichkeit der Vielfalt unserer Anschauungen  und  der  Diskussion,  aber  auch  die  Gefahr der Zerstreuung und der Bodenlosigkeit.</p>
<p>Das heißt wiederum nicht: Wir hätten Freiheit für Propaganda.  Solche  würde  vielleicht  geduldet,  wenn  sie  auf der  Linie  der  heute  gültigen  politischen  Zwecke  läge.  Sie wäre an der Universität auch dann ein Unheil. Wir haben Wahrheit nicht durch schnelle Behauptungen zu ergreifen, sondern haben zu prüfen, zu erwägen, uns zu besinnen, im Hin und Her, im Für und Wider zu erörtern, die eigenen Behauptungen  in  Frage  zu  stellen.  Wahrheit  ist  nicht  da als fertig lieferbare Ware, sondern ist nur in der methodi-schen Bewegung, in der Besonnenheit der Vernunft.</p>
<p>Was  ich  bisher  sagte,  gilt  von  unserer  Universität  über-13</p>
<p>haupt, ihrer Lehre und Forschung. Für unsere gegenwärtige Vorlesung  sind  die  angedeuteten  Probleme  der  Spannung in besonderer Schärfe da.</p>
<p>Ich  möchte  zu  Ihnen  sprechen  über  unsere  Situation, streife  also  ständig  an  das  unmittelbar  Aktuelle,  das  als konkrete Politik nicht unser Thema ist und nicht sein soll.</p>
<p>Worauf wir uns besinnen wollen, das ist aber eine Voraussetzung auch für unser politisches Urteilen.</p>
<p>Ich möchte sprechen aus philosophischen Motiven, um uns zu klären und zu ermutigen. Die Wahrheit soll uns helfen, unseren Weg zu finden.</p>
<p>Für  diese  Überlegungen  wollen  wir  uns  zunächst  zwei Notwendigkeiten vergegenwärtigen, deren Bewußtheit mir für  uns  Deutsche  in  unserer  heutigen  Lage  besonders  unerläßlich dünkt. Wir müssen lernen, miteinander zu reden, und  wir  müssen  uns  gegenseitig  in  unseren  außerordentlichen Verschiedenheiten verstehen und anerkennen. Diese Verschiedenheiten sind so groß, daß wir uns in Grenzfällen wie aus verschiedenen Völkern zu stammen scheinen.</p>
<p>§ 1. Miteinanderreden</p>
<p>Wir müssen uns in Deutschland miteinander geistig zu-rechtfinden.  Wir  haben  noch  nicht  den  gemeinsamen  Boden. Wir suchen zusammen zu kommen.</p>
<p>Vom Katheder zu sprechen ist aber notwendig einseitig.</p>
<p>Hier  unterhalten  wir  uns  nicht.  Was  ich  Ihnen  vortrage, ist jedoch erwachsen aus dem Miteinandersprechen, das wir alle, jeder in seinem Kreise, vollziehen. Wie dieses überall stattfindet,  das  ist  das  Ethos  der  Atmosphäre,  in  der  wir leben.</p>
<p>Jeder muß mit den Gedanken, die ich vortrage, auf seine Weise  umgehen  –  er  soll  sie  nicht  als  gültig  einfach  hin-nehmen, sondern erwägen –, aber auch nicht einfach wider-sprechen, sondern versuchen, vergegenwärtigen und prüfen.</p>
<p>Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollen  nicht  nur  unsere  Meinung  wiederholen,  sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören,  bereit  bleiben,  zu  neuer  Einsicht  zu  kommen.  Wir wollen  den  andern  gelten  lassen,  uns  innerlich  versuchs-weise auf den Standpunkt des andern stellen. Ja, wir wollen 14</p>
<p>das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Der Gegner ist zum Erreichen der Wahrheit wichtiger als der Einstim-mende. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechen-den  ist  wichtiger  als  die  voreilige  Fixierung  von  sich  aus-schließenden  Standpunkten,  mit  denen  man  die  Unterhaltung als aussichtslos beendet.</p>
<p>Es ist so leicht, entschiedene Urteile affektbetont zu vertreten;  es  ist  schwer,  ruhig  zu  vergegenwärtigen  und  mit Wissen  um  alle  Gegenstände  das  Wahre  zu  sehen.  Es  ist leicht, mit trotzigen Behauptungen die Kommunikation ab-zubrechen;  es  ist  schwer,  unablässig  über  Behauptungen hinaus  in  den  Grund  der  Wahrheit  einzudringen.  Es  ist leicht, eine Meinung aufzugreifen und festzuhalten, um sich weiteren Nachdenkens zu überheben; es ist schwer, Schritt für  Schritt  voranzukommen  und  niemals  das  weitere  Fragen zu verwehren.</p>
<p>Wir  müssen  die  Bereitschaft  zum  Nachdenken  wiederherstellen  gegen  die  Neigung,  alles  gleichsam  in  Schlag-zeilen  plakatiert  schon  fertig  zu  haben.  Dazu  gehört,  daß wir uns nicht berauschen in Gefühlen des Stolzes, der Verzweiflung, der Empörung, des Trotzes, der Rache, der Verachtung, sondern daß wir diese Gefühle auf Eis legen und sehen, was wirklich ist. Wir müssen solche Gefühle suspen-dieren, um das Wahre zu erblicken, um liebend in der Welt zu sein.</p>
<p>Aber  nun  gilt  vom  Miteinanderreden  auch  umgekehrt: Es ist leicht, alles unverbindlich zu denken und sich nie zu entscheiden; es ist schwer, in der Helligkeit allseitig offenen Denkens  den  wahren  Entschluß  zu  fassen.  Es  ist  leicht, durch Reden sich um die Verantwortung zu drücken; es ist schwer,  den  Entschluß  unbedingt,  aber  ohne  Eigensinn, festzuhalten.  Es  ist  leicht,  jederzeit  in  der  Situation  dem geringsten Widerstand zu folgen; es ist schwer, in der Führung durch den unbedingten Entschluß durch alle Beweglichkeit  und  Biegsamkeit  des  Denkens  den  entschiedenen Weg einzuhalten.</p>
<p>Diese Schwierigkeiten lassen uns nach entgegengesetzten Seiten in die Irre geraten. Wir kommen nicht weiter, wenn wir  die  eben  geschilderten  Abgleitungen  der  einen  Seite gegen  die  der  anderen  ausspielen.  Es  gibt  auch  nicht  das Mittlere. Vielmehr liegt der Weg des Menschen zum Wah-15</p>
<p>ren  in  dem  Raum  der  Ursprünge,  von  denen  jene  Abgleitungen  erfolgen.  Dort  gehen  wir,  wenn  wir  wirklich  miteinander zu reden vermögen. Dazu muß ständig etwas in uns bleiben, das dem anderen vertraut und Vertrauen verdient. Dann wird im Wechselgespräch jene Stille möglich, in der man gemeinsam horcht, und hört, was wahr ist.</p>
<p>Daher wollen wir nicht zornig aufeinander werden, sondern versuchen, miteinander den Weg zu finden. Der Affekt spricht gegen die Wahrheit des Redenden. Wir wollen keinen fanatischen  Willen  herauskehren,  uns  nicht  überschreien.</p>
<p>Wir wollen uns nicht pathetisch an die Brust schlagen, um den anderen zu beleidigen, wollen nicht in Selbstzufrieden-heit preisen, was nur zur Kränkung des andern gemeint ist.</p>
<p>Wir  wollen  uns  nicht  gegenseitig  Meinungen  aufzwingen.</p>
<p>Im  gemeinsamen  Suchen  des  Wahren  aber  darf  es  keine Schranken  geben  durch  schonende  Zurückhaltung,  keine Milde durch Verschweigen, keinen Trost durch Täuschung.</p>
<p>Es gibt keine Frage, die nicht gestellt werden dürfte, keine liebgewordene  Selbstverständlichkeit,  kein  Gefühl,  keine Lebenslüge,  die  zu  schützen  wären  oder  die  unberührbar wären. Aber erst recht darf es nicht erlaubt sein, sich frech ins Gesicht zu schlagen durch herausfordernde, unbegründete, leichthin gefällte Urteile. Wir gehören zusammen; wir müssen  unsere  gemeinsame  Sache  fühlen,  wenn  wir  miteinander reden.</p>
<p>Wenn  wir  laut  zueinander  sprechen,  so  setzen  wir  nur fort,  was  und  wie  jeder  einzelne  innerlich  mit  sich  selber spricht. In solchem Sprechen ist keiner des andern Richter, jeder  ist  zugleich  Angeklagter  und  Richter.  All  unser  Erörtern  steht  unter  dem  Schatten  solcher  Anklagen,  des Moralisierens, das seit alters sich in so viele Unterhaltungen mischt, und, wogegen auch immer es sich richtet, ständig wie ein Gift in unsere Wunden träufelt. Dieser Schatten ist nicht fortzuschaffen, aber ständig zu lichten. Wir können wohl den rechten Antrieb haben: wir wollen nicht anklagen, außer bei bestimmten Verbrechen, die objektiv feststellbar und zu ahnden sind. All die Jahre haben wir das Verächt-lichmachen  anderer  Menschen  mit  angehört.  Das  wollen wir nicht fortsetzen.</p>
<p>Aber es gelingt immer nur zum Teil. – Wir alle neigen da-zu, uns zu rechtfertigen, und als gegnerisch gefühlte Kräfte 16</p>
<p>anzugreifen durch Werturteile oder moralische Anklagen.</p>
<p>Wir müssen uns heute schärfer als je prüfen. Machen wir uns  folgendes  klar:  Im  Gang  der  Dinge  scheint  stets  der Überlebende  recht  zu  haben.  Der  Erfolg  scheint  recht  zu geben.  Wer  oben  schwimmt,  meint  bei  der  Wahrheit  der guten  Sache  zu  sein.  Darin  liegt  die  tiefe  Ungerechtigkeit der Blindheit für die Scheiternden, für die Ohnmächtigen, für die, welche durch die Ereignisse zertreten werden.</p>
<p>So ist es jederzeit. So war der preußisch-deutsche Lärm nach 1866 und 1870, der den Schrecken Nietzsches erregte. So war der noch wildere Lärm des Nationalsozialismus seit 1933.</p>
<p>So müssen wir uns jetzt selber fragen, ob wir nicht wieder einem  anderen  Lärm  verfallen,  selbstgerecht  werden,  aus unserem  bloßen  Überleben  und  Gelittenhaben  eine  Legitimität ableiten.</p>
<p>Seien  wir  uns  klar:  Daß  wir  leben  und  überleben,  ver-danken  wir  nicht  uns  selbst;  daß  wir  neue  Zustände  mit neuen Chancen in der furchtbaren Zerstörung haben, haben wir nicht durch eigene Kraft erreicht. Geben wir uns keine Legitimität, die uns nicht zukommt.</p>
<p>Wie heute jede deutsche Regierung eine von den Alliierten eingesetzte autoritäre Regierung ist, so verdankt jeder Deutsche, jeder von uns, heute seinen Wirkungsraum dem Willen oder der Erlaubnis der Alliierten. Das ist eine grau-same Tatsache. Unsere Wahrhaftigkeit zwingt uns, sie keinen Tag zu vergessen. Sie bewahrt uns vor Übermut, lehrt uns Bescheidung.</p>
<p>Auch heute gibt es wie jederzeit unter den Überlebenden, oben Schwimmenden die empörten, leidenschaftlichen Menschen, die alle recht zu haben glauben und als ihr Verdienst in Anspruch nehmen, was durch andere geschehen ist. Wem es gut geht, wer Hörer findet, glaubt schon damit recht zu haben.</p>
<p>Niemand kann sich dieser Situation ganz entziehen. Wir müssen uns wirklich bemühen, in Selbsterziehung zurück-zufinden,  wenn  wir  einen  Augenblick  immer  wieder  auf diesen Weg geraten. Wir sind selber empört. Möge die Empörung sich reinigen, möge sie uns bleiben als Empörung gegen die Empörung, als Moral gegen das Moralisieren. Wir kämpfen  um  die  Reinheit  der  Seele,  wenn  wir  uns  gegen dieses Unüberwindbare bemühen.</p>
<p>17</p>
<p>  Das gilt für die Arbeit, die wir nun in dieser Vorlesung miteinander  leisten  wollen.  Was  wir  als  einzelne  gedacht, in Gesprächen hier und da erfahren haben, läßt sich zum Teil objektivieren in einem gedanklichen Zusammenhang.</p>
<p>Sie  wollen  teilnehmen  an  solchem  zusammenhängenden Denken,  an  Fragen  und  versuchten  Antworten,  in  denen Sie  wiedererkennen,  was  in  Ihnen  selbst  bereit  liegt  oder schon klar ist. Wir wollen miteinander überlegen, während ich faktisch einseitig vortrage. Aber der Sinn ist nicht dog-matische  Mitteilung,  sondern  Untersuchung  und  Darbie-tung zur Prüfung von Ihrer Seite.</p>
<p>Dazu  gehört  nicht  nur  Arbeit  des  Verstandes,  sondern durch ihn veranlaßt eine Arbeit des Herzens. Diese Arbeit inneren Handelns trägt die Verstandesarbeit und wird von ihr wiederum erregt. Sie werden mitschwingen oder gegen mich fühlen, und ich selber werde nicht ohne Erregung im Grunde meines Denkens mich bewegen. Wenn wir auch bei dem  einseitigen  Vortrag  nicht  faktisch  miteinander  sprechen, so kann ich nicht vermeiden, daß mancher sich fast persönlich  getroffen  fühlt.  Von  vornherein  bitte  ich:  Ver-zeihen Sie mir, wenn ich beleidige. Ich will es nicht. Aber ich bin entschlossen, die radikalsten Gedanken in möglichster Besonnenheit zu wagen.</p>
<p>Wenn  wir  miteinander  reden  lernen,  so  gewinnen  wir mehr als unsere eigene Verbindung. Wir schaffen so die un-erläßliche  Grundlage,  mit  den  andern  Völkern  reden  zu können.</p>
<p>Nehme  ich  vorweg,  was  uns  erst  am  Ende  dieser  Vorlesungen Thema werden soll: Für uns ist der Weg der Gewalt  hoffnungslos,  der  Weg  der  List  würdelos  und  uner-giebig.  In  voller  Offenheit  und  Ehrlichkeit  liegt  nicht  nur unsere Würde – die auch in der Ohnmacht möglich ist –, sondern auch unsere eigene Chance. Es fragt sich für jeden Deutschen, ob er diesen Weg gehen will auf die Gefahr hin aller Enttäuschungen, auf die Gefahr hin weiterer Verluste und des bequemen Mißbrauchtwerdens von den Mächtigen.</p>
<p>Die Antwort: dieser Weg ist der einzige, der unsere Seele vor  dem  Pariadasein  bewahrt.  Was  auf  ihm  sich  ergibt, müssen wir sehen. Es ist ein geistig politisches Wagnis am Abgrund.  Wenn  Erfolg  möglich  ist,  dann  nur  auf  lange Fristen. Man wird uns noch lange mißtrauen.</p>
<p>18</p>
<p>  Zuletzt charakterisiere ich noch Weisen des Nichtredens, zu denen wir neigen und die unsere große Gefahr sind (ich kann meinerseits das Anklagen nicht umgehen, wenigstens nicht den geistigen Angriff auf die Gesinnung des Angreifens).</p>
<p>Eine Haltung, die stolz schweigt, ist für eine kurze Weile wohl eine berechtigte Maske, hinter der man Atem holt und sich  besinnt.  Aber  sie  wird  zur  Selbsttäuschung  und  dem andern gegenüber zur List, wenn sie gestattet, sich trotzig in  sich  zu  verbergen,  das  Klarwerden  zu  verhindern,  sich der Ergriffenheit durch die Wirklichkeit zu entziehen. Wir müssen uns hüten, auszuweichen. Aus solcher Haltung erwächst eine Stimmung, die im heimlichen, ungefährlichen Schimpfen sich entladet, die in herzloser Kälte und wütiger Empörtheit,  in  der  Verkniffenheit  des  Ausdrucks  zur  un-fruchtbaren  Selbstverzehrung  führt.  Der  Stolz,  der  sich fälschlich  für  männlich  hält  und  in  der  Tat  ausweicht, nimmt das Schweigen noch als Kampfhandlung, als letzte in der Ohnmacht bleibende Kampfhandlung.</p>
<p>Das  Miteinanderreden  ist  aufgehoben  auch  durch  das Sprechen,  das  verborgen  nicht  mehr  spricht,  das  beleidigen, aber gar nicht eine Antwort hören will, vielmehr auf den  Augenblick  aus  ist,  wo  man  ohrfeigt  und  verborgen schon  vorwegnimmt,  was  in  Wirklichkeit  Faust  und  Tot-schlag, Maschinengewehr und Bomber ist. Die Wut unterscheidet nur Freund und Feind für den Kampf auf Leben und Tod, redet mit beiden nicht aufgeschlossen, sieht den Menschen nicht als Menschen, mit dem man sich verständigen will, indem man bereit ist zu Selbstkorrekturen. Wir können gar nicht gewissenhaft genug in unserem Umgang diese Weise des Kämpfens und Abbrechens bei uns durchleuchten.</p>
<p>§ 2. Die grossen Verschiedenheiten zwischen uns Das Miteinanderreden ist in Deutschland heute erschwert, aber  darum  erst  recht  die  größte  Aufgabe,  weil  wir  unter uns in dem, was wir erlebt, gefühlt, gewünscht, geschätzt, getan haben, außerordentlich verschieden sind. Unter der Decke  einer  erzwungenen,  äußerlichen  Gemeinschaft  ver-barg sich, was voll Möglichkeiten ist und sich jetzt entfalten kann.</p>
<p>19</p>
<p>  Wir  können  sinnvoll  miteinander  reden  nur,  wenn  wir die  außerordentlichen  Verschiedenheiten  als  Ausgangs-punkte, nicht als Endgültigkeiten anerkennen. Wir müssen die  Schwierigkeiten  in  den  von  den  eigenen  ganz  abwei-chenden Situationen und Haltungen sehen und mitfühlen lernen.  Wir  müssen  die  verschiedene  Herkunft  der  gegenwärtigen  Haltung  durch  Erziehung,  besondere  Erfahrungen und Erlebnisse sehen.</p>
<p>In Grundzügen gemeinsam ist uns Deutschen heute vielleicht  nur  Negatives:  die  Zugehörigkeit  zu  einem  festlos besiegten Staatsvolk, ausgeliefert der Gnade oder Ungnade der  Sieger;  der  Mangel  eines  gemeinsamen  uns  alle  ver-bindenden  Bodens;  die  Zerstreutheit:  jeder  ist  im  wesent-lichen auf sich gestellt, und doch ist jeder als einzelner hilf-los. Gemeinsam ist die Nichtgemeinsamkeit.</p>
<p>In  dem  Schweigen  unter  dem  nivellierenden  Reden  der öffentlichen  Propaganda  der  zwölf  Jahre  haben  wir  sehr verschiedene innere Haltungen eingenommen und sehr verschiedene innere Entwicklungen durchgemacht. Wir haben in Deutschland nicht eine einheitliche Verfassung unserer Seelen, unserer Wertschätzungen und Wünsche. Weil das, was  wir  alle  die  Jahre  geglaubt  haben,  was  wir  für  wahr hielten, was uns Sinn des Lebens war, so sehr voneinander abwich, darum muß auch jetzt die Weise der Verwandlung für den einzelnen verschieden sein. Wir alle verwandeln uns.</p>
<p>Aber wir gehen nicht alle denselben Weg zu dem neuen, von uns gesuchten, uns wieder vereinigenden Boden der gemeinsamen Wahrheit. Jeder darf in solcher Katastrophe sich um-schmelzen lassen zur Wiedergeburt, ohne fürchten zu müssen, dadurch  ehrlos  zu  sein.  Das,  worauf  wir  schmerzvoll  ver-zichten müssen, ist nicht für alle das gleiche, so wenig, daß das, was dem einen Verzicht ist, dem andern Gewinn scheinen kann. Die Weise der Enttäuschung hält uns getrennt.</p>
<p>Daß jetzt die Verschiedenheiten aufbrechen, ist die Folge davon,  daß  12  Jahre  keine  öffentliche  Diskussion  möglich war und daß auch im Privatleben alles, was Opposition war, sich auf intimste Unterhaltungen beschränkte, ja zum Teil auch noch Freunden gegenüber zurückhaltend war. Öffentlich  und  allgemein,  daher  suggestiv  und  für  darin  aufge-wachsene Jugend fast selbstverständlich war nur die nationalsozialistische Denk- und Redeweise.</p>
<p>20</p>
<p>  Nun wir heute wieder frei reden können, finden wir uns so, als ob wir aus verschiedenen Welten kämen. Und doch sprechen wir alle die deutsche Sprache und sind alle in diesem  Lande  geboren  und  haben  hier  unsere  Heimat.</p>
<p>Die  Verschiedenheit,  ja  Weltenferne  darf  uns  nicht  ver-drießen. Wir wollen zueinander finden, miteinander reden, uns zu überzeugen suchen. Vergegenwärtigen wir uns einige typische Differenzen.</p>
<p>Bis  zur  Unvereinbarkeit  verschieden  waren  unsere  Auf-fassungen von den Ereignissen: Einige erlebten den ganzen Bruch durch die Erfahrung der nationalen Würdelosigkeit schon  1933,  andere  seit  Juni  1934,  wieder  andere  1938  mit den  Judenpogromen,  viele  seit  1942,  als  die  Niederlage wahrscheinlich, oder seit 1943, als sie gewiß war, einige erst 1945,  als  sie  tatsächlich  eintrat.  Für  die  ersten  war  1945</p>
<p>Befreiung  zu  neuen  Möglichkeiten,  für  andere  wurden  es die schwersten Tage, weil das Ende des vermeintlich nationalen Reichs.</p>
<p>Einige haben mit Radikalität den Ursprung des Unheils gesucht und die Konsequenz gezogen. Sie ersehnten schon 1933  den  Eingriff  und  Einmarsch  der  Westmächte.  Denn sie  sahen:  nun  die  Türen  des  deutschen  Zuchthauses  zu-geworfen sind, kann Befreiung nur noch von außen kommen.  Die  Zukunft  der  deutschen  Seele  war  gebunden  an diese  Befreiung.  Sollte  die  Zerstörung  deutschen  Wesens nicht vollendet werden, so mußte diese Befreiung möglichst schnell  durch  abendländisch  gesinnte  Bruderstaaten  aus gemeinsamem europäischen Interesse geschehen. Diese Befreiung  geschah  nicht,  sondern  der  Weg  ging  bis  zu  1945, bis zur furchtbarsten Zerstörung aller unserer physischen und moralischen Wirklichkeiten.</p>
<p>Aber  diese  Auffassung  ist  uns  gar  nicht  gemeinsam.</p>
<p>Außer denen, die im Nationalsozialismus das goldene Zeitalter  sahen  oder  noch  sehen,  gab  es  Gegner  des  National-Sozialismus, die doch überzeugt waren, daß ein Sieg Hitlerdeutschlands  nicht  die  Zerstörung  deutschen  Wesens  zur Folge  haben  würde.  Vielmehr  sahen  sie  in  einem  solchen Sieg Deutschlands große Zukunft begründet, weil sie meinten, ein siegreiches Deutschland werde sich der Partei ent-ledigen, sei es sofort, sei es mit dem Tode Hitlers. Sie glaubten  nicht  dem  alten  Satz,  daß  jede  Staatsmacht  sich  nur 21</p>
<p>durch  die  Kräfte  halten  kann,  die  sie  begründet  haben, glaubten  nicht,  daß  der  Terror  aus  der  Natur  der  Sache heraus  gerade  nach  dem  Siege  unbrechbar,  daß  Deutschland nach einem Siege und nach der Entlassung der Armee von  der  SS  als  Sklavenvolk  in  Schach  gehalten  worden wäre zur Ausübung einer öden, vernichtenden, freiheitlosen Weltherrschaft, in der alles Deutsche erstickt wäre.</p>
<p>Eine weitere Verschiedenheit liegt in der Weise der Not, die, obgleich uns allen gemeinsam, in ihrer besonderen Erscheinung nach Maß und Art außerordentlich unterschieden ist. Nächste Angehörige und Freunde sind umgekom-men  oder  verschollen.  Wohnungen  liegen  in  Trümmern.</p>
<p>Besitztum  ist  vernichtet.  Wohl  hat  jeder  Sorgen,  starke Einschränkungen,  physisches  Leid,  aber  es  ist  etwas  ganz anderes:  ob  einer  noch  Wohnung  und  Hausrat  hat  oder bombenvernichtet  lebt;  ob  einer  sein  Leid  und  seine  Verluste  im  Kampf  der  Front,  zu  Hause  oder  im  KZ  hatte; ob er zu den Gestapoverfolgten oder zu den Nutznießern des Regimes, wenn auch in Angst, gehörte. Fast jeder hat nächste Freunde und Angehörige verloren, wie aber er sie verloren hat, durch Kampf an der Front, Bomben, KZ oder den Massenmord seitens des Regimes, das hat sehr abwei-chende  innere  Haltungen  zur  Folge.  Millionen  Kriegsver-sehrte suchen ihre Lebensform. Hunderttausende sind aus den  Konzentrationslagern  gerettet.  Millionen  werden  eva-kuiert und auf die Wanderschaft getrieben. Der größte Teil der männlichen Bevölkerung hat die Gefangenenlager durchgemacht  und  Erfahrungen  sehr  entgegengesetzter  Art  ge-habt. Viele Menschen sind an die Grenzen des Menschlichen gestoßen und heimgekehrt und können nicht vergessen, was wirklich war. Zahllose werden durch die Denazifikation aus ihrer bisherigen Bahn geworfen. Die Not ist der Art nach verschieden.  Die  meisten  haben  nur  für  die  eigene  einen wirklichen Sinn. Jeder neigt dazu, große Verluste und Leiden als Opfer zu deuten, aber wofür dieses Opfer war, das ist so abgründig verschieden deutbar, daß es die Menschen zunächst trennt.</p>
<p>Gewaltig  ist  der  Unterschied  durch  den  Verlust  eines Glaubens. Uns allen ist zwar in irgendeiner Weise der Boden  unter  den  Füßen  weggezogen.  Nur  ein  transzendent gegründeter  religiöser  oder  philosophischer  Glaube  kann 22</p>
<p>sich durch alle diese Katastrophen halten. Was in der Welt galt,  wurde  brüchig.  Der  gläubige  Nationalsozialist  kann nur  durch  Gedanken,  die  noch  absurder  sind  als  die  der Zeit seiner Herrschaft, nach hinfälligen Träumen haschen.</p>
<p>Der Nationalist steht ratlos zwischen der Verworfenheit des Nationalsozialismus,  die  er  durchschaut,  und  der  Realität der Lage Deutschlands.</p>
<p>Gewaltig ist auch der Unterschied an Art und Maß der Schuld.  Niemand  ist  schuldlos  Wir  werden  die  Frage  in späteren Stunden erörtern.</p>
<p>Aber niemand steht außerhalb des Menschseins, sofern er seine Schuld büßt.</p>
<p>Wohl  ist  es  sinnvoll,  daß  je  nach  seiner  Vergangenheit der  einzelne  sich  zurückhält,  verzichtet  –  es  gilt  von  einzelnen, nicht vielen, daß sie jetzt zunächst vielleicht schweigen sollten.</p>
<p>In Deutschland bestehen nicht nur die Unterschiede zwischen den eigentümlichen durch das deutsche Verhängnis begründeten Stellungen, sondern es gibt hier auch dieselben Parteiungen, die dem gesamten Abendland gemeinsam sind, die sozialistischen und bürgerlich-kapitalistischen Tendenzen, die politisch werdenden Konfessionen, den demokrati-schen Freiheitswillen und die Neigung zur Diktatur. Und nicht  nur  das.  Es  kann  uns  geschehen,  daß  diese  Gegen-sätze von den alliierten Mächten her auf uns wirken und an uns als einem jetzt politisch ohnmächtigen, nachgiebigen Versuchsmaterial arbeiten.</p>
<p>Alle  diese  Verschiedenheiten  führen  ständig  zum  Abbruch  zwischen  uns  Deutschen,  zur  Zerstreuung  und  Teilung  von  einzelnen  und  Gruppen,  dies  um  so  mehr,  weil unserem Dasein die gemeinsame ethisch-politische Grundlage  fehlt.  Wir  haben  Schatten  nur  des  wirklich  gemeinsamen politischen Bodens, auf dem stehend wir solidarisch bleiben könnten auch in den heftigsten Auseinandersetzun-gen.  Uns  mangelt  in  hohem  Maße  das  Miteinanderreden und Aufeinanderhören. Uns mangelt Beweglichkeit, Kritik und Selbstkritik. Wir neigen zum Doktrinären.</p>
<p>Dies wird verschlimmert dadurch, daß so viele Menschen nicht eigentlich nachdenken wollen. Sie suchen nur Schlag-worte  und  Gehorsam.  Sie  fragen  nicht  und  sie  antworten nicht, außer durch Wiederholung eingelernter Redensarten.</p>
<p>23</p>
<p>Sie können nur behaupten und gehorchen, nicht prüfen und einsehen, daher auch nicht überzeugt werden. Wie soll man reden  mit  Menschen,  die  nicht  mitgehen  wollen,  wo  ge-prüft und nachgedacht wird, und wo Menschen ihre Selb-ständigkeit durch Einsicht und Überzeugung suchen!</p>
<p>Oft drängt sich einfach die Verschiedenheit der Charakter-anlage vor. Manche Menschen neigen jederzeit zur Opposition, andere zum Mitläufertum.</p>
<p>Deutschland kann nur wieder zu sich kommen, wenn wir Deutschen in der Kommunikation zueinander finden. Die allgemeine  Lage  scheint  uns  nur  durch  Negation  zu  verbinden.  Wenn  wir  lernen,  wirklich  miteinander  zu  reden, so doch nur im Bewußtsein unserer großen Verschiedenheit.</p>
<p>Einheit durch Zwang taugt nichts; sie verfliegt als Schein in der Katastrophe. Einmütigkeit durch Miteinanderreden und Verstehen, durch gegenseitiges Dulden und Nachgeben führt zur Gemeinschaft, die standhält.</p>
<p>Wenn wir Typisches darstellten und in den folgenden Erörterungen entwickeln werden, so braucht sich niemand zu klassifizieren.  Wer  auf  sich  bezieht,  tut  es  auf  eigene  Verantwortung.</p>
<p>§ 3. Plan der folgenden Erörterungen</p>
<p>Wir  wollen  Orientierung  über  unsere  Lage,  suchen  die Frage  zu  beantworten,  was  zu  ihr  geführt  hat,  dann  zu sehen, was wir sind und sein sollen, was eigentlich deutsch ist, und schließlich zu fragen, was wir noch wollen können.</p>
<p>I) Die Geschichte ist jetzt erst endgültig Weltgeschichte, Menschheitsgeschichte des Erdballs, geworden. Die eigene Situation ist daher nur zugleich mit der weltgeschichtlichen Lage zu erfassen. Was heute geschehen ist, hat seinen Grund in allgemeinen Ereignissen und Zuständen der Menschheit.</p>
<p>Dazu kommen erst besondere Zusammenhänge innerhalb der  Völker  und  Entschlüsse  einzelner  Gruppen  von  Menschen.</p>
<p>Was  geschieht,  ist  eine  Krise  der  Menschheit.  Der  Beitrag einzelner Völker und Staaten, der verhängnisvolle oder rettende,  kann  nur  im  Rahmen  des  Ganzen  gesehen  werden,  so  auch  die  Zusammenhänge,  die  zu  diesem  Kriege geführt haben, und die Erscheinungen, die in ihm auf neue grauenvolle Weise offenbar machten, was der Mensch sein 24</p>
<p>kann.  Nur  in  solchem  Gesamtzusammenhang  kann  auch die Schuldfrage gerecht zugleich und unerbittlich erörtert werden.  Daher  stellen  wir  an  den  Anfang  ein  Thema,  in dem noch gar nicht von Deutschland die Rede ist. Das Allgemeine des Zeitalters, wie es als technisches Zeitalter und in der großen Politik und in dem Verlust oder der Verwandlung allen Glaubens sich zeigt.</p>
<p>Nur in der Vergegenwärtigung dieses Allgemeinen kann man unterscheiden, was allen Menschen zukommt, und was einer besonderen Gruppe eigen ist; oder weiter: was in der Natur der Sache, im Gang der Dinge liegt, und was freiem menschlichen Entschluß zuzurechnen ist.</p>
<p>II) Vor dem Hintergrund dieses Allgemeinen suchen wir zweitens den Weg zur deutschen Frage: Wir vergegenwärtigen  unsere  reale  Lage  als  Quelle  unserer  geistigen  Lage  –</p>
<p>charakterisieren den Nationalsozialismus –, fragen, wie er möglich  war  und  wie  es  zu  ihm  gekommen  ist  –  und  erörtern schließlich die Schuldfrage *.</p>
<p>III) Nach der Vergegenwärtigung des Unheils fragen wir drittens: was ist deutsch? Wir wollen deutsche Geschichte, deutschen  Geist,  die  Verwandlungen  unseres  deutschen Nationalbewußtseins und große deutsche Menschen sehen.</p>
<p>Solche  geschichtliche  Selbstbesinnung  unseres  Deutschseins  ist  zugleich  ethische  Selbstprüfung.  Was  wir  selber wollen und sollen, sehen wir im Spiegel unserer Geschichte.</p>
<p>Wir hören es aus dem Anspruch unserer hohen Ahnen und ergreifen es zugleich mit der Erhellung der geschichtlichen Idole, die uns in die Irre führten.</p>
<p>Was wir für deutsch halten, ist nie nur Erkenntnis, sondern ethischer Entschluß, ein Faktor im Werden des Deutschen. Was das eigene Volk ist, ist endgültig erst entschieden, wenn es historisch abgeschlossen, nur Vergangenheit, nicht mehr Zukunft ist (wie das alte Griechentum).</p>
<p>IV) Dies, daß wir noch leben, noch in der Geschichte und nicht am absoluten Ende stehen, führt viertens zur Frage, was für uns noch möglich ist. Hat der Deutsche noch eine Kraft  im  politischen  Untergang,  in  wirtschaftlicher  wie politischer Ohnmacht? Oder ist doch schon das Ende da?</p>
<p>*  Nur  dieser  letzte  Abschnitt  über  die  Schuldfrage  ist  im  Folgenden veröffentlicht,  seinem  Inhalt  nach  ausgearbeitet  und  von  der  Vor-lesungsform befreit.</p>
<p>25</p>
<p>  Die Antwort wird gegeben durch Entwurf des Ethos, das uns bleibt – und wenn es das Ethos eines Volkes wäre, das der Welt heute als Pariavolk gilt.</p>
<p> <emphasis>Die Schuldfrage</emphasis></p>
<p>
Einleitung</p>
<p>Fast die gesamte Welt erhebt Anklage gegen Deutschland und gegen die Deutschen. Unsere Schuld wird erörtert mit  Empörung,  mit  Grauen,  mit  Haß,  mit  Verachtung.</p>
<p>Man will Strafe und Vergeltung. Nicht nur die Sieger, auch einige unter den deutschen Emigranten, sogar Angehörige neutraler  Staaten  beteiligen  sich  daran.  In  Deutschland gibt es Menschen, welche Schuld, sich selber einschließend, bekennen, gibt es viele, die sich für schuldfrei halten, aber andere für schuldig erklären.</p>
<p>Es liegt nahe, der Frage sich zu entziehen. Wir leben in Not, ein großer Teil unserer Bevölkerung in so großer, so unmittelbarer Not, daß er unempfindlich geworden zu sein scheint  für  solche  Erörterungen.  Ihn  interessiert,  was  der Not  steuert,  was  Arbeit  und  Brot,  Wohnung  und  Wärme bringt.  Der  Horizont  ist  eng  geworden.  Man  mag  nicht hören  von  Schuld,  von  Vergangenheit,  man  ist  nicht  betroffen von der Weltgeschichte. Man will einfach aufhören zu leiden, will heraus aus dem Elend, will leben, aber nicht nachdenken. Es ist eher eine Stimmung, als ob man nach so furchtbarem Leid gleichsam belohnt, jedenfalls getröstet werden müßte, aber nicht noch mit Schuld beladen werden dürfte.</p>
<p>Trotzdem:  auch  wer  sich  dem  Äußersten  preisgegeben weiß, fühlt doch in Augenblicken den Drang nach ruhiger Wahrheit. Es ist nicht gleichgültig und nicht nur ein Gegenstand des Unwillens, daß zur Not auch noch die Anklage kommt.  Wir  wollen  klar  werden,  ob  diese  Anklage  Recht oder  Unrecht  ist  und  in  welchem  Sinne.  Denn  gerade  in der Not kann das Unerläßlichste um so fühlbarer sein: in der eigenen Seele rein zu werden und das Rechte zu denken und zu tun, um aus echtem Ursprung vor dem Nichts das Leben ergreifen zu können.</p>
<p>In der Tat sind wir Deutschen ohne Ausnahme verpflichtet, in der Frage unserer Schuld klar zu sehen und die Fol-gerungen  zu  ziehen.  Unsere  Menschenwürde  verpflichtet uns.  Schon  was  die  Welt  über  uns  denkt,  kann  uns  nicht gleichgültig sein; denn wir wissen uns zur Menschheit gehörig, sind zuerst Menschen und dann Deutsche. Wichtiger aber  noch  ist  uns,  daß  unser  eigenes  Leben  in  Not  und Abhängigkeit seine Würde nur noch durch Wahrhaftigkeit 29</p>
<p>uns selbst gegenüber haben kann. Die Schuldfrage ist mehr noch  als  eine  Frage  seitens  der  andern  an  uns  eine  Frage von  uns  an  uns  selbst.  Wie  wir  ihr  in  unserem  Innersten antworten, das begründet unser gegenwärtiges Seins- und Selbstbewußtsein.  Sie  ist  eine  Lebensfrage  der  deutschen Seele. Nur über sie kann eine Umkehrung stattfinden, die uns zu der Erneuerung aus dem Ursprung unseres Wesens bringt.  Die  Schuldigerklärungen  seitens  der  Sieger  haben zwar die größten Folgen für unser Dasein, sie haben politischen Charakter, aber sie helfen uns nicht im Entscheidenden: der inneren Umkehrung. Hier haben wir es allein mit uns selbst zu tun. Philosophie und Theologie sind berufen, die Tiefe der Schuldfrage zu erhellen.</p>
<p>Die Erörterungen der Schuldfrage leiden oft an der Vermischung  von  Begriffen  und  Gesichtspunkten.  Um  wahr zu  werden,  bedarf  es  der  Unterscheidungen.  Ich  entwerfe diese Unterscheidungen zunächst im Schema, um dann mit ihnen unsere gegenwärtige deutsche Lage zu klären. Zwar gelten die Unterscheidungen nicht absolut. Am Ende liegt der Ursprung dessen, was wir Schuld nennen, in einem einzigen Umfassenden. Aber dies kann klar nur werden durch das, was auf dem Wege über die Unterscheidungen gewonnen ist.</p>
<p>Unsere dunklen Gefühle verdienen nicht ohne weiteres Vertrauen.  Unmittelbarkeit  ist  zwar  die  eigentliche  Wirklichkeit,  ist  die  Gegenwärtigkeit  unserer  Seele.  Aber  Gefühle sind nicht wie vitale Gegebenheiten einfach da. Sondern sie sind vermittelt durch unser inneres Handeln, unser Denken, unser Wissen. Sie werden vertieft und geklärt in dem Maße als wir denken. Auf das Gefühl als solches ist kein  Verlaß.  Sich  auf  Gefühle  zu  berufen  ist  die  Naivität, die  der  Objektivität  des  Wißbaren  und  Denkbaren  ausweicht. Erst nach allseitigem Durchdenken und Vergegenwärtigen einer Sache, ständig begleitet, geführt und gestört von Gefühlen, kommen wir zum wahren Gefühl, aus dem wir jeweils verläßlich zu leben vermögen.</p>
<p>30</p>
<p> <emphasis>A. Schematik der Unterscheidungen</emphasis></p>
<p>§ 1. Vier Schuldbegriffe</p>
<p>Es ist zu unterscheiden:</p>
<p>1)   <emphasis>Kriminelle  Schuld:</emphasis>  Verbrechen  bestehen  in  objektiv nachweisbaren Handlungen, die gegen eindeutige Gesetze verstoßen.  Instanz  ist  das  Gericht,  das  in  formellem  Verfahren  die  Tatbestände  zuverlässig  festlegt  und  auf  diese die Gesetze anwendet.</p>
<p>2)  <emphasis>Politische Schuld:</emphasis> Sie besteht in den Handlungen der Staatsmänner  und  in  der  Staatsbürgerschaft  eines  Staates, infolge derer ich die Folgen der Handlungen dieses Staates tragen muß, dessen Gewalt ich unterstellt bin, und durch dessen  Ordnung  ich  mein  Dasein  habe.  Es  ist  jedes  Menschen  Mitverantwortung,  wie  er  regiert  wird.  Instanz  ist die  Gewalt  und  der  Wille  des  Siegers,  in  der  inneren  wie in  der  äußeren  Politik.  Der  Erfolg  entscheidet.  Eine  Er-mäßigung von Willkür und Gewalt geschieht durch politische Klugheit, die an weitere Folgen denkt, und durch Anerkennung von Normen, die unter dem Namen von Naturrecht und Völkerrecht gelten.</p>
<p>3)  <emphasis>Moralische Schuld:</emphasis> Für Handlungen, die ich doch immer als dieser einzelne begehe, habe ich die moralische Verantwortung, und zwar für alle meine Handlungen, auch für politische und militärische Handlungen, die ich vollziehe.</p>
<p>Niemals gilt schlechthin »Befehl ist Befehl«. Wie vielmehr Verbrechen  Verbrechen  bleiben,  auch  wenn  sie  befohlen sind (obgleich je nach dem Maße von Gefahr, Erpressung und  Terror  mildernde  Umstände  gelten),  so  bleibt  jede Handlung  auch  der  moralischen  Beurteilung  unterstellt.</p>
<p>Die  Instanz  ist  das  eigene  Gewissen  und  die  Kommunikation  mit  dem  Freunde  und  dem  Nächsten,  dem  liebenden, an meiner Seele interessierten Mitmenschen 4)   <emphasis>Metaphysische  Schuld:</emphasis>  Es  gibt  eine  Solidarität  zwischen Menschen als Menschen, welche einen jeden mitverantwortlich macht für alles Unrecht und alle Ungerechtigkeit in der Welt, insbesondere für Verbrechen, die in seiner Gegenwart oder mit seinem Wissen geschehen. Wenn ich nicht tue, was ich kann, um sie zu verhindern, so bin ich mitschuldig. Wenn ich mein Leben nicht eingesetzt habe zur 31</p>
<p>Verhinderung der Ermordung anderer, sondern dabeigestan-den  bin,  fühle  ich  mich  auf  eine  Weise  schuldig,  die  juristisch, politisch und moralisch nicht angemessen begreiflich ist. Daß ich noch lebe, wenn solches geschehen ist, legt sich als untilgbare Schuld auf mich. Wir kommen als Menschen, wenn  nicht  ein  Glück  uns  diese  Situation  erspart,  an  die Grenze, wo wir wählen müssen: entweder ohne Zweck, weil ohne Erfolgsaussicht, bedingungslos das Leben einzusetzen, oder wegen Erfolgsunmöglichkeit vorzuziehen am Leben zu bleiben. Daß irgendwo zwischen Menschen das Unbedingte gilt, nur gemeinsam oder gar nicht leben zu können, falls dem einen oder anderen Verbrechen angetan werden, oder falls es sich um die Teilung physischer Lebensbedingungen handelt,  das  macht  die  Substanz  ihres  Wesens  aus.  Aber daß dies nicht in der Solidarität aller Menschen, nicht der Staatsbürger,  nicht  einmal  kleinerer  Gruppen  liegt,  sondern auf engste menschliche Verbindung beschränkt bleibt, das  macht  diese  Schuld  von  uns  allen.  Instanz  ist  Gott allein. –</p>
<p>Diese Unterscheidung von vier Schuldbegriffen klärt den Sinn  von  Vorwürfen.  So  bedeutet  z. B.  politische  Schuld zwar Haftung aller Staatsbürger für die Folgen staatlicher Handlungen, nicht aber kriminelle und moralische Schuld jedes einzelnen Staatsbürgers in bezug auf Verbrechen, die im Namen des Staates begangen wurden. Über Verbrechen kann  der  Richter,  über  politische  Haftung  der  Sieger  entscheiden;  über  moralische  Schuld  kann  wahrhaft  nur  in liebendem  Kampfe  unter  sich  solidarischer  Menschen  gesprochen werden. Über metaphysische Schuld ist vielleicht Offenbarung in konkreter Situation, im Werk der Dichtung und der Philosophie möglich, aber kaum persönliche Mitteilung. Sie ist am tiefsten den Menschen bewußt, die einmal zu der Unbedingtheit kamen, aber gerade dadurch das Versagen erfuhren, daß sie diese Unbedingtheit nicht allen Menschen gegenüber aufbringen. Es bleibt die Scham eines ständig  Gegenwärtigen,  konkret  nicht  Aufzudeckenden, allenfalls nur allgemein zu Erörternden.</p>
<p>Die Unterscheidungen zwischen den Schuldbegriffen sollen uns bewahren vor der Flachheit des Schuldgeredes, in dem  alles  stufenlos  auf  eine  einzige  Ebene  gezogen  wird, um  es  im  groben  Zufassen  in  der  Weise  eines  schlechten 32</p>
<p>Richters  zu  beurteilen.  Aber  die  Unterscheidungen  sollen am  Ende  uns  zurückführen  zu  dem  einen  Ursprung,  von dem als unserer Schuld geradezu zu sprechen unmöglich ist.</p>
<p>Alle solche Unterscheidungen werden daher zum Irrtum, wenn  nicht  bewußt  bleibt,  wie  sehr  das  Unterschiedene auch zusammenhängt. Jeder Schuldbegriff zeigt Wirklichkeiten, welche Folgen für die Sphären der anderen Schuldbegriffe haben.</p>
<p>Würden wir Menschen von jener metaphysischen Schuld uns befreien können, wir wären Engel und alle drei anderen Schuldbegriffe würden gegenstandslos.</p>
<p>Moralische  Verfehlungen  sind  Grund  der  Zustände,  in denen  die  politische  Schuld  und  das  Verbrechen  erst  erwachsen. Das Begehen der zahllosen kleinen Handlungen der Lässigkeit, der bequemen Anpassung, des billigen Rechtfertigens des Unrechten, der unmerklichen Förderung des Unrechten,  die  Beteiligung  an  der  Entstehung  der  öffentlichen Atmosphäre, welche Unklarheit verbreitet, und die als solche das Böse erst möglich macht, alles das hat Folgen, die die politische Schuld für die Zustände und das Geschehen mit bedingen.</p>
<p>Zum Moralischen gehört auch die Unklarheit über die Bedeutung der Macht im menschlichen Zusammenleben. Die Verschleierung dieses Grundtatbestandes ist ebensosehr eine Schuld  wie  die  falsche  Verabsolutierung  der  Macht  zum allein bestimmenden Faktor der Ereignisse. Es ist das Verhängnis jedes Menschen, verstrickt zu sein in Machtverhältnisse, durch die er lebt. Dieses ist die unausweichliche Schuld aller, die Schuld des Menschseins. Ihr wird entgegengewirkt durch  Einsatz  für  die  Macht,  welche  das  Recht,  die  Menschenrechte, verwirklicht. Das Unterlassen der Mitarbeit an der Strukturierung der Machtverhältnisse, am Kampfe um die  Macht  im  Sinne  des  Dienstes  für  das  Recht,  ist  eine politische Grundschuld die zugleich eine moralische Schuld ist. Politische Schuld wird zur moralischen Schuld, wo durch die  Macht  der  Sinn  der  Macht  –  die  Verwirklichung  des Rechtes,  das  Ethos  und  die  Reinheit  des  eigenen  Volkes  –</p>
<p>zerstört wird. Denn wo die Macht sich nicht selbst begrenzt, ist Gewalt und Terror und das Ende die Vernichtung von Dasein und Seele.</p>
<p>Aus  der  moralischen  Lebensart  der  meisten  einzelnen, 33</p>
<p>breiter  Volkskreise,  im  Alltagsverhalten  erwächst  das  jeweils  bestimmte  politische  Verhalten  und  damit  der  politische Zustand Aber der einzelne lebt wiederum unter der Voraussetzung  des  geschichtlich  schon  erwachsenen  politischen  Zustandes,  der  durch  Ethos  und  Politik  der  Vor-fahren  wirklich  und  durch  die  Weltlage  möglich  wurde; Hier gibt es die beiden im Schema entgegengesetzten Möglichkeiten:</p>
<p>Das  Ethos  des  Politischen  ist  Prinzip  eines  staatlichen Daseins, an dem alle beteiligt sind durch ihr Bewußtsein, ihr Wissen, ihr Meinen und Wollen. Es ist das Leben politischer Freiheit als ständige Bewegung des Verfalls und des Bessermachens.  Dies  Leben  ist  ermöglicht  durch  die  Aufgabe und Chance der Mitverantwortung aller.</p>
<p>Oder es herrscht ein Zustand der Fremdheit der meisten zum Politischen. Die Staatsmacht wird nicht als die eigene Sache gefühlt. Man weiß sich nicht mitverantwortlich, sondern sieht politisch untätig zu, arbeitet und handelt in blin-dem Gehorsam. Man hat ein gutes Gewissen sowohl im Gehorsam wie in der Unbeteiligung an dem, was die Gewalt-haber entscheiden und tun. Man duldet die politische Realität als etwas Fremdes, man sucht durch List mit ihr fertig zu werden zugunsten seiner persönlichen Vorteile, oder lebt mit in blinder Begeisterung des Sichopferns.</p>
<p>Es ist der Unterschied der politischen Freiheit * und der politischen  Diktatur,  seit  Herodot  aufgefaßt  als  Unterschied des Abendlandes und des Orients (griechischer Freiheit  und  persischer  Despotie).  Aber  es  ist  zumeist  nicht mehr Sache der einzelnen, zu entscheiden, welcher Zustand herrschen  soll.  Der  einzelne  wird  hineingeboren,  durch Glück  oder  Verhängnis;  er  muß  übernehmen,  was  über-kommen und wirklich ist. Kein einzelner und keine Gruppe kann  mit  einem  Schlage  oder  auch  nur  in  einer  einzigen Generation diese Voraussetzung ändern, durch die wir in der Tat alle leben.</p>
<p>§ 2. Folgen der Schuld</p>
<p>Die Schuld hat Folgen nach außen für das Dasein, ob nun der Betroffene es begreift oder nicht, und hat Folgen nach</p>
<p>*  »Thesen  über  politische  Freiheit«  habe  ich  veröffentlicht  in  der</p>
<p>»Wandlung« Heft 6, Seite 460 ff.</p>
<p>34</p>
<p>innen  für  das  Selbstbewußtsein,  wenn  ich  in  der  Schuld mich durchschaue.</p>
<p>a)  Das  Verbrechen  findet   <emphasis>Strafe</emphasis>.  Voraussetzung  ist  die Anerkenntnis des Schuldigen seitens des Richters in seiner freien Willensbestimmung, nicht die Anerkenntnis des Be-straften, daß er mit Recht bestraft werde.</p>
<p>b) Für die politische Schuld gibt es  <emphasis>Haftung</emphasis> und als ihre Folge  Wiedergutmachung  und  weiter  Verlust  oder  Einschränkung politischer Macht und politischer Rechte. Steht die Schuld im Zusammenhang von Ereignissen, die durch Krieg ihre Entscheidung finden, so kann für die Besiegten die Folge sein: Vernichtung, Deportation, Ausrottung. Oder es kann der Sieger die Folgen in eine Form des Rechtes und damit des Maßes überführen, wenn er will.</p>
<p>c) Der moralischen Schuld erwächst Einsicht, damit  <emphasis>Buße</emphasis> <emphasis>und Erneuerung</emphasis>. Es ist ein innerer Prozeß, der dann auch reale Folgen in der Welt hat.</p>
<p>d)  Die  metaphysische  Schuld  hat  zur  Folge  eine   <emphasis>Verwandlung des menschlichen Selbstbewußtseins vor Gott</emphasis>. Der Stolz  wird  gebrochen.  Diese  Selbstverwandlung  durch  inneres Handeln kann zu einem neuen Ursprung aktiven Lebens führen, aber verbunden mit einem untilgbaren Schuldbewußtsein in der Demut, die sich vor Gott bescheidet und alles Tun in eine Atmosphäre taucht, in der Übermut unmöglich wird.</p>
<p>§ 3. Gewalt · Recht · Gnade</p>
<p>Daß zwischen Menschen durch Gewalt entschieden wird, wenn  sie  sich  nicht  verständigen,  und  daß  alle  staatliche Ordnung Bändigung dieser Gewalt ist, jedoch so, daß sie bleibt  –  nach  innen  als  Erzwingung  des  Rechtes,  nach außen  als  Krieg  –,  das  wurde  in  ruhigen  Zeiten  fast  vergessen.</p>
<p>Wo mit dem Krieg die Situation der Gewalt eintritt, hört das  Recht  auf.  Wir  Europäer  haben  versucht,  auch  dann noch  einen  Rest  von  Recht  und  Gesetz  aufrecht  zu  erhalten  durch  die  Völkerrechtsbestimmungen,  die  auch  im Kriege gelten und die zuletzt in der Haager und Genfer Kon-vention niedergelegt waren. Es scheint vergeblich gewesen zu sein.</p>
<p>Wo Gewalt angewandt wird, wird Gewalt erweckt. Der 35</p>
<p>Sieger  hat  die  Entscheidung,  was  mit  dem  Besiegten  geschehen soll. Es gilt das vae victis. Der Besiegte hat nur die Wahl, zu sterben oder zu tun und zu leiden, was der Sieger will. Er hat von jeher zumeist das Leben vorgezogen (hier wurzelt das Grundverhältnis von Herr und Knecht, wie es Hegel tiefsinnig erhellt hat).</p>
<p>Recht ist der hohe Gedanke der Menschen, die ihr Dasein auf einen Ursprung gründen, der zwar nur durch Gewalt gesichert aber nicht durch Gewalt bestimmt wird. Wo Menschen ihres Menschseins bewußt werden und den Menschen als Menschen anerkennen, da erfassen sie Menschenrechte und gründen sich auf ein Naturrecht, an das jeder, Sieger und Besiegter, appellieren kann.</p>
<p>Sobald  der  Rechtsgedanke  auftaucht,  kann  verhandelt werden, um das wahre Recht durch Diskussion und methodisches Verfahren zu finden.</p>
<p>Was im Falle eines vollständigen Sieges zwischen Sieger und  Besiegten  und  für  die  Besiegten  rechtens  ist,  das  ist allerdings bis heute immer nur ein sehr begrenzter Bezirk in  den  Ereignissen,  die  durch  politische  Willensakte  entschieden werden. Diese werden zur Grundlage eines positi-ven,  faktischen  Rechtes,  werden  selber  nicht  mehr  durch Recht gerechtfertigt.</p>
<p>Recht kann sich nur beziehen auf Schuld im Sinne von Verbrechen  und  im  Sinne  politischer  Haftung,  nicht  auf moralische und metaphysische Schuld.</p>
<p>Aber Anerkennung des Rechts kann auch der vollziehen, der  der  bestrafte  oder  haftende  Teil  ist.  Der  Verbrecher kann es als seine Ehre und Wiederherstellung erfahren, daß er bestraft wird. Der politisch Haftende kann es als durch Schicksalsschluß gegeben anerkennen, was er von nun an als seine Daseinsvoraussetzung übernehmen muß.</p>
<p> <emphasis>Gnade</emphasis> ist der Akt, der die Auswirkung reinen Rechts und vernichtender  Gewalt  einschränkt.  Eine  Menschlichkeit spürt höhere Wahrheit, als in der geradlinigen Konsequenz sowohl des Rechtes wie der Gewalt liegt.</p>
<p>a) Trotz des Rechts wirkt Barmherzigkeit, um den Raum gesetzesfreier  Gerechtigkeit  zu  öffnen.  Denn  alle  menschliche Satzung ist in ihrer Auswirkung voller Gebrechen und Ungerechtigkeit.</p>
<p>b) Trotz der Möglichkeit der Gewalt übt der Sieger Gna-36</p>
<p>de, sei es aus Zweckmäßigkeit, weil die Besiegten ihm dienen können, sei es aus Großmut, weil ihm das am Leben-lassen  der  Besiegten  ein  gesteigertes  Gefühl  seiner  Macht und seines Maßes gibt, oder weil er in seinem Gewissen sich unter die Forderungen eines allgemeinmenschlichen Naturrechts stellt, das dem Besiegten so wenig wie dem Verbrecher alle Rechte nimmt.</p>
<p>§ 4. Wer urteilt und wer oder was wird beurteilt?</p>
<p>In dem Hagel der Anklagen fragt man: wer wen? Eine Anklage  ist  sinnvoll  nur,  wenn  sie  bestimmt  ist  durch  ihren Gesichtspunkt  und  ihren  Gegenstand,  und  wenn  sie  sich dadurch begrenzt, und klar nur, wenn man weiß, wer der Ankläger und wer der Beklagte ist.</p>
<p>a) Gliedern wir den Sinn zunächst am Leitfaden der vier Weisen  von  Schuld.  Der  Beschuldigte  hört  die   <emphasis>Vorwürfe</emphasis> <emphasis>von  außen</emphasis>  aus  der  Welt  oder   <emphasis>von  innen</emphasis>  aus  der  eigenen Seele.</p>
<p>Von außen sind sie sinnvoll nur inbezug auf Verbrechen und  auf  politische  Schuld.  Sie  werden  ausgesprochen  mit dem  Willen,  Strafe  zu  bewirken  und  haftbar  zu  machen.</p>
<p>Sie gelten juristisch und politisch, nicht moralisch und nicht metaphysisch.</p>
<p>Von innen hört der Schuldige die Vorwürfe in bezug auf sein  moralisches  Versagen  und  seine  metaphysische  Brü-chigkeit, und sofern hier der Ursprung politischen und verbrecherischen Handelns oder Nichthandeins liegt, auch in bezug auf diese.</p>
<p>Moralisch kann man Schuld nur sich selber geben, nicht dem andern, oder doch nur dem andern in der Solidarität liebenden Kampfes. Niemand kann den andern moralisch richten, es sei denn errichtet ihn in der inneren Verbundenheit,  als  ob  er  es  selbst  wäre.  Nur  wo  der  andere  wie  ich selbst  für  mich  ist,  da  ist  die  Nähe,  die  in  freier  Kommunikation  gemeinsame  Sache  werden  lassen  kann,  was  zuletzt ein jeder in der Einsamkeit vollzieht.</p>
<p>Schuld  des  andern  behaupten,  das  kann  nicht  die  Gesinnung treffen, sondern nur bestimmte Handlungen und Verhaltungsweisen. Bei der individuellen Beurteilung sucht man zwar die Gesinnung und die Motive zu berücksichti-gen, kann dies aber wahrheitsgemäß nur erreichen, soweit 37</p>
<p>auch  diese  an  objektiven  Kennzeichen,  d. h.  Handlungen und Verhaltungsweisen, feststellbar sind.</p>
<p>b)  Es  ist  die  Frage,  in  welchem  Sinne  ein   <emphasis>Kollektiv</emphasis>,  in welchem  nur   <emphasis>der  einzelne</emphasis>  beurteilt  werden  kann.  Ohne Zweifel ist es sinnvoll, alle Staatsangehörigen eines Staates für  die  Folgen  haftbar  zu  machen,  die  aus  dem  Handeln dieses Staates entstehen. Hier wird ein Kollektiv getroffen.</p>
<p>Diese Haftung aber ist bestimmt und begrenzt, ohne moralische  und  metaphysische  Beschuldigung  der  einzelnen.</p>
<p>Sie  trifft  auch  diejenigen  Staatsangehörigen,  welche  sich gegen das Regime und gegen die in Betracht kommenden Handlungen gewehrt haben. Analog gibt es Haftungen für die Angehörigkeit zu Organisationen, Parteien, Gruppen.</p>
<p>Für Verbrechen kann je nur der einzelne bestraft werden sei es, daß er es allein ist, oder daß er eine Reihe von Komplizen hat, die jeder für sich nach dem Maße der Teilnahme und im Minimum schon durch ihre bloße Zugehörigkeit zu dieser  Gesellschaft  zur  Rechenschaft  gezogen  werden.  Es gibt  Zusammenrottungen  von  Räuberbanden,  Verschwö-rern, die als Ganzes als verbrecherisch gekennzeichnet werden können. Dann macht die bloße Zugehörigkeit straffällig.</p>
<p>Es  ist  aber  sinnwidrig,  ein  Volk  als  Ganzes  eines  Verbrechens zu beschuldigen. Verbrecher ist immer nur der einzelne.</p>
<p>Es  ist  auch  sinnwidrig,  ein  Volk  als  Ganzes  moralisch anzuklagen. Es gibt keinen Charakter eines Volkes derart, daß jeder einzelne der Volkszugehörigen diesen Charakter hätte. Wohl gibt es Gemeinsamkeiten der Sprache, der Sit-ten und Gewohnheiten, der Herkunft. Aber darin sind zugleich derartig starke Differenzen möglich, daß Menschen, die dieselbe Sprache reden, doch darin sich so fremd bleiben können, als ob sie gar nicht zum gleichen Volke gehörten.</p>
<p>Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden. Die Denkform, die Menschen in Kollektiven anzuschauen, zu charakterisieren und zu beurteilen, ist  ungemein  verbreitet.  Solche  Charakteristiken  –  etwa der Deutschen, der Russen, der Engländer – treffen nie Gat-tungsbegriffe, unter denen die einzelnen Menschen subsu-miert  werden  können,  sondern  Typenbegriffe,  denen  sie mehr oder weniger entsprechen. Die Verwechslung der gat-tungsmäßigen mit der typologischen Auffassung ist das Zei-38</p>
<p>chen des Denkens in Kollektiven:  <emphasis>die</emphasis> Deutschen,  <emphasis>die</emphasis> Engländer,  <emphasis>die</emphasis> Norweger,  <emphasis>die</emphasis> Juden – und beliebig weiter: die Friesen,  die  Bayern  –  oder:  die  Männer,  die  Frauen,  die Jugend, das Alter. Daß durch die typologische Auffassung etwas getroffen wird, darf nicht zu der Meinung verführen, jedes Individuum erfaßt zu haben, wenn man es als durch jene allgemeine Charakteristik getroffen betrachtet. Das ist eine Denkform, die sich durch die Jahrhunderte zieht als ein  Mittel  des  Hasses  der  Völker  und  Menschengruppen untereinander.  Diese  den  meisten  leider  natürliche  und</p>
<p>selbstverständliche  Denkform  haben  die  Nationalsozialisten in der bösesten Weise angewendet und durch ihre Propaganda  den  Köpfen  eingehämmert.  Es  war,  als  gäbe  es keine Menschen mehr, sondern nur noch jene Kollektive.</p>
<p>Ein Volk als Ganzes gibt es nicht. Alle Abgrenzungen, die wir  vornehmen,  um  es  zu  bestimmen,  werden  durch  Tatbestände  überschritten.  Die  Sprache,  die  Staatsbürgerschaft, die Kultur, die gemeinsamen Schicksale – alles dieses koinzidiert nicht, sondern überschneidet sich. Volk und Staat  fallen  nicht  zusammen,  auch  nicht  Sprache  und  gemeinsame Schicksale und Kultur.</p>
<p>Ein Volk kann nicht zu einem Individuum gemacht werden.  Ein  Volk  kann  nicht  heroisch  untergehen,  nicht  Verbrecher sein, nicht sittlich oder unsittlich handeln, sondern immer nur die einzelnen aus ihm. Ein Volk als Ganzes kann nicht schuldig und nicht unschuldig sein, weder im krimi-nellen, noch im politischen (hier haften nur die Bürger eines Staates), noch im moralischen Sinn.</p>
<p>Die kategoriale Beurteilung als Volk ist immer eine Ungerechtigkeit;  sie  setzt  voraus  eine  falsche  Substantiali-sierung, – sie hat eine Entwürdigung des Menschen als einzelnen zur Folge.</p>
<p>Die  Weltmeinung  aber,  die  einem  Volke  die  Kollektivschuld  gibt,  ist  eine  Tatsache  von  derselben  Art,  wie  die, daß in Jahrtausenden gedacht und gesagt wurde: die Juden sind schuld, daß Jesus gekreuzigt wurde. Wer sind die Juden? eine bestimmte Gruppe politisch und religiös eifern-der  Menschen,  die  unter  den  Juden  damals  eine  gewisse Macht  hatten,  welche  in  Kooperation  mit  der  römischen Besatzung zur Hinrichtung Jesu führte.</p>
<p>Das Übermächtige einer solchen zur Selbstverständlich-39</p>
<p>keit  werdenden  Meinung,  auch  bei  denkenden  Menschen, ist so erstaunlich, weil der Irrtum so einfach und offenbar ist. Man steht wie vor einer Wand, als ob kein Grund, keine Tatsache  mehr  gehört  werde,  oder,  wenn  gehört,  so  doch sofort wiedervergessen würde, ohne zur Geltung zu kommen.</p>
<p>Kollektivschuld eines Volkes oder einer Gruppe innerhalb der Völker also kann es – außer der politischen Haftung –</p>
<p>nicht  geben,  weder  als  verbrecherische,  noch  als  moralische,  noch  als  metaphysische  Schuld.  Ein  Kollektiv  für schuldig  zu  erklären,  das  ist  ein  Irrtum,  der  der  Bequem-lichkeit  und  dem  Hochmut  durchschnittlichen,  unkritischen Denkens nahe liegt.</p>
<p>c) Zu Anklage und Vorwurf muß ein Recht sein.  <emphasis>Wer hat</emphasis> <emphasis>das Recht zu richten? </emphasis> Jeder Urteilende darf der Frage ausgesetzt werden, welche Vollmacht er habe, zu welchem Zweck und aus welchem Motive er urteile, in welcher Lage er und der Beurteilte einander gegenüberstehen.</p>
<p>Niemand  braucht  in  moralischer  und  metaphysischer Schuld einen Richterstuhl in der Welt anzuerkennen. Was vor  liebenden  Menschen  in  nächster  Verbundenheit  möglich ist, ist nicht in Distanz kalter Analyse erlaubt. Was vor Gott gilt, gilt darum nicht auch vor Menschen. Denn Gott hat keine ihn vertretende Instanz auf Erden, weder in Ämtern der Kirchen, noch in auswärtigen Ämtern der Staaten, noch in einer durch die Presse kundgegebenen öffentlichen Meinung der Welt.</p>
<p>Wenn in der Lage der Kriegsentscheidung geurteilt wird, so hat der Sieger in bezug auf das Urteil über die politische Haftung  das  absolute  Vorrecht:  er  hat  sein  Leben  eingesetzt und die Entscheidung ist für ihn gefallen. Aber man fragt: »Darf ein Neutraler überhaupt vor der Öffentlichkeit urteilen,  nachdem  er  im  Kampfe  fehlte,  sein  Dasein  und sein  Gewissen  nicht  in  der  Hauptsache  einsetzte?«  (aus einem Briefe).</p>
<p>Wenn unter Schicksalsgefährten, heute unter Deutschen, von  moralischer  und  metaphysischer  Schuld  in  bezug  auf den einzelnen Menschen gesprochen wird, so ist das Recht zum Urteil spürbar in der Haltung und Stimmung des Ur-teilenden: ob er von Schuld spricht, die er selber mitträgt oder nicht, ob er also von innen oder von außen, als Selbsterheller oder als Ankläger, damit als Nahverbundener zur 40</p>
<p>Orientierung für mögliche Selbsterhellung der anderen oder als Fremder im bloßen Angriff, ob er als Freund oder als Feind spricht. Immer nur im ersten Falle hat er ein zweifel-loses, im zweiten Falle ein fragwürdiges, jedenfalls durch das Maß seiner Liebe beschränktes Recht.</p>
<p>Wird aber von politischer Haftung und krimineller Schuld gesprochen, so hat unter den Mitbürgern jeder das Recht, Tatsachen  zu  erörtern  und  ihre  Beurteilung  am  Maßstab klarer, begrifflicher Bestimmungen zu diskutieren. Die politische Haftung stuft sich ab nach dem Grade der Anteil-nahme am nunmehr grundsätzlich verneinten Regime und wird  bestimmt  durch  Entscheidungen  des  Siegers,  denen jeder,  der  in  der  Katastrophe  am  Leben  bleiben  wollte, darum weil er lebt, sinngemäß sich unterwerfen muß.</p>
<p>§ 5. Verteidigung</p>
<p>Wo Anklage erhoben wird, wird der Angeklagte sich zu Gehör  bringen  dürfen.  Wo  an  Recht  appelliert  wird,  gibt es Verteidigung. Wo Gewalt angewandt wird, wird der Ver-gewaltigte sich wehren, wenn er kann.</p>
<p>Wenn  der  restlos  Besiegte  sich  nicht  wehren  kann,  so bleibt ihm – sofern er am Leben bleiben will – nichts als die Folgen zu tragen, zu übernehmen und anzuerkennen.</p>
<p>Wo  aber  der  Sieger  begründet,  beurteilt,  da  kann  zwar keinerlei Gewalt, sondern nur in der Ohnmacht der Geist antworten, sofern dazu Raum verstattet wird. Verteidigung ist  möglich,  wo  der  Mensch  sprechen  darf.  Der  Sieger  begrenzt seine Gewalt, sobald er sein Handeln auf die Ebene von Recht bringt. Diese Verteidigung hat folgende Möglichkeiten:</p>
<p>1.  Sie  kann   <emphasis>auf  Unterscheidung  dringen</emphasis>.  Durch  Unterscheidung geschieht Bestimmung und teilweise Entlastung.</p>
<p>Unterscheidung hebt das Totalitäre auf, der Vorwurf wird begrenzt.</p>
<p>Vermischung  führt  zur  Unklarheit  und  Unklarheit  hat wieder  reale  Folgen,  sei  es  nützlicher  oder  schädlicher,  jedenfalls  ungerechter  Art.  Verteidigung  durch  Unterscheidung fördert die Gerechtigkeit.</p>
<p>2.  Die  Verteidigung  kann   <emphasis>Tatbestände</emphasis>  beibringen,  betonen und vergleichen.</p>
<p>3. Die Verteidigung kann appellieren an  <emphasis>Naturrecht</emphasis>, an 41</p>
<p> <emphasis>Menschenrechte</emphasis>, an  <emphasis>Völkerrecht</emphasis>. Solche Verteidigung steht unter Einschränkungen:</p>
<p>a)  Ein  Staat,  der  grundsätzlich  Naturrecht  und  Menschenrechte verletzt hat, von Anfang an im eigenen Lande, und der dann im Krieg nach außen die Menschenrechte und das Völkerrecht zerstörte, hat nicht zu seinen Gunsten den Anspruch auf Anerkennung dessen, was er selbst nicht anerkannt hat.</p>
<p>b) Recht hat man tatsächlich, wenn man zugleich Macht hat,  für  das  Recht  zu  kämpfen.  Wo  völlige  Ohnmacht  ist, besteht  nur  die  Möglichkeit,  geistig  das  ideale  Recht  zu beschwören.</p>
<p>c)  Wo  Naturrecht  und  Menschenrechte  anerkannt  werden, da nur durch den freien Willensakt der Mächtigen, der Sieger. Er ist ein Akt aus deren Einsicht und Ideal heraus,</p>
<p>–  eine  Gnade  gegen  den  Besiegten  in  der  Form  der  Ge-währung von Recht.</p>
<p>4. Die Verteidigung kann aufzeigen, wo die Anklage nicht mehr wahrhaftig sich vollzieht, sondern im Dienst anderer, etwa politischer oder wirtschaftlicher Zwecke  <emphasis>als Waffe be-nutzt</emphasis> wird – durch Vermischung der Schuldbegriffe – durch Erregung einer falschen Meinung –, um sich Zustimmung und zugleich das gute Gewissen zu schaffen für eigene Handlungen. Diese werden als Recht begründet, statt daß sie klare Siegerakte in der Lage des vae victis bleiben. Das Böse aber ist böse, auch wenn es als Vergeltung geübt wird.</p>
<p>Moralische und metaphysische Vorwürfe sind als Mittel für politische Willenszwecke schlechthin zu verwerfen.</p>
<p>5. Verteidigung durch  <emphasis>Ablehnung des Richters</emphasis> – entweder weil  er  mit  Gründen  für  befangen  erklärt  werden  kann  –</p>
<p>oder weil die Sache von der Art ist, daß sie einem menschlichen Richter nicht untersteht.</p>
<p>Strafe  und  Haftung  –  Wiedergutmachung  –  sind  anzuerkennen, nicht aber die Forderung von Reue und Wiedergeburt, die nur von innen kommen können. Gegen solche Forderungen bleibt nur Abwehr durch Schweigen. Es kommt darauf an, sich nicht beirren zu lassen in der tatsächlichen Notwendigkeit dieser inneren Umkehrung, wenn sie gleichsam als Leistung von außen fälschlich verlangt wird.</p>
<p>Es  ist  zweierlei:  Schuldbewußtsein  und  Anerkennung einer Instanz in der Welt als Richter. Der Sieger ist an sich 42</p>
<p>noch  nicht  Richter.  Entweder  vollzieht  er  selber  eine  Verwandlung der Haltung des Kampfes und gewinnt in der Tat Recht statt bloßer Macht, und zwar in Begrenzung auf kriminelle  Schuld  und  politische  Haftung,  –  oder  er  nimmt sich falsche Berechtigung zu Handlungen, die selber wieder neue Schuld in sich schließen.</p>
<p>6.  Verteidigung  bedient  sich  der   <emphasis>Gegenanklage</emphasis>.  Durch Hinweis auf die Handlungen der anderen, die Mitursache für das Entstehen des Unheils waren; – durch Hinweis auf gleiche  Handlungen  der  anderen,  die  beim  Besiegten  als Verbrechen gelten und auch sind; – durch Hinweis auf allgemeine Weltzusammenhänge, die eine gemeinsame Schuld bedeuten.</p>
<p>43</p>
<p> <emphasis>B. Die deutschen Fragen</emphasis> Die  Schuldfrage  hat  ihre  Wucht  für  jedermann  bekom-men durch die Anklage seitens der Sieger und der gesamten Welt gegen uns Deutsche. Als im Sommer 1945 die Plakate in  den  Städten  und  Dörfern  hingen  mit  den  Bildern  und Berichten  aus  Belsen  und  dem  entscheidenden  Satz:  Das ist eure Schuld!, da bemächtigte sich eine Unruhe der Gewissen,  da  erfaßte  ein  Entsetzen  viele,  die  das  in  der  Tat nicht  gewußt  hatten,  und  da  bäumte  sich  etwas  auf:  wer klagt mich da an? Keine Unterschrift, keine Behörde, das Plakat  kam  wie  aus  dem  leeren  Raum.  Es  ist  allgemein menschlich, daß der Beschuldigte, ob er nun mit Recht oder Unrecht beschuldigt wird, sich zu verteidigen sucht.</p>
<p>Die  Schuldfrage  in  politischen  Konflikten  ist  uralt.  Sie spielte eine große Rolle, z. B. in den Argumentationen zwischen Napoleon und England, zwischen Preußen und Österreich. Vielleicht zum erstenmal wurde Politik mit dem Anspruch auf das eigene moralische Recht und mit moralischer Verurteilung  der  Gegner  von  den  Römern  getrieben.  Dagegen  steht  die  Unbefangenheit  der  objektiven  Griechen einerseits  und  die  Selbstanklage  der  alten  Juden  vor  Gott andererseits.</p>
<p>Daß  jederzeit  das  Schuldigerklären  seitens  der  Siegermächte ein Mittel der Politik und dann in den Motiven unrein wurde, ist selber eine durch die Geschichte hindurch-gehende Schuld.</p>
<p>Nach  dem  ersten  Weltkrieg  war  die  Kriegsschuld  eine Frage, die im Versailler Vertrag zuungunsten Deutschlands entschieden  wurde.  Historiker  aller  Länder  haben  später eine  einseitige  alleinige  Kriegsschuld  nicht  festgehalten.</p>
<p>Man  ist  damals  von  allen  Seiten  in  den  Krieg  »hineinge-schliddert«, wie Lloyd George sagte.</p>
<p>Heute ist es nun gar nicht so wie damals. Die Schuldfrage hat  einen  umfassenderen  Sinn  gewonnen.  Sie  klingt  ganz anders als früher.</p>
<p>Die  Kriegsschuldfrage,  die  nach  1918  im  Vordergrunde stand, ist diesmal klar. Der Krieg ist durch Hitlerdeutschland  entfesselt  worden.  Deutschland  hat  die  Kriegsschuld durch sein Regime, das in dem von ihm gewählten Augenblick angefangen hat, während alle andern nicht wollten.</p>
<p>44</p>
<p>  »Das  ist  eure  Schuld«  besagt  aber  heute  viel  mehr  als Kriegsschuld.</p>
<p>Jenes Plakat ist schon fast vergessen. Was dort von uns erfahren  wurde,  ist  jedoch  geblieben:  Erstens  die  Realität einer Weltmeinung, die uns als gesamtes Volk verurteilt, –</p>
<p>und zweitens die eigene Betroffenheit.</p>
<p>Die Weltmeinung ist für uns wichtig. Es sind Menschen, die so von uns denken, und das kann uns nicht gleichgültig sein. Die Schuld wird weiter ein Mittel der Politik. Weil wir als schuldig gelten, haben wir – so ist die Meinung – alles Unheil, das über uns gekommen ist und noch kommen wird, verdient.  Hier  liegt  eine  Rechtfertigung  für  die  Politiker, die  Deutschland  zerstückeln,  seine  Aufbaumöglichkeiten einschränken, es ohne Frieden in einem Zustand zwischen Leben und Sterben lassen. Es ist eine politische Frage die wir nicht zu entscheiden haben und zu deren Entscheidung wir kaum etwas Wesentliches – auch nicht durch unser ta-dellosestes Verhalten – beitragen könnten. Es ist die Frage, ob es politisch sinnvoll, zweckmäßig, gefahrlos, gerecht sei, ein  ganzes  Volk  zum  Pariavolk  zu  machen,  es  hinabzu-drücken unter den Rang der anderen Völker, es, nachdem es  selber  seine  Würde  preisgegeben  hatte,  weiter  zu  ent-würdigen. Über diese Frage sprechen wir hier nicht, auch nicht über die politische Frage, ob und in welchem Sinne es notwendig und zweckmäßig ist, Schuldbekenntnisse abzu-legen. Es kann sein, daß es bei dem Verdikt des deutschen Volkes bleibt. Es würde für uns die ungeheuersten Folgen haben.  Wir  hoffen  noch,  daß  der  Entschluß  der  Staatsmänner und die Meinung der Völker sich irgendwann revi-dieren.  Aber  wir  haben  nicht  anzuklagen,  sondern  hinzu-nehmen. Unsere völlige Ohnmacht, in die uns der Nationalsozialismus geführt hat, und aus der es in der heute erreich-ten technisch bedingten Weltsituation keinen Ausweg gibt, zwingt uns dazu.</p>
<p>Für uns aber noch viel wichtiger ist, wie wir selbst uns durchleuchten, beurteilen und reinigen. Jene Anklagen von außen  sind  nicht  mehr  unsere  Sache.  Die  Anklagen  von innen, die unüberhörbar in deutschen Seelen seit 12 Jahren mehr  oder  weniger  deutlich  wenigstens  augenblicksweise sprechen, sind dagegen Ursprung unseres jetzt noch möglichen  Selbstbewußtseins  durch  die  Weise,  wie  wir  unter 45</p>
<p>ihnen uns durch uns selbst verwandeln, ob wir alt oder jung sind. Wir müssen die deutsche Schuldfrage klären. Das geht uns selbst an. Das geschieht unabhängig von den Vorwürfen, die uns von außen kommen, so sehr wir diese hören, als Fragen und als Spiegel benutzen mögen.</p>
<p>Jener Satz: »Das ist eure Schuld« kann bedeuten: Ihr  haftet  für  die  Taten  des  Regimes,  das  ihr  geduldet habt – hier handelt es sich um unsere politische Schuld.</p>
<p>Es ist eure Schuld, daß ihr darüber hinaus dies Regime unterstützt und mitgemacht habt – darin liegt unsere moralische Schuld.</p>
<p>Es ist eure Schuld, daß ihr untätig dabei standet, wenn die  Verbrechen  getan  wurden  –  da  deutet  sich  eine  metaphysische Schuld an.</p>
<p>Diese drei Sätze halte ich für wahr, obgleich nur der erste über  die  politische  Haftung  geradezu  auszusprechen  und ganz richtig ist, während der zweite und dritte über moralische und metaphysische Schuld in juristischer Gestalt als lieblose Aussagen unwahr werden.</p>
<p>Weiter kann »Das ist eure Schuld« bedeuten: Ihr  seid  Teilnehmer  an  jenen  Verbrechen,  daher  selbst Verbrecher.  –  Das  ist  für  die  überwiegende  Mehrzahl  der Deutschen offenbar falsch.</p>
<p>Schließlich kann es bedeuten: Ihr seid als Volk minder-wertig, würdelos, verbrecherisch, ein Auswurf der Menschheit, anders als alle anderen Völker. – Das ist das Denken und Werten in Kollektiven, das mit seiner Subsumtion jedes einzelnen unter dies Allgemeine radikal falsch und selber unmenschlich ist, ob es in gutem oder bösem Sinne sich vollzieht.</p>
<p>Nach diesen kurzen Vorwegnahmen sehen wir nun näher zu.</p>
<p>46</p>
<p> <emphasis>I. Die Differenzierung deutscher Schuld</emphasis></p>
<p>§ 1. Die Verbrechen</p>
<p>Im  Unterschied  vom  ersten  Weltkrieg,  nach  dem  wir spezifische  Verbrechen,  die  nur  die  eine  Seite  begangen hätte, deutscherseits nicht anzuerkennen brauchten (worin die wissenschaftliche Geschichtsforschung auch der Gegner Deutschlands die gleiche Einsicht gewann), sind heute die Verbrechen der Naziregierung klar, die sie vor dem Krieg in Deutschland, im Krieg überall beging.</p>
<p>Im  Unterschied  vom  ersten  Weltkrieg,  nach  dem  die Kriegsschuldfrage  von  Historikern  aller  Völker  nicht  zuungunsten einer Seite beantwortet wurde, ist dieser Krieg von Hitlerdeutschland angefangen worden.</p>
<p>Im Unterschied vom ersten Weltkrieg ist schließlich dieser Krieg wirklich ein Weltkrieg geworden. Er hat die Welt in einer anderen Situation und einem anderen Wissen getroffen.  Sein  Sinn  ist  gegenüber  früheren  Kriegen  in  eine andere Dimension geraten.</p>
<p>Und heute haben wir etwas in der Weltgeschichte völlig Neues. Die Sieger konstituieren ein Gericht. Der Nürnberger Prozeß betrifft Verbrechen.</p>
<p>Das bringt zunächst eine klare Begrenzung in zwei Rich-tungen:</p>
<p>1.  Nicht  das  deutsche  Volk,  sondern  einzelne  als  Verbrecher angeklagte Deutsche – aber grundsätzlich alle Führer  des  Naziregimes  –  stehen  hier  vor  Gericht.  Diese  Begrenzung hat der amerikanische Anklagevertreter von vornherein  vollzogen.  Jackson  sagte  in  seiner  grundlegenden Rede:  »Wir  möchten  klarstellen,  daß  wir  nicht  beabsich-tigen, das ganze deutsche Volk zu beschuldigen.«</p>
<p>2. Nicht im Ganzen werden die Verdächtigen angeklagt, sondern wegen bestimmter Verbrechen. Diese sind im Sta-tut  des  Internationalen  Militärgerichtshofes  ausdrücklich definiert:</p>
<p>1)  Verbrechen  gegen  den  Frieden:  Planung,  Vorbereitung,  Einleitung  oder  Durchführung  eines  Angriffskrieges  oder  eines  Krieges unter Verletzung internationaler Verträge …</p>
<p>2)  Kriegsverbrechen:  Verletzungen  der  Kriegsrechte,  z. B.  Morde, Mißhandlungen,  Deportationen  zur  Zwangsarbeit  von  Angehörigen der  Zivilbevölkerung  des  besetzten  Gebiets,  –  Mord  oder  Mißhandlung  von  Kriegsgefangenen,  –  Plünderung  öffentlichen  oder  privaten Eigentums,  die  mutwillige  Zerstörung  von  Städten  oder  Dörfern  oder 47</p>
<p>jede  durch  militärische  Notwendigkeit  nicht  gerechtfertigte  Verwü-stung.</p>
<p>3)  Verbrechen  gegen  die  Menschlichkeit:  Mord,  Ausrottung,  Ver-sklavung,  Deportation,  begangen  an  irgendeiner  Zivilbevölkerung, Verfolgung  aus  politischen,  rassischen  oder  religiösen  Gründen,  begangen  in  Ausführung  eines  Verbrechens,  für  das  der  Gerichtshof zuständig ist.</p>
<p>Weiter  wird  der  Umkreis  der  Verantwortung  bestimmt.  Anfüh-rer,  Organisationen,  Anstifter  und  Teilnehmer,  die  am  Entwurf oder  der  Ausführung  eines  gemeinsamen  Plans  oder  einer  Verab-redung  zur  Begehung  eines  der  vorgenannten  Verbrechen  teilge-nommen  haben,  sind  für  alle  Handlungen  verantwortlich,  die  von irgend  einer  Person  in  Ausführung  eines  solchen  Plans  begangen worden sind.</p>
<p>Die  Anklage  richtet  sich  daher  nicht  nur  gegen  Einzelpersonen, sondern  auch  gegen  Organisationen,  die  als  solche  als  verbrecherisch zu  beurteilen  seien:  Reichskabinett.  –  Das  Korps  der  politischen Leiter  der  NSDAP  –  SS  –  SD  –  Gestapo  –  SA  –  Der  Generalstab.  –</p>
<p>Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht. –</p>
<p>Wir Deutsche sind bei diesem Prozeß Zuhörer. Nicht wir haben ihn bewirkt, nicht wir führen ihn, obgleich die Angeklagten Menschen sind, die uns ins Unheil gebracht haben.</p>
<p>»Wahrlich,  die  Deutschen  –  nicht  weniger  als  die  Welt draußen – haben mit den Angeklagten eine Rechnung zu be-gleichen« sagt Jackson.</p>
<p>Mancher Deutsche fühlt sich gekränkt durch diesen Prozeß. Dieses Gefühl ist verständlich. Es hat denselben Grund, wie von der anderen Seite die Beschuldigung der gesamten deutschen Bevölkerung für das Hitlerregime und seine Taten.  Jeder  Staatsbürger  ist  in  dem,  was  der  eigene  Staat tut und leidet, mithaftbar und mitgetroffen. Ein Verbrecher-staat  fällt  dem  ganzen  Volk  zur  Last.  In  der  Behandlung der  eigenen  Staatsführer,  selbst  wenn  sie  Verbrecher  sind, fühlt sich daher der Staatsbürger mit behandelt. In ihnen wird das Volk mit verurteilt. Daher wird die Kränkung und Würdelosigkeit in dem, was die Staatsführer erfahren, vom Volke als eigene Kränkung und Würdelosigkeit empfunden.</p>
<p>Und daher die instinktive, zunächst noch gedankenlose Ablehnung des Prozesses.</p>
<p>In der Tat ist hier eine schmerzvolle politische Haftung von uns zu vollziehen. Wir müssen die Würdelosigkeit erfahren,  sofern  die  politische  Haftung  sie  fordert.  Wir  erfahren darin symbolisch unsere völlige politische Ohnmacht und unsere Ausschaltung als politischer Faktor.</p>
<p>48</p>
<p>  Nun aber liegt alles daran, wie wir unsere instinktive Ge-troffenheit auffassen, auslegen, aneignen und umsetzen.</p>
<p>Es gibt die Möglichkeit, bedingungslos die Kränkung zu verwerfen. Dann werden Gründe gesucht, aus denen der gesamte Prozeß in seinem Recht, seiner Wahrhaftigkeit, seinem Ziel bestritten wird.</p>
<p>1. Es werden allgemeine Betrachtungen angestellt: Kriege gehen durch die gesamte Geschichte und Kriege stehen bevor. Es ist doch nicht ein Volk am Kriege Schuld. Die Natur des Menschen, seine universelle Schuldhaftigkeit, führt zu  den  Kriegen.  Es  ist  eine  Oberflächlichkeit  des  Gewissens, das sich selbst für schuldfrei erklärt. Es ist eine Selbst-gerechtigkeit, die durch ihr gegenwärtiges Verhalten gerade kommende Kriege fördert.</p>
<p>Dagegen ist zu sagen: Dieses Mal ist nicht zu bezweifeln, daß Deutschland den Krieg planmäßig vorbereitet und ohne Provokation  von  anderer  Seite  begonnen  hat.  Es  ist  ganz anders  als  1914.  –  Deutschland  wird  nicht  die  Schuld  am Kriege,  sondern  an  diesem  Kriege  gegeben.  Und  dieser Krieg selber ist etwas Neues, Anderes in einer weltgeschichtlichen Lage, die zum erstenmal so da ist.</p>
<p>Dieser Vorwurf gegen den Nürnberger Prozeß wird anders etwa so ausgesprochen: es ist etwas Unlösbares im menschlichen Dasein, daß immer wieder zur Entscheidung durch Gewalt  drängt,  was  zum  Austrag  gebracht  werden  muß</p>
<p>»durch Anrufen des Himmels«. Der Soldat fühlt ritterlich, und er darf auch als Besiegter noch beleidigt sein, wenn ihm unritterlich begegnet werde.</p>
<p>Dagegen ist zu sagen; Deutschland hat zahlreiche Handlungen  begangen,  die  (außerhalb  jeder  Ritterlichkeit  und gegen das Völkerrecht) zur Ausrottung von Bevölkerungen und anderen Unmenschlichkeiten führten. Hitlers Handeln war  von  vornherein  gegen  jede  Möglichkeit  einer  Versöhnung gerichtet. Es gab nur Sieg oder Untergang. Jetzt sind die  Konsequenzen  des  Untergangs  da.  Jede  Forderung  an Ritterlichkeit  ist  –  auch  wo  sehr  zahlreiche  einzelne  Soldaten und ganze Truppenteile schuldfrei sind und ihrerseits sich stets ritterlich verhalten haben – hinfällig, wo die Wehrmacht als Organisation Hitlers verbrecherische Befehle aus-zuführen übernommen hat. Wo Ritterlichkeit und Großmut verraten wurden, können sie nachträglich nicht wieder zu 49</p>
<p>eigenen  Gunsten  in  Anspruch  genommen  werden.  Dieser Krieg  entstand  nicht  aus  der  Ausweglosigkeit  zwischen Gleichgearteten, die ritterlich zum Kampfe schreiten, sondern war in Ursprung und Durchführung verbrecherische Tücke und bedenkenlose Totalität des Vernichtungswillens.</p>
<p>Noch im Kriege gibt es die Möglichkeit von Hemmungen.</p>
<p>Der  Satz  Kants:  im  Kriege  dürfen  keine  Handlungen  geschehen, die eine spätere Versöhnung schlechthin unmöglich machen, ist zuerst von Hitlerdeutschland grundsätzlich verworfen  worden.  Infolgedessen  ist  die  Gewalt,  seit  Ur-zeiten ihrem Wesen nach gleich, nun in dem Ausmaß ihrer Vernichtungsmöglichkeiten  durch  die  Technik  bestimmt, uneingeschränkt  da.  In  der  heutigen  Weltsituation  den Krieg angefangen zu haben, das ist das Ungeheure.</p>
<p>2. Man sagt: Der Prozeß ist für alle Deutschen eine nationale Schmach. Wären wenigstens Deutsche im Gericht, so würde doch der Deutsche von Deutschen gerichtet.</p>
<p>Dagegen  ist  zu  erwidern:  Die  nationale  Schmach  liegt nicht im Gericht, sondern in dem, was zu ihm geführt hat, in der Tatsache dieses Regimes und seiner Handlungen. Das Bewußtsein der nationalen Schmach ist für den Deutschen un-umgänglich.  Es  geht  in  falsche  Richtung,  wenn  es  gegen den Prozeß statt gegen dessen Ursprung sich wendet.</p>
<p>Ferner: Die Ernennung etwa eines deutschen Gerichts oder von  Deutschen  zu  Beisitzern  seitens  der  Sieger  würde  gar nichts  ändern.  Sie  wären  nicht  kraft  deutscher  Selbstbe-freiung, sondern durch Gnade des Siegers im Gericht. Die nationale  Schmach  bliebe  die  gleiche.  Der  Prozeß  ist  das Ergebnis der Tatsache, daß nicht wir uns von dem verbrecherischen  Regime  befreit  haben,  sondern  daß  wir  durch die Alliierten von ihm befreit worden sind.</p>
<p>3.  Ein  Einwand  ist:  Wie  kann  man  im  Bereich  politischer Souveränität von Verbrechen reden? Würde man das zugeben, so kann der Sieger den Besiegten zum Verbrecher erklären – dann hört der Sinn und das Geheimnis der Obrigkeit auf, die von Gott kommt. Männer, denen ein Volk gehorcht hat – und unter ihnen wieder herausgehoben früher der  Kaiser  Wilhelm  II.,  jetzt  »der  Führer«  –,  gelten  als sakrosankt.</p>
<p>Dagegen ist zu sagen: Es handelt sich um eine Denkge-wohnheit aus der Überlieferung staatlichen Lebens in Europa, 50</p>
<p>die  am  längsten  sich  in  Deutschland  gehalten  hat.  Aber heute ist der Heiligenschein um Staatshäupter verschwunden.  Sie  sind  Menschen  und  haften  für  ihr  Tun.  Seitdem europäische Völker ihren Monarchen den Prozeß gemacht und sie enthauptet haben, ist die Aufgabe der Völker, ihre Führung unter Kontrolle zu halten. Staatsakte sind zugleich Personalakte. Menschen als einzelne verantworten sie und haften für sie.</p>
<p>4.  Juristisch  wird  folgender  Einwand  gemacht:  Verbrechen kann es nur geben am Maßstab von Gesetzen. Die Verletzung dieser Gesetze ist das Verbrechen. Das Verbrechen muß bestimmt definiert und als Tatbestand eindeutig feststellbar sein. Insbesondere: nulla poena sine lege, – d. h. es kann ein Urteil nur gefällt werden nach einem Gesetz, das vor  Begehen  der  Tat  bestand.  In  Nürnberg  aber  wird  mit rückwirkender Kraft nach Gesetzen geurteilt, die die Sieger jetzt aufgestellt haben.</p>
<p>Dagegen ist zu sagen: Im Sinne der Menschlichkeit, der Menschenrechte  und  des  Naturrechts,  und  im  Sinne  der Ideen der Freiheit und Demokratie des Abendlandes sind Gesetze schon da, an denen gemessen Verbrechen bestimmbar sind.</p>
<p>Außerdem gibt es Verträge, die, wenn sie freiwillig von beiden  Seiten  unterzeichnet  sind,  solches  übergeordnete Recht setzen, das im Falle des Vertragsbruches zum Maßstab werden kann.</p>
<p>Wo  aber  ist  die  Instanz?  Im  Frieden  einer  Staatsordnung sind es die Gerichte. Nach einem Krieg kann es nur ein Gericht des Siegers sein.</p>
<p>5.  Daher  der  weitere  Einwand:  Gewalt  des  Siegers  ist nicht Recht. Der Erfolg ist nicht die Instanz für Recht und Wahrheit. Ein Tribunal, das objektiv die Kriegsschuld und die Kriegsverbrechen untersuchen und verurteilen könnte, ist  nicht  möglich.  Immer  ist  solches  Gericht  Partei.  Auch ein Gericht aus Neutralen wäre Partei, denn die Neutralen sind  ohnmächtig  und  faktisch  in  Gefolgschaft  der  Sieger.</p>
<p>Nur ein Gericht, hinter dem eine Macht stände, welche die Entscheidung beiden streitenden Parteien auch mit Gewalt aufzwingen könnte, könnte frei urteilen.</p>
<p>Der  Einwand  der  Scheinhaftigkeit  dieses  Rechts  fährt fort: Nach jedem Krieg wird die Schuld dem Unterlegenen 51</p>
<p>zugeschoben.  Er  wird  zur  Anerkennung  seiner  Schuld  gezwungen. Die dem Krieg nachfolgende wirtschaftliche Aus-beutung wird als Wiedergutmachung einer Schuld verschleiert. Ausplünderung wird zum Rechtsakt umgefälscht. Wenn kein freies Recht, dann lieber klare Gewalt. Das wäre ehr-lich, und es wäre leichter zu ertragen. Es gibt nur die Macht des Siegers. An sich ist der Vorwurf des Verbrechens jederzeit gegenseitig möglich, – durchführen kann den Vorwurf nur der Sieger –, er tut es rücksichtslos ausschließlich nach den Maßstäben des eigenen Interesses. Alles andere ist Ver-kleidung dessen, was in der Tat die Gewalt und Wil kür dessen ist, der die Macht dazu hat.</p>
<p>Die  Scheinhaftigkeit  des  Gerichts  zeigt  sich  schließlich daran, daß die als verbrecherisch erklärten Handlungen nur dann vor Gericht gestellt werden, wenn sie seitens eines besiegten Staates begangen sind. Dieselben Handlungen seitens souveräner oder siegender Staaten werden mit Stillschweigen übergangen, nicht erörtert, geschweige denn bestraft.</p>
<p>Dagegen ist zu sagen: Macht und Gewalt sind eine in der Tat entscheidende Realität in der Welt der Menschen. Aber nicht die einzige. Die Verabsolutierung dieser Realität hebt alle verläßliche Verbindung zwischen Menschen auf. Solange sie gilt, ist kein Vertrag möglich. Wie es Hitler in der Tat ausgesprochen hat: Verträge gelten nur solange, als sie dem eigenen  Interesse  entsprechen.  Und  er  hat  danach  gehandelt. Aber dagegen steht der Wille, der trotz der Anerkennung  der  Realität  der  Macht  und  der  Wirksamkeit  jener nihilistischen Auffassung sie für etwas hält, das nicht sein soll und das daher mit allen Kräften verändert werden muß.</p>
<p>Denn  in  menschlichen  Dingen  bedeutet  Realität  noch nicht  Wahrheit.  Dieser  Realität  ist  vielmehr  andere  Realität  entgegenzusetzen.  Und  ob  diese  da  ist,  das  liegt  am Willen des Menschen. Jeder muß in seiner Freiheit wissen, wo er steht, und was er will.</p>
<p>Aus  diesem  Horizont  ist  zu  sagen:  Der  Prozeß  als  ein neuer  Versuch,  Ordnung  in  der  Welt  zu  fördern,  verliert seinen  Sinn  nicht,  wenn  er  noch  nicht  imstande  ist,  sich auf eine gesetzliche Weltordnung zu stützen, sondern wenn er heute noch notwendig in politischen Zusammenhängen stehen  bleibt.  Er  findet  noch  nicht  statt  wie  ein  Gerichts-prozeß innerhalb einer geschlossenen Staatsordnung.</p>
<p>52</p>
<p>  Daher hat Jackson offen gesagt, »daß der Prozeß, wenn der Verteidigung gestattet würde, von der sehr umgrenzten Beschuldigung  der  Anklageschrift  abzuschweifen,  in  die Länge gezogen und das Gericht in unlösbare politische Streit-fragen verwickelt würde«.</p>
<p>Das heißt auch, daß etwa die Verteidigung nicht die in die  geschichtlichen  Voraussetzungen  eindringende  Frage nach der Schuld am Kriege, sondern nur die Frage zu be-handeln  hat,  wer  diesen  Krieg  angefangen  hat.  Ferner  bestände  nicht  das  Recht,  etwa  andere  Fälle  ähnlicher  Verbrechen  heranzuziehen  oder  zu  beurteilen.  –  Politische Notwendigkeiten  setzen  den  Erörterungen  eine  Grenze.</p>
<p>Daraus folgt aber nicht, daß damit alles unwahrhaftig würde.  Im  Gegenteil,  die  Schwierigkeiten,  die  Einwände  sind offen, wenn auch kurz, ausgesprochen.</p>
<p>Die Grundsituation, daß der Erfolg des Kampfes, nicht das  Gesetz  allein,  der  beherrschende  Ausgangspunkt  ist, ist nicht zu leugnen. Im Großen ist es wie im Kleinen, was etwa bei militärischen Vergehen ironisch so ausgesprochen wurde: man werde bestraft nicht wegen des Gesetzes, sondern weil man sich habe fassen lassen. Aber diese Grundsituation  bedeutet  nicht,  daß  nicht  nach  dem  Erfolg  der Mensch kraft seiner Freiheit in der Lage wäre, seine Gewalt überzuführen in eine Verwirklichung von Recht. Und auch wenn dies nicht völlig geschieht, auch wenn nur in einem gewissen Umfang Recht entsteht, so ist doch damit schon viel erreicht auf dem Wege zur Weltordnung. Die Mäßigung als  solche  schafft  einen  Raum  von  Besinnen  und  Prüfen, von Klarheit, und dadurch auch um so entschiedener das Bewußtsein von der bleibenden Bedeutung der Gewalt als solcher.</p>
<p>Für uns Deutsche hat dieser Prozeß den Vorteil, daß er unterscheidet  zwischen  den  bestimmten  Verbrechen  der Führer,  und  daß  er  gerade  nicht  kollektiv  das  Volk  verurteilt.</p>
<p>Aber der Prozeß bedeutet viel mehr. Er soll zum erstenmal und für alle Zukunft den Krieg zum Verbrechen erklären und daraus die Konsequenz ziehen. Was mit dem Kel-logg-Pakt  begann,  soll  zum  erstenmal  sich  verwirklichen.</p>
<p>Die  Größe  des  Unternehmens  ist  so  wenig  zu  bezweifeln wie  der  gute  Wille  vieler,  die  hier  mitwirken.  Das  Unter-53</p>
<p>nehmen kann phantastisch scheinen. Aber wenn uns klar wird, worum es sich handelt, so zittern wir um das, was geschieht. Ein Unterschied ist nur, ob wir nihilistisch trium-phierend voraussetzen, daß es ein Scheinprozeß sein müsse, oder ob wir brennend wünschen, es möchte gelingen.</p>
<p>Es  kommt  darauf  an,  wie  er  vollzogen  wird,  wie  seine inhaltliche  Durchführung,  wie  sein  Ergebnis,  wie  die  Be-gründungen sein werden, wie sich das Verfahren zu einem Ganzen in der Rückerinnerung schließen wird. Es kommt darauf an, ob die Welt es als Wahrheit und Recht anerkennen kann, was hier getan ist – ob auch die Besiegten sich nicht entbrechen können, zuzustimmen, – ob die Geschichte später Gerechtigkeit und Wahrheit darin sehen wird.</p>
<p>Das aber entscheidet sich nicht allein in Nürnberg. Wesentlich ist, ob der Nürnberger Prozeß ein Glied in der Folge sinnvoll aufbauender politischer Handlungen wird, mögen diese  auch  noch  oft  durchkreuzt  werden  von  Irrtum,  Un-vernunft, Herzlosigkeit und Haß, – oder ob durch den Maßstab,  der  hier  über  der  Menschheit  aufgestellt  wird,  am Ende die Mächte selber verworfen werden, die ihn jetzt er-richten. Die Mächte, die Nürnberg hinstellen, bezeugen damit, daß sie in Gemeinschaft die Weltregierung wollen, indem  sie  sich  der  Weltordnung  unterwerfen.  Sie  bezeugen, daß sie die Verantwortung für die Menschheit als das Ergebnis ihres Sieges wirklich übernehmen wollen und nicht bloß für ihre eigenen Staaten. Solch Zeugnis darf kein falsches Zeugnis sein.</p>
<p>Entweder  wird  in  der  Welt  ein  Vertrauen  bewirkt,  daß in Nürnberg Recht geschehen und damit ein Grund gelegt sei, dann ist aus dem politischen Prozeß ein Rechtsprozeß geworden, ist Recht schöpferisch begründet und verwirk-, licht für eine neue, jetzt zu erbauende Welt, – oder es würde die  Enttäuschung  durch  Unwahrhaftigkeit  eine  um  so schlimmere, neue Kriege fördernde Weltstimmung wecken; Nürnberg würde statt zum Segen vielmehr zu einem Faktor des  Verhängnisses  werden;  die  Welt  würde  schließlich  urteilen, der Prozeß sei ein Scheinprozeß und ein Schaupro-zeß gewesen. Das darf nicht sein.</p>
<p>Zu allen Einwänden gegen den Prozeß ist daher zu sagen: Es handelt sich in Nürnberg um etwas wirklich Neues. Daß alles, was in den Einwänden gesagt wird, mögliche Gefahr 54</p>
<p>ist, ist nicht zu leugnen. Aber falsch sind erstens die Alter-nativen, mit denen Mängel, Fehler, Störungen im einzelnen gleich  zur  Verwerfung  überhaupt  führen,  während  es  auf die Richtung des Handelns ankommt, auf die unbeirrbare Geduld  tätiger  Verantwortung  der  Mächte.  Die  Wider-sprüche im einzelnen sollen überwunden werden durch die Akte in Richtung auf die Weltordnung hin mitten in den Verwirrungen.  Falsch  ist  zweitens  die  Stimmung  der  empörten Aggressivität, die von vornherein Nein sagt.</p>
<p>Was in Nürnberg geschieht, mag es noch so vielen Einwänden  ausgesetzt  sein,  ist  ein  schwacher,  zweideutiger Vorbote der der Menschheit heute als notwendig fühlbar werdenden Weltordnung. Das ist die ganz neue Situation: die Weltordnung  steht  zwar  keineswegs  unmittelbar  bevor  –</p>
<p>vielmehr  liegen  vor  ihrer  Verwirklichung  noch  gewaltige Konflikte  und  unabsehbare  Kriegsgefahren  –,  aber  sie  ist der denkenden Menschheit als möglich erschienen, am Horizont als kaum erkennbare Morgenröte aufgetaucht, während im Falle des Mißlingens der Ordnung die Selbstzerstörung der Menschheit als furchtbare Drohung vor Augen steht.</p>
<p>Der  Ohnmächtigste  hat  seinen  einzigen  Halt  am  Welt-ganzen. Vor dem Nichts greift er nach dem Ursprung und nach dem Allumfassenden. Daher könnte gerade dem Deutschen der außerordentliche Sinn dieses Vorboten gegenwärtig werden.</p>
<p>Unser eigenes Heil in der Welt ist bedingt durch die Weltordnung, die in Nürnberg noch nicht konstituiert wird, auf die aber Nürnberg hindeutet.</p>
<p>§ 2. Die politische Schuld</p>
<p>Für Verbrechen trifft den Verbrecher die Strafe. Die Begrenzung des Nürnberger Prozesses auf die Verbrecher ent-lastet  das  deutsche  Volk.  Aber  keineswegs  derart,  daß  es frei  würde  von  jeder  Schuld.  Im  Gegenteil.  Unsere  eigentliche Schuld wird um so klarer in ihrem Wesen.</p>
<p>Wir  sind  Staatsangehörige  gewesen,  als  die  Verbrechen begangen wurden von dem Regime, das sich deutsch nannte und Deutschland zu sein für sich in Anspruch nahm und dazu das Recht zu haben schien, weil es die Staatsmacht in Händen hatte und bis 1943 keine für es gefährliche Gegenwirkung fand.</p>
<p>55</p>
<p>  Die Zerstörung jeder anständigen, wahrhaftigen deutschen Staatlichkeit muß ihren Grund auch in Verhaltungsweisen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung haben. Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit.</p>
<p>Angesichts der Verbrechen, die im Namen des deutschen Reiches verübt worden sind, wird jeder Deutsche mitverantwortlich gemacht. Wir haften kollektiv. Die Frage ist, in welchem Sinn jeder von uns sich mitverantwortlich fühlen muß.</p>
<p>Zweifellos in dem politischen Sinne der Mithaftung jedes Staatsangehörigen  für  die  Handlungen  die  der  Staat  be-geht, dem er angehört. Darum aber nicht notwendig auch in dem moralischen Sinne der faktischen oder intellektuellen Beteiligung an den Verbrechen. Sollen wir Deutsche für die Untaten, die uns von Deutschen zugefügt wurden, oder denen wir wie durch ein Wunder entgangen sind, haftbar gemacht werden?  Ja,  –  sofern  wir  geduldet  haben,  daß  ein  solches Regime bei uns entstanden ist. Nein, – sofern viele von uns in ihrem innersten Wesen Gegner all dieses Bösen waren und  durch  keine  Tat  und  durch  keine  Motivation  in  sich eine moralische Mitschuld anzuerkennen brauchen. Haftbar-machen heißt nicht als moralisch schuldig erkennen.</p>
<p>Kollektivschuld also gibt es zwar notwendig als politische Haftung der Staatsangehörigen, nicht aber darum im gleichen Sinne als moralische und metaphysische und nicht als kriminelle Schuld. Die politische Haftung zu übernehmen, ist zwar hart in ihren furchtbaren Folgen auch für jeden einzelnen. Sie bedeutet für uns völlige politische Ohnmacht und eine Armut, die uns für lange in Hunger und Frieren oder an der Grenze dessen und in vergeblichen Anstrengungen zu leben zwingt. Aber diese Haftung als solche trifft nicht die Seele.</p>
<p>Politisch handelt im modernen Staat jeder, zum minde-sten durch seine Stimmabgabe bei Wahlen oder durch Un-terlassung  des  Wählens.  Der  Sinn  politischer  Haftung  erlaubt es niemandem, auszuweichen.</p>
<p>Die politisch Aktiven pflegen sich nachträglich zu rechtfertigen, wenn es schlecht gegangen ist. Aber im politischen Handeln gelten solche Verteidigungen nicht.</p>
<p>Man habe es gut gemeint, habe das Gute gewollt. Hinden-burg etwa habe doch Deutschland nicht ruinieren, habe es Hitler nicht ausliefern wollen. Das hilft ihm nichts, er hat es getan, und darauf kommt es in der Politik an.</p>
<p>56</p>
<p>  Oder: Man habe das Unheil gesehen, habe es gesagt und habe gewarnt. Aber das gilt nicht in der Politik, wenn nicht die Handlungen daraus gefolgt sind, und wenn die Handlungen nicht Erfolg hatten.</p>
<p>Man könnte denken: Es dürfe doch Menschen geben, die völlig  apolitisch  seien,  ein  Dasein  außerhalb  führten,  wie Mönche, Einsiedler, Gelehrte und Forscher, Künstler. Wenn sie wirklich apolitisch seien, so trügen sie auch nicht mit an der Schuld.</p>
<p>Aber  die  politische  Haftung  trifft  sie  mit,  weil  sie  auch ihr  Leben  durch  die  Ordnung  des  Staates  haben.  Es  gibt kein außerhalb in modernen Staaten.</p>
<p>Man möchte wohl die Abseitigkeit ermöglichen können, und  kann  es  doch  nur  unter  dieser  Einschränkung.  Wir möchten  ein  apolitisches  Dasein  anerkennen  und  lieben.</p>
<p>Aber  mit  dem  Aufhören  politischer  Teilnahme  hätten  die Apolitischen  auch  kein  Recht,  über  konkrete  politische Handlungen des Tages zu urteilen und damit selber gefahrlose  Politik  zu  treiben.  Ein  apolitischer  Bereich  fordert auch Selbstausschaltung von politischer Wirksamkeit jeder Art  –  und  hebt  doch  nicht  in  jedem  Sinn  eine  politische Mithaftung auf.</p>
<p>§ 3. Die mor alische Schuld</p>
<p>Jeder Deutsche prüft sich: was ist meine Schuld?</p>
<p>Die Schuldfrage in bezug auf den einzelnen, sofern er sich selbst  durchleuchtet,  nennen  wir  die  moralische.  Hier  bestehen die größten Unterschiede zwischen uns Deutschen.</p>
<p>Wohl  hat  die  Entscheidung  im  Urteil  nur  der  einzelne über sich, doch soweit wir in Kommunikation stehen, dürfen wir miteinander reden und uns moralisch zur Klarheit helfen. Die moralische Verurteilung des andern aber bleibt in suspenso – nicht die kriminelle und nicht die politische.</p>
<p>Die Grenze, an der auch die Möglichkeit moralischen Urteils  ausbleibt,  liegt  dort,  wo  wir  spüren,  daß  der  andere auch nicht den Ansatz einer moralischen Selbstdurchleuchtung  zu  machen  scheint,  –  wo  wir  in  der  Argumentation nur  Sophistik  wahrnehmen,  wo  der  andere  gar  nicht  zu hören scheint. Hitler und seine Komplizen, diese kleine Mi-norität  von  Zehntausenden,  stehen  außerhalb  der  moralischen Schuld, solange sie sie überhaupt nicht spüren. Sie 57</p>
<p>scheinen unfähig der Reue und der Verwandlung. Sie sind wie  sie  sind.  Solchen  Menschen  gegenüber  bleibt  nur  die Gewalt, weil sie selber nur durch Gewalt leben.</p>
<p>Die  moralische  Schuld  aber  besteht  bei  allen,  die  dem Gewissen  und  der  Reue  Raum  geben.  Moralisch  schuldig sind die Sühnefähigen, die, die wußten oder wissen konnten, und die doch Wege gingen, die sie in der Selbstdurch-heilung als ein schuldiges Irren verstehen, – sei es, daß sie sich bequem verschleierten, was geschah, oder daß sie sich betäuben  und  verführen  ließen,  oder  sich  kaufen  ließen durch persönliche Vorteile, oder daß sie aus Angst gehorch-ten. Vergegenwärtigen wir einige dieser Möglichkeiten: a)  Das   <emphasis>Leben  in  der  Maske</emphasis>  –  unausweichlich  für  den, der  überleben  wollte  –  brachte  moralische  Schuld.  Lügen-hafte  Loyalitätserklärungen  gegenüber  drohenden  Instan-zen, wie der Gestapo, – Gebärden wie der Hitlergruß, Teilnahme  an  Versammlungen  und  vieles  andere,  was  den Schein  des  Dabeiseins  brachte  –,  wer  von  uns  hätte  in Deutschland nicht irgendwann solche Schuld? Nur der Ver-geßliche kann sich darüber täuschen, weil er sich täuschen will. Die Tarnung gehörte zum Grundzug unseres Daseins.</p>
<p>Sie belastet unser moralisches Gewissen.</p>
<p>b) Aufwühlender ist für den Augenblick der Erkenntnis die  Schuld  durch  ein   <emphasis>falsches  Gewissen</emphasis>.  Mancher  junge Mensch erwacht mit dem schaurigen Bewußtsein: mein Gewissen hat mich getäuscht, – worauf kann ich mich noch verlassen?  Ich  glaubte,  im  Idealismus  zu  leben,  mich  für das  edelste  Ziel  zu  opfern  und  das  Beste  zu  wollen.  Jeder so Erwachende wird sich prüfen, wo Schuld lag durch Unklarheit,  durch  Nichtsehenwollen,  durch  bewußten  Ab-schluß in der Isolierung des eigenen, Lebens auf eine »anständige« Sphäre.</p>
<p>Hier  ist  zunächst  zu  unterscheiden  zwischen  der  soldatischen Ehre und dem politischen Sinn. Denn das Bewußtsein soldatischer Ehre bleibt unbetroffen von allen Schulderörterungen.  Wer  in  Kameradschaftlichkeit  treu  war,  in Gefahr  unbeirrbar,  durch  Mut  und  Sachlichkeit  sich  be-währt hat, der darf etwas Unantastbares in seinem Selbstbewußtsein bewahren. Dies rein Soldatische und zugleich Menschliche ist allen Völkern gemeinsam. Hier ist Bewährung  nicht  nur  keine  Schuld,  sondern,  wo  sie  unbefleckt 58</p>
<p>durch  böse  Handlungen  oder  Ausführung  offenbar  böser Befehle wirklich war, ein Fundament des Lebenssinnes.</p>
<p>Aber die soldatische Bewährung darf nicht identifiziert werden mit der Sache, für die gekämpft wurde. Soldatische Bewährung macht nicht schuldfrei für alles andere.</p>
<p>Die bedingungslose Identifizierung des faktischen Staates mit  der  deutschen  Nation  und  der  Armee  ist  eine  Schuld falschen Gewissens. Wer als Soldat tadellos war, kann der Gewissensverfälschung erlegen sein. Dadurch wurde es möglich,  daß  aus  nationaler  Gesinnung  getan  und  ertragen wurde,  was  offenbar  böse  war.  Daher  das  gute  Gewissen im bösen Tun.</p>
<p>Doch die Pflicht gegen das Vaterland geht viel tiefer als ein blinder Gehorsam gegen jeweilige Herrschaft reicht. Das Vaterland  ist  nicht  mehr  Vaterland,  wenn  seine  Seele  zerstört wird. Die Macht des Staates ist kein Ziel an sich, sondern vielmehr verderblich, wenn dieser Staat das deutsche Wesen vernichtet. Daher führte die Pflicht gegen das Vaterland  keineswegs  konsequent  zum  Gehorsam  gegen  Hitler und  zu  der  Selbstverständlichkeit,  auch  als  Hitlerstaat müsse  Deutschland  unbedingt  den  Krieg  gewinnen.  Hier liegt das falsche Gewissen. Es ist nicht eine einfache Schuld.</p>
<p>Es ist zugleich die tragische Verwirrung, zumal eines großen Teils der ahnungslosen Jugend. Pflicht gegen das Vaterland ist der Einsatz des ganzen Menschen für die höchsten An-sprüche, die zu uns sprechen aus den Besten unserer Ahnen und nicht aus den Idolen einer falschen Überlieferung.</p>
<p>Daher  war  das  Erstaunliche,  wie  trotz  alles  Bösen  die Selbstidentifizierung  mit  der  Armee  und  dem  Staat  vollzogen wurde. Denn diese Unbedingtheit einer blinden nationalen Anschauung – begreiflich nur als der letzte morsche Boden in einer glaubenslos werdenden Welt – war in gutem Gewissen zugleich moralische Schuld.</p>
<p>Diese Schuld hatte weiter ihre Ermöglichung durch das mißverstandene Bibelwort: Sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt  über  dich  hat,  –  aber  sie  war  vollends  entartet  in der  wunderlichen  Heiligkeit  des  Befehls  aus  der  militärischen Überlieferung. »Es ist Befehl«, das klang und klingt noch  vielen  pathetisch  so,  daß  es  die  höchste  Pflicht  aus-spricht.  Aber  dies  Wort  brachte  zugleich  die  Entlastung, wenn es achselzuckend das Böse und Dumme als unumgäng-59</p>
<p>lich  gelten  ließ.  Vollends  schuldig  im  moralischen  Sinne wurde dieses Verhalten im Gehorsamsdrang, diesem trieb-haften, sich als gewissenhaft fühlenden und in der Tat alles Gewissen preisgebenden Verhalten.</p>
<p>Mancher hat in dem Ekel vor der Naziherrschaft in den Jahren  nach  1933  die  Offizierslaufbahn  ergriffen,  weil  hier die  einzige  anständige  Atmosphäre,  unbeeinflußt  von  der Partei,  in  der  Gesinnung  gegen  die  Partei,  und  scheinbar aus  eigener  Macht  ohne  Partei  zu  bestehen  schien.  Auch das war ein Gewissensirrtum, der sich – nach Ausschaltung aller eigenständigen Generäle alter Überlieferung – in der schließlichen  moralischen  Verwahrlosung  des  deutschen Offiziers  an  allen  führenden  Stellungen  in  seinen  Folgen offenbarte  –  trotz  der  zahlreichen  liebenswerten,  ja  edlen soldatischen Persönlichkeiten, die hier vergeblich Rettung gesucht hatten, geführt von einem täuschenden Gewissen.</p>
<p>Gerade wenn das redliche Bewußtsein und der gute Wille im  Anfang  führten,  muß  die  Enttäuschung  und  Selbst-enttäuschung um so stärker sein. Sie führt zur Prüfung auch des besten Glaubens mit der Frage, wie ich für meine Täuschung,  für  jede  Täuschung,  der  ich  verfalle,  verantwortlich bin.</p>
<p>Erwachen  und  Selbstdurchleuchtung  dieser  Täuschung ist  unerläßlich.  Durch  sie  werden  aus  idealistischen  Jüng-lingen aufrechte, moralisch verläßliche, politisch klare deutsche Männer, die in Bescheidung das nun verhängte Schicksal ergreifen.</p>
<p>c)  Die  teilweise  Billigung  des  Nationalsozialismus,  die <emphasis>Halbheit</emphasis> und gelegentliche  <emphasis>innere Angleichung</emphasis> und Abfin-dung war eine moralische Schuld ohne jeden Zug von Tra-gik, die den vorhergehenden Weisen der Schuld eignet.</p>
<p>Diese  Argumentation:  es  ist  doch  auch  Gutes  daran  –</p>
<p>diese Bereitschaft zur vermeintlich gerechten Anerkennung</p>
<p>– war bei uns verbreitet. Nur das radikale Entweder-Oder konnte wahr sein. Erkenne ich das böse Prinzip, so ist alles schlecht und die scheinbar guten Folgen sind selber nicht das,  was  sie  zu  sein  scheinen.  Weil  diese  irrende  Objektivität bereit war, das vermeintlich Gute im Nationalsozialismus anzuerkennen, wurden auch bis dahin nahe Freunde einander  fremd,  man  konnte  mit  ihnen  nicht  mehr  offen reden. Derselbe, der eben beklagte, daß kein Märtyrer für 60</p>
<p>die alte Freiheit und gegen das Unrecht auftrete und sich opfere,  konnte  die  Aufhebung  der  Arbeitslosigkeit  (durch Rüstung und betrügerische Finanzwirtschaft) als hohes Verdienst preisen, konnte 1938 die Einverleibung Österreichs als Erfüllung des alten Ideals der Reichseinheit begrüßen, 1940</p>
<p>Hollands  Neutralität  anzweifeln  und  den  Angriff  Hitlers rechtfertigen, und vor allem: sich der Siege freuen.</p>
<p>d) Manche gaben sich der bequemen  <emphasis>Selbsttäuschung</emphasis> hin: Sie  würden  diesen  bösen  Staat  schon  ändern,  die  Partei werde  wieder  verschwinden,  spätestens  mit  dem  Tod  des Führers. Jetzt müsse man dabei sein, um von innen heraus die Sache zum Guten zu wenden. So waren die typischen Unterhaltungen:</p>
<p>Mit  Offizieren:  »Wir  werden  den  Nationalsozialismus nach dem Krieg gerade auf Grund unseres Sieges abschaf-fen; jetzt gilt es erst mal zusammenzuhalten, Deutschland zum  Siege  zu  führen;  wenn  das  Haus  brennt,  löscht  man, und  fragt  nicht  erst  nach  dem  Urheber  des  Brandes«  –</p>
<p>Antwort:  Nach  dem  Sieg  werdet  Ihr  entlassen,  geht  gern nach Hause, allein die SS behält die Waffen und das Terror-regime des Nationalsozialismus steigert sich zum Sklaven-staat.  Kein  menschliches  Eigenleben  wird  mehr  möglich sein, Pyramiden werden errichtet, Straßen und Städte nach der  Laune  des  Führers  gebaut  und  umgestaltet.  Eine  ungeheure Rüstungsmaschinerie wird entwickelt zur endgül-tigen Welteroberung.</p>
<p>Mit Dozenten: »Wir sind in der Partei die Fronde. Wir wagen unbefangene Diskussion. Wir erreichen geistige Verwirklichungen.  Wir  werden  das  Ganze  langsam  zurück-verwandeln  in  die  alte  deutsche  Geistigkeit«  –  Antwort: Ihr täuscht Euch. Man läßt Euch Narrenfreiheit unter der Bedingung jederzeitigen Gehorsams. Ihr schweigt und gebt nach. Euer Kampf ist ein Schein, der der Führung erwünscht ist. Ihr tragt nur bei zum Grab deutschen Geistes.</p>
<p>Viele Intellektuelle, die 1933 mitgemacht haben und für sich eine führende Wirkung erstrebten, und die öffentlich weltanschaulich für die neue Macht Stellung nahmen – die dann später, persönlich beiseite gedrängt, unwillig wurden</p>
<p>–  zumeist  aber  noch  positiv  blieben,  bis  der  Kriegsverlauf seit  1942  den  ungünstigen  Ausgang  sichtbar  und  sie  nun erst ganz zu Gegnern machte, diese haben das Gefühl, unter 61</p>
<p>den  Nazis  gelitten  zu  haben  und  darum  berufen  zu  sein für das Nachfolgende. Sie halten sich selbst für Antinazis.</p>
<p>Es  gab  all  die  Jahre  eine  Ideologie  dieser  intellektuellen Nazis:  Sie  sprächen  in  geistigen  Dingen  unbefangen  die Wahrheit aus –, sie bewahrten die Überlieferung des deutschen Geistes, – sie verhüteten Zerstörungen, – sie bewirk-ten im einzelnen Förderndes.</p>
<p>Unter diesen finden sich vielleicht manche, die schuldig sind durch eine Unveränderlichkeit ihrer Denkungsart, welche, ohne identisch zu sein mit Parteidoktrinen, doch die innere Haltung des Nationalsozialismus in der Tat festhält im  Scheine  einer  Wandlung  und  Gegnerschaft,  ohne  sich selber  zu  klären.  Durch  diese  Denkungsart  sind  sie  vielleicht ursprünglich verwandt dem, was im Nationalsozialismus das unmenschliche, diktatorische, existenzlos nihilistische Wesen war. Wer als reifer Mensch im Jahre 1933 die innere Überzeugtheit hatte, die nicht nur in einem politischen Irrtum  wurzelte,  sondern  in  einem  durch  den  Nationalsozialismus gesteigerten Daseinsgefühl, der wird nicht rein außer infolge einer Umschmelzung, die vielleicht tiefer gehen  muß  als  alle  anderen.  Wer  1933  sich  so  verhalten  hat, bliebe  ohne  das  innerlich  brüchig  und  zu  weiterem  Fana-tismus  geneigt.  Wer  am  Rassenwahn  teilnahm,  wer  Illusionen  von  einem  Aufbau  hatte,  der  sich  auf  Schwindel gründete, wer schon damals geschehene Verbrechen in Kauf nahm,  ist  haftbar  nicht  nur,  sondern  muß  sich  moralisch erneuern. Ob er es kann, und wie er es vollzieht, ist allein seine Sache und von außen kaum zu beurteilen.</p>
<p>e) Es ist ein Unterschied zwischen den  <emphasis>Aktiven</emphasis> und  <emphasis>Passiven</emphasis>. Die politisch Handelnden und Ausführenden, die Lei-tenden  und  die  Propagandisten  sind  schuldig.  Wenn  sie nicht kriminell wurden, so haben sie doch durch Aktivität eine positiv bestimmbare Schuld.</p>
<p>Jedoch jeder von uns hat Schuld, sofern er untätig blieb.</p>
<p>Die  Schuld  der  Passivität  ist  anders.  Die  Ohnmacht  entschuldigt; der wirkungsvolle Tod wird moralisch nicht verlangt.  Schon  Platon  hielt  es  für  selbstverständlich,  in  Un-heilzeiten verzweifelter Zustände sich zu verbergen und zu überleben. Aber die Passivität weiß ihre moralische Schuld für  jedes  Versagen,  das  in  der  Nachlässigkeit  liegt,  nicht jede irgend mögliche Aktivität zum Schutz Bedrohter, zur 62</p>
<p>Erleichterung des Unrechts, zur Gegenwirkung ergriffen zu haben. Im Sichfügen der Ohnmacht blieb immer ein Spiel-raum zwar nicht gefahrloser, aber mit Vorsicht doch wirksamer  Aktivität.  Ihn  ängstlich  versäumt  zu  haben,  wird der einzelne als seine moralische Schuld anerkennen. Die Blindheit für das Unheil der anderen, diese Phantasielosig-keit des Herzens, und die innere Unbetroffenheit von dem gesehenen Unheil, das ist die moralische Schuld.</p>
<p>f) Die moralische Schuld im äußeren Mitgehen, das  <emphasis>Mitläufertum</emphasis>,  ist  in  irgendeinem  Maße  sehr  vielen  von  uns gemeinsam. Um sein Dasein zu behaupten, seine Stellung nicht zu verlieren, seine Chancen nicht zu vernichten, wurde man Parteimitglied und vollzog andere nominelle Zugehö-rigkeiten.</p>
<p>Niemand wird dafür eine restlose Entschuldigung finden, zumal  angesichts  der  vielen  Deutschen,  die  solche  Anpassung in der Tat nicht vollzogen und die Nachteile auf sich genommen haben.</p>
<p>Man muß sich vergegenwärtigen, wie die Lage etwa 1936</p>
<p>oder  1937  aussah.  Die  Partei  war  der  Staat.  Die  Zustände schienen unabsehbar beständig. Nur ein Krieg konnte das Regime umwerfen. Alle Mächte paktierten mit Hitler. Alle wollten  Frieden.  Der  Deutsche,  der  nicht  völlig  abseits stehen oder seinen Beruf verlieren oder sein Geschäft schä-digen  wollte,  mußte  sich  einfügen,  zumal  die  Jüngeren.</p>
<p>Jetzt  war  die  Zügehörigkeit  zur  Partei  oder  zu  Berufsver-bänden  nicht  mehr  ein  politischer  Akt,  sondern  eher  ein Gnadenakt  des  Staates,  der  den  Betreffenden  zuließ.  Ein</p>
<p>»Abzeichen« war nötig, äußerlich, ohne innere Zustimmung.</p>
<p>Wer damals aufgefordert wurde, beizutreten, konnte schwer nein sagen. Es ist für den Sinn des Mitgehens entscheidend, in  welchem  Zusammenhang  und  aus  welchen  Motiven  je-mand Parteimitglied wurde. Jedes Jahr und jede Situation hat seine eigentümlichen Entschuldigungen und eigentümlichen Belastungen, die nur im je individuellen Fall unterschieden werden können.</p>
<p>§ 4. Die metaphysische Schuld</p>
<p>Moral  ist  immer  auch  bestimmt  durch  innerweltliche Ziele.  Moralisch  kann  ich  verpflichtet  sein  zum  Wagnis meines Lebens, wenn es sich um eine Verwirklichung han-63</p>
<p>delt.  Aber  moralisch  besteht  keine  Forderung,  das  Leben zu opfern bei sicherem Wissen, daß damit nichts erreicht wird. Moralisch besteht die Forderung des Wagnisses, nicht die Forderung der Wahl eines sicheren Unterganges. Moralisch ist in beiden Fällen eher noch das Gegenteil gefordert: nicht das für die Weltzwecke Sinnlose zu tun, sondern sich für Verwirklichungen in der Welt zu bewahren.</p>
<p>Aber es gibt ein Schuldbewußtsein in uns, das eine andere Quelle  hat.  Metaphysische  Schuld  ist  der  Mangel  an  der absoluten Solidarität mit dem Menschen als Menschen. Sie bleibt  noch  ein  unauslöschlicher  Anspruch,  wo  die  moralisch sinnvolle Forderung schon aufgehört hat. Diese Solidarität  ist  verletzt,  wenn  ich  dabei  bin,  wo  Unrecht  und Verbrechen geschehen. Es genügt nicht, daß ich mein Leben mit Vorsicht wage, um es zu verhindern. Wenn es geschieht, und  wenn  ich  dabei  war,  und  wenn  ich  überlebe,  wo  der andere getötet wird, so ist in mir eine Stimme, durch die ich weiß: daß ich noch lebe, ist meine Schuld.</p>
<p>Ich wiederhole aus einer Rede *, die ich im August 1945</p>
<p>hielt:  »Wir  selbst  sind  andere  geworden  seit  1933.  Es  war möglich, in der Würdelosigkeit den Tod zu suchen, – 1933, als nach dem Verfassungsbruch durch eine Scheinlegalität die Diktatur errichtet und, was sich widersetzte, im Rausche eines großen Teiles unserer Bevölkerung hinweggeschwemmt wurde.  Wir  konnten  den  Tod  suchen,  als  die  Verbrechen des Regimes öffentlich in Erscheinung traten am 30. Juni 1934  oder  mit  den  Plünderungen,  Deportationen  und  Er-mordungen unserer jüdischen Freunde und Mitbürger, als zu unserer untilgbaren Schmach und Schande 1938 in ganz Deutschland  die  Synagogen,  Gotteshäuser,  brannten.  Wir konnten  den  Tod  suchen,  als  im  Kriege  das  Regime  von Anfang  an  gegen  den  Satz  unseres  größten  Philosophen, Kant,  handelte,  der  als  Bedingung  des  Völkerrechts  for-derte:  es  dürfen  im  Kriege  keine  Handlungen  geschehen, die eine spätere Versöhnung der Kriegführenden schlechthin unmöglich machen. Tausende haben in Deutschland im Widerstand gegen das Regime den Tod gesucht oder doch gefunden, die meisten anonym. Wir Überlebenden haben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere jüdischen</p>
<p>*  Abgedruckt in der »Wandlung«, Jahrgang I, Heft 1. 1945</p>
<p>64</p>
<p>Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete. Wir haben es  vorgezogen,  am  Leben  zu  bleiben  mit  dem  schwachen, wenn  auch  richtigen  Grund,  unser  Tod  hätte  doch  nichts helfen können. Daß wir leben, ist unsere Schuld. Wir wissen vor Gott, was uns tief demütigt. Mit uns ist durch die zwölf Jahre etwas geschehen, das wie eine Umschmelzung unseres Wesens ist.«</p>
<p>Als im November 1938 die Synagogen brannten und zum erstenmal  Juden  deportiert  wurden,  war  zwar  vor  allem moralische und politische Schuld. Beide Weisen der Schuld lagen bei denen, die noch Macht hatten. Die Generale standen  dabei.  In  jeder  Stadt  konnte  der  Kommandant  ein-greifen,  wenn  Verbrechen  geschahen.  Denn  der  Soldat  ist zum Schutze aller da, wenn Verbrechen in einem Umfang geschehen, daß die Polizei sie nicht verhindern kann oder versagt.  Sie  taten  nichts.  Sie  gaben  die  früher  ruhmvolle sittliche  Überlieferung  der  deutschen  Armee  in  diesem Augenblick preis. Es ging sie nichts an. Sie hatten sich von der Seele des deutschen Volkes gelöst zugunsten einer absolut eigengesetzlichen Militärmaschinerie, die Befehlen gehorcht.</p>
<p>Unter  unserer  Bevölkerung  waren  wohl  viele  empört, viele tief ergriffen von einem Entsetzen, in dem die Ahnung kommenden Unheils lag. Aber noch mehr setzten ohne Störung ihre Tätigkeit fort, ihre Geselligkeit und ihre Vergnü-gungen,  als  ob  nichts  geschehen  sei.  Das  ist  moralische Schuld.</p>
<p>Diejenigen aber, die in völliger Ohnmacht, empört, verzweifelt  es  nicht  hindern  konnten,  taten  wiederum  einen Schritt in ihrer Verwandlung durch das Bewußtwerden der metaphysischen Schuld.</p>
<p>§ 5. Zusammenfassung</p>
<p>a) Folgen der Schuld</p>
<p>Daß wir Deutschen, daß jeder Deutsche, in irgendeiner Weise schuldig ist, daran kann, wenn unsere Ausführungen nicht völlig grundlos waren, kein Zweifel sein. Daher treten auch die Folgen der Schuld ein:</p>
<p>1)  Jeder  Deutsche,  ausnahmslos,  hat  teil  an  der  politischen  Haftung.  Er  muß  mitwirken  an  den  in  Rechtsform 65</p>
<p>zu bringenden Wiedergutmachungen. Er muß mitleiden an den Wirkungen der Handlungen der Sieger, ihrer Willens-entschlüsse, ihrer Uneinigkeit. Wir sind nicht imstande, als Machtfaktor hier einen Einfluß zu haben.</p>
<p>Nur ständige Bemühung um vernünftige Darlegung der Tatsachen, der Chancen und Gefahren kann, soweit nicht jedermann das Gesagte weiß, an den Voraussetzungen der Entschlüsse  mitarbeiten.  Man  darf  sich  in  angemessenen Formen mit Gründen an die Sieger wenden.</p>
<p>2) Nicht jeder Deutsche, sogar nur eine sehr kleine Minderheit von Deutschen, hat Strafe zu leiden für Verbrechen, eine andere Minderheit hat zu büßen für nationalsozialistische Aktivität. Man darf sich verteidigen. Die Gerichte der Sieger oder die von ihnen eingerichteten deutschen Instan-zen urteilen.</p>
<p>3)  Wohl  jeder  Deutsche  –  wenn  auch  auf  sehr  verschiedene Weise – hat Anlaß zur Selbstprüfung aus moralischer Einsicht. Hier aber braucht er keine Instanz anzuerkennen als nur das eigene Gewissen.</p>
<p>4) Und wohl jeder Deutsche, der versteht, verwandelt in den  metaphysischen  Erfahrungen  solchen  Unheils  sein Seinsbewußtsein  und  sein  Selbstbewußtsein.  Wie  das  geschieht,  das  kann  niemand  fordern  und  niemand  vorwegnehmen.  Es  ist  Sache  der  Einsamkeit  des  einzelnen.  Was daraus erwächst, das muß die wesentliche Grundlage dessen schaffen, was in Zukunft deutsche Seele sein wird.</p>
<p>Solche  Unterscheidungen  lassen  sich  sophistisch  benutzen, um sich von der ganzen Schuldfrage zu befreien, etwa so:</p>
<p>Politische  Haftung  –  gut,  aber  sie  schränkt  nur  meine materiellen Mittel ein, ich selbst in meinem Innern werde davon ja gar nicht betroffen.</p>
<p>Kriminelle Schuld – sie trifft ja nur wenige, nicht mich,</p>
<p>– es geht mich nichts an.</p>
<p>Moralische  Schuld  –  ich  höre,  daß  nur  das  eigene  Gewissen Instanz ist, andere dürfen mir keine Vorwürfe machen.  Mein  Gewissen  wird  schon  freundlich  mit  mir  umgehen.  Es  ist  nicht  allzu  schlimm  –  Strich  drunter,  und ein neues Leben.</p>
<p>Metaphysische  Schuld  –  die  hat  vollends  –  wie  ja  gesagt wurde – niemand vom andern zu behaupten. Die soll 66</p>
<p>ich in einer Verwandlung wahrnehmen. Das ist irgendein spleeniger  Gedanke  eines  Philosophen.  So  etwas  gibt  es nicht.  Und  wenn  es  das  gibt,  ich  merke  ja  nichts  davon.</p>
<p>Das darf ich auf sich beruhen lassen.</p>
<p>Unser Zerfasern der Schuldbegriffe kann zum Trick werden; mit dem man sich von Schuld befreit. Unterscheidungen liegen im Vordergrund. Sie können den Ursprung und das Eine verdecken. Mit Unterscheidungen kann man gleichsam wegeskamotieren, was einem nicht paßt.</p>
<p>b) Die Kollektivschuld</p>
<p>Nach der Trennung der Momente der Schuld kehren wir am Ende zurück zur Frage der Kollektivschuld.</p>
<p>Die Trennung, zwar überall richtig und sinnvoll, bringt mit sich die geschilderte Verführung, als ob man sich durch solche  Trennungen  der  Anklage  entzogen,  seine  Last  er-leichtert  hätte.  Es  ist  dabei  verlorengegangen,  was  in  der Kollektivschuld  unüberhörbar  bleibt  trotz  allem.  Die  Ro-heit des Denkens in Kollektiven und der Verurteilung von Kollektiven verhindert nicht unser Zusammengehörigkeits-gefühl.</p>
<p>Zwar  ist  zuletzt  das  wahre  Kollektiv  die  Zusammengehörigkeit aller Menschen vor Gott. Jeder darf sich irgendwo freimachen von der Gebundenheit an Staat, Volk, Gruppe,  um  hindurchzubrechen  in  die  unsichtbare  Solidarität der Menschen als Menschen guten Wil ens und als Menschen in der gemeinsamen Schuld des Menschseins.</p>
<p>Aber geschichtlich bleiben wir gebunden an die näheren und engeren Gemeinschaften und würden ohne sie ins Bo-denlose sinken.</p>
<p> <emphasis>A. Politische Haftung und Kol ektivschuld. </emphasis></p>
<p>Zunächst noch einmal der Tatbestand: Urteil und Gefühl der Menschen wird in der ganzen Welt weitgehend durch Kollektivvorstellungen  geführt.  Diese  Tatsache  kann  man nicht verleugnen. Der Deutsche, wer auch immer der Deutsche sei, ist heute in der Welt als etwas angesehen, mit dem man nicht gern zu tun haben möchte. Deutsche Juden im Ausland sind als Deutsche unerwünscht und gelten wesentlich als Deutsche, nicht als Juden. Infolge dieses Kollektivdenkens  wird  die  politische  Haftung  zugleich  als  Strafe durch moralische Schuld begründet. Dieses Kollektivdenken 67</p>
<p>geschah oft in der Geschichte. Die Barbarei des Krieges hat die  Bevölkerungen  als  Ganzes  genommen,  sie  der  Plünderung, Vergewaltigung, dem Verkauf in die Sklaverei preisgegeben.  Und  dazu  wurde  den  Unglücklichen  auch  noch die moralische Vernichtung im Urteil seitens des Siegers zuteil. Er soll sich nicht nur unterwerfen, sondern bekennen und  Buße  tun.  Wer  Deutscher  ist,  ob  Christ  oder  Jude, ist eines bösen Geistes.</p>
<p>Diesem  Tatbestand  einer  verbreiteten,  wenn  auch  nicht allgemeinen Meinung der Welt gegenüber sind wir immer wieder  aufgefordert,  unsere  einfache  Scheidung  zwischen politischer Haftung und moralischer Schuld nicht nur zur Abwehr  zu  benutzen,  sondern  den  möglichen  Wahrheits-gehalt des Kollektivdenkens nachzuprüfen. Wir geben die Scheidung  nicht  auf,  aber  wir  haben  sie  einzuschränken durch  den  Satz,  daß  das  Verhalten,  welches  zur  Haftung führte, in politischen Gesamtzuständen begründet ist, die gleichsam einen moralischen Charakter haben, weil sie die Moral des einzelnen mitbestimmen. Von diesen Zuständen kann sich der einzelne nicht völlig trennen, weil er, bewußt oder unbewußt, als ihr Glied lebt, das sich der Beeinflussung gar nicht entziehen kann, auch wenn er in der Opposition gestanden hat. Es ist so etwas wie eine moralische Kollektivschuld in der Lebensart einer Bevölkerung, an der ich als einzelner  teilhabe,  und  aus  der  die  politischen  Realitäten erwachsen.</p>
<p>Denn der politische Zustand und die gesamte Lebensart der Menschen sind nicht zu trennen. Es gibt keine absolute Scheidung von Politik und Menschsein, solange der Mensch noch  ein  Dasein  verwirklicht  und  nicht  als  Einsiedler  ab-seitig zugrunde geht.</p>
<p>Durch  die  politischen  Zustände  ist  der  Schweizer,  der Holländer geformt, und sind wir alle in Deutschland durch lange Zeiten erzogen worden, wir nämlich zum Gehorsam, zur dynastischen Gesinnung, zur Gleichgültigkeit und Un-verantwortlichkeit gegenüber der politischen Realität, – und wir haben etwas davon in uns, auch wenn wir in Gegnerschaft zu diesen Haltungen stehen.</p>
<p>Die Lebensart bewirkt politische Ereignisse, die daraus entstehenden politischen Zustände prägen wieder die Lebensart.  Das  läßt  die  radikale  Trennung  von  moralischer  und 68</p>
<p>politischer  Schuld  nicht  zu.  Darum  ist,  in  dem  Maße  als das politische Bewußtsein hell wird, auch im Gewissen eine Belastung. Politische Freiheit schließt etwas Moralisches in sich.</p>
<p>Damit kommt zur tatsächlichen politischen Haftung ein Wissen  und  durch  dieses  ein  anderes  Selbstbewußtsein: Daß die gesamte Bevölkerung tatsächlich die Folgen aller Staatshandlungen  trägt  –  quidquid  delirant  reges  plec-tuntur Achivi – ist ein bloß empirisches Faktum. Daß sie sich  haftbar  weiß,  ist  das  erste  Zeichen  des  Erwachens ihrer politischen Freiheit. Nur soweit dieses Wissen besteht und anerkannt wird, ist Freiheit wirklich da und nicht nur Anspruch nach außen seitens unfreier Menschen.</p>
<p>Die innere politische Unfreiheit fühlt das Gegenteil. Einerseits gehorcht sie, andererseits fühlt sie sich nicht schuldig.</p>
<p>Sichschuldigfühlen  und  daher  haftbar  wissen,  ist  der  Anfang  der  inneren  Umwälzung,  welche  die  politische  Freiheit verwirklichen will.</p>
<p>Der Gegensatz der freien und unfreien Gesinnung zeigt sich beispielsweise in der Auffassung des Staatsführers. Man hat gesagt: Haben die Völker Schuld an den Führern, die sie sich gefallen lassen? Z. B. Frankreich an Napoleon. Man meint: die überwältigende Mehrzahl ging doch mit, wollte die  Macht  und  den  Ruhm,  den  Napoleon  verschaffte.  Napoleon  war  nur  möglich,  weil  die  Franzosen  ihn  wollten.</p>
<p>Seine  Größe  ist  die  Sicherheit,  mit  der  er  begriff,  was  die Volksmassen  erwarteten,  was  sie  hören  wollten,  welchen Schein sie wollten, welche materiellen Realitäten sie wollten.</p>
<p>Sagte  etwa  Lenz  mit  Recht:  »Der  Staat  war  ins  Leben  getreten, der dem Genius Frankreichs entsprach?« Ja, einem Teil,  einer  Situation  –  aber  doch  nicht  dem  Genius  eines Volkes schlechthin! Wer kann den Genius eines Volkes derart  bestimmen?  Auch  ganz  andere  Realitäten  sind  dem-selben Genius erwachsen.</p>
<p>Vielleicht könnte man denken: Wie der Mann haftet für die Wahl der Geliebten, mit der er durch die Ehe gebunden in  Schicksalsgemeinschaft  sein  Leben  durchwandert,  so haftet ein Volk für den, dem es sich gehorsam ergibt. Der Irrtum  ist  eine  Schuld.  Seine  Folgen  müssen  unerbittlich getragen werden.</p>
<p>Aber das gerade wäre verkehrt. Was in der Ehe möglich 69</p>
<p>und  gehörig  ist,  das  ist  im  Staat  grundsätzlich  schon  Verderben: die unbedingte Bindung an einen Menschen. Die Treue  der  Gefolgschaft  ist  ein  unpolitisches  Verhältnis  in engen Kreisen und in primitiven Verhältnissen. Im freien Staat gilt Kontrolle und Wechsel aller Menschen.</p>
<p>Daher  ist  eine  doppelte  Schuld:  erstens  sich  überhaupt politisch einem Führer bedingungslos zu ergeben, und zweitens die Artung des Führers, dem man sich unterwirft. Die Atmosphäre  der  Unterwerfung  ist  gleichsam  eine  kollektive Schuld. –</p>
<p>Alle diese Einschränkungen gegenüber unserer Befreiung von  einer  moralischen  Schuld  zugunsten  einer  nur  politischen  Haftung  heben  nicht  auf,  was  wir  im  Anfang  begründeten und jetzt noch einmal formulieren: Wir  tragen  die  politische  Verantwortung  für  unser  Regime, für die Taten des Regimes, für den Anfang des Krieges in dieser weltgeschichtlichen Lage und für die Artung der Führer, die wir an unsere Spitze geraten ließen. Daher haften wir den Siegern gegenüber mit unserer Arbeit und Leistungsfähigkeit  und  müssen  wiedergutmachen,  wie  es dem Besiegten auferlegt wird.</p>
<p>Dazu kommt unsere moralische Schuld. Obgleich diese immer nur im einzelnen Menschen liegt, so daß ein jeder mit sich selbst zurechtkommen muß, gibt es doch im Kollektiven etwas gleichsam Moralisches, das in der Lebensart und den Gefühlsweisen liegt, denen sich kein einzelner völlig  entziehen  kann.  Diese  sind  auch  politisch  wesentlich.</p>
<p>Hier liegt der Ansatz zum Besserwerden, dessen Ergreifen an uns selber liegt.</p>
<p> <emphasis>B. Das eigene Bewußtsein einer Kol ektivschuld:</emphasis> Wir fühlen etwas wie Mitschuld für das Tun unserer Fa-milienangehörigen. Diese Mitschuld ist nicht objektivierbar.</p>
<p>Jede Weise der Sippenhaftung würden wir verwerfen. Aber wir sind doch geneigt, weil gleichen Blutes, uns mitgetroffen zu fühlen, wenn einer aus unserer Familie Unrecht tut, und darum  auch  geneigt,  je  nach  Lage  und  Art  des  Tuns  und der vom Unrecht Betroffenen, es wiedergutzumachen, auch wenn wir moralisch und juristisch nicht haften.</p>
<p>So  fühlt  der  Deutsche  –  d. h.  der  deutsch  sprechende Mensch – sich mitbetroffen von allem, was aus dem Deut-70</p>
<p>schen erwächst. Nicht die Haftung des Staatsangehörigen, sondern die Mitbetroffenheit als zum deutschen geistigen und seelischen Leben gehörender Mensch, der ich mit den andern gleicher Sprache, gleicher Herkunft, gleichen Schicksals  bin,  wird  hier  Grund  nicht  einer  greifbaren  Schuld, aber eines Analogons von Mitschuld.</p>
<p>Wir  fühlen  uns  weiter  beteiligt  nicht  nur  an  dem,  was gegenwärtig getan wird, als mitschuldig am Tun der Zeit-genossen, sondern auch an dem Zusammenhang der Überlieferung.  Wir  müssen  übernehmen  die  Schuld  der  Väter.</p>
<p>Daß  in  den  geistigen  Bedingungen  des  deutschen  Lebens die Möglichkeit gegeben war für ein solches Regime, dafür tragen  wir  alle  eine  Mitschuld.  Das  bedeutet  zwar  keineswegs, daß wir anerkennen müßten, »die deutsche Gedanken-welt«,  »das  deutsche  Denken  der  Vergangenheit«  schlechthin sei der Ursprung der bösen Taten des Nationalsozialismus.  Aber  es  bedeutet,  daß  in  unserer  Überlieferung  als Volk  etwas  steckt,  mächtig  und  drohend,  das  unser  sittliches Verderben ist.</p>
<p>Wir wissen uns nicht nur als einzelne, sondern als Deutsche. Jeder ist, wenn er eigentlich ist, das deutsche Volk. Wer kennt nicht den Augenblick in seinem Leben, wo er in op-positioneller Verzweiflung an seinem Volk zu sich sagt: ich bin  Deutschland,  oder  im  jubelnden  Einklang  mit  ihm: auch ich bin Deutschland! Das Deutsche hat keine andere Gestalt  als  diese  einzelnen.  Daher  ist  der  Anspruch  der Umschmelzung, der Wiedergeburt, der Abstoßung des Ver-derblichen Aufgabe an das Volk in Gestalt der Aufgabe für jeden einzelnen.</p>
<p>Weil ich mich nicht entbrechen kann, in tiefer Seele kollektiv  zu  fühlen,  ist  mir,  ist  jedem  das  Deutschsein  nicht Bestand, sondern Aufgabe. Das ist etwas ganz anderes als die  Verabsolutierung  des  Volkes.  Ich  bin  zuerst  Mensch, ich bin im besonderen Friese, bin Professor, bin Deutscher, bin mit anderen Kollektiven nahe, bis zur Verschmelzung der Seelen, verbunden, näher oder ferner mit allen mir fühlbar gewordenen Gruppen; ich kann mich in Augenblicken vermöge dieser Nähe fast als Jude fühlen oder als Holländer oder  als  Engländer.  Darin  aber  ist  die  Gegebenheit  des Deutschseins, das heißt wesentlich das Leben in der Mutter-sprache, so nachhaltig, daß ich mich auf eine rational nicht 71</p>
<p>mehr faßliche, ja rational sogar zu widerlegende Weise mitverantwortlich fühle für das, was Deutsche tun und getan haben.</p>
<p>Ich fühle mich näher den Deutschen, die auch so fühlen</p>
<p>– ohne daraus eine Pathetik zu machen – und fühle mich ferner  denen,  deren  Seele  diesen  Zusammenhang  zu  verleugnen  scheint.  Und  diese  Nähe  bedeutet  vor  allem  die gemeinsame,  beschwingende  Aufgabe,  nicht  Deutsch  zu sein, wie man nun einmal ist, sondern Deutsch zu werden, wie man es noch nicht ist, aber sein soll, und wie man es hört  aus  dem  Anruf  unserer  hohen  Ahnen,  nicht  aus  der Geschichte der nationalen Idole.</p>
<p>Weil wir die Kollektivschuld fühlen, fühlen wir die ganze Aufgabe der Wiedererneuerung des Menschseins aus dem Ursprung  –  die  Aufgabe,  die  alle  Menschen  auf  der  Erde haben,  die  aber  dringender,  fühlbarer,  wie  alles  Sein  entscheidend, dort auftritt, wo ein Volk durch eigene Schuld vor dem Nichts steht.</p>
<p>Es  scheint,  daß  ich  als  Philosoph  nun  vollends  ins  Gefühl abgeglitten bin und den Begriff verloren habe. In der Tat hört die Sprache auf, und nur negativ ist zu erinnern, daß alle unsere Unterscheidungen, unbeschadet dessen, daß wir sie für wahr halten und keineswegs rückgängig machen, nicht zum Ruhebett werden dürfen. Wir dürfen nicht mit ihnen die Sache erledigen und uns befreien von dem Druck, unter dem wir unseren Lebensweg weiter gehen, und durch den das Kostbarste zur Reife kommen soll, das ewige Wesen unserer Seele.</p>
<p>72</p>
<p> <emphasis>II. Möglichkeiten der Entschuldigung</emphasis> Wir selbst und die uns wohlwollen haben Gedanken bereit, unsere Schuld zu erleichtern. Es kann sich nicht darum handeln, die Schuld in dem Sinne, den wir unterschei-dend und wieder vereinend entwickelt haben, aufzuheben.</p>
<p>Aber  es  gibt  Gesichtspunkte,  die,  indem  sie  ein  milderes Urteil  nahelegen,  zugleich  die  Art  der  jeweils  gemeinten Schuld schärfer fassen und charakterisieren.</p>
<p>§ 1. Der Terrorismus</p>
<p>Deutschland unter dem Naziregime war ein Zuchthaus.</p>
<p>Die  Schuld,  in  dieses  Zuchthaus  zu  geraten,  ist  politische Schuld.  Sind  die  Türen  des  Zuchthauses  aber  einmal  zugeschlagen,  so  kann  das  Zuchthaus  von  innen  nicht  auf-gebrochen werden. Die Verantwortlichkeit und die Schuld der  Eingesperrten,  die  nun  noch  bleibt  und  entsteht,  ist immer unter der Frage zu erörtern, was dann zu tun überhaupt möglich ist.</p>
<p>Im  Zuchthaus  die  Zuchthausinsassen  insgesamt  verantwortlich zu machen für die Schandtaten der Zuchthausauf-seher ist offenbar ungerecht.</p>
<p>Man sagte, die Millionen, die Millionen Arbeiter und die Millionen  Soldaten  hätten  Widerstand  leisten  sollen.  Sie haben  es  nicht  getan,  sie  haben  für  den  Krieg  gearbeitet und haben gekämpft, also sind sie schuldig.</p>
<p>Dagegen  ist  zu  sagen:  Die  15  Millionen  Fremdarbeiter haben  so  gut  für  den  Krieg  gearbeitet  wie  die  deutschen Arbeiter. Daß auf ihrer Seite mehr Sabotageakte vorgekom-men seien, ist unerwiesen. Nur in den letzten Wochen, als der  Zusammenbruch  schon  im  Gange  war,  scheinen  die Fremdarbeiter größere Aktivität entfaltet zu haben.</p>
<p>Es ist unmöglich, zu größeren Aktionen zu kommen, ohne sich unter Führern zu organisieren. Die Forderung an eine Staatsbevölkerung,  auch  gegen  einen  Terrorstaat  zu  revol-tieren, verlangt das Unmögliche. Solche Revolte kann nur zerstreut, ohne wirklichen Zusammenhang geschehen, bleibt durchweg anonym und in der Folge unbekannt, ist ein stilles Versinken in den Tod. Nur wenige Ausnahmen gibt es, die durch besondere Umstände bekannt wurden, aber auch nur mündlich und in beschränktem Umfang (wie das Hel-73</p>
<p>dentum  der  Geschwister  Scholl,  dieser  deutschen  Studen-ten, und des Professors Huber in München).</p>
<p>Es  ist  verwunderlich,  wie  da  Anklage  erhoben  werden kann. Franz Werfel, der kurz nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands  einen  Aufsatz  erbarmungsloser  Anklage  gegen  das  ganze  deutsche  Volk  schrieb,  sagte:  Nur der  eine  Niemöller  habe  Widerstand  geleistet;  –  und  im selben  Aufsatz  spricht  er  von  den  Hunderttausenden,  die im KZ umgebracht wurden – warum? doch weil sie, wenn auch  meist  nur  durch  Worte,  Widerstand  geleistet  hatten.</p>
<p>Es  sind  die  anonymen  Märtyrer,  die  durch  ihr  wirkungs-loses Verschwinden nur um so deutlicher machen, daß es unmöglich war. Bis 1939 waren doch die KZ’s eine rein inner-deutsche  Sache  und  auch  nachher  wurden  sie  zu  guten Teilen  mit  Deutschen  gefüllt.  Politische  Verhaftungen  im Jahre 1944 übertrafen in jedem Monat die Zahl von 4 000.</p>
<p>Daß  es  bis  zuletzt  KZ’s  gab,  beweist  die  Opposition  im Lande.</p>
<p>In  dem  Anklagen  meinen  wir  zuweilen  den  Ton  eines Pharisäismus zu hören derer, die unter Gefahren entronnen, aber am Ende – gemessen am Leiden und Tod im KZ wie an der Angst in Deutschland, – doch ohne Zwang des Terrors, wenn auch mit dem Leid des Emigranten, im Ausland lebten, – und nun ihre Emigration als solche für Verdienst halten. Solchem Ton gegenüber halten wir uns für berechtigt zur Abwehr ohne Zorn.</p>
<p>Es  gibt  in  der  Tat  Stimmen  gerechter  Menschen,  die gerade den Terrorapparat und seine Folgen durchschauen.</p>
<p>So  Dwight  Macdonald  in  der  Zeitschrift  Politics  vom März  1945:  Der  Gipfel  des  Terrors  und  der  erzwungenen Schuld  unter  dem  Terror  wird  erreicht  mit  der  Alternative:  Töten  oder  getötet  werden.  Manche  der  Komman-danten, die zum Erschießen und Ermorden bestimmt waren,  sagt  er,  weigerten  sich,  an  den  Grausamkeiten  teilzu-nehmen, und wurden erschossen.</p>
<p>So Hannah Arendt: Der Terror brachte das erstaunliche Phänomen hervor, daß an den Verbrechen der Führer das deutsche Volk beteiligt wurde. Aus Unterworfenen wurden Komplizen. Allerdings nur in beschränktem Umfang, aber doch so, daß Menschen, von denen man es niemals für möglich  gehalten  hätte,  Familienväter,  fleißige  Bürger,  die 74</p>
<p>pflichtgemäß  jeden  Beruf  ausüben,  so  auch  pflichtgemäß mordeten und auf Befehl die andern Untaten in den KZ’s vollzogen *.</p>
<p>§ 2. Schuld und historischer Zusammenhang Wir unterscheiden Ursache und Schuld. Die Darlegung, warum etwas so gekommen ist und wie es gar notwendig so kommen mußte, gilt unwillkürlich als Entschuldigung. Die Ursache  ist  blind  und  notwendig,  die  Schuld  ist  sehend und frei.</p>
<p>So  pflegen  wir  es  auch  mit  dem  politischen  Geschehen zu machen. Der historische Kausalzusammenhang scheint das  Volk  von  der  Verantwortung  zu  entlasten.  Daher  die Befriedigung, wenn im Unheil die Unausweichlichkeit aus wirksamen Ursachen begreifbar scheint.</p>
<p>Es ist die Neigung vieler Menschen, die Verantwortung zu übernehmen und zu betonen, wenn es sich um ihr gegenwärtiges  Tun  handelt,  dessen  Willkür  sie  von  Einschränkungen, Bedingungen und Forderungen entlasten möchten,</p>
<p>– aber andererseits die Neigung, bei Mißlingen die Verantwortung  abzulehnen  zugunsten  vermeintlich  unausweichlicher  Notwendigkeiten.  Von  Verantwortung  war  nur  ge-redet, was Verantwortung sei, aber nicht erfahren worden.</p>
<p>Entsprechend  hörte  man  all  die  Jahre:  Wenn  Deutschland  den  Krieg  gewinnt,  so  hat  die  Partei  ihn  gewonnen und  hat  das  Verdienst,  –  verliert  Deutschland  den  Krieg, so verliert ihn das deutsche Volk und hat die Schuld.</p>
<p>Nun  liegt  es  aber  bei  historischen  Kausalzusammen-hängen  so,  daß  die  Trennung  von  Ursache  und  Verantwortung  überall  da  nicht  durchführbar  ist,  wo  menschliches  Handeln  selber  ein  Faktor  ist.  Sofern  Entschlüsse und  Taten  mitwirken  am  Geschehen,  ist,  was  Ursache  ist, zugleich Schuld oder Verdienst.</p>
<p>Was  nicht  an  Wille  und  Entschluß  liegt,  das  ist  doch immer zugleich Aufgabe für den Menschen. Wie das Naturgegebene sich auswirkt, das liegt noch zugleich auch daran, wie  der  Mensch  es  auffaßt,  damit  umgeht,  was  er  daraus</p>
<empty-line/>
<p>*  Hannah  Arendt  hat  dies  mit  sachlicher  Nüchternheit  ergreifend dargestellt  in  ihrem  Aufsatz  »Organisierte  Schuld«  (Wandlung,  erster Jahrgang,  Heft  4,  April  1946,  –  zuerst  englisch  erschienen  in  Jewish Frontier, Januar 1945).</p>
<p>75</p>
<p>macht. Daher ist die historische Erkenntnis in keinem Falle von der Art, daß sie den Ablauf als schlechthin notwendig begreifen kann. Diese Erkenntnis, wie sie niemals eine sichere Voraussage machen kann (wie es etwa in der Astro-nomie möglich ist), kann auch in der rückläufigen Betrachtung keine Unausweichlichkeit des Gesamtgeschehens und des einzelnen Handelns nachträglich erkennen. Sie sieht in beiden Fällen den Raum der Möglichkeiten und diesen in bezug auf die Vergangenheit nur reicher und konkreter.</p>
<p>Diese Erkenntnis – die historisch-soziologische Einsicht und  das  historische  Bild,  das  entworfen  wird  –  ist  selber wieder ein Faktor des Geschehens und insofern Sache der Verantwortung.</p>
<p>Unter den gegebenen Bedingungen, die als solche noch außerhalb  der  Freiheit,  daher  außerhalb  von  Schuld  und Verantwortung  liegen,  nennt  man  vor  allem  die  geographischen Bedingungen und die weltgeschichtliche Lage.</p>
<p>1)  <emphasis>Die geographischen Bedingungen</emphasis></p>
<p>Deutschland hat nach allen Seiten offene Grenzen. Wenn es als Staat sich halten will, muß es militärisch jeden Augenblick stark sein. Zeiten der Schwäche machten es zur Beute der Staaten von Westen, Osten und Norden, schließlich sogar  von  Süden  (Türken).  Deutschland  kannte  seiner  geographischen Lage willen niemals die Ruhe unbedrohten Daseins, wie England und noch mehr Amerika. England konnte sich für seine großartige innenpolitische Entwicklung Jahr-zehnte außenpolitischer Ohnmacht und militärischer Schwäche leisten. Es wurde darum noch keineswegs erobert. 1066</p>
<p>war  die  letzte  Invasion.  Ein  Land  wie  Deutschland,  das nicht zusammengehalten ist durch klare Grenzen, war gezwungen,  militärische  Staaten  hervorzubringen,  um  überhaupt als Volkstum bestehen zu bleiben. Das leistete lange Zeit Österreich, dann Preußen.</p>
<p>Die  Besonderheit  des  jeweiligen  Staates  und  seine  militärische Art prägte sich dem übrigen Deutschland als etwas stets auch als fremd Gefühltes auf. Man mußte es sich mit Mühe verschleiern, daß innerhalb Deutschlands im Grunde immer eine Herrschaft des, obzwar auch Deutschen, doch Fremden über das übrige war, oder daß die Ohnmacht des Zerstreuten es dem Ausland preisgab.</p>
<p>76</p>
<p>  Daher gab es kein dauernd gültiges Zentrum, sondern nur vorübergehende  Mittelpunkte.  Die  wechselnden  Schwer-punkte Deutschlands hatten zur Folge, daß jeder nur von einem Teile Deutschlands als der seinige gefühlt und anerkannt werden konnte.</p>
<p>So  gab  es  in  der  Tat  auch  keine  geistige  Mitte,  in  der sich alle Deutschen trafen. Auch unsere klassische Literatur und Philosophie war noch nicht Besitz des deutschen Volkes,  sondern  nur  einer  kleinen  Bildungsschicht,  die  aber über alle deutschen Staatsgrenzen hinaus soweit reichte wie deutsch gesprochen wurde. Und hier besteht nicht einmal Einmütigkeit in der Anerkennung des Großen.</p>
<p>Man könnte sagen, daß die geographische Lage sowohl den  Militarismus  mit  den  Folgen  des  allgemeinen  Unter-tanengeistes, der Servilität, des Mangels an Freiheitsbewußt-sein  und  demokratischem  Geist  erzwang,  als  auch  jedes Staatsgebilde zu einer notwendig vorübergehenden Erscheinung  machte.  Nur  solange  günstige  Umstände  und  unge-wöhnlich  besonnene,  überlegene  Staatsmänner  da  waren, konnte ein Staat eine Weile bestehen. Ein einziger verant-wortungsloser  Führer  konnte  den  Staat  und  Deutschland für immer zur politischen Vernichtung bringen.</p>
<p>So richtig ein Grundzug aller dieser Überlegungen ist, so wesentlich aber ist es für uns, hier nicht etwa eine absolute Notwendigkeit zu sehen. Welche Militärform sich bildet, ob weise  Führer  auftreten  oder  nicht,  das  entspringt  keineswegs der geographischen Lage.</p>
<p>In ähnlicher geographischer Lage hat etwa die politische Energie, Solidarität und Besonnenheit der Römer ganz andere  Ergebnisse,  nämlich  die  Vereinigung  Italiens  und schließlich  ein  Weltreich  hervorgebracht,  allerdings  auch am  Ende  mit  Vernichtung  der  Freiheit.  Das  Studium  des republikanischen Roms ist von höchstem Interesse (weil es zeigt, wie militärische Entwicklung und Imperialismus ein demokratisches  Volk  zum  Verlust  der  Freiheit  und  zur Diktatur führen).</p>
<p>Wenn die geographischen Bedingungen noch einen Spiel-raum von Freiheit lassen, ist es also, so pflegt man zu sagen, der  naturgegebene  Volkscharakter,  der  entscheidet  und außerhalb  von  Schuld  und  Verantwortung  liegt.  Das  nun ist  ein  asylum  ignorantiae  und  ein  Mittel,  falsche  Wer-77</p>
<p>tungen, sei es Steigerungen, sei es Herabsetzungen zu vollziehen.</p>
<p>Daß  in  der  naturgegebenen  Grundlage  unseres  vitalen Daseins  etwas  liegt,  das  bis  in  die  Spitze  der  Geistigkeit irgendwelche Auswirkungen hat, ist wahrscheinlich. Aber wir dürfen sagen, daß wir so gut wie gar nichts davon wissen. Die Intuition des unmittelbaren Eindrucks, ebenso evi-dent wie täuschend, im Augenblick bezwingend wie auf die Dauer unverläßlich, ist durch irgendeine Rassenkunde nicht auf ein höheres Niveau wirklichen Wissens gebracht worden.</p>
<p>Der  Volkscharakter  wird  in  der  Tat  immer  geschildert mit  jeweils  herausgegriffenen  geschichtlichen  Erscheinungen. Diese jedoch sind immer schon Ergebnis der Ereignisse und der durch sie geprägten Zustände. Sie sind jeweils eine Gruppe  von  Erscheinungen,  die  nur  als  ein  Typus  unter anderen vorkommt. Je nach Lage können ganz andere sonst verborgene  Möglichkeiten  des  Charakters  ans  Licht  kommen.  Ein  endgültiger  naturgegebener  Charakter  nebst  Be-gabungen  besteht  wahrscheinlich,  aber  wir  kennen  ihn schlechthin nicht.</p>
<p>Wir  dürfen  unsere  Verantwortung  nicht  dahin  abschie-ben, sondern müssen als Menschen uns frei wissen zu allen Möglichkeiten.</p>
<p>2)  <emphasis>Die weltgeschichtliche Lage</emphasis></p>
<p>Wie Deutschland in der Welt steht, was in der Welt geschieht, wie die anderen sich zu Deutschland verhalten, das ist für Deutschland um so wesentlicher als seine ungeschützte geographische Lage in der Mitte es den Auswirkungen von der Welt her mehr aussetzt als andere Länder. Daher das Rankewort  vom  Primat  der  Außenpolitik  vor  der  Innen-politik für Deutschland, nicht historisch überhaupt gilt.</p>
<p>Ich  stelle  die  politischen  Zusammenhänge  des  letzten halben Jahrhunderts und besonders der Ereignisse und Ver-haltensweisen seit 1918, seit dem ersten Sieg der Alliierten über  Deutschland,  nicht  dar.  Sie  sind  gewiß  nicht  gleichgültig für das, was in Deutschland möglich wurde. Ich werfe den  Blick  nur  auf  ein  inneres,  geistiges  Weltphänomen.</p>
<p>Vielleicht  –  aber  wer  dürfte  es  wagen,  hier  wirkliche  Er-kenntnisse zu behaupten – darf man sagen: In Deutschland kam zum Ausbruch, was in der gesamten 78</p>
<p>abendländischen Welt als Krise des Geistes, des Glaubens im Gange war.</p>
<p>Das mindert die Schuld nicht. Denn hier in Deutschland und nicht anderswo kam es zum Ausbruch. Aber es befreit aus der absoluten Isolierung. Es wird lehrreich für die andern. Es geht jeden an.</p>
<p>Diese kritische weltgeschichtliche Lage ist nicht einfach zu bestimmen. Das Absinken der Wirksamkeit christlichen und biblischen Glaubens überhaupt; die Glaubenslosigkeit, die nach Ersatz greift; die durch Technik und Arbeitsweise hervorgerufene  gesellschaftliche  Wandlung,  die  aus  der Natur der Sache unaufhaltsam zu sozialistischen Ordnun-gen führt, in denen die Masse der Bevölkerung, jedermann zu  seinem  Recht  als  Mensch  kommt.  Diese  Wandlungen sind im Gange, der Zustand ist überall mehr oder weniger so, daß man sagt: es muß anders werden. In solcher Lage neigen die am schwersten getroffenen, ihrer Unbefriedigung bewußtesten  Menschen  zu  voreiligen,  überhasteten,  täuschenden, schwindelhaften Lösungen.</p>
<p>In einem Prozeß, der die Welt ergriffen hat, hat Deutschland  eine  solche  schwindelhafte  Extratour  in  seinen  Abgrund getanzt.</p>
<p>§ 3. Die Schuld der anderen</p>
<p>Wer  noch  nicht  aus  eigenem  Antrieb  sich  selbst  durch-leuchtend seine Schuld begriffen hat, der wird die Neigung haben,  den  Ankläger  anzuklagen,  etwa  mit  der  Frage,  ob er nicht von derselben Art sei, wie die Menschen, denen er Vorwürfe macht, oder ob er nicht eine Mitschuld trage an dem, was getan worden ist, durch Handlungen, die solche Möglichkeiten fördern mußten.</p>
<p>Die Neigung zum Zurückschlagen ist in diesem Augenblick  bei  uns  Deutschen  ein  Zeichen  dafür,  daß  wir  uns selbst  noch  nicht  verstanden  haben.  Denn  in  der  Katastrophe ist das erste Interesse eines jeden von uns die Klarheit  über  sich  selbst.  Die  Grundlegung  unseres  neuen  Lebens aus dem Ursprung unseres Wesens kann nur erreicht werden in restloser Selbstdurchleuchtung.</p>
<p>Aber das heißt nicht, daß wir nicht sehen dürften, was Tatsache  ist  und  was  wahr  ist,  wenn  wir  auf  die  anderen Staaten  blicken,  denen  Deutschland  am  Ende  die  Befrei-79</p>
<p>ung  vom  Hitlerjoch  verdankt  und  deren  Entscheidungen unser weiteres Leben überantwortet ist.</p>
<p>Wir müssen und dürfen uns klarmachen, was durch das Verhalten der anderen unsere Lage innerlich und äußerlich erschwert hat. Denn was sie getan haben und tun werden, kommt aus der Welt, in der wir, in völliger Abhängigkeit von ihr, unseren Weg finden sollen. Wir müssen Illusionen vermeiden und die rechte Einschätzung im ganzen gewinnen. Wir dürfen weder in blinde Ablehnung noch in blinde Erwartung verfallen.</p>
<p>Wenn wir von einer Schuld der anderen sprechen, so kann das Wort irreführen. Wenn sie die Ereignisse durch ihr Verhalten ermöglicht haben, so ist das eine politische Schuld.</p>
<p>Deren Erörterung darf keinen Augenblick vergessen lassen, daß  sie  auf  einer  anderen  Ebene  liegt  als  die  Verbrechen Hitlers.</p>
<p>Zwei  Punkte  scheinen  uns  wesentlich:  Die  politischen Handlungen  der  Siegermächte  seit  1918,  und  das  Dabeistehen dieser Mächte, als Hitlerdeutschland sich aufbaute: 1. England, Frankreich, Amerika waren die Siegermächte von  1918.  In  ihren  Händen,  nicht  in  denen  der  Besiegten, lag  der  Gang  der  Weltgeschichte.  Der  Sieger  übernimmt eine  Verantwortung,  die  nur  er  hat,  oder  er  entzieht  sich ihr.  Und  wenn  er  es  tut,  ist  seine  geschichtliche  Schuld offenbar.</p>
<p>Es kann nicht gelten, daß der Sieger sich einfach zurück-zieht auf seinen engeren Bereich und Ruhe haben will, und nur  zusieht,  was  in  der  Welt  sonst  geschieht.  Er  hat  die Macht,  es  zu  verhindern,  wenn  ein  Ereignis  unheilvolle Folgen  ankündigt.  Die  Nichtbenutzung  dieser  Macht  ist eine  politische  Schuld  dessen,  der  sie  besitzt.  Beschränkt er sich auf papierene Beschuldigungen, so hat er sich seiner Aufgabe  entzogen.  Dieses  Nichthandeln  nun  ist  ein  möglicher Vorwurf gegen die Siegermächte, der uns allerdings von keiner Schuld befreit.</p>
<p>Man  kann  dies  weiter  erörtern  unter  Hinweis  auf  den Friedensvertrag von Versailles und seine Folgen, dann auf das Hineingleitenlassen Deutschlands in den Zustand, der den Nationalsozialismus hervortrieb. Man kann weiter die Duldung des Einmarsches der Japaner in die Mandschurei, dieses ersten Gewaltaktes, der, wenn er gelang, Schule ma-80</p>
<p>chen  mußte,  man  kann  die  Duldung  des  Abessinienfeld-zuges 1935, dieses Gewaltaktes Mussolinis, vorhalten. Man kann die Politik Englands beklagen, das am Genfer Völker-bund durch Beschlüsse Mussolini mattsetzte, aber diese Beschlüsse papierene bleiben ließ, ohne Wille und Kraft, jetzt Mussolini wirklich zu vernichten, – aber auch ohne die klare Radikalität, sich ihm umgekehrt zu verbinden und mit ihm, sein Regime langsam verwandelnd, gegen Hitler zu stehen, um  den  Frieden  zu  sichern.  Denn  damals  war  Mussolini bereit, mit den Westmächten gegen Deutschland zu halten, wie  er  noch  1934  mobilisierte  und  die  später  vergessene Drohrede  gegen  Hitler  hielt,  als  dieser  in  Österreich  ein-marschieren wollte. Diese halbe Politik bewirkte das Bünd-nis Hitler-Mussolini.</p>
<p>Aber dazu ist zu sagen: Niemand weiß, was bei anderen Entschlüssen die weiteren Folgen gewesen wären. Und vor allem: Die Engländer machen eine auch moralische Politik (was von nationalsozialistischem Denken sogar als Schwäche Englands einkalkuliert wurde). Die Engländer können daher nicht hemmungslos jeden politisch wirkungsvollen Entschluß fassen. Sie wollen den Frieden. Sie wollen jede Chance, ihn zu erhalten, noch nutzen, bevor sie zum Äußersten schreiten. Erst bei offenbarer Ausweglosigkeit sind sie zum Krieg bereit.</p>
<p>2. Es gibt nicht nur staatsbürgerliche, sondern auch europäische  und  menschheitliche  Solidarität.  Die  Verantwortung  des  untätigen  Dabeistehens  besteht  in  Abstufungen von Staatsbürgern untereinander bis zur Menschheit.</p>
<p>Ob berechtigt oder unberechtigt, wir haben, als die Tür des Zuchthauses Deutschland zugeschlagen war, auf europäische Solidarität gehofft.</p>
<p>Noch ahnten wir nicht die letzten grauenhaften Folgen und Verbrechen. Aber wir sahen den radikalen Verlust der Freiheit.  Wir  wußten,  daß  damit  der  Willkür  der  Macht-haber  Raum  gegeben  sei.  Wir  sahen  das  Unrecht,  sahen Ausgestoßene, wenn es auch noch harmlos war gegen das, was  spätere  Jahre  brachten.  Wir  wußten  von  Konzentrationslagern  noch  ohne  Kenntnis  der  dort  geschehenden Grausamkeiten.</p>
<p>Gewiß war es unser aller Mitschuld in Deutschland, daß wir in diesen politischen Zustand hineingeraten waren, daß 81</p>
<p>wir unsere Freiheit verloren hatten und unter der Despotie kulturloser, roher Menschen leben mußten. Aber wir durften zugleich zur Entlastung uns sagen, daß wir einer Kom-bination  von  verschleierten  Rechtsbrüchen  und  Gewalt-akten zum Opfer gefallen waren. Wie im Staat der durch Verbrechen Verletzte vermöge der Staatsordnung sein Recht erhält, so hofften wir, daß eine europäische Ordnung solche Staatsverbrechen nicht zulassen würde.</p>
<p>Mir ist unvergeßlich ein Gespräch in meiner Wohnung mit  einem  später  emigrierten,  jetzt  in  Amerika  lebenden Freunde im Mai 1933, in dem wir sehnsüchtig die Möglichkeit baldigen Einmarsches der Westmächte erwogen: wenn sie noch ein Jahr warten, hat Hitler gewonnen, ist Deutschland verloren, ist vielleicht Europa verloren.</p>
<p>In solcher Verfassung, als in der Wurzel Getroffene und darum in manchem Hellsichtige, für anderes blind, erlebten wir folgende Ereignisse mit immer neuen Schrecken: Im Frühsommer 1933 schloß der Vatikan ein Konkordat mit  Hitler.  Papen  führte  die  Verhandlungen.  Es  war  die erste  große  Bestätigung  des  Hitlerregimes,  ein  gewaltiger Prestigegewinn  für  Hitler.  Es  schien  zunächst  unmöglich.</p>
<p>Aber es war Tatsache. Uns befiel ein Grauen.</p>
<p>Alle Staaten erkannten das Hitler-Regime an. Man hörte Stimmen der Bewunderung.</p>
<p>1936 wurde in Berlin die Olympiade gefeiert. Die ganze Welt  strömte  dahin.  Ingrimmig  konnten  wir  jeden  Aus-länder, der dort erschien, nur mit dem Schmerze sehen, daß er uns im Stiche läßt, – aber sie wußten es so wenig, wie viele Deutsche.</p>
<p>1936  wurde  das  Rheinland  von  Hitler  besetzt.  Frankreich duldete es.</p>
<p>1938  stand  ein  offener  Brief  Churchills  an  Hitler  in  der Times, in dem Sätze vorkamen wie dieser: Sollte England in  ein  nationales  Unglück  kommen,  das  dem  Unglück Deutschlands  1918  vergleichbar  wäre,  so  werde  ich  Gott bitten, uns einen Mann zu senden von Ihrer Kraft des Willens und des Geistes (ich erinnere selbst, aber zitiere nach Röpke).</p>
<p>1935  schloß  England  durch  Ribbentrop  den  Flottenpakt mit  Hitler.  Das  bedeutete  uns:  England  gibt  das  deutsche Volk  preis,  wenn  es  nur  Frieden  mit  Hitler  halten  kann.</p>
<p>82</p>
<p>Wir sind ihnen gleichgültig. Sie haben noch nicht eine europäische Verantwortung übernommen. Sie stehen nicht nur dabei, wo hier das Böse wächst, sondern sie vertragen sich mit ihm. Sie lassen die Deutschen in einem terroristischen Militärstaat  versinken.  Zwar  wird  in  ihren  Zeitungen  ge-scholten, aber sie tun nichts. Wir in Deutschland sind ohnmächtig. Sie könnten noch, jetzt noch vielleicht ohne über-mäßige Opfer, die Freiheit bei uns wiederherstellen. Sie tun es  nicht.  Es  wird  auch  für  sie  Folgen  haben  und  viel  größere Opfer kosten.</p>
<p>1939 schloß Rußland den Pakt mit Hitler. Dadurch wurde im letzten Augenblick der Krieg für Hitler erst möglich, –</p>
<p>und als der Krieg begonnen wurde, da standen alle die neu-tralen  Staaten  abseits.  Keineswegs  stand  die  Welt  zusammen,  um  durch  eine  einzige  gemeinsame  Anstrengung schnell die Teufelei auszulöschen.</p>
<p>Die  Gesamtsituation  der  Jahre  33  bis  39  charakterisiert Röpke  in  seinem  in  der  Schweiz  erschienenen  Buch  über Deutschland:</p>
<p>»Die  heutige  Weltkatastrophe  ist  der  gigantische  Preis, den die Welt dafür zahlen muß, daß sie sich taub gestellt hat  gegenüber  allen  Alarmsignalen,  die  von  1930  bis  1939</p>
<p>in immer schrilleren Tönen die Hölle ankündigten, die die satanischen  Kräfte  des  Nationalsozialismus  loslassen  sollten,  zuerst  gegen  Deutschland  selbst  und  dann  gegen  die übrige Welt. Die Schrecken dieses Krieges entsprechen genau  den  anderen,  die  die  Welt  in  Deutschland  hingehen ließ, während sie sogar normale Beziehungen mit den Nationalsozialisten  aufrechterhielt  und  mit  ihnen  internationale Feste und Kongresse organisierte.«</p>
<p>»Heute sollte sich jeder darüber klar sein, daß die Deutschen die ersten Opfer der Barbareninvasion gewesen sind, die sich von unten herauf über sie ergoß, daß sie die ersten waren, die mit Terror und Massenhypnose überwältigt wurden  und  daß  alles,  was  dann  später  die  besetzten  Länder zu  erdulden  hatten,  zuerst  den  Deutschen  selbst  zugefügt worden  ist,  eingeschlossen  das  allerschlimmste  Schicksal: zu Werkzeugen weiterer Eroberung und Unterdrückung ge-preßt oder verführt zu werden.«</p>
<p>Wenn man uns vorwirft, daß wir – unter dem Terror –</p>
<p>untätig dabeistanden, als die Verbrechen begangen wurden, 83</p>
<p>und  als  das  Regime  sich  befestigte,  so  ist  das  wahr.  Wir dürfen uns vergegenwärtigen, daß die anderen – ohne unter Terror  zu  stehen  –  ebenfalls  untätig  geschehen  ließen,  ja unabsichtlich förderten, was sie, weil es in einem anderen Staate  geschah,  nicht  als  eine  sie  betreffende  Sache  an-sahen.</p>
<p>Sollen wir anerkennen, daß wir allein schuldig sind?</p>
<p>Ja,  sofern  es  sich  handelt  darum,  wer  den  Krieg  angefangen hat, –</p>
<p>wer zuerst die terroristische Organisation aller Kräfte auf den einen Zweck des Krieges hin durchgeführt hat, –</p>
<p>wer als Volk in seinem Staat das eigene Wesen verraten und preisgegeben hat, –</p>
<p>mehr noch: wer eigentümliche, alle anderen übertreffende Greuel getan hat. Dwight Macdonald sagt, daß viele Kriegs-greuel auf allen Seiten stattfanden, aber einiges den Deutschen eigentümlich sei: ein paranoischer Haß ohne politischen Sinn, – eine mit allen modernen technischen Mitteln rational  vollzogene  Grausamkeit  der  Qualen,  hinaus  über alle mittelalterlichen Folterwerkzeuge. – Jedoch waren das einige Deutsche, eine kleine Gruppe (mit einer unbestimmten  Grenze  derer,  die  auf  Befehl  imstande  waren  mitzu-wirken). Der deutsche Antisemitismus war in keinem Augenblick eine Volksaktion. Bei den deutschen Pogromen fehlte die Mitwirkung der Bevölkerung, es fanden keine spontanen Grausamkeitsakte  gegen  Juden  statt.  Die  Volksmenge schwieg und zog sich zurück, soweit sie nicht ihren Unwillen zu schwachem Ausdruck brachte.</p>
<p>Sollen wir anerkennen, daß wir allein schuldig sind?</p>
<p>Nein, sofern wir als Ganzes, als Volk, als dauernde Artung zu dem bösen Volk schlechthin gemacht werden, – zu dem schuldigen Volk an sich. Gegen diese Weltmeinung können wir hinweisen auf Tatsachen.</p>
<p>Solche Erörterungen sind aber für unsere innere Haltung nur dann nicht gefährlich, wenn wir nie vergessen, was noch einmal wiederholt sei:</p>
<p>1.  Alle  Schuld,  die  man  den  anderen  geben  kann,  und die sie sich selbst geben, war nicht die Schuld der Verbrechen, die Hitlerdeutschland begangen hat. Es war bei ihnen damals ein Gehenlassen und eine Halbheit, ein politisches Irren.</p>
<p>84</p>
<p>  Daß  in  der  Folge  des  Krieges  die  Gegner  auch  Gefangenenlager als Konzentrationslager hatten und Kriegshand-lungen  vollzogen,  die  zuerst  Deutschland  vollzog,  das  ist sekundär.  Von  den  Ereignissen  seit  dem  Waffenstillstand ist  hier  nicht  die  Rede,  nicht  von  dem,  was  Deutschland erlitten hat und nach der Kapitulation weiter erleidet.</p>
<p>2.  Unsere  Schulderörterungen  dienen  der  Aufgabe,  den Sinn unserer eigenen Schuld zu durchdringen, auch dann, wenn wir von einer Schuld der anderen reden.</p>
<p>3.  Das  Wort:  die  anderen  sind  nicht  besser  als  wir,  gilt wohl. Aber es wird falsch angewandt in diesem Augenblick.</p>
<p>Denn  jetzt,  in  diesen  vergangenen  12  Jahren,  waren  alles in allem genommen die anderen in der Tat besser als wir.</p>
<p>Die allgemeine Wahrheit darf nicht dazu dienen, die besondere  gegenwärtige  Wahrheit  der  eigenen  Schuld  zu  nivellieren.</p>
<p>§ 4. Aller Schuld</p>
<p>Sagt  man  gegenüber  den  Unstimmigkeiten  des  politischen Verhaltens der Mächte, daß es sich hier überall um die Unausweichlichkeiten der Politik handelt, so ist die Antwort: das ist die allen Menschen gemeinsame Schuld.</p>
<p>Die Vergegenwärtigung der Handlungen der anderen ist für uns nicht von der Bedeutung, unsere Schuld zu erleichtern, wohl aber berechtigt aus der Sorge, die wir als Menschen mit allen anderen für die Menschheit haben, die heute als Ganzes nicht nur zum Bewußtsein gekommen ist, sondern infolge der Ergebnisse des technischen Zeitalters auf ihre Ordnung hinwirkt oder diese verfehlt.</p>
<p>Die Grundtatsache, daß wir alle Menschen sind, berechtigt uns zu dieser Sorge um das Menschsein im ganzen. Wir sind beseelt von dem leidenschaftlichen Drange, verbunden zu bleiben oder Verbindung wieder zu gewinnen mit den Menschen als Menschen.</p>
<p>Welche Erleichterung würde es bedeuten, wenn die Sieger nicht  Menschen  wie  wir,  sondern  selbstlose  Weltregenten wären.  Dann  würden  sie  in  weiser  Voraussicht  den  glücklichen  Wiederaufbau  einschließlich  einer  wirkungsvollen Wiedergutmachung lenken. Dann würden sie uns durch Tat und  Vorbild  das  Ideal  demokratischer  Zustände  vorleben und  es  uns  täglich  als  überzeugende  Wirklichkeit  fühlen lassen.  Dann  würden  sie  unter  sich  einig  sein  in  vernünf-85</p>
<p>tiger,  offener,  von  Hintergedanken  freier  Aussprache  und würden  schnell  alle  auftauchenden  Fragen  sinnvoll  zur Entscheidung bringen. Dann würde keine Täuschung möglich sein und keine Scheinhaftigkeit, kein Verschweigen und kein Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Reden.  Dann  würde  eine  treffliche  Erziehung  unserem  Volk zuteil werden, würden wir zu lebendigster Entwicklung unseres Denkens in der gesamten Bevölkerung kommen und uns die gehaltvollste Überlieferung zu eigen machen. Dann würden  wir  streng,  aber  auch  gerecht  und  auch  gütig,  ja liebevoll  behandelt  werden,  sofern  nur  das  leiseste  Ent-gegenkommen seitens der Unglücklichen und Irregeleiteten stattfindet.</p>
<p>Aber die anderen sind Menschen wie wir. Und in ihrer Hand liegt die Zukunft der Menschheit. Wir sind als Menschen mit unserem ganzen Dasein und den Möglichkeiten unseres Wesens gebunden an das, was sie tun, und an die Folgen ihres Handelns. Darum ist es für uns wie eine eigene Sache, zu erspüren, was sie wollen, denken und tun.</p>
<p>Wir fragen uns aus dieser Sorge heraus: Sind die anderen Völker  vielleicht  glücklicher  auch  durch  günstigere  politische  Schicksale?  Machen  sie  vielleicht  dieselben  Fehler wie wir, aber ohne daß bisher die verhängnisvollen Folgen eingetreten sind, die uns in den Abgrund brachten?</p>
<p>Sie  würden  es  ablehnen,  von  uns,  den  Verderbten  und Unglückseligen,  Warnungen  zu  erhalten.  Sie  würden  vielleicht nicht verstehen und es gar anmaßend finden, wenn Deutsche sich Sorgen um den Gang der Geschichte machen, der bei ihnen und nicht bei den Deutschen liegt. Aber es ist so: wie ein Alp liegt auf uns die Vorstellung: Kommt in Amerika einst eine Diktatur im Stile Hitlers, so ist ein Ende, das  für  unabsehbare  Zeiten  hoffnungslos  wäre.  Wir  in Deutschland konnten befreit werden von außen. Wenn einmal  die  Diktatur  da  ist,  so  ist  eine  Befreiung  von  innen heraus unmöglich. Wird die angelsächsische Welt wie früher wir  von  innen  heraus  diktatorisch  erobert,  dann  gibt  es kein  außen  mehr,  dann  gibt  es  keine  Befreiung.  Die  Freiheit,  die  von  Menschen  im  Abendlande  errungen  wurde, und  deren  Erringen  Sache  von  Jahrhunderten,  ja  Jahrtausenden war, wäre vorbei. Es wäre wieder die Primitivität des  Despotismus  da,  aber  mit  technischen  Mitteln.  Wohl 86</p>
<p>kann der Mensch nicht endgültig unfrei werden. Aber dieser Trost  wird  dann  einer  auf  sehr  lange  Sicht.  Mit  Plato:  im Gang der unendlichen Zeit wird hier oder dort einmal wirklich oder wieder wirklich, was möglich ist. Wir sehen mit Schrecken die Gefühle der moralischen Überlegenheit: wer sich  der  Gefahr  gegenüber  absolut  sicher  fühlt,  ist  schon auf  dem  Wege,  ihr  zu  verfallen.  Deutschlands  Schicksal wäre eine Erfahrung für alle. Möchte diese Erfahrung verstanden werden! Wir sind keine schlechtere Rasse. Überall haben Menschen die ähnlichen Eigenschaften. Überall gibt es die gewaltsamen, verbrecherischen, vital tüchtigen Mino-ritäten, die bei Gelegenheit das Regime ergreifen und brutal verfahren.</p>
<p>Uns  kann  wohl  Sorge  befallen  wegen  der  Selbstsicher-heit der Sieger. Denn von nun an liegt alle entscheidende Verantwortung  für  den  Gang  der  Dinge  bei  ihnen.  Ihre Sache  ist,  wie  sie  Unheil  verhüten  oder  neues  Unheil  her-aufbeschwören. Was nunmehr ihre Schuld werden könnte, das wäre das gleiche Unheil für uns wie für sie. Sie müssen jetzt, wo es um das Ganze der Menschheit geht, gesteigert verantworten, was sie tun. Reißt die Kette des Bösen nicht ab, so geraten die Sieger in dieselbe Lage, wie wir, mit ihnen aber die gesamte Menschheit. Die Kurzsichtigkeit menschlichen Denkens, zumal in Gestalt der jeweils wie eine un-widerstehliche Welle alles überschwemmende Weltmeinung ist eine ungeheure Gefahr. Die Werkzeuge Gottes sind nicht Gott auf Erden. Böses mit Bösem vergelten, zumal an den Zuchthausinsassen, nicht nur an den Zuchthausverwaltern, würde böse machen und neues Unheil zeugen.</p>
<p>Wenn  wir  unsere  eigene  Schuld  bis  in  ihren  Ursprung verfolgen,  so  stoßen  wir  auf  das  Menschsein,  das  in  deutscher  Gestalt  ein  eigentümliches,  furchtbares  Schuldig-werden angenommen hat, aber Möglichkeit im Menschen als Menschen ist.</p>
<p>Es  wird  wohl  gesagt,  wenn  von  deutscher  Schuld  die Rede ist: es ist aller Schuld – das verborgene Böse überall ist mitschuldig an dem Ausbruch des Bösen an dieser deutschen Stelle.</p>
<p>Es wäre in der Tat ein Ausweichen und eine falsche Entschuldigung, wenn wir Deutsche unsere Schuld durch den Bezug  auf  die  Schuld  des  Menschseins  mildern  wollten.</p>
<p>87</p>
<p>Nicht Erleichterung, sondern Vertiefung kann der Gedanke bringen. Die Frage der Erbsünde darf nicht zu einem Wege des  Ausweichens  vor  der  deutschen  Schuld  werden.  Das Wissen um die Erbsünde ist noch nicht Einsicht in die deutsche Schuld. Aber es darf auch nicht das religiöse Bekenntnis  der  Erbsünde  zum  Kleide  eines  falschen  kollektiven deutschen  Schuldbekenntnisses  werden,  so  daß  in  unredlicher Unklarheit das eine für das andere steht.</p>
<p>Wir haben keinen Drang, die anderen zu beschuldigen, wir wollen sie nicht hineinreißen und nicht gleichsam an-stecken.  Aber  im  Abstand  der  Sorge  dessen,  der  hineingeraten ist, und der zu sich kommt und sich besinnt, denken wir: möchten die anderen doch solche Wege nicht gehen, –</p>
<p>möchten wir uns doch, sofern wir guten Willens sind, auf sie verlassen dürfen.</p>
<p>Jetzt  hat  eine  neue  Periode  der  Geschichte  begonnen.</p>
<p>Nunmehr  haben  für das, was geschieht, die Siegermächte die Verantwortung.</p>
<p>88</p>
<p> <emphasis>III. Unsere Reinigung</emphasis> Die  Selbstdurchhellung  als  Volk  in  geschichtlicher  Besinnung und die persönliche Selbstdurchhellung des einzelnen  scheint  zweierlei.  Doch  geschieht  das  erstere  nur  auf dem  Wege  über  das  zweite.  Was  einzelne  miteinander  in Kommunikation vollziehen, kann, wenn es wahr ist, zum verbreiteten Bewußtsein vieler werden und gilt dann als Selbstbewußtsein eines Volkes.</p>
<p>Auch hier müssen wir gegen das Kollektivdenken als ein Denken in Fiktionen uns wenden. Alle wirkliche Verwandlung geschieht durch einzelne, im Einzelnen, in zahlreichen Einzelnen,  unabhängig  voneinander  oder  in  bewegendem Austausch.</p>
<p>Wir Deutsche besinnen uns alle, wenn auch in noch so verschiedener, ja entgegengesetzterweise, auf unsere Schuld und Nichtschuld. Wir alle tun es, Nationalsozialisten und Gegner des Nationalsozialismus. Wenn ich »wir« sage, so meine  ich  die  Menschen,  mit  denen  ich  mich  zunächst  –</p>
<p>durch  Sprache,  Herkunft,  Situation,  Schicksal  –  solidarisch  weiß.  Ich  will  niemanden  anklagen,  wenn  ich  »wir«</p>
<p>sage.  Wenn  andere  Deutsche  sich  schuldlos  fühlen,  so  ist das  ihre  Sache,  außer  in  den  zwei  Punkten  der  Strafe  für Verbrechen derer, die sie getan haben, und der politischen Haftung  aller  für  die  Handlungen  des  Hitlerstaates.  Die sich schuldlos fühlen, werden Gegenstand des Angriffs erst, wenn  sie  ihrerseits  angreifen.  Wenn  sie,  sich  selber  für schuldlos haltend, anderen Schuld geben, so ist zwar immer zu fragen, ob sie in der Sache etwas Richtiges treffen, aber auch ob sie ein Recht haben hier Ankläger zu sein. Wenn sie aber in Fortsetzung nationalsozialistischer Denkungsart uns das Deutschtum absprechen wollen, und wenn sie, statt eindringend nachzudenken und auf Gründe zu hören, vielmehr blind mit Generalurteilen andere vernichten wollen, so brechen sie die Solidarität, wollen nicht im Miteinanderreden sich prüfen und entwickeln. Sie sind wegen der Art ihres  Angreifens  der  Verletzung  der  Menschenrechte  zu beschuldigen.</p>
<p>In  der  Bevölkerung  ist  eine  natürliche,  unpathetische, besonnene Einsicht nicht selten. Beispiele schlichter Äuße-rungen sind folgende:</p>
<p>89</p>
<p>  Ein achtzigjähriger Forscher: »Ich habe in diesen 12 Jahren nie geschwankt und doch war ich nie mit mir zufrieden; immer  wieder  habe  ich  gegrübelt,  ob  man  nicht  aus  dem rein  passiven  Widerstand  gegen  die  Nazis  zur  Tat  übergehen könne. Die Organisation Hitlers war zu teuflisch.«</p>
<p>Ein jüngerer Antinazi: »Denn auch wir Gegner des Nationalsozialismus haben – nachdem wir uns jahrelang, wenn auch  zähneknirschend  dem  ‘Regime  mit  der  Furcht’  ge-beugt haben – eine Reinigung nötig. Wir rücken dabei ab von  dem  Pharisäertum  derer,  die  glauben,  daß  allein  das Fehlen des Parteiabzeichens sie zu erstklassigen Menschen macht.«</p>
<p>Ein  Beamter  während  der  Denazifikation:  »Wenn  ich mich in die Partei pressen ließ, wenn ich es mir relativ gut gehen ließ, mich im Nazistaat einrichtete und insofern Nutznießer wurde – wenn ich es auch in innerer Gegnerschaft tat, – und wenn ich nun die Nachteile dessen erfahre, so darf ich mich anständigerweise nicht beklagen.«</p>
<p>Daß wir in der Schuldfrage von Reinigung sprechen, hat einen guten Sinn. Reinigen müssen wir uns von der Schuld, wie sie ein jeder in sich findet, soweit das möglich, ist durch Wiedergutmachung, durch Buße, durch innere Erneuerung und Verwandlung. Davon soll später die Rede sein.</p>
<p>Vorher werfen wir einen Blick auf einige der Tendenzen, die  uns  verführen,  der  Reinigung  auszuweichen.  In  Ver-lockungen durch falsche Antriebe und Instinkte verlassen wir nicht nur den Weg der möglichen Reinigung, sondern steigern noch die Verworrenheit in unreinen Motivationen.</p>
<p>§ 1. Ausweichen vor der Reinigung</p>
<p>a) Das gegenseitige Sichbeschuldigen</p>
<p>Wir Deutsche sind untereinander sehr verschieden durch Art und Maß der Teilnahme am Nationalsozialismus oder des Widerstandes gegen ihn. Ein jeder hat auf seine eigene innere  und  äußere  Verhaltensweise  sich  zu  besinnen  und sich die ihm eigentümliche Wiedergeburt in dieser Krise des Deutschen zu suchen.</p>
<p>Auch der Zeitpunkt, zu dem diese innere Umschmelzung begann, ist für die einzelnen sehr verschieden, ob 1933, ob 1934 nach den Morden des 30. Juni, ob seit 1938 nach den Synagogenbrandstiftungen  oder  erst  im  Kriege,  oder  erst 90</p>
<p>unter  der  drohenden  Niederlage  oder  erst  im  Zusammenbruch.</p>
<p>Wir können uns Deutsche in allem diesen nicht auf einen Nenner bringen. Wir müssen von wesensverschiedenen Aus-gangspunkten her zueinander aufgeschlossen sein. Der gemeinsame Nenner ist vielleicht allein die Staatsangehörig-keit. Darin haben alle gemeinsam die Schuld und die Haftung,  daß  sie  es  zu  1933  haben  kommen  lassen,  ohne  zu sterben.  Das  vereint  auch  die  äußere  und  die  innere  Emigration.</p>
<p>Die  großen  Verschiedenheiten  ermöglichen  es,  daß  an-scheinend ungefähr alle allen Vorwürfe machen. Das hält so lange an als der einzelne nur seine eigene Lage und derer, die ihm ähnlich sind, wirklich ins Auge faßt und die der anderen nur durch Bezug auf sich beurteilt. Es ist erstaunlich, wie  sehr  wir  nur  bei  Selbstbetroffenheit  in  wirkliche  Erregung geraten und alles aus dem Gesichtswinkel unserer besonderen Lage sehen. Es bedarf der ständigen bewußten Anstrengung, sich aus diesem Gesichtswinkel zu befreien.</p>
<p>Das Sichbeschuldigen der gegenwärtigen deutschen Menschen  darzustellen,  würde  zu  einer  endlosen  Erörterung führen.  Nur  durch  zufällige  Beispiele  aus  der  nahen  Vergangenheit  und  aus  der  Gegenwart  sei  auf  dies  Feld  hin-gewiesen. Wir können wohl einmal verzagen, wenn uns die Geduld im Miteinanderreden zu verlassen droht, und wenn wir auf kaltschnäuzige und brüske Ablehnung stoßen.</p>
<p>In vergangenen Jahren gab es Deutsche, die von uns anderen Deutschen verlangten, Märtyrer zu werden. Wir sol ten es nicht stillschweigend dulden, was geschah. Wenn unser Tun keinen  Erfolg  haben  sollte,  so  wäre  die  Tat  doch  wie  ein sittlicher  Halt  für  die  ganze  Bevölkerung,  ein  sichtbares Symbol  der  unterdrückten  Kräfte.  So  konnte  ich  seit  1933</p>
<p>Vorwürfe hören von Freunden, Männern und Frauen.</p>
<p>Solche Forderungen waren so erregend, weil in ihnen tiefe Wahrheit liegt, die aber durch die Weise, wie sie vertreten wird, kränkend verkehrt ist. Was der Mensch mit sich selbst vor der Transzendenz erfahren kann, wird in die Ebene des Moralisierens  und  gar  der  Sensation  gezogen.  Stille  und Ehrfurcht sind verloren.</p>
<p>Gegenwärtig ist ein schlimmes Beispiel des Ausweichens in  das  gegenseitige  Sichbeschuldigen  manche  Diskussion 91</p>
<p>zwischen Emigranten und Hiergebliebenen, zwischen den Gruppen,  die  man  wohl  äußere  und  innere  Emigration nennt.  Beide  haben  ihr  Leid.  Der  Emigrant:  Die  fremde Sprachwelt, das Heimweh, – Symbol ist die Erzählung von dem deutschen Juden in New York, in dessen Zimmer das Bild Hitlers hing, – warum? nur wenn er dadurch jeden Tag an den Schrecken erinnert werde, der ihn zu Hause erwarte, könne  er  seiner  Sehnsucht  in  die  Heimat  Herr  werden.  –</p>
<p>Der  Daheimgebliebene:  Die  Verlassenheit,  das  Ausgesto-ßensein im eigenen Lande, die Bedrohung, allein in der Not, gemieden außer von einigen Freunden, die zu belasten wieder neues eigenes Leid bringt. – Klagen aber die einen die andern an, so brauchen wir uns nur zu fragen: ist uns wohl zumute angesichts des Seelenzustandes und des Tones der so Anklagenden, freuen wir uns, daß solche Menschen so fühlen,  sind  sie  Vorbild,  ist  etwas  wie  Aufschwung,  Freiheit, Liebe  in  ihnen,  die  uns  ermutigen?  Wenn  nicht,  dann  ist nicht wahr, was sie sagen.</p>
<p>Im gegenseitigen Beschuldigen liegt kein wachsendes Leben. Das eigentliche Miteinanderreden hört auf. Es ist eine Weise des Kommunikationsabbruches. Und diese ist immer ein  Symptom  der  Unwahrheit,  daher  Anlaß  für  die  Red-lichen,  unablässig  nach  der  verborgenen  Unwahrheit  zu forschen. Diese ist überall da, wo der Deutsche sich moralisch  und  metaphysisch  zum  Richter  über  den  Deutschen macht,  überall  wo  kein  guter  Wille  zur  Kommunikation, sondern der verschleierte Wille zum Zwang herrscht, wo das Verlangen besteht, der andere solle sich schuldig bekennen, wo der Hochmut – »ich bin unbelastet« – auf den anderen herabsieht, wo das Bewußtsein der Schuldlosigkeit sich berechtigt weiß, anderen Schuld zu geben.</p>
<p>b) Sichwegwerfen und Trotz</p>
<p>Unsere  menschliche  Artung  –  wenigstens  in  Europa  –</p>
<p>ist derart, daß wir ebenso empfindlich gegen Vorwürfe sind wie leicht bereit, anderen Vorwürfe zu machen. Man will sich nicht zu nahe treten lassen, aber man ereifert sich leicht im moralischen Beurteilen der anderen. Das ist die Folge der Vergiftung durch den Moralismus. Für nichts pflegen wir so reizbar zu sein wie für jede Andeutung, daß man uns Schuld gibt. Auch wer Schuld hat, will es sich nicht sagen 92</p>
<p>lassen. Und wenn er es sich sagen läßt, will er es sich nicht von jedem sagen lassen. Je größer die Empfindlichkeit gegen  Vorwürfe  ist,  desto  größer  pflegt  die  Rücksichtslosig-keit zu sein, mit der man bereit ist, sie anderen zu machen.</p>
<p>Die Welt ist bis in die kleinen Alltagsumstände hinein voll von  Bezichtigungen  für  die  Urheberschaft  eines  Unheils, daher  voll  von  Sündenböcken,  die  man  überall  für  diese bösen Instinkte braucht.</p>
<p>Wer reizbar gegen Vorwürfe ist, kann nun merkwürdiger-weise leicht umschlagen in einen Drang, seine Schuld zu bekennen.  Solche  Schuldbekenntnisse  –  falsch,  weil  selber noch triebhaft und lusterfüllt – haben in ihrer Erscheinung einen unverkennbaren Zug: Da sie wie ihr Gegenteil beim selben  Menschen  aus  dem  gleichen  Machtwillen  genährt sind,  spürt  man,  wie  der  Bekennende  sich  durch  das  Bekenntnis  einen  Wert  geben,  sich  vor  anderen  hervortun will.  Sein  Schuldbekenntnis  will  andere  zum  Bekennen zwingen.  Es  ist  ein  Zug  von  Aggressivität  in  solchem  Bekennen. Der Moralismus als Erscheinung des Machtwillens nährt sowohl die Reizbarkeit gegen Vorwürfe wie die Schuldbekenntnisse, die Vorwürfe gegen andere wie gegen sich selbst und läßt psychologisch alles dies ineinander umschlagen.</p>
<p>Philosophisch  ist  daher  bei  jeder  Beschäftigung  mit Schuldfragen  die  erste  Forderung  das  innere  Handeln mit  sich  selbst,  durch  das  die  Empfindlichkeit  zugleich mit dem Schuldbekenntnisdrang erlischt.</p>
<p>Heute  nun  ist  dies  allgemeinmenschliche  Phaenomen, das ich psychologisch schilderte, unlösbar verflochten mit dem Ernst unserer deutschen Frage. Unsere Gefahr ist ein doppelter Irrweg: das sich preisgebende Jammern im Schuldbekenntnis und der sich trotzig abschließende Stolz.</p>
<p>Mancher läßt sich verführen durch sein augenblickliches Daseinsinteresse. Es scheint ihm vorteilhaft, die Schuld zu bekennen.  Der  Entrüstung  der  Welt  über  das  moralisch verworfene  Deutschland  entspricht  seine  Bereitwilligkeit zum Schuldbekenntnis. Dem Mächtigen begegnet man durch Schmeichelei. Man möchte sagen, was er zu hören wünscht.</p>
<p>Dazu kommt die fatale Neigung, durch Schuldbekenntnis sich besser zu dünken als andere. In der Demut ist verborgen der böse Stolz auf sich selber. Im Sichselbstbloßstellen liegt  ein  Angriff  auf  die  anderen,  die  es  nicht  tun.  Die 93</p>
<p>Schmählichkeit  solcher  billigen  Selbstanklagen,  die  Ehr-losigkeit  der  vermeintlich  vorteilhaften  Schmeichelei  ist offenbar.  Hier  spielen  die  Machtinstinkte  der  Ohnmächtigen und der Mächtigen verhängnisvoll ineinander.</p>
<p>Anders der trotzige Stolz. Gerade weil die anderen moralisch angreifen, verstockt man sich erst recht. Man will sein  Selbstbewußtsein  in  einer  vermeinten  inneren  Unab-hängigkeit.  Diese  ist  aber  dann  nicht  zu  gewinnen,  wenn man im Entscheidenden unklar bleibt.</p>
<p>Das  Entscheidende  liegt  in  dem  ewigen  Grundphaeno-men, das heute in neuer Gestalt wieder da ist: Wer in der Lage  restlosen  Besiegtseins  das  Leben  dem  Tode  vorzieht, kann  in  Wahrhaftigkeit  –  der  einzigen  ihm  bleibenden Würde – nur leben, wenn er den Entschluß zu diesem Leben faßt mit dem Bewußtsein des Sinnes, der in ihm liegt.</p>
<p>Was Hegel in seiner Phaenomenologie in dem großartigen Abschnitt  über  Herr  und  Knecht  gezeigt  hat,  ist  das  Unausweichliche, um das sich das menschliche Bewußtsein in Unklarheit herumdrücken möchte:</p>
<p>Der Entschluß, als Ohnmächtiger und Knecht leben zu wollen, ist ein Akt von lebenbegründendem Ernst. Aus ihm folgt eine Verwandlung, die alle Wertschätzungen modifi-ziert. Wird er vollzogen, werden die Folgen übernommen, Leid und Arbeit ergriffen, so liegt hier die höchste Möglichkeit  der  menschlichen  Seele.  In  Hegels  Entwicklung  trägt der Knecht, nicht der Herr die geistige Zukunft. Aber nur dann,  wenn  er  redlich  seinen  schweren  Weg  geht.  Nichts wird geschenkt. Nichts kommt von selbst. Nur wenn dieser Entschluß als Ursprung klar ist, können die Verkehrungen des Sichwegwerfens und des stolzen Trotzes vermieden werden.  Die  Reinigung  führt  zur  Klarheit  des  Entschlusses und zur Klarheit seiner Folgen.</p>
<p>Wenn nun mit dem Besiegtsein zugleich eine Schuld da ist,  so  wird  die  Lage  seelisch  verwickelter.  Nicht  nur  die Ohnmacht, auch die Schuld muß übernommen werden. Und aus  beidem  muß  die  Umschmelzung  erwachsen,  der  der Mensch sich entziehen möchte.</p>
<p>Der  stolze  Trotz  findet  eine  Menge  von  Anschauungs-weisen, Großartigkeiten, gefühlvollen Erbaulichkeiten, um sich die Täuschung zu verschaffen, die es ermöglicht, ihn festzuhalten. Zum Beispiel:</p>
<p>94</p>
<p>  Man  verwandelt  den  Sinn  der  Notwendigkeit,  das  Geschehene zu übernehmen. Eine wilde Neigung, »sich zu unserer  Geschichte  zu  bekennen«,  erlaubt  es,  das  Böse  verborgen zu bejahen, am Bösen das Gute zu finden, es im Innern als stolze Festung gegen die Sieger zu halten. Aus solcher Verkehrung sind Sätze möglich wie die folgenden: »Wir müssen  wissen,  daß  wir  die  ursprüngliche  Kraft  des  Wollens, das die Vergangenheit schuf, noch in uns tragen, und wir müssen uns auch dazu bekennen und es aufnehmen in unsere  Existenz  …  Wir  sind  beides  gewesen  und  werden beides  bleiben  …  und  wir  selbst  sind  immer  nur  unsere ganze  Geschichte,  deren  Kraft  wir  in  uns  tragen.«  »Die Pietät«  soll  die  junge  Generation  von  Deutschland  zwingen, wieder zu werden, wie die vorige war.</p>
<p>Trotz  im  Gewand  von  Pietät  verwechselt  hier  den  geschichtlichen Grund, in dem wir liebend wurzeln, mit der Gesamtheit  der  Realitäten  der  gemeinsamen  Vergangenheit, von denen wir viele in ihrem Sinne nicht nur nicht lieben, sondern als uns wesensfremd abstoßen.</p>
<p>In der Anerkennung des Bösen als Bösen können dann in  verwunderlichen  Unklarheiten  des  Gefühls  Sätze  möglich  werden  wie  folgende:  »Wir  müssen  so  mutig  und  so groß und so milde werden, daß wir sagen können: Ja, auch dieses Fürchterliche war unsere Wirklichkeit und wird es bleiben, aber wir haben die Kraft, es dennoch in uns umzu-schaffen zu schöpferischem Werk. Wir kennen eine furchtbare  Möglichkeit  in  uns,  die  einmal  in  jammervoller  Ver-irrung Gestalt gewann. Wir lieben und achten unsere ganze geschichtliche  Vergangenheit  mit  einer  Pietät  und  einer Liebe, die größer ist als alle einzelne geschichtliche Schuld.</p>
<p>Wir tragen diesen Vulkan in uns mit dem Wagnis des Wissens, daß er uns zersprengen kann, aber mit der Überzeugung, daß, wenn wir ihn zu bändigen vermögen, uns der letzte Raum unserer Freiheit erst offen werden wird: in der gefährlichen Kraft solcher Möglichkeit das wirklich werden zu lassen, was in der Gemeinsamkeit mit allen übrigen die menschheitliche Tat unseres Geistes sein wird.«</p>
<p>Das  ist  ein  verführender  Appell  –  aus  der  schlechten Philosophie  eines  Irrationalismus  –,  ohne  Entscheidung sich einer existentiellen Nivellierung anzuvertrauen. »Bändigen« ist viel zu wenig. Auf die »Wahl« kommt es an. Es 95</p>
<p>ist, wenn sie nicht vollzogen wird, sogleich wieder ein Trotz des Bösen möglich, der zum pecca fortiter führen muß. Es ist verkannt, daß in diesem Appell an Pietät noch in bezug auf das Böse, das zu verneinen ist, doch nur eine scheinhafte Gemeinschaft möglich ist.</p>
<p>Eine andere Weise stolzen Trotzes kann den ganzen Nationalsozialismus »geschichtsphilosophisch« bejahen in einer ästhetischen Anschauung, die aus dem nüchtern anzusehen-den Unheil und aus dem klaren Bösen eine falsche Großartigkeit macht, welche das Gemüt vernebelt:</p>
<p>»Im Frühjahr 1932 hat ein deutscher Philosoph die Prophezeiung  ausgesprochen,  daß  binnen  10  Jahren  die  Welt nur noch von zwei Polen aus politisch regiert werden wird: Moskau und Washington; daß Deutschland dazwischen als politisch-geographischer Begriff gegenstandslos sein und nur noch als geistige Macht existieren wird.</p>
<p>Die deutsche Geschichte, für die die Niederlage von 1918</p>
<p>zugleich Aussichten auf größere Konsolidierung, ja auf die großdeutsche  Vollendung  freilegte,  lehnte  sich  auf  gegen jene prophezeite und in der Tat aufkommende Tendenz, die Welt auf zwei Pole hin zu simplifizieren. Die deutsche Geschichte zog sich gegen diese Welttendenz zu einer isolierten eigenwilligen, gigantischen Anstrengung zusammen, doch noch zu ihrem eigenen nationalen Ziel zu kommen.</p>
<p>Wenn  jene  Prophezeiung  des  deutschen  Philosophen, die  für  den  Anbruch  der  Amerikanisch-Russischen  Weltherrschaft  eine  Frist  von  nur  10  Jahren  ansetzte,  Recht hatte, so war das überstürzte Tempo, die Hast und Gewalt-samkeit  des  deutschen  Gegenversuchs  ein  verständliches Ereignis: es war das Tempo einer innerlich sinnvollen und faszinierenden,  historisch  aber  schon  verspäteten  Aufleh-nung.  Wir  haben  in  den  vergangenen  Monaten  mitange-sehen, wie sich dieses Tempo am Ende in isolierte reine Ra-serei überschlug. – Ein Philosoph spricht leichthin das Urteil aus: die deutsche Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt die Ära Washington-Moskau. Eine so groß und sehnsüchtig  angelegte  Geschichte  wie  die  deutsche  sagt  nicht einfach Ja und Amen zu solchem akademischen Beschluß.</p>
<p>Sie  flammt  auf,  sie  stürzt  sich  in  tief  erregtem  Wehren und Angriff, in wildem Tumult von Glauben und Haß in ihr Ende.«</p>
<p>96</p>
<p>  So schrieb im Sommer 1945 ein von mir menschlich hoch-geschätzter junger Mann in Verwirrung trüber Gefühle.</p>
<p>Alles das ist in der Tat keine Reinigung, sondern ein weiteres Hineingeraten in die Verstrickung. Solche Gedanken –</p>
<p>sowohl des Sichwegwerfens wie des Trotzes – pflegen einen Augenblick  ein  Gefühl  wie  von  Befreiung  zu  geben.  Man glaubt einen Boden zu haben, und man ist doch erst recht ins Ausweglose gegangen. Es ist die Unreinheit der Gefühle, die sich hier steigert und zugleich befestigt gegen echte Ver-wandlungsmöglichkeiten. –</p>
<p>Zu allen Weisen des Trotzes gehört ein aggressives Schweigen. Man entzieht sich, wo die Gründe unwiderleglich werden. Man zieht sein Selbstbewußtsein aus dem Schweigen als  der  letzten  Macht  des  Ohnmächtigen.  Man  zeigt  das Schweigen,  um  den  Mächtigen  zu  kränken.  Man  verbirgt das Schweigen, um auf Wiederherstellung zu sinnen, politisch durch Ergreifen von Machtmitteln, wenn diese auch lächerlich wären für solche, die nicht teilhaben an den Rie-senindustrien der Welt, welche die Werkzeuge der Zerstörung hervorbringen, – seelisch durch Selbstrechtfertigung, die keine Schuld anerkennt: das Schicksal hat gegen mich entschieden; es war eine sinnlose materielle Übermacht; die Niederlage war ehrenvoll; ich nähre im Innern meine Treue und  mein  Heldentum.  Auf  dem  Wege  solchen  Verhaltens mehrt sich aber nur das innere Gift im illusionären Denken und  vorwegnehmenden  Sichberauschen:  »noch  nicht  mit Faustschlägen und Fußtritten« … »für jenen Tag, da wir ‥«</p>
<p>c) Ausweichen in an sich richtige aber für die Schuldfrage unwesentliche Besonderheiten</p>
<p>Es  ist  ein  Ausweichen  vor  der  Schuldfrage,  wenn  man vom Wesentlichen abgleitet in an sich richtiges Einzelnes, als ob dieses das Ganze wäre, oder wenn man geflissentlich Fehler  der  anderen  sucht  und  auch  in  der  Tat  findet.  Die geduldige Mühe um das Vernünftige erlaubt in geeignetem Zusammenhang  auch  das  Vorbringen  von  Tatsachen  und Zusammenhängen an den Sieger. Jetzt, wo im Ganzen der Geschichte nicht mehr wir Deutsche handeln, sehen wir auf das, was getan und was nicht getan wird, als auf das, wovon auch unser Schicksal abhängt.</p>
<p>Aber so richtig diese Gedankengänge sind, sie dürfen nicht 97</p>
<p>dazu dienen, die Schuldfrage zu ersetzen oder auszulöschen.</p>
<p>Das begreiflichste Ausweichen geschieht durch den Blick auf eigene Not. Mancher denkt: Helft, aber redet nicht von Buße. Die ungeheure Not entschuldigt. Wir hören etwa:</p>
<p>»Ist  der  Bombenterror  vergessen?  Sollte  er,  unter  dem Millionen Unschuldiger Leben, Gesundheit und die ganze liebe Habe hergeben mußten, nicht ein Ausgleich sein für das, was im deutschen Land verbrochen wurde? Sollte das Elend der Flüchtlinge, das zum Himmel schreit, nicht ent-waffnend wirken?«</p>
<p>»Ich bin Südtirolerin, kam als blutjunge Frau vor 30 Jahren nach Deutschland. Das deutsche Leid habe ich vom ersten  bis  zum  letzten  Tag  geteilt,  habe  Schlag  auf  Schlag empfangen, Opfer über Opfer gebracht, habe den bitteren Kelch bis zur Neige gelehrt – und fühle mich nun mit angeklagt für etwas, was ich gar nicht begangen habe.«</p>
<p>»Das Elend, das über das ganze Volk gekommen ist, ist so riesengroß und nimmt so unvorstellbare Maße an, daß man nicht noch Salz in die Wunde streuen soll. Das Volk hat  bereits  in  seinen  bestimmt  unschuldigen  Teilen  mehr gelitten als vielleicht eine gerechte Sühne erfordert.«</p>
<p>In der Tat ist das Unheil apokalyptisch. Alle klagen, und mit  Recht:  Die  dem  KZ  entronnen  sind  oder  der  Verfolgung und die sich des grauenhaften Leidens erinnern. Die ihre  Liebsten  auf  grausamste  Weise  verloren  haben.  Die Millionen  Evakuierter  und  Flüchtlinge,  die  auf  der  Wanderschaft  ohne  Hoffnung  leben.  Die  vielen  Mitläufer  der Partei, die nun ausgeschieden werden und in Not geraten.</p>
<p>Die Amerikaner und die anderen Alliierten, die Jahre ihres Lebens drangaben und Millionen Tote hatten. Die europäischen Völker, die unter der Terrorherrschaft der nationalsozialistischen Deutschen gepeinigt wurden. Die deutschen Emigranten, die in fremder Sprachumgebung unter schwie-rigsten Umständen leben müssen. Alle, alle.</p>
<p>Die Klagen werden überall zu Anklagen. Aber gegen wen?</p>
<p>Schließlich aller gegen alle.</p>
<p>In diesem furchtbaren Weltzustand, der zur Zeit die Not in  Deutschland  zur  vergleichsweise  größten  macht,  darf man den Zusammenhang des Ganzen nicht vergessen. Die Schuldfrage weist immer wieder darauf hin.</p>
<p>In der Aufzählung der Klagenden habe ich die mannig-98</p>
<p>fachen Gruppen nebeneinandergestellt in der Absicht, man möge sogleich das Ungemäße darin fühlen. Die Not ist als Not, als Daseinszerstörung wohl einer Art, aber sie ist wesensverschieden durch den Zusammenhang, in dem sie steht und durch die Stelle in ihm, der sie zugehört. Es ist ungerecht, alle auf gleiche Weise für unschuldig zu erklären.</p>
<p>Im Ganzen bleibt bestehen, daß wir Deutschen, so sehr wir jetzt in die größte Not unter den Völkern geraten sind, auch  für  den  Gang  der  Dinge  bis  1945  die  größte  Verantwortung tragen.</p>
<p>Daher gilt für uns, für den einzelnen: wir wollen nicht so leicht uns unschuldig fühlen, uns nicht bemitleiden als Opfer eines Verhängnisses, wollen nicht Belobigung erwarten für Leiden, sondern uns selbst fragen, uns unerbittlich durchleuchten: wo habe ich falsch gefühlt, falsch gedacht, falsch gehandelt – wollen die Schuld möglichst weitgehend bei uns suchen und nicht in den Dingen und nicht bei den andern, wollen nicht ausweichen in die Not. Das folgt aus dem Entschluß zur Umkehr, zum täglichen Besserwerden.</p>
<p>Dort stehen wir als einzelne vor Gott, nicht mehr als Deutsche, nicht als Kollektiv.</p>
<p>d) Ausweichen in ein Allgemeines</p>
<p>Es  ist  eine  Erleichterung,  wenn  ich  selber  als  einzelner unwichtig werde, weil das Ganze ein Geschehen ist, das über mich kommt, an dem ich aber keine Mitwirkung und daher persönlich keine Schuld habe. Dann lebe ich in der Anschauung des Ganzen, bin selber nur ohnmächtig erleidend oder ohnmächtig  teilnehmend.  Ich  lebe  nicht  mehr  aus  mir selbst. Dafür einige Beispiele:</p>
<p>1.  Die  moralische  Gesamtinterpretation  der  Geschichte läßt eine Gerechtigkeit im Ganzen erwarten: »alle Schuld rächt sich auf Erden«.</p>
<p>Ich weiß mich ausgeliefert einer Totalschuld, bei der mein eigenes Tun kaum noch eine Rolle spielt. Bin ich der Ver-lierende, so ist die metaphysische Ausweglosigkeit im Ganzen niederschlagend. Bin ich der Gewinnende, so habe ich zu meinem Erfolg auch noch das gute Gewissen des Besser-seins.  Eine  Tendenz,  sich  selber  als  einzelner  nicht  ernst zu nehmen, lähmt die sittlichen Antriebe. Der Stolz eines sich  preisgebenden  Schuldbekennens  im  einen  Falle  wird 99</p>
<p>ebenso  wie  der  Stolz  des  moralischen  Sieges  im  anderen Falle zum Ausweichen vor der eigentlich menschlichen Aufgabe, die im je einzelnen liegt.</p>
<p>Gegen  diese  Totalauffassung  steht  aber  die  Erfahrung.</p>
<p>Der  Gang  der  Dinge  ist  gar  nicht  eindeutig.  Die  Sonne scheint  über  Gerechten  und  Ungerechten.  Die  Verteilung des Glückes und die Sittlichkeit der Handlungen scheinen keinen gegenseitigen Zusammenhang zu haben.</p>
<p>Es  wäre  aber  ein  entgegengesetztes  falsches  Totalurteil, umgekehrt zu sagen: es gibt keine Gerechtigkeit.</p>
<p>Wohl überkommt in manchen Situationen angesichts der Zustände und Handlungen eines Staates das untilgbare Gefühl: »das kann nicht gut enden«, »das muß sich rächen«. Aber sobald dies Gefühl über die begreifbaren Reaktionen der Menschen auf das Böse hinaus auf Gerechtigkeit vertraut, entsteht der Irrtum. Es ist keine Gewissheit. Das Gute und Wahre kommt nicht von selber. In den meisten Fällen bleibt die Wiedergutmachung aus. Verderben und Rache trifft Schuldige wie Unschuldige. Der reinste Wille, die rückhaltlose Wahrhaftigkeit, der größte Mut können, wenn die Situation es ver-wehrt, erfolglos bleiben. Und manchen Passiven fällt durch die Tat anderer die günstige Situation ohne Verdienst zu.</p>
<p>Das  Bessermachen,  die  Sühne,  die  Schuld  liegt  zuletzt allein in der Persönlichkeit der einzelnen. Der Gedanke der Totalschuld  und  des  Eingesponnenseins  in  einen  Schuld-Sühne-Zusammenhang  als  Ganzem  wird  –  trotz  metaphysischer Wahrheit, die in ihm liegen mag – zur Verführung des Ausweichens für den einzelnen vor dem, was allein und ganz seine eigene Sache ist.</p>
<p>2. Die Totalanschauung, daß schließlich alles in der Welt ans Ende kommt, daß nichts unternommen wird, das nicht am Ende scheitert, daß in allem der Keim des Verderbens liegt, läßt den Mißerfolg mit jedem anderen Mißerfolg auf die eine gemeinsame Ebene des Scheiterns gleiten. So wird er seines Gewichts beraubt in einer Abstraktion.</p>
<p>3. Man gibt dem eigenen Unheil, das man als Folge der Schuld aller deutet, ein metaphysisches Gewicht durch die Auslegung  zu  einer  neuen  Einzigkeit:  In  der  Katastrophe des  Zeitalters  ist  Deutschland  das  stellvertretende  Opfer.</p>
<p>Es leidet für alle. An ihm kommt die Schuld aller zum Ausbruch, und die Sühne für alle.</p>
<p>100</p>
<p>  Das  ist  durch  Anwendung  von  Gedanken  des  Deutero-jesaias  und  des  Christentums  eine  falsche  Pathetik,  die wiederum abzieht von der nüchternen Aufgabe, zu tun, was wirklich  in  der  eigenen  Kraft  liegt,  d. h.  von  der  Aufgabe des Bessermachens im Faßlichen und von der inneren Verwandlung. Es ist das Entgleiten ins »Ästhetische«, das durch seine Unverbindlichkeit abzieht von der Verwirklichung aus dem  Kern  des  Selbstseins  des  einzelnen.  Es  ist  ein  Mittel, sich  auf  neuem  Wege  ein  falsches  kollektives  Selbstwert-gefühl zu verschaffen.</p>
<p>4.  Eine  Befreiung  von  der  Schuld  scheint  es  zu  sein, wenn  wir  angesichts  der  ungeheuren  Leiden,  die  über uns  Deutsche  gekommen  sind,  ausrufen:  es  ist  abgebüßt.</p>
<p>Hier  ist  zu  unterscheiden:  Eine  Strafe  wird  abgebüßt, eine  politische  Haftung  wird  durch  Friedensvertrag  begrenzt  und  damit  zu  einem  Ende  gebracht.  In  bezug  auf diese beiden Punkte ist der Gedanke sinnvoll und richtig.</p>
<p>Aber moralische und metaphysische Schuld, die allein vom einzelnen  in  seiner  Gemeinschaft  als  die  seine  begriffen wird, werden ihrem Wesen nach nicht abgebüßt. Sie hören nicht auf. Wer sie trägt, tritt in einen sein Leben währenden Prozeß ein.</p>
<p>Für  uns  Deutsche  gilt  hier  die  Alternative:  Entweder wird  das  Übernehmen  der  Schuld,  die  die  andere  Welt nicht meint, die aber aus unserem Gewissen ständig wieder ausgesprochen wird, zu einem Grundzug unseres deutschen Selbstbewußtseins – und dann geht unsere Seele den Weg der Verwandlung; oder wir sinken ab in die Durchschnitt-lichkeit  des  gleichgültigen  bloßen  Lebens.  Dann  erwacht in unserer Mitte kein eigentliches Gottsuchen mehr; dann offenbart sich uns nicht mehr, was eigentlich Sein ist; dann hören  wir  nicht  mehr  den  transzendenten  Sinn  unserer hohen  Dichtung  und  Kunst  und  Musik  und  Philosophie; dann wird dies alles als Vergangenheit vielleicht zur Erinnerung anderer Völker, denen noch sprechend bliebe, was einst  Deutsche  hervorbrachten  und  was  Deutsche  waren, aber nicht mehr sind.</p>
<p>Ohne den Weg der Reinigung aus der Tiefe des Schuldbewußtseins ist keine Wahrheit für den Deutschen zu verwirklichen.</p>
<p>101</p>
<p>§ 2. Der Weg der Reinigung Reinigung  bedeutet  im  Handeln  zunächst  Wiedergutmachung.</p>
<p>Politisch heißt das, aus innerem Jasagen die Leistungen zu erfüllen, die in Rechtsform gebracht unter eigenen Ent-behrungen  den  von  Hitlerdeutschland  angegriffenen  Völkern einen Teil des Zerstörten wiederherstellen.</p>
<p>Voraussetzung  solchen  Leistens  ist  außer  der  Rechtsform, die eine gerechte Verteilung der Last bringt, Leben, Arbeitsfähigkeit und Arbeitsmöglichkeit. Es ist unausweichlich, daß der politische Wiedergutmachungswille erlahmt, wenn politische Handlungen der Sieger diese Voraussetzungen zerstören. Denn dann wäre nicht Frieden mit dem Sinn der  Wiedergutmachung,  sondern  fortgesetzter  Krieg  im Sinne einer weiteren Vernichtung.</p>
<p>Wiedergutmachung ist jedoch noch mehr. Wer von der Schuld, an der er Teil hat, innerlich ergriffen ist, will helfen jedem, dem Unrecht geschah durch die Willkür des recht-losen Regimes.</p>
<p>Es sind zwei verschiedene nicht zu verwechselnde Motivationen: Die Forderung zu helfen, wo Not ist, gleichgültig wodurch,  einfach  darum  weil  sie  nahe  ist  und  Hilfe  verlangt – und zweitens die Forderung, den durch das Hitlerregime Deportierten, Beraubten, Geplünderten, Gequälten, den Emigrierten ein besonderes Recht zuzugestehen.</p>
<p>Beides  ist  voll  berechtigt,  aber  in  der  Motivation  liegt eine  Verschiedenheit.  Wo  Schuld  nicht  gefühlt  wird,  geschieht  sogleich  eine  Nivellierung  aller  Not  auf  gleiche Ebene.  Eine  Differenzierung  der  von  Not  Betroffenen  ist notwendig, wo ich gut machen will, was ich mit verschuldet habe.</p>
<p>Dieser  Weg  der  Reinigung  durch  Wiedergutmachen  ist unausweichlich.  Aber  Reinigung  ist  viel  mehr.  Auch  die Wiedergutmachung wird ernstlich nur gewollt, und sie erfüllt ihren ethischen Sinn nur als Folge unserer reinigenden Umschmelzung.</p>
<p>Klärung der Schuld ist zugleich Klärung unseres neuen Lebens  und  seiner  Möglichkeiten.  Aus  ihr  entspringt  der Ernst und der Entschluß.</p>
<p>Wo  das  geschieht,  da  ist  das  Leben  nicht  mehr  einfach da  zu  unbefangenem  heiteren  Genuß.  Das  Glück  des  Da-102</p>
<p>seins,  wo  es  gewährt  wird,  in  Zwischenaugenblicken,  in Atempausen, mögen wir ergreifen, aber es erfüllt nicht das Dasein,  sondern  wird  auf  dem  Hintergrunde  der  Schwer-mut hingenommen als liebenswürdiger Zauber. Das Leben ist wesentlich nur noch erlaubt im Verzehrtwerden durch eine Aufgabe.</p>
<p>Folge ist die Bescheidung. Im inneren Handeln vor der Transzendenz wird unsere menschliche Endlichkeit und Un-vollendbarkeit bewußt. Demut (humilitas) wird unser Wesen.</p>
<p>Dann können wir ohne Machtwillen im liebenden Kampfe die Erörterung des Wahren vollziehen und uns in ihm miteinander verbinden.</p>
<p>Dann  können  wir  unaggressiv  schweigen,  –  aus  der Schlichtheit  des  Schweigens  wird  die  Klarheit  des  Mitteil-baren hervorgehen.</p>
<p>Dann kommt es nur noch auf Wahrheit an und Tätigkeit.</p>
<p>Ohne List sind wir bereit, zu ertragen, was uns beschieden ist.  Was  auch  geschieht,  es  bleibt,  solange  wir  leben,  die menschliche Aufgabe, die in der Welt unvollendbar ist.</p>
<p>Reinigung ist der Weg des Menschen als Menschen. Die Reinigung  über  die  Entfaltung  des  Schuldgedankens  ist darin  nur  ein  Moment.  Reinigung  geschieht  nicht  zuerst durch äußere Handlungen, nicht durch ein äußerliches Ab-machen, nicht durch Magie. Reinigung ist vielmehr ein innerlicher  Vorgang,  der  nie  erledigt,  sondern  anhaltendes Selbstwerden ist. Reinigung ist Sache unserer Freiheit. Immer wieder steht ein jeder vor der Wegscheide in das Rein-werden oder in das Trübe.</p>
<p>Reinigung  ist  nicht  dieselbe  für  alle.  Jeder  geht  persönlich seinen Weg. Der ist von niemand anderem vorwegzu-nehmen  und  nicht  zu  zeigen.  Die  allgemeinen  Gedanken können nur aufmerksam machen, vielleicht erwecken.</p>
<p>Fragen  wir  nun  am  Ende  unserer  Schulderörterungen, worin die Reinigung besteht, so ist über das Gesagte hinaus keine weitere konkrete Angabe zu machen. Wo etwas nicht als Zweck des verständigen Willens realisiert werden kann, sondern durch inneres Handeln als Verwandlung geschieht, da kann man nur die unbestimmten umgreifenden Wendungen  wiederholen:  Erhellung  und  Durchsichtigwerden  im Aufschwung, – Liebe zum Menschen.</p>
<p>103</p>
<p>  Was die Schuld angeht, so ist ein Weg das Durchdenken der vorgetragenen Gedanken. Sie müssen nicht nur mit dem Verstände abstrakt gedacht, sondern anschaulich vollzogen werden;  sie  müssen  vergegenwärtigt,  angeeignet  oder  verworfen werden mit dem eigenen Wesen. Dieser Vollzug und was darausfolgt ist Reinigung. Diese ist nicht am Ende noch ein Neues, Hinzukommendes. –</p>
<p>Reinigung  ist  die  Bedingung  auch  unserer  politischen Freiheit. Denn erst aus dem Schuldbewußtsein entsteht das Bewußtsein  der  Solidarität  und  Mitverantwortung,  ohne die die Freiheit nicht möglich ist.</p>
<p>Politische  Freiheit  beginnt  damit,  daß  in  der  Mehrheit des Volkes der einzelne sich für die Politik seines Gemein-wesens mit haftbar fühlt, – daß er nicht nur begehrt und schilt,  –  daß  er  vielmehr  von  sich  verlangt,  Realität  zu sehen und nicht zu handeln aus dem in der Politik falsch angebrachten  Glauben  an  ein  irdisches  Paradies,  das  nur aus  bösem  Willen  und  Dummheit  der  anderen  nicht  verwirklicht wurde, – daß er vielmehr weiß: Politik sucht in der konkreten Welt den je gangbaren Weg, geführt von dem Ideal des Menschseins als Freiheit.</p>
<p>Kurz:  Ohne  Reinigung  der  Seele  keine  politische  Freiheit. –</p>
<p>Wie weit wir mit der inneren Reinigung auf dem Grunde des Schuldbewußtseins gekommen sind, erfahren wir an unserem Verhalten zu Angriffen.</p>
<p>Ohne  Schuldbewußtsein  bleibt  unsere  Reaktion  auf  jeden  Angriff  der  Gegenangriff.  Wenn  aber  die  innere  Erschütterung uns ergriffen hat, dann streift der äußere Angriff  nur  noch  oberflächlich  über  uns  hin.  Er  mag  noch schmerzen und kränken, aber er dringt nicht ins Innere der Seele.</p>
<p>Wo  das  Schuldbewußtsein  angeeignet  ist,  da  ertragen wir  falsche  und  ungerechte  Beschuldigungen  mit  Ruhe.</p>
<p>Denn Stolz und Trotz sind eingeschmolzen.</p>
<p>Wer wahrhaft Schuld fühlt, so daß sein Seinsbewußtsein in  Verwandlung  ist,  auf  den  wirken  Vorwürfe  seitens  anderer  Menschen  wie  ein  Kinderspiel,  das  in  seiner  Harm-losigkeit nicht mehr trifft, wo das wirkliche Schuldbewußtsein  untilgbarer  Stachel  ist  und  das  Selbstbewußtsein  in eine  neue  Gestalt  gezwungen  hat.  Hört  man  solche  Vor-104</p>
<p>würfe,  so  fühlt  man  vielmehr  mit  Sorge,  wie  unbetroffen und  ahnungslos  der  andere  ist.  Ist  eine  Atmosphäre  des Vertrauens da, so erinnert man an die Schuldmöglichkeit in  jedem  Menschen.  Aber  man  kann  darüber  nicht  mehr zornig werden.</p>
<p>Ohne Durchheilung und Verwandlung unserer Seele würde sich die Empfindlichkeit in wehrloser Ohnmacht nur steigern.  Das  Gift  psychologischer  Umsetzungen  würde  uns innerlich verderben. Wir müssen bereit sein, uns Vorwürfe gefallen zu lassen, sie prüfen, nachdem wir sie gehört haben.</p>
<p>Wir  müssen  die  Angriffe  auf  uns  eher  suchen  als  meiden, weil  sie  für  uns  eine  Kontrolle  des  eigenen  Denkens  sind.</p>
<p>Unsere innere Haltung wird sich bewähren.</p>
<p>Die Reinigung macht uns frei. Der Gang der Dinge liegt in keines Menschen Hand beschlossen, wenn der Mensch auch unberechenbar weit kommen kann in der Führung seines Daseins. Weil die Ungewißheit bleibt und die Möglichkeit  neuen  und  größeren  Unheils,  weil  aus  der  Verwandlung im Schuldbewußtsein keineswegs eine Belohnung mit neuem Glück des Daseins die natürliche Folge ist, darum können  wir  nur  durch  die  Reinigung  frei  werden  zur  Bereitschaft für das, was kommt.</p>
<p>Die reine Seele kann wahrhaftig in der Spannung leben, angesichts des völligen Untergangs unermüdlich in der Welt tätig zu sein für das Mögliche.</p>
<p>Wenn wir auf die Weltereignisse blicken, tun wir gut, an Jeremias  zu  denken.  Als  er  nach  der  Zerstörung  Jerusa-lems,  nach  dem  Verlust  von  Staat  und  Land,  nach  seiner zwangsweisen Mitführung durch die letzten nach Ägypten auswandernden Juden dann noch erleben mußte, wie diese der Isis opferten in der Hoffnung, diese würde ihnen mehr helfen als Jahwe, da verzweifelte sein Jünger Baruch. Und Jeremias  antwortete:  »So  spricht  Jahwe:  Fürwahr,  was  ich aufgebaut habe, reiße ich nieder, und was ich eingepflanzt habe, reiße ich aus, und da verlangst du für dich Großes?</p>
<p>Verlange  nicht!«  Was  heißt  das?  Daß  Gott  ist,  ist  genug.</p>
<p>Wenn alles verschwindet, Gott ist, das ist der einzige feste Punkt.</p>
<p>Aber was vor dem Tode, im Äußersten wahr ist, das wird zur schlimmen Verführung, wenn der Mensch in Müdigkeit, Ungeduld, Verzweiflung sich vorzeitig hineinstürzt. Denn 105</p>
<p>wahr ist jene Haltung an der Grenze nur, wenn sie getragen ist von der unbeirrbaren Besonnenheit, jederzeit das noch Mögliche zu ergreifen, so lange das Leben währt. Demut und Maßhalten ist unser Teil.</p>
<p>



<strong>Document Outline</strong></p>
<p>Die Schuldfrage</p>
<p>Vorwort</p>
<p>Inhaltsübersicht</p>
<p>Einleitung zu einer Vorlesung über die geistige Situation in Deutschland</p>
<p>§ 1. Miteinanderreden</p>
<p>§ 2. Die großen Verschiedenheiten zwischen uns</p>
<p>§ 3. Plan der folgenden Erörterungen</p>
<p>Die Schuldfrage</p>
<p>Einleitung</p>
<p>A. Schematik der Unterscheidungen</p>
<p>§ 1. Vier Schuldbegriffe</p>
<p>§ 2. Folgen der Schuld</p>
<p>§ 3. Gewalt · Recht · Gnade</p>
<p>§ 4. Wer urteilt und wer oder was wird beurteilt?</p>
<p>§ 5. Verteidigung</p>
<p>B. Die deutschen Fragen</p>
<p>I. Die Differenzierung deutscher Schuld</p>
<p>§ 1. Die Verbrechen</p>
<p>§ 2. Die politische Schuld</p>
<p>§ 3. Die moralische Schuld</p>
<p>§ 4. Die metaphysische Schuld</p>
<p>§ 5. Zusammenfassung</p>
<p>II. Möglichkeiten der Entschuldigung</p>
<p>§ 1. Der Terrorismus</p>
<p>§ 2. Schuld und historischer Zusammenhang</p>
<p>§ 3. Die Schuld der anderen</p>
<p>§ 4. Aller Schuld</p>
<p>III. Unsere Reinigung</p>
<p>§ 1. Ausweichen vor der Reinigung</p>
<p>§ 2. Der Weg der Reinigung</p>
</section>
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